Waadtländer Jura Wenn Langläufer träumen

Im sanft gewellten Waadtländer Jura im äußersten Westen der Schweiz geht es noch beschaulich zu. Schneeschuhwanderer steigen durch unberührte Winterlandschaft auf, Langläufer finden Hunderte Kilometer Loipen vor.


Sainte-Croix - Friedliche Stille in einer unberührten Winterlandschaft und grandiose Aussichten - das ist der Lohn einer schweißtreibenden Schneeschuhwanderung im Waadtländer Jura. Mit ihrem rauen, schneesicheren Klima eignen sich die Hochebenen im äußersten Westen der Schweiz für alle, die jenseits hektischer Pisten auf Schneeschuhen oder Langlaufskiern sanften Wintersport suchen.

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Sanfte Hügellandschaften: Waadtländer Jura

Gletscher, ewiger Schnee und schroffe Alpengipfel prägen gemeinhin das Bild der Schweizer Berge. Doch auch das Juragebirge mit seinen schmalen, lang gezogenen Bergen, die zu einem beachtlichen Teil bewaldet sind, hat einen besonderen Charme. Der Schweizer Teil erstreckt sich 200 Kilometer weit im Bogen von Saint-Cergue nahe des Genfer Sees bis fast nach Schaffhausen.

Schluchtartige Quertäler, sogenannte Klusen, oder mit Baumgruppen durchsetzte Wiesentäler werden von dunklen Tannenwäldern oder kargen Höhen abgelöst. Die Kelten nannten die stark gefaltete Kalksteinkette "Jor", was Waldland bedeutet. Die Bergrücken belohnen mit spektakulären Fernsichten auf das zu Füßen liegende Mittelland bis hin zu den sich dahinter auftürmenden Alpen und über die sanft gewellte Hügellandschaft des Juras selbst.

Schweizer Präzision und französischer Lebensart

Im Laufe der Jahrhunderte war das Gebirge oft Schutzwall für die Eidgenossenschaft. Lange politisch in mehrere Regionen geteilt, wird auch heute noch vom Waadtländer, Neuenburger, Berner, Solothurner und Basler Jura gesprochen. Im Waadtländer Jura entlang der Grenze zu Frankreich zwischen Saint-Cergue und Sainte-Crox sowie im Vallée de Joux verbinden sich eidgenössische Genauigkeit und französische Lebensart. Am Südfuß des Gebirges liegen zwei große Seen: Lac Leman und Lac de Neuchatel, wie hier in der französischsprachigen Schweiz der Genfer und Neuenburger See genannt werden. Von ihren Ufern führen auch im Winter gut befahrbare Wege in kurzer Zeit in den Schnee.

Im äußersten Südwesten der Schweiz: Die Berge des Waadtländer Jura sind von Genf, Nyon und Yverdon-les-Bains aus zu erreichen
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Im äußersten Südwesten der Schweiz: Die Berge des Waadtländer Jura sind von Genf, Nyon und Yverdon-les-Bains aus zu erreichen

Das Gebiet, dessen höchste Erhebung - der Mont Tendre im Vallée de Joux - gerade mal auf 1679 Meter führt, ist weit davon entfernt, überlaufen zu sein. In den wenigen kleinen Orten geht es beschaulicher zu als an den Ufern des Genfer Sees. Der Schneewanderer oder Langläufer in der winterlichen Weite begegnet selten jemandem. Allerdings kommt Schnee in der Regel erst spät im Jahr und verschwindet früh im Frühling. Doch die Wolken, die sich in den Hügelketten fest hängen, bringen oft erstaunliche Schneemassen mit sich, und in den Tälern kann es empfindlich kalt werden.

Von Nyon am Genfer See, das auf den Fundamenten der ersten römischen Siedlung auf helvetischem Böden steht, führen die rot-orangen Schmalspurwagen der Nyon-St-Cergue-LaCure-Bahn (NSTCM) ins Schneevergnügen. Das 15 Kilometer entfernte Feriendorf Saint-Cergue ist das Tor zu einem großen Skigebiet. Neben 120 Kilometern gespurten Langlaufpisten gibt es auch ein Alpin-Ski-Areal, sogar für Nachtfahrten. Seit das 1678 Meter hohe Dole-Massiv mit dem französischen Jouvencelles-Massiv verbunden ist, können die Landesgrenzen von den Pistenläufern problemlos überschritten werden.

