Urlaubsnostalgie Muschelkästchen und Trabi-Zelt

Retro liegt im Trend - das ist spätestens seit den Erfolgen der Siebziger- und Achtziger-Jahre-Revival-Shows im Fernsehen klar. Die Nostalgiewelle macht auch vor Urlaubserinnerungen nicht halt. Zwei Ausstellungen beschäftigen sich nun aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit alten Ferienerlebnissen.
Von Thomas Joppig



Bochum/Cottbus - Im Westfälischen Industriemuseum spürt man in diesen Tagen Rückenwind durch die Nachrichtenlage. Selten zuvor wurden die Beziehungen zwischen Deutschland und Italien so intensiv diskutiert wie gerade jetzt angesichts der Verbal-Attacken von Ministerpräsident Berlusconi und Tourismus-Staatssekretär Stefani.

Da passt es bestens, dass die Westfalen unlängst ihre Ausstellung "Neapel - Bochum - Rimini" eröffnet haben. Mit über 400 Exponaten wird in der alten Zeche Hannover in Bochum die Geschichte einer doppelten Wanderungsbewegung beleuchtet, die zu Wirtschaftswunder-Zeiten begann.

Da ist zum einen die beginnende "Bella Italia"-Schwärmerei der Deutschen. Im voll gepackten Käfer steuerten viele in den fünfziger Jahren die Adriaküste oder den Gardasee an, um das Kriegs- und Nachkriegselend mit ein wenig "dolce vita" hinter sich zu lassen. Zum anderen fuhren ab 1955 die ersten Italiener als Gastarbeiter nach Deutschland. Viele von ihnen fanden in den Zechen des Ruhrgebiets einen Arbeitsplatz.

Erinnerungen wurden auf beiden Seiten gesammelt - sei es das Muschel-Kästchen als Mitbringsel vom Küstenurlaub oder jene Schlafsocken, die einem jungen Italiener von seiner Oma mitgegeben wurden - weil es in Deutschland doch so kalt sei.

Über 400 Exponate konnten die Ausstellungsmacher nach einem Zeitungsinserat und einer Nachfrage beim italienischen Konsulat in Bochum zusammentragen. Am Anfang seien die Zeitzeugen auf beiden Seiten zurückhaltend gewesen, sagt Museumsleiter Diemar Osses. Doch dann kamen die Geschichten - von Heimweh nach Italien, vom ersten Badeurlaub an der Adriaküste, von den Vorbehalten der Deutschen gegenüber den neuen Kollegen, von der mitgebrachten Spaghetti-Maschine und von den ersten italienischen Restaurants im Ruhrgebiet.

Zusammengefasst wurden die Erinnerungen auf beiden Seiten in einer umfangreichen Ausstellung - mit alten Fotoalben, einem nachgebauten italienischen Eiscafé, Zeitzeugen-Berichten sowie vielen Plakaten und Dokumenten, die die doppelte Wanderschaft und die Italien-Sehnsucht auf beiden Seiten belegen.

Osses jedenfalls ist optimistisch, dass die jüngsten Diskussionen über das Verhältnis Deutschland-Italien für gute Besucherzahlen sorgen werden. "Das Thema ist in aller Munde, und die Ausstellung hilft dabei, sich intensiver damit zu beschäftigen."

Doch auch ohne aktuelle Bezüge sind Urlaubserinnerungen in: "Zwischen Paradies und Hühnerstall" heißt eine Wanderausstellung der Initiative Pro Chemnitz, die sich mit Urlaub in der DDR beschäftigt und derzeit auf unerwartet großes Interesse stößt. "Viele Leute finden es einfach toll, hier die Sachen wiederzufinden, mit denen sie noch vor 20 Jahren in den Urlaub gefahren sind", sagt Klaus Mothes, der die Ausstellung mit initiierte.

Was einst zum Urlaub dazugehörte, ist heute Kult. Zu den Lieblingsstücken von Mothes und vielen Besuchern gehört ein Klappfix-Campinganhänger mit wenigen Handgriffen zu einem Zelt ausgeklappt werden kann. Auch der Zeltaufsatz, der auf dem Dach eines Trabis montiert werden kann, sorgt heute für Schmunzeln. Doch die Vorteile der skurrilen Konstruktion sind unvergessen: "Da hatte man auch bei starkem Regen immer einen trockenen Untergrund", erläutert Mothes.

Damals wie heute beliebte Reiseziele wie der Thüringer Wald, die Mecklenburgische Seenplatte, das Erzgebirge, die Sächsische Schweiz und die Ostseeküste wurden seinerzeit unter anderen Bedingungen bereist. Viele DDR-Bürger verbrachten ihren Urlaub in betriebseigenen Ferienheimen oder kamen in Privatunterkünften unter. Ein klassisches ostdeutsches Ferienzimmer wurde eigens für die Ausstellung stilecht nachgebaut.

Und auch sonst fehlt es nicht an plastischen Ausstellungsstücken. Vom Plastikeierbecher der Camper bis hin zum Faltboot Marke Eigenbau ist alles dabei. "Manche Gegenstände haben wir sogar drei oder viermal bekommen", so Mothes. Grund seien viele Haushaltsauflösungen. "Mittlerweile überlegen wir uns schon, ob wir für die überzähligen Stücke nicht eine Versteigerung organisieren sollten." Wenn es für die ostdeutschen Urlaubs-Devotionalien so viele Interessenten wie Ausstellungsbesucher gibt, steht einem Erfolg wohl nichts mehr im Wege.