Gipfelstürmer (bei Alicante): Drang nach Aufstieg
Gipfelstürmer (bei Alicante): Drang nach Aufstieg
Foto: Artur Debat / Getty Images

Kletter- vs. Strandurlaub Warum ich ein Bergmensch bin

Gibt es irgendwo einen Hügel, will ich nach oben – denn nichts macht den Kopf so frei wie ein stundenlanger Aufstieg. Am Strand chillen? Für mich ist das nichts. Und für Sie?
Die Bergkolumne von Philipp Laage

Als ich zuletzt auf Teneriffa war, im Süden bei Playa de las Américas, ging ich nicht einmal zum Strand. Ich bin am Wasser entlangspaziert, oben auf der Promenade. Aber ich habe mich nicht auf den Sand gelegt, auf ein Handtuch unter einem Sonnenschirm, und die Beine von mir gestreckt, mit einem Buch oder auch nur einer Cola, wie man das in einem Urlaub am Meer so macht. Stattdessen bin ich gelaufen, bis zum Ende der Bucht von Los Cristianos, wo ich einen Pfad entdeckte, der auf die Klippen hoch führte. Ich konnte nicht widerstehen, ich musste hinaufsteigen. Die Aussicht reichte weit über die trockene Küstenlinie. Erst dort oben stellte sich das Gefühl ein, wirklich angekommen und am richtigen Ort zu sein.

Mir wurde wieder klar, dass ich ein Bergmensch bin. Egal, welche Orte ich auf der Welt auch besuche, ständig will ich irgendwo hinaufkraxeln. Zu einer idyllisch gelegenen Hütte, zu einem tropischen Wasserfall oder eiskalten Gebirgssee, auf einen stattlichen Gipfel. Einfach nur am Strand herumzuliegen und wenig bis nichts zu tun, fällt mir schwer. Dann frage ich mich jedes Mal: Habe ich ein Problem? Oder der Strand, der als perfekter Sehnsuchtsort vermarktet, aber von mir offensichtlich nicht als solcher gewürdigt wird?

Berge oder Meer – wohin tendieren Sie? Das eine schließt das andere nicht aus, aber ich glaube, wir assoziieren beide Urlaubsziele mit bestimmten Reiseformen. Der Strand symbolisiert vor allem einen Ort zum Entspannen und Abhängen, auch wenn man dort joggen und wandern kann. Die Berge sind ein Raum für Aktivurlaub, auch wenn man in einem Wellnesshotel versacken kann. Es geht also um zwei verschiedene Herangehensweisen an den Urlaub.

Die Frage, welche Art von Urlaub wir machen, dreht sich um das Verhältnis zur eigenen Freizeit. Also zu jenem Teil des Lebens, der erst einmal nicht den Zwängen der Ökonomie unterliegt, der stressigen Effizienzlogik des Alltags (sofern wir zu den Privilegierten gehören, die ihre Reise nach eigenen Wünschen gestalten können). Eine Urlaubsreise wirft die Frage auf: Welcher Mensch bin ich, wenn mich niemand zu etwas verpflichtet? Und welcher gestatte ich mir zu sein, wenn ich selbst damit aufhöre, mich zu etwas zu zwingen? Jemand, der gern auf einem Serpentinenpfad schwitzt, während der Morgentau aus den Wiesen steigt, um dafür mit einer schönen Aussicht belohnt zu werden? Oder der lieber am Meer relaxt, bis die Sonne versinkt?

Strand in Kroatien: Dahinter lockt ein Berg

Strand in Kroatien: Dahinter lockt ein Berg

Foto: Jorg Greuel / Getty Images

Die Gedanken lernen fliegen

Bergurlaub wirkt über die wohlverdiente Belohnung. Wenig ist erbaulicher, als von einem Gipfel in die Ferne zu schauen. Die eigenen Sorgen erscheinen kleiner, als schrumpften sie vor der gewaltigen Kulisse auf eine angemessene Größe zusammen. Ich glaube auch, dass eine wohltuende Leere im Kopf eher nach fünf Stunden laufen entsteht, in der Bewegung, nicht untätig am Strand. Zugleich lernen die Gedanken im Gebirge fliegen, werden groß und kühn.

