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Venedig: Weltkulturerbe im Ausverkauf

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Auswüchse des Massentourismus in Venedig La Serenissima und die Seeungeheuer

Venedig droht der Kollaps. Nun sollen die riesigen Kreuzfahrtschiffe verbannt werden, die jeden Tag Tausende Passagiere abliefern. Aber damit sind die Probleme der Lagunenstadt noch lange nicht gelöst.

Am Piazzale Roma, dort, wo alle Fahrzeuge vom Festland zum Zwangsparken verurteilt sind, beginnt die schönste autofreie Zone der Welt. Nachdem man für ein Vaporetto-Ticket Schlange gestanden und 7,50 Euro für die Fahrt auf dem Canal Grande bezahlt hat. Und sofern man nicht unter Platzangst leidet. Denn der Wasser-Bus, der einen quer durch Venedig trägt, vorbei an den schönsten Palazzi der tausendjährigen Stadt, ist voll. Wirklich voll. Gerammelt voll. Und leert er sich an den Haltestellen mit touristischen Highlights, füllt er sich an Ort und Stelle gleich wieder.

Es ist ein Montag, Ende Oktober, kein Karneval, keine Regatta. "Aber Ferien in Bayern", erklärt der Hotelportier. Und fügt nach kurzer Pause dazu: "Na ja, irgendwo sind immer Ferien oder Feiertage. Venedig ist eigentlich immer völlig überlaufen."

Jährlich wird die kleine Stadt, die einst auf 118 künstlichen Pfahlinseln in die Lagune gesetzt wurde, von mehr als 30 Millionen Touristen eingenommen. Geschätzt. Exakte Zahlen gibt es nicht. Viele Besucher fahren abends zurück aufs Festland, um dort deutlicher billiger zu übernachten. Andere quartieren sich bei einem der illegalen oder halblegalen "Bed and Breakfast"- oder "Rooms"-Anbietern ein. Oder sie kommen und schlafen in einem der riesigen Kreuzfahrtschiffe, vielstöckig, bis zu 300 Meter lang. Diese Seeungeheuer setzten im vorigen Jahr etwa 1,6 Millionen Passagiere für einen Tag, oder auch nur einen halben, in Venedig ab. Wenn solche Massen durch die engen Gassen Richtung Markusplatz drängen, dann müssen Polizisten den Fußgängerstrom lenken und leiten, sonst liefe da gar nichts mehr.

Und wenn die schwimmenden Bettenburgen selbst sich durch den Kanal von Giudecca schieben und vor dem Markusplatz verharren, damit die Passagiere an Deck und in den Außenkabinen schöne Fotos schießen können, dann wird es dunkel am weltberühmten Campanile - und bedrohlich.

"Overtourism" gegen "Erbstück der Menschheit"

"Basta! Es reicht!", protestieren viele der allenfalls noch 50.000 verbliebenen Venezianer seit Langem gegen die touristische Besatzung ihrer Stadt. Im Sommer 2016 forderte sogar die Unesco, die für Bildung, Wissenschaft und Kultur zuständige Organisation der Vereinten Nationen (Uno), Notmaßnahmen gegen den "overtourism", wie Fachleute die Besucherflut nennen. Andernfalls riskiere Venedig, den Titel "Weltkulturerbe" zu verlieren und käme auf die schwarze Liste der "gefährdeten Erbstücke der Menschheit". Das würde das touristische Image der Lagunenstadt schwer treffen, mit vermutlich herben wirtschaftlichen Einbußen.

Solche Aussicht schreckte sogar die Politik auf. Man müsse die Besucherzahl begrenzen, schlug sich Luca Zaia, Präsident der Region Venetien, auf die Seite des Protestes und forderte "Zugang nur noch nach Voranmeldung". Wie das gehen soll, blieb freilich vage.

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Venedig: Weltkulturerbe im Ausverkauf

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Venedig-Verbot für Dickschiffe ...

Die Regierung in Rom hatte, geschockt durch die Costa-Concordia-Katastrophe vor der Insel Giglio, schon im Januar 2012 großen Schiffen die Einfahrt in die Lagune verbieten wollen. Denn ein vergleichbares Unglück hätte katastrophale Folgen für die Stadt und das Ökosystem drumherum. Doch die Reedereien klagten dagegen, und weil Rom ihnen keine Alternativen bieten konnte, kippte ein Verwaltungsgericht den Regierungsbeschluss. Dabei bedroht schon der unfallfreie Normalverkehr der Schiffsriesen die Stabilität der Häuser, die Ökologie der Lagune, die Schönheit einer einzigartigen Verbindung von Wasser und Land.

