Ein Anruf im Hotel Gabrielli, Venedig "Wir waren alle nicht darauf vorbereitet"

Das Hochwasser in Venedig erreicht Hotels, Museen, Restaurants, Geschäfte und Plätze. Die Schäden der vorherigen Überflutungen werden auf eine Milliarde Euro geschätzt. Wie gehen Hoteliers damit um?

ANDREA MEROLA/ EPA-EFE/ REX

Ein Interview von


Zur Person
    Francesca Perkhofer, leitet das Hotel Gabrielli direkt am Wasser in Venedig. Das Hotel wird von der Familie seit 1856 betrieben. 1913 schrieb Franz Kafka auf dem Briefpapier des Hotels seiner Verlobten Felice Bauer.

SPIEGEL: Frau Perkhofer, Ihre Familie betreibt seit 160 Jahren das Hotel Gabrielli in Venedig. Wie ist die Situation gerade?

Francesca Perkhofer: Im Winter kommt Hochwasser öfter mal vor. Jetzt waren wir wirklich von extremem Hochwasser betroffen - und leider war die Vorhersage nicht korrekt. Wir waren alle nicht darauf vorbereitet. Das war schon wirklich sehr, sehr ungewöhnlich.

SPIEGEL: Wir haben alle die Bilder und Videos vor Augen, wie das Hochwasser Hotel-Eingangshallen, Museen, Restaurants, Geschäfte und Plätze erreicht. Können Sie schon was über die Schäden sagen?

Perkhofer: Die Schäden sind gewaltig. Im Erdgeschoss ist man in Venedig auf Hochwasser vorbereitet, aber eben nur bis zu einer gewissen Höhe. Jetzt hat es jedes Limit überschritten, es wurden fast 187 Zentimeter gemessen. Die Empfangstresen in den Hotels sind zerstört, aber viel schlimmer hat es die Einzelhändler getroffen und die Menschen, die im Erdgeschoss leben.

SPIEGEL: Sind Sie als Hotelierin derzeit mit vielen Stornierungen konfrontiert?

Perkhofer: Wir haben Stornierungen, aber wir sagen den Gästen: "Die Stadt funktioniert weiter, bitte kommt! Das hilft uns am meisten." Dieses Hochwasser ist etwas, was der ganzen Stadt schon große Schäden zugefügt hat. Die Regierung muss eingreifen und auch Mittel zur Verfügung stellen. Das Schlimme an der ganzen Sache ist, dass es seit 20 Jahren das Versprechen des "Mose"-Projekts (Lesen Sie hier mehr über das Sperrwerk "Mose") gibt, was einfach nicht kommt. Die Situation ist bekannt. Trotzdem ist dort sehr viel Geld versandet, und das Projekt wird einfach nicht fertig. Ob es denn wirklich funktioniert, weiß kein Mensch. Das ist der wahre Skandal.

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Venedig: "Viel kann man nicht tun"

SPIEGEL: Sie haben das Sperrwerk "Mose", die Schutzbarriere gegen die Fluten, angesprochen. Können Sie dazu mehr sagen?

Perkhofer: Ich bin keine Technikerin, aber so teuer wie das Projekt bisher schon war, sollte man eigentlich davon ausgehen, dass sich kompetente Menschen damit beschäftigt haben und es kurz vor der Fertigstellung stehen müsste. Das Projekt wurde in den Achtzigerjahren gestartet, und es ist immer noch nicht fertig. Das verstehe ich nicht. Man sieht ja jeden Tag die großen Baustellen und Kräne, uns wird immer gesagt, es sei zu über 90 Prozent fertig. Diese Woche hätte es uns sehr genützt.

SPIEGEL: Das Projekt soll 2021 fertiggestellt werden, welche Vorkehrungen können Sie bis dahin treffen?

Perkhofer: Viel kann man nicht tun. Wir merken, dass dieses Hochwasser mit einer sehr hohen Kraft gekommen ist. Zwei Tage später kommt noch mal eins. Das ist heftig und gibt uns zu denken. Wasser ist eine sehr starke Kraft. Andererseits ist es so, dass das Wasser kommt und dann auch wieder abfließt. Das sind ja immer nur temporäre Erscheinungen. Die Stadt macht dann weiter. Aber man muss hinterher viel aufräumen.

