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Benidorm: Mittendrin im Leben

Foto: Nicole Strasser

Urlaubsstadt Benidorm Fluchtpunkt der Kleinbürger

Keine Lounges, kein Chill-out, keine To-go-Kultur, sondern gute, alte, unglobalisierte Lebensart - ein Urlaub in Benidorm ist erfrischend gestrig. "Mare"-Autor Christian Schüle erkundet die Costa-Blanca-Metropole und ihre Dauerurlauber.

Benidorm ist ein hässlicher Ort. Benidorm ist ein schöner Ort. Zwischen diesen subjektiven Werturteilen liegen sieben Tage im Winter 2010, dem kältesten seit 20 Jahren. Wer ganz bewusst in jener Zeit soziologische Motivforschung betreibt, kommt der ungefähren Wahrheit über dieses ostspanische Reservat verborgener Strukturen, verbauter Träume, asphaltierter Sehnsüchte und betonierter Versprechen am nächsten.

Seinen schönsten Moment hat Benidorm zum Beispiel um 18.20 Uhr. Je kälter die Luft wird, desto wärmer gerät das Ambiente. Hinter Alicante geht die Sonne nieder, und das Licht - ewig mediterran, ewig leicht, ewig zart und leicht lasziv - ist jetzt dunkelgelb, der Himmel rosé gefärbt, der Sand umbra, das Meer anthrazit, die Zinnen, Plateaus und Vorsprünge des Aitanagebirges sind rostrot und die Bezüge der weißen Liegen am Levantestrand aquamarin.

Wenn jetzt die hell leuchtenden Birnen der trapezartig gespannten Lichterkette anspringen, erfüllt eine unerhörte Sinnlichkeit diese größenwahnsinnige, scheußliche Stadt, es ist ein poetisches Glücksversprechen, welches, Geborgenheit, Romantik und Zuversicht vermittelnd, das raffinierte Vorspiel einer zwielichtigen Erotik des ewigen Frühlings ist.

Just zu dieser Zeit treffen sich in der "Cafetería Nuria", Avinguda de Alcoi, direkt am Levantestrand, betagte Belgier und Briten, um bei klassischer Marschmusik ein holländisches Geburtstagskind mit "Brandy Napoleon" zu beschenken. Zur selben Zeit treten einige hundert Promenadenmeter entfernt Seniorinnensingles ins "Café Román" ein, wohlsituierte Witwen aus der edel ausstaffierten Madrider Bourgeoisie mit umgelegter Pelzstola, einem Hauch von Senioren-Haute-Couture, alleinstehende Damen mit schneeweißem Kurzhaar, die ihre roten Ledermäntel ablegen, damit die Leopardenbluse zum Vorschein kommt.

Des Weiteren: distinguierte Ladys mit schwarzem Rollkragenpullover und schwarz lackierten Fingernägeln, die in diesen Minuten auf kleinbürgerliche Rentner aus Flandern, in sich versunkene Holländer mit Gehstock, arme Pensionäre aus der Liverpooler Arbeiterklasse, gut betuchte Unternehmer aus Rotterdam und veritable britische Charmeure mit Einstecktuch und Krawattennadel treffen.

Tanzlustige Señoras locken tanzmufflige Mister

Die Seniorensingles in violettfarbener Seidenkrawatte trinken bereits süßen Limonenschnaps oder Bier, das Aroma von Zigarrenrauch, Anis und gegrilltem Fisch würzt die Luft, da endlich legt das Entertainerduo "Alamo" los, dessen Keyboard ein gesamtes Orchester ersetzt. Es dauert drei Minuten "Are you lonesome tonight", dann tanzt das erste Paar eine Art Walzer, zehn Minuten später werden es 30 Pensionäre sein, die zu ungeplanten Paaren werden, und es kommt vor, dass sie sich, während sie sich kennenlernen, bereits eng aneinanderschmiegen, Körper an Körper.

Bei "I did it my way" und "Strangers in the night" um acht Uhr abends steigen oder fallen die Aktien auf der täglichen Partnerbörse im "Café Román". Tanzlustige Señoras locken tanzmufflige Mister leicht verrucht mit dem Zeigefinger, und der Versuch originell ausgeführter Figuren auf engstem Raum erinnert an das Tanzkränzchen mit 17.

