Valldemossa auf Mallorca Rushhour im Bergdorf

Mallorca erwartet einen Rekordsommer. Der Urlauberansturm auf die Baleareninsel ist riesig - und auf das Bergdorf Valldemossa im Nordwesten. Doch wie viele Besucher kann der 2000-Einwohner-Ort verkraften?

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Chopin wurde einfach zu oft an die Nase gefasst. "Das soll offenbar Glück bringen, aber die Stelle ist inzwischen völlig abgewetzt, deshalb mussten wir die Büste in Sicherheit bringen", erzählt Jaume Salvà, im Gemeinderat von Valldemossa für Tourismus zuständig.

Der Kopf von Frédéric Chopin steht jetzt nicht mehr auf dem Platz vor dem Kartäuserkloster, wo der Komponist und die Schriftstellerin George Sand 1838 überwintert hatten. Sondern geschützt hinter einer Hecke und stacheligen Rosensträuchern in den Gärten von Joan Carles I.

Kein anderes Dorf auf Mallorca ist ein derartiger Touristenmagnet wie Valldemossa im Nordwesten der spanischen Insel, nur 18 Kilometer entfernt von der Inselhauptstadt Palma. Nicht nur weil es als zeitweilige Wirkungsstätte von Chopin vermarktet wird, sondern auch wegen seiner traumhaften Lage in der Serra de Tramuntana.

Den Reiz des Dörfchens hatte schon der österreichische Erzherzog Ludwig Salvator erkannt, der sich hier 1870 niederließ - und dem im Jahr 2000 Hollywoodstar Michael Douglas folgte, der zusammen mit Frau Catherine Zeta-Jones das Luxusanwesen S'Estaca erwarb. Das steigerte den Bekanntheitsgrad des Ortes noch weiter.

Sieben Reisebusse und unzählige Mietautos

Inzwischen kommen pro Jahr 1,2 Millionen Besucher in das 2000-Seelen-Dorf, schätzt Gemeinderat Salvà. An einem Junitag um die Mittagszeit parken sieben Reisebusse am Ortsausgang, vor der Klosterkirche drängt sich eine französische Reisegruppe. Am Anfang der Fußgängerzone versammelt eine Touristenführerin lautstark schnatternde Russen um sich. Dazu drängen sich Dutzende Individualtouristen, die mit dem Mietauto oder einem der überfüllten Linienbusse angekommen sind, durch die schmalen Gassen.

Viele von ihnen steuern als Erstes die Touristeninformation an, wo Xisco Morey mal auf Deutsch, mal auf Englisch Auskunft gibt und stets sein freundliches Lächeln beibehält. "Ich kann mich nicht über die Urlauber beschweren, ich lebe von ihnen." Jammern würde er vielmehr, wenn die Besucher eines Tages ausblieben.

Ganz ähnlich sieht es Cristina Alderete, die in ihrem Laden mallorquinische Schuhe und Taschen verkauft. "Das gehört dazu. Als Einheimischer muss man die Touristen aushalten oder woanders hinziehen", sagt sie.

Wer als Geschäfts- oder Restaurantinhaber an den Urlaubern gutes Geld verdient, blickt frohgemut auf die bevorstehende Rekordsaison. Manch ganz gewöhnlicher Bewohner hingegen würde die Touristenhorden mit ihren Kameras und Sonnenhüten manchmal am liebsten verfluchen - vor allem sonntags, wenn auf dem großen Parkplatz Markt ist - dann fallen 200 Stellplätze weg.

Neben den Urlaubern kommen noch die Mallorquiner aus dem Umland angefahren. "Ab 10 Uhr sollte man sein Auto am besten nicht mehr bewegen", sagte eine junge Frau mit Kinderwagen.

"Schlecht ist Tourismus, wenn er außer Kontrolle gerät"

Oft bekommt Gemeinderat Salvà zudem die Klage zu hören, dass der Ort mittlerweile einem Museum und die Fußgängerzone einem großen Souvenirshop gleiche. "Wir haben allein fünf Perlen-Geschäfte, da ist es nicht zu leugnen, dass die nicht für die Leute aus dem Dorf gedacht sind." Allerdings beschere der Tourismus auch dem Rathaus wichtige Einnahmen - etwa durch Parkgebühren oder die Abgaben der Geschäftsleute - und komme somit indirekt dem ganzen Ort zu gute.

"Wir haben seit Jahren keine Gemeindesteuer erhöht", betont der Kommunalpolitiker. Auch die Müllgebühren seien niedriger als vielerorts sonst auf der Insel. Der Tourismus sei nicht schlecht, sagt Salvà und schränkt ein: "Schlecht ist nur, wenn er außer Kontrolle gerät."

Gemeinderat Jaume Salvà in Valldemossa
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Gemeinderat Jaume Salvà in Valldemossa

Aussagen wie die von Balearen-Ministerpräsidentin Francina Armengol, dass auf den Inseln kein Tourist zu viel sei, stoßen ihm deshalb sauer auf. "Was ist, wenn in diesem Jahr 17 Millionen kommen und im nächsten Jahr 20 und irgendwann 30?", fragt sich Salvà. Im Jahr des Rekordsommers sei die Zeit reif, um über ein verträglicheres Tourismusmodell nachzudenken.