Letzten Dienstag gab es einen neuen Anlauf. Das römische Verkehrsministerium beschloss gemeinsam mit Vertretern der Kommune und der Region, die Passage um Venedigs Altstadt für Schiffe mit über 55.000 Tonnen zu sperren. Solche Kolosse sollen künftig eine andere Route durch die Lagune nehmen, Venedigs alten Kern umgehen, südlich der Insel Giudecca zum weniger glamourösen, eigentlich eher schaurigen Industriestandort Marghera am Festland fahren.

... ab 2021 oder auch später

Dafür muss dort allerdings erst ein neuer Kreuzfahrt-Terminal gebaut werden. Das soll drei bis vier Jahre dauern. Nur wenn viele der Beteiligten eigentlich gar nicht Kurs auf Marghera nehmen wollen, kann es womöglich noch viel länger dauern. Unendlich viel länger.

Denn der Streit geht im Kern nicht um Touristen, nicht um Venedig, nicht um die Lebensqualität der Venezianer. Sondern um Geld, sehr viel Geld.

Allein die Kreuzfahrtschiffe, sagt man, genaue Zahlen gibt es auch dafür nicht, brächten der Stadt jährlich 500 Millionen Euro. Und wer durch die Gassen rund um den Markusplatz schlendert und dort alle Top-Modelabels der Welt in den Schaufenstern der Nobelboutiquen sieht, wer die Speisekarten der Restaurants oder die Zimmerpreise der Hotels anschaut, bekommt zumindest ein ungefähres Gefühl dafür, um wieviel Geld es hier wirklich geht.

Einer, der das begriffen hat, ist der seit 2015 amtierende Bürgermeister der "Serenissima" ("Die Durchlauchtigste"), wie die uralte, fragile Stadt im Meer seit Jahrhunderten genannt wird, Ex-Unternehmer Luigi Brugnaro. Er versprach, "neue Arbeitsplätze zu schaffen", während die anderen, die Umwelt- und Stadtschützer nur "Arbeitsplätze zerstören" wollten und deshalb "Nein sagen, zu den Kreuzfahrtschiffen und allem anderen". Seine Erfolgsbilanz: noch mehr Hotels, Restaurants und Imbissbuden. "Und noch weniger Wohnraum für die Venezianer", sagen seine Gegner.

Kanalblick für die Weihnachtstage

Logisch. Niemand vermietet Wohnraum an normalverdienende Venezianer, wenn der Tourist ein Mehrfaches zahlt. Eine Winzwohnung in Ca' Ruggero, mit 4 Betten, bringt in diesen Tagen 140 Euro pro Nacht, auf 30 Tage umgerechnet also 4200 Euro. Welcher Lohnempfänger sollte das bezahlen? Ein kleines dunkles Apartment in Dorsoduro kostet für eine Person 80 Euro die Nacht. Billig für den Touri. Umgerechnet auf den Monat: 2400 Euro. Für die Friseuse unbezahlbar.

Die Nachfrage ist groß. Bei Airbnb suchen "gerade", nach deren Internet-Info, über 1000 Leute eine Unterkunft.

Große Wohnungen in alten Palazzi, womöglich mit Terrasse und Kanalblick, sind nie leer, egal was sie kosten. Eine Filmdiva, ein Fußballer, ein Scheich oder ein russischer Magnat sucht bestimmt gerade eine standesgemäße Bleibe für Weihnachten.

Kellner, Verkäuferinnen, Handwerker oder Gondolieri müssen eben draußen wohnen, in Mestre oder Marghera, den "hässlichen Schwestern" Venedigs, wie man dort sagt.

Düstere Aussichten für das Weltkulturerbe

Auch die weiteren Aussichten für Geschäftemacherei sind positiv. Aus Ländern wie China, Russland, Brasilien drängen immer mehr Touristen auf den europäischen Urlaubskontinent. Eines ihrer Top-Ziele ist Venedig.

In den traditionellen Herkunftsländern für Massentourismus steht der Großraum Norditalien aus anderen Gründen hoch im Kurs. Denn Verona, Padua oder Venedig sind sichere Ziele. Viele andere einstige Traumorte im Nahen und Fernen Osten, in Teilen Afrikas und Südamerikas gelten vielen Menschen in Zeiten von Terror und Krieg als viel zu unsicher. Der Venedig-Boom, sagen die Experten, wird also anhalten.

Armes Venedig.