Nicht weit vom poesieträchtigsten Platz der Stadt, der mit Kacheln ausgeschmückten, von Jugendstillaternen bestandenen Plaça del Castell mit ihrer auf einem vorgelagerten Fels gezogenen Terrasse, befindet sich der Parc d'Elx mit Tausenden weißen Tauben und einem charmant konzipierten Palmenpark. Nachts treffen sich hier Schwule und Lesben aus aller Welt, und am ersten Sonntagmittag im kalten Winter 2010 singen, nein: zelebrieren spanische Seniorinnen und Senioren den "Camino verde", ein sehr romantisches Volkslied.

Anfangs sind es 40, dann 80 Singende, und wenn die Mitglieder dieses spontanen Gesangsvereins - manche augenstrahlend, manche weinend, alle unter Applaus - den Park wieder verlassen, werden es 100 gewöhnliche, einander unbekannte Männer und Frauen gewesen sein, die sich für einen kurzen Moment selbst das größte Glück verschafft haben. So wohltönend kann das ausklingende Leben sein, greift man es am Schopf. Benidorm ist ein schöner Ort.

Verprollung im Sommer und Vergreisung im Winter

Benidorm ist ein hässlicher Ort. Die Stereotypen seiner Verachtung sind Legion: die kaum steigerbare Hässlichkeit der äußeren Erscheinung; die groteske Akkumulation hoher Häuser; die kartonartige Bettenburgarchitektur; die Absenz von Design, Fashion und zeitgenössischem Lifestyle; das Manko an Feinsinn, Raffinesse und Distinktion zugunsten der puren Vermassung; die Herrschaft der billigen Freuden und anspruchsloser Glücksverheißung; die Verprollung im Sommer und Vergreisung im Winter, kurzum: die ganzjährige Anwesenheit des niederen Stils und Abwesenheit einer höheren Idee.

Bis heute haftet Benidorm der kulturgeschichtlich zweifelhafte Ruhm an, die größte Hochhausdichte der Welt zu haben. Von den 200 höchsten Gebäuden Spaniens stehen 140 in Benidorm. Die Stadt wird beherrscht vom Wettstreit der Ambitionen - nicht, was schöpferischen Wagemut oder architektonische Finesse anlangt, sondern den Mut zum inhaltsleeren Superlativ. Die Stadt wird regiert von zwei Prinzipien: der Vertikalen und der Masse.

Das Hochhaus als klügste Art der Massenmenschhaltung

Sind die Dörfer und kleinen Ortschaften an der Costa Blanca horizontale, das heißt in der Fläche verlaufende Angelegenheiten, strebt in Benidorm alles nach oben. Eine Art Größenwahn, Höhenwahn genauer. Der verfügbare Landbezirk zwischen Meer und Gebirge ist klein, der Boden teuer, also ist das Hochhaus die klügste Art der Massenmenschhaltung. Wer nach oben baut, hat unten Platz.

Zudem haben die Oberen - die nicht notwendig die oberen Zehntausend sein müssen -, je höher, desto gravitätischer, eine herrliche Sicht auf das Meer, bis hinunter ins 60 Kilometer entfernte Alicante. Die Erhobenheit im Hochhaus erhebt auch den Bewohner über die niederen Umstände, denen er entstammt: In Benidorm kann der einfache Bürger am bestaunten Größenwahn teilhaben, zumal das Martinshorn der Benidormer Polizei sich anhört wie das der New Yorker.

Von der Meerseite aus gesehen schirmt die tokiotisch anmutende Front der Hochhäuser die verletzlichen Eingeweide der Stadt gegen die Zumutungen der Winde und Wetter ab, beim Anflug aus dem Himmel lässt die Skyline der Stadt für einen Lidschlag die Illusion New Yorker Straßenschluchten zu, weshalb humorvolle Patrioten sie Benihattan oder Beniyork tauften, und wenn sich aus dem Tag ein abermals sonnenuntergangsromantischer Abend schält, macht das kleine Benidorm ein wenig auf Copacabana, zumindest, mit trotzigem Stolz, auf Metropole.

