Umbrien Das ideale Italien

Umbrien und die Marken sind nicht so berühmt wie die Toskana, doch von noch größerem Zauber. Sie haben die Patina, die alle Welt in Italien sucht


Umbrien: Malerischer Blick auf Todi
DPA

Umbrien: Malerischer Blick auf Todi

Umbrien und die Marken beginnen gleich hinter der Toskana und sehen zunächst auch ganz ähnlich aus: Hügel mit Olivenhainen, ummauerte Städtchen voller Palazzi, Kirchtürme und malerischer Plätze; Weinberge, gewundene Straßen durch harmlose Flusstäler, Ausblicke auf Silhouetten von stilsicher aufgereihten Zypressen und Pinien.

Doch die Vorstellung von einem drallen Fortsatz schräg hinter der Toskana trügt bereits beim zweiten Blick: Die Berge ziehen sich viel rauer in die Höhenlagen zum Apennin; abseits der Adriaküste und außerhalb der verstädterten Ebene zwischen Perugia und Spoleto wird die Besiedlung dünn; im Herbst färbt sich das Land baum- und erdfarben braun, hüllt sich in Umbra und verströmt eine ganz untoskanische Melancholie und Verlassenheit.

Die Landschaft wirkt dunkel abgetönt wie vom Malerpinsel. Sogar an einem strahlend brennenden Sommertag ist das Land trutzig, in sich selbst versunken und spätestens hinter der nächsten Hügelkette zu Ende, eine immer merkwürdigere Kreuzung von Schwarzwald und innerem Sizilien.

Gerade wegen all dieser Beschränkungen, die nebenbei verhinderten, dass die südlichen Regionen Mittelitaliens zum weltweiten Markenzeichen wurden, sehen die Italiener in ihren überschaubaren Kernlandschaften inzwischen den Inbegriff von Schönheit und Bewohnbarkeit. Hier, und nicht mehr in den immer dichter bebauten, inzwischen stellenweise stark industrialisierten Gegenden am Arno und im Chianti, und schon gar nicht im architektonischen Wildwuchs des tiefen Südens, hat sich der Charme der historisierenden Modernität, der stilsicheren Patina erhalten, welche die ganze Welt in Italien sucht.

Einen guten heimischen Wein auf der Terrasse einer Trattoria oder eines Landhauses trinken, den Blick dabei über bewaldete Hügelketten schweifen lassen, die wohlgenährten Honigbienen - und nicht die Mücken des Tieflandes - summen hören und sich dabei vom Einkaufsbummel in den gut sortierten Geschäften eines dezent restaurierten Mittelalterstädtchens erholen - das geht in den überschaubaren Landschaften zwischen Perugia und Orvieto, zwischen Urbino und Ascoli Piceno viel besser als vor den Toren von Florenz oder gar Rom.

Roberto Benigni: Für "Pinocchio" musste der Toskaner in die unberührten Landschaften Umbriens ausweichen
DPA

Roberto Benigni: Für "Pinocchio" musste der Toskaner in die unberührten Landschaften Umbriens ausweichen

Als der toskanische Komiker Roberto Benigni im Jahre 2002 seinen "Pinocchio"-Welterfolg drehte, immerhin nach dem Kinderbuch des überzeugten Toskaners Carlo Collodi, da musste der Lokalpatriot mit seiner belebten Marionette in die umbrische Provinz ausweichen, weil es derart märchenhaft unberührte Landschaften vor seiner Haustür nicht mehr gab. Die Toskana für ein Publikum in aller Welt, so verriet das Kleingedruckte im Abspann, war eigentlich tiefstes Umbrien.

Es ist wohl das Bewusstsein, im abgelegeneren, besseren, menschlicheren Winkel heimisch zu werden, der manch prominente deutsche Kulturschaffende und Italienliebhaber wie Peter Stein, Marius Müller- Westernhagen oder Jürgen Flimm (von Italienern wie Umberto Eco ganz zu schweigen) ein Landhaus in Umbrien oder in den Marken erwerben ließ. Ist die Toskanafraktion also recht eigentlich eine verkappte Umbrienpartei?

Als Anhängsel der Weltmarke hinter ihrer Nordgrenze taugen Umbrien und Marken also nicht, dazu sind diese Landschaften zu eigenständig und zu erhaben. Das lehrt schon ein Blick auf die merkwürdig vielen unbeugsamen Fundamentalisten, die sie hervorbrachten: etwa den heiligen Benedikt, den Mönchsvater des Abendlands aus Norcia, und den heiligen Franziskus. Die Kontraste von wilder Landschaft und sanfter Urbanität, Ackerbau und Erdbeben haben diese mal schroffen, mal milden Kulturstifter sehr deutlich geprägt.

Basilika des Heiligen Franziskus: Der Papst bei einem Besuch in Assisi
DPA

Basilika des Heiligen Franziskus: Der Papst bei einem Besuch in Assisi

Ländlich stur und zugleich weltgewandt sind die Leute hier auch heute noch. Das mag daran liegen, dass Umbrien und die Marken über Jahrhunderte als Außenposten der - gar nicht einmal so strengen - Macht des Papstes dienten und in ihren vielen stolzen Siedlungen niemals die regionale Identität des Herzogtums Toskana erwarben. Man blieb, schnell unterworfen und bald wieder vergessen, immer man selbst - bis zum nächsten Kirchturm, vielleicht sogar bis zur Stadtmauer. Dahinter aber begann die Fremde.

Über den Tiber schifften die fleißigen Umbrer schon vor 2000 Jahren die Lebensmittel herunter in die Millionenmetropole Rom und hatten damit direkten Anschluss an die Welthauptstadt, ohne jedoch später zusammen mit ihr unterzugehen. Durch die Täler zogen die Stämme der Völkerwanderung, im rührend unbeholfenen Nachbau-Tempel an der Quelle des Clitunno ebenso noch abzulesen wie an den markiglangobardischen Reliefs der herrlich abgelegenen Hotel-Abtei San Pietro in Valle, östlich von Terni.

Immer herrschte hier die Vielfalt einer Grenz- und Durchgangsregion. Im Assisi des Mittelalters existierte eine internationale Händlerschaft für Zobelpelze quasi unter einem Dach mit radikalen Armutspredigern in zerrissenen Kutten, und schließlich passten sich beide Milieus zugunsten von Seelenheil wie Geschäft einander an.

Perugia machte mit Stadtpalazzi, Brunnen und Campanili dem gewaltigen Florenz der Renaissance Konkurrenz. Und Adlernestfestungen wie Spello, Trevi, Todi können mit den schönsten Ortsbildern Italiens locker mithalten, trotz der Erdbeben, die hier am Riss zwischen zwei tektonischen Platten immer wieder alles wackeln und die Menschen bescheiden werden lassen.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.