Umweltexpertin zu Venedig "Die Schiffe müssen kleiner werden"

Neue Ideen auf wissenschaftlicher Basis: Die Umweltexpertin Jane da Mosto kämpft für den Schutz von Venedig. Sie kritisiert, die Altstadt werde für den Schiffstourismus ausgepresst "wie eine Zitrone".

Jane Da Mosto: "Es gibt keine unproblematischen Routen für die großen Kreuzfahrtschiffe"
Luigi Costantini/ AP

Jane Da Mosto: "Es gibt keine unproblematischen Routen für die großen Kreuzfahrtschiffe"

Ein Interview von , Rom


SPIEGEL: "Weg mit den großen Schiffen vor Venedig", das fordert Italiens Verkehrsminister Danilo Toninello. Er will den Kreuzern alternative Routen vorschreiben. Sind die Probleme mit den Kreuzfahrtschiffen bald gelöst?

Zur Person
    Jane da Mosto, geboren 1966, ist Umweltexpertin und arbeitet seit 2012 für "Venedigs fragile, aber nicht hoffnungslose" Zukunft. Sie ist Mitgründerin der Organisation "We are here in Venice", die mit wissenschaftlichen Expertisen und präzisen Informationen sowohl das Problembewusstsein schärfen als auch Lösungsansätze liefern will.
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Heft 33/2019
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Da Mosto: Wir sind es hier gewohnt, aber auch leid, dass die Politiker immer reden, ohne einen konkreten Plan zu haben und immer wieder reden, ohne dann auch zu handeln. Das, was der Minister vorschlägt, ist in sich problematisch. Es reduziert die negativen Effekte auf die Umwelt überhaupt nicht.

SPIEGEL: Warum geht das seit Jahren so? Ist es so schwierig, die Risiken für das Ökosystem und die Menschen zumindest zu reduzieren oder gibt es Interessen, die das verhindern?

Da Mosto: Nach dem Unfall der "Costa Concordia" 2012 hat die Regierung ein Gesetz verabschiedet, das alternative Routen für Kreuzfahrtschiffe über 40.000 Tonnen vorschrieb. Aber andere Fahrwege durch die Lagune beseitigen die Probleme und Risiken der Lagune ja nicht. Deshalb ist es absurd, dass die Politik sich stets mit den Zufahrten beschäftigt, auf denen die "Monster des Meeres" Venedig anfahren sollen, statt den Schutz von Venedig und seiner Einwohner in den Mittelpunkt zu stellen und danach die Möglichkeiten für die Kreuzfahrtschiffe zu definieren.

Dann wird schnell klar, dass es keine unproblematischen Routen für die großen Kreuzfahrtschiffe gibt, die nicht schädlich für Venedig sind. Nicht die Fahrwege, sondern die Schiffe müssen geändert, nämlich kleiner werden. Die entscheidende politische Frage ist: Muss sich Venedig dem Trend zu immer größeren Schiffen beugen oder sollen sich die Schiffe den Grenzen des Erträglichen für die Lagune und der fragilen historischen Stadt anpassen?

SPIEGEL: Steht hinter dem ganzen Theater "Big Business"?

Da Mosto: Klar. Der Tourismus ist quasi der einzige Sektor der globalen Ökonomie, der richtig gut wächst. Und im Tourismus wachsen die Kreuzfahrten am meisten. Es sind vor allem drei Gesellschaften, die den Markt kontrollieren: MSC, Carnival und Royal Caribean. Sie haben eine starke Lobby und damit gewiss auch Einfluss auf die Meinungsbildung der Politik.

SPIEGEL: Auch die Bürgermeister, die die Venezianer ja selbst wählen, haben wenig getan, um das Problem zu lösen.

Da Mosto: Venedig ist sehr heterogen: Ein Viertel der Bevölkerung wohnt in der alten Lagunenstadt, drei Viertel auf dem Festland zwischen Mestre und Marghera. Diese Mehrheit bestimmt die Politik. Deshalb heisst die Devise meistens: die Altstadt auspressen wie ein Zitrone, um Geld für die Gesamtstadt, vor allem für die auf dem Festland, zu haben.

Kreuzfahrtschiff in Venedig: "Grenze des Erträglichen"
Miguel Medina/ AFP

Kreuzfahrtschiff in Venedig: "Grenze des Erträglichen"

SPIEGEL: Aber auch der organisierte Protest hat bislang zwar viel Aufsehen erregt aber wenig ändern können.

Da Mosto: Ja, unser Protest hat große Resonanz gefunden, vor Ort wie weltweit. Aber mag es noch so richtig und ehrenwert sein, was wir wollen, es hat bislang kein politisches Gewicht. Trotzdem werden wir nicht aufhören!



insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
spon_2513064 11.08.2019
1. Diese Schiffe müssen weg,
nicht nur in Venedig. Sie sind ein Desaster was Umweltschäden und Ausbeutung angeht.
Jochenberlin 11.08.2019
2. Kleinere Schiffe - wie blauäugig!
Kreuzfahrtschiffe werden in erster Linie nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten gebaut und nicht nach den Aspekten einer einzigen Destination. Also kann die Lösung nur heißen: gar keine Stops mehr von Kreuzfahrtschiffen in Venedig. Kompromisse sind hier nicht möglich! Und es wäre das Beste für die Stadt.
claus7447 11.08.2019
3.
Zitat von JochenberlinKreuzfahrtschiffe werden in erster Linie nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten gebaut und nicht nach den Aspekten einer einzigen Destination. Also kann die Lösung nur heißen: gar keine Stops mehr von Kreuzfahrtschiffen in Venedig. Kompromisse sind hier nicht möglich! Und es wäre das Beste für die Stadt.
Ich zitiere mal aus dem Spiegel+ Artikel Der Kreuzfahrthafen (von Venedig) wird von einer Aktiengesellschaft betrieben, die maßgeblich dem amerikanischen Carnival-Cruise-Konzern und anderen Kreuzfahrtgesellschaften gehört. Bis zu zehn Schiffe können dort gleichzeitig festmachen
syracusa 11.08.2019
4. Venedig: Disneyland-Kopie seiner selbst
Venedig existiert schon lange nicht mehr. Es wurde ersetzt durch eine Disneyland-Kopie seiner selbst.
Maulverbot 11.08.2019
5. Alles muss weg,
Zitat von spon_2513064nicht nur in Venedig. Sie sind ein Desaster was Umweltschäden und Ausbeutung angeht.
erst die Autos, dann die Flugzeuge, die Schiffe, der Holzkohlegrill, die Ölheizung, Wachskerzen, Rindviecher, Haustiere, Heizpilze. ...Wir müssen an unsere Kinder und Enkelkinder und an deren Kinder und ....denken. Wir müssen müssen müssen.
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