Das vertikale Prinzip birgt freilich einen Zwang in sich: Wo ein Hochhaus steht, müssen neue dazukommen, weil ein Niedrighaus inmitten lauter Hochhäuser keinen Sinn macht. Folglich sehen Benidorms Hotel- und Apartmenthochhäuser aus wie flache Schachteln, die derart gestaffelt hintereinander stehen, dass kein Lichtstrahl einen geeigneten Winkel zur Erleuchtung der Zwischenräume findet. Die 40 oder 50 Jahre alten Türme haben 23 oder 26 oder 29 Etagen und sind bleistiftschlank, blütenrund, herrschaftssteif; manchmal wirken sie wie Flughafentower, manchmal zugespitzt wie ein Spaceshuttle, manchmal wie Menschenverfrachtungskollektive in sozialistischer Plattenbauromantik.

Aufstieg eines Fischerdorfs zur Simulation einer Weltstadt

Vor 50 Jahren weideten an der Platja de Ponent noch Schafe, kein Haus war höher als einstöckig, und im Dorf Benidorm - übersetzt: schlafender Junge - lebten 6000 Fischer und ihre Familien, die Roten Thun und Makrelen fingen, Meerbarben, Seezungen, Tintenfische und, in mondloser Nacht, tonnenweise Sardinen. Der Aufstieg des Fischerdorfs zur Simulation einer kosmopolitischen Weltstadt in der Vertikalen geht auf Pedro Zaragoza Orts zurück, von 1950 bis 1967 Bürgermeister von Benidorm und vor allem Visionär.

Der Falangist und Franco-Anhänger, der, auf Schwarz-Weiß-Fotografien mit weißer Uniform, Sonnenbrille und gerecktem Arm, eine verblüffende Ähnlichkeit mit seinem ebenso kleinwüchsigen Diktator besitzt, ließ 1956, noch vor Barcelona, einen kühnen Stadtplan entwerfen. Seine unermüdliche Arbeit an der Topografisierung der Utopie führte dazu, dass er Ende der 1950er Jahre in den ersten Februartagen Mandelblütenbäume nach Norwegen, Dänemark und Deutschland schicken ließ, auf dass die Nordmenschen Europas, während sie in Schnee und Eis froren, hinreichend Sehnsüchte nach dem Südlichen ausbilden konnten, da zu gleicher Zeit mit der rosafarbenen Mandelblüte in Benidorm der ewige Frühling herrschte.

Wenig später flog Zaragoza Orts nach Helsinki und lud persönlich die Bewohner Lapplands ein. Der Slogan jener Jahre hieß: "Die Sonne verbringt den Winter in Benidorm und die Brise dort den Sommer." Der Staat gab Kredite, und 1959, als noch Mandel-, Oliven- und Orangenbaumfelder das Niemandsland vor dem Aitanagebirge besiedelten, entstand das erste große Hotel namens "Delfin", dem das Hotel "Les Dunes" folgte; und dann gab es kein Halten mehr, und keine Höhe war hoch genug. Ein Baugesetz gab es nicht, und als es später eines gab, sah man mit Nonchalance darüber hinweg.

Benidorm als Fluchtpunkt für die Mittel- und Unterschicht

Von Anbeginn Benidorms als Keimzelle des Massentourismus an wollte es nichts anderes sein als ein Fluchtpunkt für die Mittel- und Unterschicht mit olympischem Ehrgeiz. Der Jetset mag sich in Saint-Tropez, die Oberschicht in Biarritz und Port d'Andratx, die untere Ober- oder obere Mittelschicht in Marbella und Málaga vergnügen. Die untere Mittel- und Unterschicht urlaubt, wohnt und überlebt wie erwünscht in Benidorm, das nach Madrid und Barcelona die drittbekannteste Stadt Spaniens ist und nach Paris und London die meisten Hotelbetten Europas besitzt.

Das Prinzip Masse wurde zur ökonomischen Macht nach dem erfolgreichen Grundsatz: je billiger die Güter, desto mehr davon werden umgesetzt, desto größer ist auf lange Frist der Gewinn. Die Preissteigerung bei den Apartments in den vergangenen zehn Jahren beträgt 100 Prozent: eine Million Euro für 130 Quadratmeter. Die 40.000 Betten der 130 Hotels sind nach offizieller Statistik ganzjährig gerechnet zu 80 Prozent belegt, die meisten der 6000 Apartments verkauft oder vermietet.

