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29. Juni 2018, 05:05 Uhr

Von München nach Venedig

Auf dem Traumpfad über die Alpen

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Von München nach Venedig zu Fuß: Auf dem Traumpfad sind die Alpen in einem knappen Monat zu überqueren. Dafür braucht es Kondition, Durchhaltewillen - und ermutigende Begleiter.

Als Valeska Achenbach im Flugzeug sitzt und von Venedig nach Hause nach Hamburg fliegt, drückt sie ihr Gesicht an die Fensterscheibe. Unter ihr erheben sich die Alpen, die markanten Spitzen der Dolomiten, die Bergrücken des Karwendel, weiße Gipfel, an denen Wolken hängen. "Da bin ich wirklich drübergelaufen?", denkt die 41-Jährige und lässt den Blick über das größte Gebirge Europas schweifen.

Ein paar Tage zuvor: Achenbach steht auf dem Markusplatz in Venedig. Sie hat Blasen an den Füßen, ihre Knie tun weh - und sie ist glücklich. Nach einem knappen Monat hat sie es geschafft: einmal quer über die Alpen, zu Fuß, vom Marienplatz in München zum Markusplatz in Venedig.

"Der Traumpfad ist nicht so überlaufen wie viele andere Alpenüberquerungen, weil er so lang ist", sagt Achenbach, die als Fotografin arbeitet. "28 Tage am Stück durch die Berge sind schon eine Herausforderung." Sie selbst sei etwas naiv an die Sache herangegangen.


Vorbereitung? Zu wenig.
Gepäck? Viel zu viel.
Ausrüstung? Ein GPS wäre gut gewesen.
Wetterkunde? Keine Ahnung.

"Oft habe ich mir gedacht: Valeska, wie hast du dir das vorgestellt, allein?", sagt Achenbach. Doch zum Glück bekam sie öfter Gesellschaft. Nachdem sie einige Tage an der Isar entlanggelaufen war und die Landschaft bergiger wurde, traf sie andere Wanderer, die auch auf dem Traumpfad nach Venedig unterwegs waren.

Gruppengefühl als Ansporn

"Wir haben uns zusammengetan, eine Truppe von acht Leuten, alle waren unterschiedlich erfahren, unterschiedlich alt und unterschiedlich fit - trotzdem haben wir das gemeinsam durchgezogen", sagt sie.

Vielleicht habe sie es nur wegen des Zusammenhalts durchgehalten: "Meinen Knien zuliebe hätte ich abbrechen müssen", sagt sie. "Da hatte ich teilweise richtig Probleme, ich war die Belastung nicht gewohnt."

Aber ihr Ehrgeiz sei dazugekommen und mit den anderen habe sich vieles richtig angefühlt: "Am Schluss standen wir zusammen auf dem Markusplatz und haben geheult."

Viele Wege führen über die Alpen. Der wohl populärste ist der E5 von Oberstdorf nach Meran. Mit nur 140 Kilometern ist er der kürzeste, die acht Etappen sind in gut einer Woche zu bewältigen. Besonders in den Sommermonaten ist der Weg häufig überlaufen.

Wer fit ist, kann auf weniger begangene Wege ausweichen, wie etwa den L1 von Garmisch nach Brescia. Er gilt als sehr schwierig, etwa 60.000 Höhenmeter werden in 28 Tagen überwunden, inklusive einer Gletscherüberquerung. Der GTA vom Grießpass in der Schweiz nach Ventimiglia im Nordwesten Italiens gilt als der leichtere Weg, aber mit 60 Etappen ist er eine sehr lange Alternative - er wird selten begangen und verläuft abseits der Touristen-Hotspots.

Achenbach hat sich für den Traumpfad entschieden, weil sie der Gedanke faszinierte, zu Fuß von München nach Venedig zu laufen. Die Nord-Süd-Querung ist ein Klassiker, der hohe Kondition erfordert. Trittsicherheit und Bergerfahrung sind zwingend nötig. "Wir haben keinen einzigen Tag Pause gemacht, sind jeden Tag etwa acht Stunden gelaufen", sagt Achenbach. "An manchen Tagen bin ich vor den anderen gestartet, weil ich wusste, dass ich wegen meiner Knie nicht so schnell gehen kann."

Doch die Gruppe habe zusammengehalten: "Alle haben Rücksicht aufeinander genommen, auch wenn das Niveau teilweise sehr unterschiedlich war", sagt Achenbach.

Die schwierigste Etappe des Traumpfads sei die Überschreitung der Schiara gewesen, dem steilen Klettersteig am 22. Tag. Für Nicht-Kletterer ist er eine anspruchsvolle Hürde. "Ich klettere in Hamburg viel in der Halle und hatte daher keine Probleme, Höhenangst habe ich auch nicht", sagt Achenbach.

Nur einmal sei ihr während der Überschreitung mulmig geworden. Auf der Marmolada, dem mit 3343 Metern höchsten Berg der Dolomiten, geriet die Gruppe in ein Unwetter. "Zuerst haben wir noch gelacht, als die Wolken aufgezogen sind", sagt sie. Dann wurde es dunkler und rutschiger und es regnete heftig. "Da mussten wir uns ganz schön beeilen, auf die Hütte zu kommen."

Die Hütten während der Alpenüberquerung sind an die Etappen der Wanderer angepasst. "Einfach und zweckmäßig, oft kein warmes Wasser", sagt Achenbach. Alles Dinge, an die man sich gewöhnen muss. Genauso wie an die Schlaflager. "Man muss schon offen dafür sein, einen Monat lang auf engstem Raum ohne Privatsphäre zu leben."

Die letzte Etappe des Traumpfads kürzen viele ab und nehmen den Bus. "Am Schluss läuft man nur noch auf asphaltierter Straße durch die venezianische, platte Ebene. Das ist dann gar nicht mehr so schön", sagt Achenbach. Sie lief trotzdem weiter. "Der Bus kam aber für mich nicht infrage."

Video: Der Waldwanderer

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