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Puschlaver-Tal in der Schweiz: Pizza, Palmen, Piz Palü

Foto: Ente Turistico Valposchiavo

Val Poschiavo in der Schweiz Im Tal der Kräuterbonbons

Medizin aus Frauenmantel und Schafgarbe: Im Val Poschiavo in der Schweiz wachsen die Kräuter für die berühmtesten Hustenbonbons der Welt. Doch auch für Gesunde hat die Region einiges zu bieten - den Piz Palü für Wintersportler, den Puschlaversee für Surfer und Segler.

Millionen von Touristen sind schon an Bord der Rhätischen Bahn durch das Val Poschiavo gereist, auf ihrem Weg von St. Moritz nach Italien. Rote Züge bringen sie aus der weißen Gletscherwelt rund um den Bernina-Pass über kühne Viadukte und durch Tunnel hinab ins Tal. Aber die wenigsten steigen aus.

Aus Norden kommend, liegt das Puschlaver-Tal, wie es die Deutsch-Schweizer nennen, hinter den Bergen - hinterwäldlerisch waren die Puschlaver aber noch nie. Ende des 19. Jahrhunderts wanderten viele von ihnen nach Spanien aus und brachten es dort als Zuckerbäcker zu Reichtum. In ihrer alten Heimat ließen sich die Rückkehrer pastellfarbene Patrizierhäuser errichten. So verwandelte sich das Städtchen in einen prachtvollen Ort mit mediterranem Flair.

Die Piazza vor dem Hotel Albrici, der früheren Postkutschen-Station, sieht aus wie in Italien. Es riecht nach starkem Espresso und den mit Holz angefeuerten Steinöfen der Pizzeria. Im Schatten des mittelalterlichen Turms und der beiden Kirchtürme trinkt man kräftige Nebbiolo-Rotweine aus dem benachbarten Veltlin. Die Top-Weine, wie der im Stile des italienischen Amarone aus getrockneten Trauben produzierte Sforzat, werden weltweit geschätzt.

Doch das Val Poschiavo hat noch mehr Schätze. Hier wächst der Rohstoff für einen der berühmtesten Exportschlager der Schweiz: Kräuterbonbons. Vor 21 Jahren lieferte Reto Raselli aus dem italienischsprachigen Teil des Kantons Graubünden der Firma Ricola die ersten Kräuter. "Ich war einer der Ersten, die sich voll und ganz dem Kräuteranbau verschrieben haben", erzählt Raselli, während er über eines seiner prächtigen Kräuterfelder am Lago di Poschiavo spaziert. Anfangs stammten praktisch alle Kräuter in den Hustenbonbons von seinen Wiesen, die auf rund tausend Meter Höhe liegen.

Bergblumen als Verkaufsschlager

Zehn heimische Kräuter wie Schafgarbe, Malve und Frauenmantel baut er für die Bonbon-Produktion an, die mittlerweile 200 Tonnen getrocknete Kräuter pro Jahr verschlingt. "Bis zu 15 Prozent davon stammen immer noch von mir", erzählt der Mann mit den funkelnd braunen Augen. Den Rest liefern mittlerweile Kräuterbauern aus dem Wallis, dem Emmental, der Gegend von Luzern und aus dem Tessin. Raselli baut nun neben 20 Kräutersorten auch Bergblumen wie Edelweiß an. "Das ist der Renner, weil man freiwachsendes Edelweiß ja nicht pflücken darf."

Wenn im Sommer Surfer und Segler über den See gleiten, strahlen am Ufer seine Felder in leuchtenden Farben. Nach der Ernte trocknet Raselli die Kräuter innerhalb von 48 Stunden, um sie dann an Ricola, Kosmetikfirmen und Restaurants zu verkaufen. Außerdem mischt er selber Kräutertees, die in Feinkostabteilungen großer Kaufhäuser verkauft werden.

Alle Produkte seien rein biologisch, versichert Raselli. Chemikalien seien Tabu - und das macht Arbeit. Vom Frühjahr bis zum ersten Schnee zupfen seine zehn Mitarbeiter auf den 14 Hektar großen Wiesen immer wieder Unkraut. Die aufwendig produzierten 40 Tonnen Kräuter pro Jahr haben deshalb ihren Preis, finden aber dennoch immer Käufer. Im Tal setzt man schon lange auf Ökoanbau. Mittlerweile sind 85 Prozent aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse hier Bioprodukte. "Bis 2015 wollen wir auf 100 Prozent kommen", sagt der Präsident des Tourismusverbands, Cassiano Luminati.

Pizza und Wirsingeintopf

Ins Val Poschiavo kommen weniger Touristen als ins benachbarte Engadin. Es gibt hier weder Top-Hotels noch Gourmetlokale. Dafür bietet das Tal spannende Kontraste: Im Norden kann man auf dem 3900 Meter hohen Berg Piz Palü Ski fahren, im Süden herrscht subtropisches Klima, unterhalb des berühmten Bahnviadukts von Brusio wachsen auf 450 Metern Höhe Palmen, Olivenbäume und Oleander.

Kulinarisch reicht die Spanne von Pizza bis Pizzoccheri, einem alten Arme-Leute-Gericht aus Buchweizennudeln, Kartoffeln, Wirsing, Mangold und Bergkäse. Als Vorspeise gibt es im Tal produzierte Salami, eine besondere Art von Mortadella oder den cremigen Chabis-Ziegenfrischkäse.

Nach einer Stärkung kann man durch das nur 25 Kilometer lange Tal radeln oder wandern. Und wenn die Kräfte nachlassen, steigt man zur Heimfahrt einfach in einen der roten Züge der Rhätischen Bahn, die von der Unesco zum Welterbe ernannt wurden. So wie die vielen Millionen Ausflügler zuvor, von denen die meisten aber einen Fehler gemacht haben: Sie sind nie im Poschiavo ausgestiegen.

Bernhard Krieger, dpa
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