Im Jahr 2008 kamen mindestens sechs Millionen Besucher hierher, die Rückkehrquote liegt bei angeblich 83 Prozent. Inmitten dieser Verdichtung des scheinbar Schrecklichen leben 30.000 meist Europäer, die freiwillig nach Benidorm gezogen sind, um ausgerechnet dort ihr verbleibendes Leben zu verbringen. Wie kann es sein, dass aufgeklärte Europäer - und keineswegs Verrückte oder Geschmacksverirrte - einem solchen Ort ihren Lebensabend verschreiben? Dafür muss es, jenseits von Schön und Hässlich, überzeugende Gründe geben.

Sieben Gründe für den Lebensabend in Benidorm

1. Klimagunst

Das ohnehin bekömmliche Mittelmeer beschert Benidorm eine ewige Sternstunde. Seine von Klippen eingefasste, von Gebirgszügen beschützte und elegant geschwungene Naturbucht weist ein für Asthmatiker und Arthritiker ideales Mikroklima auf. Im Winter ist das Meerwasser im Schnitt vier Grad wärmer als die Luft, die wiederum im Jahresschnitt auf 19 Grad gewärmt ist. Das Wasser der "Benidorm-Blase" hat im Jahresdurchschnitt 19,3 Grad, im August 26 und im Dezember noch 16 Grad und begünstigt so ganzjährig eine einzigartig stabile Milde. Regen ist hier eine Majestätsbeleidigung. Benidorm bietet jährlich 300 Tage Sonne an, der Norden Englands zählt 240 Tage Regen.

2. Internationalismus

Für Senioren und Pensionäre ist Benidorm so wohltuend unzeitgemäß wie erfreulich gestrig: keine Lounges, kein Chill-out, keine To-go-Kultur, sondern gute alte, noch unglobalisierte Lebensart. Täglich finden Bridgeturniere, Rentnerchigongs mit rüstigen Animateuren, Bingoabende mit zart hauchenden Conférencières und Boulewettbewerbe am Levantestrand statt. Das Hintergrundrauschen Benidorms ist stets intoniert durch ein Stimmengewirr aus holländischem Rachensingsang, hart gegurrtem Belgierfranzösisch und halbaristokratisch kredenztem Londonenglisch buckliger Rentnerinnen.

Die Stadt ist ihren Gästen angemessen. Benidorm ist nicht mehr spanisch, es ist europäisiert. Prädominant ist und bleibt freilich seit den 1970er Jahren das englische Tavernenproletariat, das allabendlich zu den mit Derbheit gegerbten Witzen der Entertainerin Crissy Rock, der dauerheiseren Queen of Comedy aus Liverpool, in der "Morgan Tavern" mehr als einige Bierchen kippt, anschließend im "Rainbow Fun Pub" Karaoke singt und um Mitternacht in der "Panchose Bar" auf der jubeltrubeligen Carrer Girona grölt, wenn, wie täglich, die 67-jährige "Sticky" Vicky Leyton während eines geheimnisvollen Nackttanzes allerlei skurrile Dinge aus ihrer Vagina zaubert.

3. Preisbewusstsein

Das Leben in Benidorm kann billige, mitunter vulgäre Freude sein, in jedem Fall ist es günstiger als in England, Deutschland, Belgien oder Norwegen. Im September kommen Nordeuropas Rentner, und im Juni kehrt Nordeuropas Partyjugend ein - beide mit Easyjet aus Manchester, JetOnly aus Ostende und Ryanair aus Karlsruhe-Baden, Flüge ab neun Euro nach Alicante, von dort 45 Minuten Busfahrt auf der A7 nach Benidorm für acht Euro.

Benidorms Hotels und Bars bieten All-you-can-drink-Abende an; das Bier kostet im Schnitt 1,80 Euro, der Liter Sangria fünf Euro. Als Frühstück gibt es im "Blauen Wal" belgische Erbsensuppe und in der Bar "Best British Food" - zur Wiederholung der englischen Premier-League-Fußballbegegnungen des Vortags - Egg, Sausage und Beans für 3,90 Euro, nachmittags ein Coffee-and-cake-Paket für 2,50.