"Wir müssen die Interessen von Einheimischen und Besuchern besser in Einklang bringen", fordert Salvà. Das Zauberwort, mit dem das gelingen soll, lautet auch in Valldemossa Qualitätssteigerung. Statt der immergleichen Andenken- und Postkartenläden sei etwas mehr Abwechslung wünschenswert - auch in gastronomischer Hinsicht. In den Bars und Cafés der Fußgängerzone findet man wenig mehr als Sandwiches, lieblose Tapas und das Vorzeige-Backerzeugnis des Ortes, ein fluffig-süßes Brötchen namens Coca de Patata.

Bisher allerdings ist im typischen Valldemossa-Programm kaum Zeit für ausgiebiges Bummeln oder Mittagessen: Die organisierten Ausflüge - beliebt auch bei Kreuzfahrttouristen - sind straff durchgetaktet. Und auch wer auf eigene Faust kommt, bleibt meist keine zwei Stunden. "Die durchschnittliche Parkdauer beträgt nur 104 Minuten", sagt Jaume Salvà, der die Zahl anhand der Tickets ermittelt hat. Sein Ziel: die durchschnittliche Verweildauer auf drei Stunden erhöhen.

Sarah und Jan, die gerade in ihrem Leihwagen angekommen sind, wäre das vermutlich zu lang. "Ist ganz schön überlaufen hier", finden die beiden Urlauber aus Köln und Berlin. "Wir essen vielleicht ein Eis und fahren dann weiter."

Stephanie Schuster, dpa/abl



insgesamt 5 Beiträge
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Pango 08.07.2016
1. Malle halt
Die Pommesbude für den kleinen Pauschaltouristen ...
nica27 08.07.2016
2.
Ich statte Valldemossa jedes Mal einen Besuch ab, wenn ich auf der Insel bin und lass mein Geld da. Allerdings bin ich meistens ausserhalb der Hochsaison vor Ort und dann ist es halt nicht so voll. Man kann von hier aus auch herrliche Wanderungen durchs Gebirge starten.
dosmex 09.07.2016
3. Mallorca - eine Insel als Businessmodell
Malerische Bilder von einsamen Trockensteinwegen, herrlichen Aussichten, nette kleine Städtchen in netten Reisedokus veranlassten uns, einmal das andere Mallorca zu erleben. Erlebt haben wir jedoch eine Riesenenttäuschung. Anfang April Valdemossa - Deja - Porto Solér. Der Straßentunnel von Palma n. Solér ist der teuerste Mauttunnel Spaniens - 5€ einfach. 10nin historische Straßenbahn Porto S. n. Solér - 6€ einfach. Entspanntes Fahren unmöglich: Hunderte von Radfahrern rasen in selbstmörderischem Tempo die schmalen Straßen hinunter. Dazwischen Busse und jede Menge Autos. Der Parkkplatz der Schlangenbucht (Port Sa Calobra) berechnet nach Minuten: 1 min = 0, 538 € oder so ähnlich. Der Geruch von verbranntem Frittenöl vermischt sich mit Auto- und Motorradabgasen. Menschenmassen. Also Wandern. Der Parkplatz am Cubér-Stausee schon morgens um 09.30Uhr rappelvoll. Und der Aufstieg zwischen schwitzenden Engländern wird zum Gemeinschaftserlebnis der besonderen Art. Fazit: Mallorca, Tramuntana-Gebirge - nie wieder.
spon-leser_xy 10.07.2016
4. Sehr schön dort in der Nebensaison
Ich war mit einer Freundin letzten November dort und es war wunderschön und ... leer. Man muss halt versuchen nicht dorthin zu fahren, wenn alle da sind. Die im Artikel beschriebene Misere rund um die Restaurantauswahl ist aber leider auch richtig. Wir stießen auf ein akzeptables Restaurant, sonst nur Snack Bars mit schlechten Tapas und Frittiertem. Für so ein schönes und beliebtes Touristenziel sehr verwunderlich...
Ursprung 14.07.2016
5. Mallorca-Tips
Valdemossa: Rummel in der Saison, oede zwischendurch. Soller: Rummel in der Saison, zwischendurch zur Not ertraeglich. Geheimtips an der N-Kueste: Puerto den Valdemossa, landschaftlich sehr schoen, null Frittenbuden, kein Restaurant, Anleger nur bei ablandigem Wind nutzbar. Ein altspanisches Restaurant oestlich von Soller dort, wo der oesterreichische Erzherzog einst sein Domizil hatte. Das schoenste Sonnenuntergangs-Restaurant der Welt. Die Burg-Ruine Castel del Rei in den Bergen westlich Pollensa mit Ruinenspuren eines Dorfes unterhalb und einem Anleger, der mal so ausgesehen haben mag wie der in Puerto de Pollensa. Hier kommt selbst bei Hochsaison kein Tourist hin (nach diesem Tip vielleicht mal einer pro Jahr). Atemberaubende Kulisse. Der Aussichtspunkt Leuchtturm Pollensa, an der NE-Spitze der Insel. Atemberaubende Kulisse. Lohnt sich auch bei Saisonbetrieb, alleine ist man dann zwar nicht, ist aber noch o.k. Die ganze Suedkueste zwischen der Bucht von Pollensa bis Andraitx sollte man weitraeumig meiden in der Saison, in der Nebensaison und mit Leihwagen kann man dort allerdings guenstiges Hotelwohnen finden, besser als in Palma. Boots-Charter: einmal Cabrera, sonst ab nach Pollensa und Menorca, nix sonst auf Mallorca: Massentourismus, Liegeplatzabkoche. In allen Haefen, Piers und Straenden riechts nur nach Fritten und Sonnenoel.
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