Nächtliche Schneeschuh-Wanderung

Am Abend lässt der Vollmond den Neuschnee leuchten. Nicht einmal die Stirnlampe der Wanderführerin Barbara Reitz ist nötig, um auf Schneeschuhen den Weg von der auf rund 1200 Meter gelegenen Bergstation La Givrine zur Berghütte La Genolière zu finden. Ein junger Bordercollie ist immer dabei, wenn die Schweizerin Gruppen durch den Jura führt. Er tollt vor den dick besohlten Nachtschwärmern herum, die selbst bei minus zwölf Grad ins Schwitzen kommen.

Nordamerikanische Trapper und Inuit aus Alaska schnallten sich als Erste mit Schnüren bespannte Holzrahmen unter ihre Schuhe, um möglichst Kraft sparend über verschneite Flächen zu gehen. Auch die Almbauern wussten die tellergroßen Untersetzer zu schätzen. "Wer laufen kann, kann auch mit Schneeschuhen wandern", sagt Barbara Reitz. Selbst steile Hänge seien damit trittsicher zu bezwingen, ohne abwärts ins Gleiten zu kommen. Doch Wandern auf Schneeschuhen ist anstrengend und verlangt Kondition, auch wenn die modernen Varianten aus leichtem Hightech-Material bestehen. Empfehlenswert sind Stöcke, die unterwegs für Stabilität sorgen.

Tief geduckt unter Schneebergen ist die Hütte von weitem kaum zu sehen. Kein Licht ist zu sehen, das darauf hinweist, dass gemischtes Käsefondue aus Gruyère und Freiburger Vacherin drinnen auf die Wanderer wartet. Vor der Hütte steht Schneeschuh an Schneeschuh, Langlaufski an Langlaufski. Kaum in der Kälte, ist die wohlige Müdigkeit nach dem Essen schnell vergessen.

Bären, Bisons und Wölfe

Das Waadtländer Jura ist eines der größten Langlaufgebiete der Schweiz. Mehr als 200 Kilometer gespurte Loipen führen rund um den Lac de Joux, Lac Brenet und Lac de Ter im 30 Kilometer langen Vallée de Joux im Südwesten von Vallorbe. Flankiert von den Höhenzügen des Mont Tendre und Mont Risoux, sorgt das Mikroklima dafür, dass der auf rund 1000 Meter gelegene Lac de Joux nicht selten gänzlich zufriert.

Auf halbem Weg von Vallorbe ins Tal lohnt ein Halt im Juraparc Mont d'Orzeires. Überragt vom majestätischen Dent de Vaulion werden in dem Freigehege Bären, Wölfe und eine Herde Bisons gehalten. Bären und Wölfe waren vor längerer Zeit bereits in der Gegend heimisch. Davon zeugen Flurnamen wie "La Gouille à l'Ours" (Bärentümpel), "La Combe à l'Ours" (Bärental) und "Mont d'Orzeires" (Bärenberg).

Von Yverdon-les-Bains am Südende des Neuenburger Sees führt eine spektakuläre Bahnfahrt vom Waadtländer Mittelland in weitere schneebedeckte Höhen nach Sainte-Croix. Die Schmalspurbahn fährt erst durch Wiesen und Felder und steigt dann auf einer Panaromastrecke gemächlich den Jurafuß hoch. Der kleine Industrieort Sainte-Croix und das Nachbardorf Les Rasses liegen auf dem sogenannten Balkon des Juras. Wer auf Schneeschuhen oder Tourenskiern von Les Rasses den 1607 Meter hohen Le Chasseron erklimmt, dem eröffnet sich beim Anstieg auf den Gipfel eine überwältigende Sicht von den Savoyer Alpen mit dem Mont-Blanc-Massiv bis hin zum Säntis. Die beinharte Mühe wird im gut besuchten Gipfelrestaurant mit Rösti und köstlichem Vacherin Mont d'Or, einer regionalen Weichkäse-Spezialität, belohnt.

Von Heidemarie Pütz, gms



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