Video: "Mose" kommt nicht - und Venedig versinkt

VINCENZO PINTO/ AFP

SPIEGEL: Nun wurden schon die ersten Stimmen laut, die sagen, die Kreuzfahrtschiffe seien schuld und überhaupt herrsche zu viel Tourismus.

Perkhofer: In einer solchen Situation, in der die Stadt so verletzlich ist wie in den letzten Tagen, geht es eher darum, zusammenzutragen, was eigentlich passiert ist. Der Tourismus als solcher hat wenig mit dem Meeresspiegel zu tun. Die Fragen sind eher: Wie gelingt es, diese Stadt zu bewahren? Darauf sollten wir uns konzentrieren. Die Stadt steht seit 1200 Jahren, sie steht immer noch, und sie steht auch sehr fest. Es ist unsere Verantwortung, dass das so bleibt.

SPIEGEL: Menschen fotografieren sich lächelnd vor dem Markusplatz im Hochwasser und scheinen es als Event zu betrachten.

Perkhofer: Es ist eine Situation, in der Dinge zerstört werden, in der Familien ihr Hab und Gut verlieren. Die Touristen sind sehr gefasst und verstehen in der Regel auch, mit welcher Kraft uns das alle trifft. Ich würde mir nur manchmal ein bisschen mehr Respekt wünschen, weil es eben kein Event ist.

SPIEGEL: Was raten Sie Ihren Gästen, wenn sie sich durch die Stadt bewegen wollen?

Perkhofer: Heute war die Spitze des Hochwassers um 11.20 Uhr, das heißt bis neun Uhr, zehn Uhr kann man sich wunderbar fortbewegen - mit Gummistiefeln, Mantel, Regenschirm. Dann geht es zwei, drei Stunden hoch, und dann fällt das Wasser auch wieder. Heute Nachmittag ist alles vergessen. Die Stadt steht nicht über Wochen unter Wasser, aber es gibt manchmal zwei, drei Stunden, in denen man sich nicht bewegen kann. Das ist hier üblich, das weiß auch jeder.



insgesamt 17 Beiträge
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dunnhaupt 15.11.2019
1. Spektakuläre Pfahlbausiedlung
Venedig steht auf hunderttausend in den Sumpf getriebenen hölzernen Pfählen. Es grenzt an Wunder, dass seine Paläste viele Tausende solcher Überschwemmungen aushalten konnten.
herwescher 15.11.2019
2. Die Hoteliers sollten das Beste draus machen ...
Beim Hochwasser 1825 befuhr man den Markusplatz für die Touristen noch mit den in Venedig typischen Gondeln ... Darüber gibt es ein berühmtes Öl-Bild (Fotos gabs ja noch nicht) von Vincenzo Chilone auf der Wikipediaseite, die sich mit den jährlichen Hochwassern ("Acqua Alta") dort befasst ... https://de.wikipedia.org/wiki/Acqua_alta
schwarzeliste 15.11.2019
3. Klima
Wenigstens schiebt es Frau Parkhofer nicht auf den Klimawandel. Vor einer Weile waren die Kanäle ausgetrocknet bis auf den Grund. Da hieß es Klimawandel. Jetzt haben wir ein fünfzigjähriges Hochwasser, das mit sehr ergiebigen Niederschlägen im Südalpenraum zusammenhängt, da heißt es wieder Klimawandel. Man kann es auch übertreiben
spaceagency 15.11.2019
4. owald - Schadenfreude
dümmer, ignorabter und arroganter gehts wohl nicht? Gerade als Deutscher würde ich den Ball extrem flach halten in jeder Beziehung
spaceagency 15.11.2019
5. Schwarzeliste - Hochwasser
innVenedig gibts nur wenn es Südostwinde gibtnund diese Meerwasser in die Lagune pressen. Das hat rein gar nichts mit Regen zu tun oder mit Flüssen. Es ist Meerwasser und Meeresflut. Es reicht aufveine Wetterkarte zu schauen um das zu verstehen
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