Abgesehen davon: Was geht über das erste kalte Radler und einen Kaiserschmarrn, nachdem man den ganzen Tag auf den Beinen gewesen ist? Was geht über die wohlige Erschöpfung nach einem anstrengenden Tag, wenn nur noch das Geräusch der Kuhglocken zu hören ist?

Andererseits: Woher kommt dieser Drang, ständig irgendwo hinaufzusteigen, die nächste Wegmarke zu nehmen, einen Gipfel abzuräumen? Drückt sich darin nicht eine Rastlosigkeit aus? Setzt sich hier nicht der Leistungsgedanke der Arbeitswelt fort? Laufend flitzen Wanderer mit ihren Funktionsjacken und Stöcken vorbei, als müssten sie – ja, was überhaupt? Dringend noch etwas erledigen? Irgendwie betrüblich. Der Badeurlauber erscheint im Gegensatz dazu wie ein Meister innerer Ausgeglichenheit. Er muss nichts tun oder schaffen.

In den Bergen war das schon immer anders. Der Alpentourismus erlebte bereits im 19. Jahrhundert eine Hochphase, als vor allem britische Gentlemen in die Schweiz reisten, um Viertausender zu besteigen, damals ein exklusives Vergnügen. Der Bädertourismus, der zuerst im kalten England aufkam, hat ebenfalls eine lange Tradition. Doch erst mit dem Aufstieg des Massentourismus nach dem Zweiten Weltkrieg, mit Charterflügen und Bettenbunkern, Pauschalpaketen und All-inclusive, gab es eine kollektive Hinwendung zur Sonne: die Entdeckung des Mittelmeers. Und damit die Erfindung des Badeurlaubs, wie wir ihn kennen.

Die Erholung geht tiefer

Der Urlaubsforscher Christoph Hennig sieht im Strandurlaub keineswegs »den bloßen Zeitvertreib blöder Massen«. Vielmehr verwirklichten sich am Strand »Wünsche nach anderen Formen der Körpererfahrung, des Kontakts mit Natur, des sozialen Umgangs«. Weil am Strand – so muss man das wohl verstehen – die Managerin neben dem Müllwagenfahrer liegt, der Fintech-Programmierer neben der Friseurin. Nahbar, klassenlos.

Aber ist das noch so? Am Meer ist die soziale Segregation in Zeiten von Privatstränden und exklusiver Beachclubs doch deutlich ausgeprägter als in den sommerlichen Bergen. Wer zu der traumhaft gelegenen Hütte hinauf möchte, muss den einen Pfad nehmen, der dorthin führt – unabhängig von Status und Einkommen. Oben angekommen, bekommt man kein Sieben-Gänge-Menü, sondern bezahlbares Tiroler Gröstl und Apfelstrudel.

Gepflegtes Nichtstun: Sind Sie ein Sonnenanbeter?

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Foto: Hans Neleman / Getty Images

In den Bergen lassen sich soziale Grenzen viel eher überwinden als am Meer. Der Schweiß des Aufstiegs fühlt sich für jeden und jede gleich an. Genauso wie der Stolz, es auf eine Alm oder einen Gipfel geschafft zu haben. Nach einem solchen Tag ist man anders erholt als nach einem Strandtag. Ich würde sagen: tiefer, nachhaltiger.

Am Ende ein praktischer Kompromiss, weil Anstrengung ohne Müßiggang bitter macht, aber Bequemlichkeit ohne Ambitionen faul und träge. Sollten Sie auch den nächsten Urlaub unbedingt am Strand verbringen wollen, wäre meine Empfehlung: Gehen Sie vorher in die Berge wandern, und seien es nur zwei oder drei Tage. Danach wird sich alles noch besser anfühlen: der Sand, das Meer, der Cocktail, das gepflegte Nichtstun.

Auf Teneriffa kann man jeden Tag im Gebirge unterwegs sein und sogar einen stattlichen Gipfel wie den Teide erklimmen. Und am späten Nachmittag, wenn die Sonne schon tief steht, schließlich ins Meer steigen. Schöner geht's kaum.

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