Die Schachtel Zigaretten macht 3,15 statt fünf Euro, im Eurotabaco, dem, wie es sich selbst rühmt, "vielleicht größten Tabakgeschäft der Welt", legt man für zehn Packungen Lucky Strike 30 Euro auf den Tisch. Vor allem Engländer kaufen bis zur Zollgrenzenlegalität (3200 Zigaretten, 200 Zigarren, 400 Zigarillos), um die Tabakschätze in ihrer Heimat für das Dreifache zu veräußern und sich so Jahr für Jahr das Sein in Benidorm zu finanzieren. Um die ungehobelten, flaschenwerfenden Briten an der Costa Blanca zu halten, ist die Tabaksteuer bewusst niedrig gesetzt.

4. Lebenswertsteigerung

Für die meisten ist der Ruhestand eine Sehnsucht, für andere aber eine Bedrohung; beide können einträglich in Benidorm leben. Auf das Ablaufen der eigenen Existenz zu warten ist erschöpfend, nicht wertschöpfend. Deshalb ist es ein Zeichen persönlicher Klugheit, das peu à peu verblühende Leben dort zu einer letzten Blüte zu führen, wo das Biotop Wachstum und Vitalität verspricht. Statt in einer schnöden Reihenhauseinheit in einem der un- beseelten, ereignislosen Vororte von Manchester, Rotterdam oder Ostende zu sitzen und lethargisch, vielleicht verbittert über Regen und Vergänglichkeit auf den Tod zu warten, genießen die Pensionäre in Benidorm das süße Nichtstun in Sonne, Wärme und entschleunigter Gemütlichkeit.

Es ist für einen Rentner der englischen Arbeiterklasse allemal aufregender und vor allem günstiger, bei 40 Euro je Doppelzimmer je Tag Vollpension in Benidorms Hotels zu überwintern, als für das Doppelte in ein Seniorenheim abgeschoben zu werden. 500 Euro monatlich für Verpflegung, gereinigte Zimmer, frische Bettwäsche und jeden Tag ein magentafarbener Morgenhimmel sind bestechende Argumente für den Auszug nach Süden.

Wie die Rentner von Benidorms ganzjähriger Einladung zur kostengünstigen Vergnügung profitieren, profitiert Benidorm von der ganzjährigen Anwesenheit krisenunabhängiger Rentner: Nordeuropäische Pensionen werden auch in Zeiten wirtschaftlicher Malaise ausgezahlt, und Benidorm lädt im Gegenzug ein, im Alter wieder jung zu werden. Wie einst in den 1960ern spaziert man den Corso auf und ab, flaniert, frotzelt, flirtet, trifft jenen hier, diesen dort, mal ergibt sich ein Schwätzchen, mal eine Diskussion, Bekanntschaften verdichten sich zu Freundschaften.

In Benidorm, so ist zu hören, verlieren Miesepeter nach kurzer Zeit schon ihre Bitterkeit. Und wenn sich bei sieben Grad Celsius ein bewamster Mittsechziger mit nacktem Oberkörper, in Shorts und barfuß am Strand überaus wohl fühlt, ist es ziemlich sicher ein Engländer, der das Gefühl hat, dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen zu haben.

5. Zwanglosigkeit

Benidorm beherbergt eine offene Gesellschaft nach dem ersten Grundsatz des Liberalismus: Jeder nach seiner Fasson. Jedem seine Freude, solange sie die Freude des Nächsten nicht beschränkt. Die Stadt ist ein Mikrokosmos des Kleinbürgerlichen; was ihre Gäste eint, ist neben der Abwesenheit von Klasse die Klassenlosigkeit. Milieus und Schichtzugehörigkeit spielen keine Rolle. Jeder spricht mit jedem, jeder erhält Kontakt zu jedem. Niemand braucht sich seiner Herkunft zu schämen, niemand sich für sich zu rechtfertigen.

Exklusionsfurcht ist nach Lage der Dinge ausgeschlossen. Es herrschen, als Zuschreibungszwänge im Kampf um soziale Anerkennung, weder ästhetische Diktate noch Modenormen. Hier gilt das Laisser-faire scheinbar billiger Freuden ohne protestantisch schwermütige Verantwortungspflicht für die eigenen Instinkte.

