Walpurgisnacht im Harz Schwefelduft am Blocksberg

Pünktlich zur letzten Aprilnacht finden sich Gehörnte und Besenreiter im Harz ein. Es ist Walpurgis - und auf dem Brocken ist die Hexe los. Tausende Besucher aus ganz Deutschland verwandeln die sonst so verschlafene Region in einen Hexenkessel.


Schierke - Man tanzt, man schwatzt, man trinkt, man liebt; nun sag' mir, wo's was Bessres gibt? So etwa fragte Mephisto Goethes Faust auf dem Blocksberg. Spätestens seit der Dichter den Hauptsitz der Walpurgisnacht auf den Brocken verlegte, locken Hexenkult und höllisches Treiben alljährlich Tausende Besucher zum 30. April in den Harz.

Brockenhexe: "Nun sag' mir, wo's was Bessres gibt?"
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Brockenhexe: "Nun sag' mir, wo's was Bessres gibt?"

In 35 Harzorten ist zu Walpurgis der Teufel los - vor allem in Schierke am Fuße des Brocken, der schon in der Literatur des 17. Jahrhunderts als Blocksberg bezeichnet wurde. Von Schwefelduft und Schellenklang an der Schwelle zum Monat Mai profitieren Gastronomie und Hotellerie im sonst so idyllischen Kurort. "Eine bessere Werbung können wir kaum haben", freut sich Rüdiger Ganske. Allerdings hat der Bürgermeister von Schierke alle Hände voll zu tun, möglichen Schaden von der Umwelt abzuhalten.

Gleich am nördlichen Ortsrand beginnt der Nationalpark Hochharz, einer von 13 in Deutschland. 89 Quadratkilometer unverwechselbare Mittelgebirgslandschaft mit Wäldern und Mooren und Fließgewässern wurde hier unter Schutz gestellt. Auch außerhalb des Hexenspektakels hat sich der Kurort im Tal der Kalten Bode als Tourismusmagnet etabliert. Schließlich ist Schierke ein günstiger Ausgangspunkt für Wanderungen etwa zum Brockengipfel, der sich zu Fuß in etwa zwei Stunden erreichen lässt.

Dichte Wälder, romantische Seen

Hexe in Schierke: Schwefelduft und Schellenklang
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Hexe in Schierke: Schwefelduft und Schellenklang

Wild-romantisch mit schroffen Felsklippen präsentiert sich der Brocken, mit 1142 Metern höchster Berg Norddeutschlands, und "Hausberg" Schierkes. Scheinbar lose übereinander gewürfelte Granitblöcke, die Reste der letzten Eiszeit, säumen die Wege. Unglaublich dichte Wälder, romantische Seen und wilde Bäche, die auf über 120 Kilometer gut ausgeschilderten Wanderwegen - darunter ein Naturlehrpfad rund um den Ort - zu erobern sind, machen den Harz zum Erlebnis.

Auch der "Harzer Hexenstieg", der quer durch den Harz verläuft, berührt Schierker Gebiet auf dem Brocken, sowie den Glashüttenweg in Richtung Drei-Annen-Hohne. Der mit der Besenreiterin gekennzeichnete Wanderweg erstreckt sich auf annähernd 100 Kilometern von Osterode über den Brocken nach Thale. Thale mit Hexentanzplatz auf dem Brockengipfel und der berühmten Rosstrappe, deren Vertiefung eine Opferschale darstellt und eine wichtige germanische Kultstätte war, ist sicher das zweitwichtigste Zentrum der Walpurgisnacht.

Walpurgisfeier in Goslar: Um Mitternacht endet das höllische Treiben mit einem Feuerwerk
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Walpurgisfeier in Goslar: Um Mitternacht endet das höllische Treiben mit einem Feuerwerk

Mitunter wird der Besenritt durch eine Fahrt mit der über 100 Jahre alten Brockenbahn ersetzt. Der denkmalgeschützte Schierker Bahnhof, der in 15 Minuten über die Bahnhofstraße zu erreichen ist, hat Anschluss an die Brockenbahn, die von Wernigerode und anderen Stationen bis zum Gipfel fährt. Auch der Rundweg durch den Nationalpark beginnt an der Brockenstation der Harzer Schmalspurbahn. Auf den geführten Exkursionen ist manch kurzweilige Geschichte über den Berg, seine Vergangenheit und Vegetation oder die regionale Kulturgeschichte und nicht zuletzt über die Brockenhexen zu erfahren. Der Zug lässt die Baumgrenze hinter sich und erreicht zwar keine olympischen Bestleistungen, dafür eine andere Bestmarke: den höchstgelegenen Schmalspurbahnhof in Deutschland bei einer Marke von 1125 Meter über dem Meer.

Brocken als Abenteuer

Ein Eldorado für Naturfreaks also, nicht nur für Hexen. Die landschaftliche Idylle des Hochharzes wurde schließlich schon von Heine in seiner "Harzreise" bedichtet und natürlich von Goethe. Die "Walpurgisnacht" ist lediglich der Auftakt in die Sommersaison. Dabei zieht das Festprogramm mit Gauklern und Geistern und all dem Hexenvolk die Menschen ebenso in den Bann wie die Goethesche Inszenierung an Teufelskanzel und Hexenaltar. Das Treiben endet stets mit dem diabolischen Feuerwerk um Mitternacht. Ob aktiv dabei in zünftiger Verkleidung oder nur als neugierige Zuschauer, so richtig interessiert es keinen mehr, warum gerade hier und was eigentlich gefeiert wird. Der Ursprung der Walpurgisnacht führt viel zu weit in die Vergangenheit - ins Vorchristliche, als auf dem Brocken wie im Harz überhaupt wichtige Kult- und Opferplätze lagen.

Drei Walpurgis-Besucherinnen: In 35 Harzorten ist die Hexe los
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Drei Walpurgis-Besucherinnen: In 35 Harzorten ist die Hexe los

Als Dichterfürst Goethe den Brocken bestieg, war das noch ein gefährliches Abenteuer. Doch bald kam das Brockenwandern in Mode. Schon 1800 konnte Brockenwirt Gerlach in seinem Gasthaus 1000 Gäste begrüßen. Eine Zahl, über die Bürgermeister Ganske angesichts tausender Hexen nur schmunzeln kann. In welchem Kostüm er sich unter das illustre Volk mischt, bleibt ein Geheimnis.

Von Cornelia Höhling, ddp



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