Umbrien Das ideale Italien

2. Teil: Lesen Sie in Teil 2: Was die Landschaften Umbriens im Seelenatlas eines Europäers bedeuten können


Bis heute ist der skeptische Opportunismus bei den Leuten und ihrem Land spürbar: Die wenig beachtete Region hat - man schaue auf die gelungenen Ortsrestaurierungen - satt am italienischen Wirtschaftswunder mitverdienen können, ohne jedoch den Preis der Verwüstung wie im Veneto, wie in der Emilia zu zahlen. Im Windschatten der Historie, im Durchzugsgebiet der Eroberer und der Touristen lebt sich's eben gut und doch gemütlich.

Was aber eine Reise - am besten nicht nur eine schnelle Durchreise - in Umbrien so beglückend macht, ist die Koexistenz all dieser historischen Ablagerungen, die sich mit wachen Augen im ganzen Land finden lassen. Die edle Kaschmirspinnerei vor den Toren von Perugia, die dortige Universität mit ihren Sprachstudenten, die frommen Globalpilger aus dem Klimabus in Assisi oder das moderne Kulturfestival in Spoleto haben den Blick auf die reiche Historie eben nicht verbaut, sondern fügen sich harmonisch ein in diese wahre Ideallandschaft, zehren bewusst von ihren Schätzen. Vielleicht ist es nicht so sehr Misswirtschaft, sondern Geruhsamkeit, die in Gualdo Tadino und Umbertide den Wiederaufbau nach dem schweren Erdbeben so lange dauern ließ. Man hat eben Zeit in Umbrien, manchmal fast zu viel.

Im Sommer kann man sich für wenig Geld mit Sack und Pack und Familie in einem Bauernhof in den Hügeln von Bevagna oder im märkischen Montefeltro einquartieren, kann stundenlang im Schatten dösen und zufrieden auf die Olivenhaine blicken, die im Herbst fast von allein ein herrlich spritziges, beinahe herbes Öl bescheren, das dann in kühlen Tonfässern im Keller lagert. Im Dunst der Ferne liegen die Städtchen Urbino, Spello, Montefalco, Trevi wie Perlen auf einer Krone, vielleicht auf der eigenen, aufgereiht. Abends glimmen zahllose verwaschene Lichter auf, und man darf auch als Hyperboreer mit Fug Anteil haben an der amphitheatralischen Schönheit des Landes.

Schon Goethe, der die mittelalterlichen Folterszenen der Märtyrer in den Kirchen verabscheute, stieg in den Bergen erfrischt herum und suchte - statt nach Kunstgenuss - lieber nach Mineralien. Der Blick, den man an klaren Tagen durch das zerklüftete Neratal über Siedlungen für Schwindelfreie und bunte Laubwälder schweifen lässt, ist so farbenintensiv und sonnensatt, dass er für die Kälteperiode im Norden als wärmende Erinnerung monatelang reichen kann. Denn auch einige von Italiens schönsten Buchten sind Teil dieser träumenden Landschaft. Am Monte Conero zeigt das Wasser das transparente Blau der Ägäis. Die Strände an diesem mit Pinien und Macchia bestandenen Kreidefelsen lassen sich oft nur zu Fuß erreichen, sind also nicht einmal in der Hauptsaison überfüllt.

Selbst im Herbst und Winter zeigt sich ein Italien, das es in der Ganzjahressaison von Venedig, Rom, Florenz so nicht mehr gibt. Perugia im kalten Fallwind vom Apennin ist eine zauberisch stehen gebliebene Studentenmetropole. Die in Bücher versunkenen Mädchen im Wollpullover, die dann im Caffè Sandri auf dem Corso ihre dicke, heiße Schokolade Löffel schlürfen, dazu die schüchtern flirtenden Italiener in ihren abgesteppten Winteruniformen, wirken wie aus einem romantischen Film, so fern scheint in den etruskischen Mauern die harte Realität von Markt und Karriere, Prüfung und Jobsuche.

Assisi ist gerade im kalten Regen der richtige Ort, um sich endlich einmal ohne große Störungen in die gewaltigsten Freskenzyklen der mittelalterlichen Malerei zu versenken. Nie schmeckt ein Cappuccino besser als danach, staunenswert durchgefroren und bis in die hintersten Winkel der Pupille erfüllt von der Schönheitssehnsucht jener Maler, die heute schon 700 Jahre tot und begraben und immer noch lebendig sind.

Nach solchen Aufenthalten wissen wir, was diese Landschaften im Seelenatlas eines Europäers bedeuten können: die Bilder eines idealen Italiens, das wir seit Goethe und seinen Klassikerkollegen Gott sei Dank nicht nur mit der Seele besuchen können.

Von Dirk Schümer
Aus dem "Merian"-Heft "Umbrien und die Marken", April 2003

  • 1. Teil: Das ideale Italien
  • 2. Teil: Lesen Sie in Teil 2: Was die Landschaften Umbriens im Seelenatlas eines Europäers bedeuten können


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