Wenn alle essen, ab 20 Uhr, zieht der städtische Strandtraktor bis nachts um zwei am sieben Kilometer langen Strand entlang, Bahn für Bahn, siebt ein Förderband Kippen, Steine, Unrat aus dem Sand, auf dass der Strand am nächsten Morgen von einer artifiziellen Zartheit und Perfektion ist. Hinterm Traktor trottet ein Münzsammler mit Metalldetektor, alle 30 Meter steht brav ein Mülleimer, der täglich mehrfach geleert wird.

Benidorm besitzt den womöglich schönsten, womöglich saubersten Stadtstrand Europas und ist darüber hinaus ein quasianarchischer Ort: Weder kennt die Stadt Sperrstunden noch Alkoholverbot noch eine gesetzliche Reglementierung von Bars, Restaurants oder Hotels. Höhepunkt der leisen, charmanten Anarchie ist die Gemächlichkeit, mit der Streifenpolizisten bei Rot über die Fußgängerampel flanieren. Für verbissene, von Selbstdisziplin geplagte Deutsche kann diese Lässigkeit durchaus erlösend sein.

6. Vergemeinschaftung

Benidorm ist ein Versprechen auf Einsamkeitsvernichtung, oder anders: auf permanente Vergesellschaftung. Niemand muss sich so allein fühlen, wie er es im Leben vielleicht ist. Alle Kontaktstellen sind allen bekannt und dauerbesetzt. Als nationales Individuum geht man in der internationalen Gemeinschaft auf; verloren geht man nie. Jeder findet seine Nische, für jeden ist Platz genug. Und die Masse ist immer da. Schließt sich etwa Mallorca von Oktober bis Ende März quasi ab, ist Benidorm als klassenloses Refugium der Massenmittelschicht das ganze Jahr über geöffnet.

Von morgens sechs bis abends halb zehn sind an der Promenade radelnde und joggende Rentner zu sehen. Humpelnde, am Stock gehende, im roten Elektrorollstuhl flitzende Frauen und Männer genießen bis in die Nacht die Freiheit der Entfaltung. Hunde gibt es zu jeder Tageszeit, und wo Hunde sind, generieren sich Gemeinschaften, weil der Rentner keine Kinder mehr hat. Besonders beliebt sind Mops, Chihuahua und Spitz, mit gestricktem Körperanzug gegen die plötzliche Kälte geschützt, deren empörte Zurkenntnisnahme in diesen Tagen das große, ver- bindende Gesprächsthema ist.

7. Heimattreue

Für Dauergäste und Pensionäre ist Benidorm die Heimat in der Fremde. Man ist unter sich und unter sich in der Fremde. Vertreter der englischen Arbeiterklasse brauchen kein Spanisch zu sprechen, und jeder belgische oder deutsche Gast weiß, dass er in seiner Muttersprache verstanden wird, weil seinesgleichen für Benidorm dem Vaterland den Rücken kehrte. Also gibt es holländische Freundeskreise und deutsche Karnevalsclubs, an den Kiosken der Innenstadt sind, neben belgischen, holländischen und deutschen Blättern, allein acht britische Tageszeitungen zu finden.

Norweger haben norwegische Ärzte, Deutsche deutsche Pastoren, Engländer englische Büchereien und Holländer holländische Friseure - "Schneiden und legen" für die Frau: zehn Euro. 229 Friseursalons aller Nationalitäten gibt es in Benidorm. Das große Angebot zur selben Zeit am gleichen Ort ist so viel wie vielseitig und nötigt einem Pensionär, so er das Haus verlassen will, die Vitalität zur Entscheidung ab.

Epilog

Die größte Angst von Benidorm ist nicht sein Größenwahn, nicht die Verflachung durch Vermassung - es ist der Schnee. Wenn Schnee in Benidorm fällt, ist das Ende der Vorstellung gekommen. Würden sich die Winter weiterhin unter zehn Grad Celsius einrichten, wären die Hochhäuser bald monumentale Grabsteine und die Massenhotels unbeseelte Ruinen eines erfrorenen Traums, dann würde die Grammatik dieses Ortes zur toten Sprache und die ganze Stadt ein einziges Epitaph für die Nachwelt: Paradise lost.

Aus dem "mare" Heft No. 79, April/Mai 2010