Wandern auf Mallorca Auf Pfaden von Postboten und Erzherzogen

Das Wanderwegenetz von Mallorca ist schwer zu durchschauen: Sporadisch oder gar nicht ausgeschildert, verlieren sich die Pfade oft im Unterholz oder auf Privatgrund. Einfach ist es, den Spuren der Briefträger und des Habsburger Erzherzogs Salvator zu folgen


Verwunschener Berg: Auf dem Weg zum Gipfel des Galatzó (1025 Meter)
DPA

Verwunschener Berg: Auf dem Weg zum Gipfel des Galatzó (1025 Meter)

Galilea - Der wahre König von Mallorca lebt in den Bergen der Tramuntana und presst Orangen. Schon 250 Meter über dem Dörflein Llucalcari ist die gefühlte Entfernung zum Ballermann 6 so groß wie zum Mann im Mond. Der Wind jault, eine Bergziege meckert im Gesträuch, keine Menschenseele ist in Sicht. Nur ein kleines Haus hinter Hecken zeugt von Besiedlung. Darin bieten Jaume Coll und seine Frau Antonia frischen Fruchtsaft und Mandeln an.

Die beiden wohnen in dem so genannten Posada-Landsitz von Jaume I. von Aragón und Katalonien. Der König eroberte die Balearen im 13. Jahrhundert von den Arabern. Für heutige Finca-Verhältnisse ist der Grundriss der Posada bescheiden, ihr Steinfußboden stammt noch aus des Königs Zeit. Das Haus ist für die Wanderer, die dem alten Briefträgerweg vom Örtchen Deià nach Port de Sóller folgen, aber eine willkommene Raststätte.

Ganz stimmt es mit der Einsamkeit in mallorquinischen Höhen nicht mehr: Immer mehr Inselreisende entdecken das Bergwandern. Auf dem alten Postpfad trifft man bei schönem Wetter oft auf Gleichgesinnte. Doch je höher hinaus man strebt, desto einsamer wird es.

Wer glaubt, Mallorcas Binnenland auch im Leihwagen in Ruhe erkunden zu können, wird sich vor allem in Frühjahr und Herbst schnell im Autostau wiederfinden. "Mallorca hat durch niedrige Mietwagenpreise inzwischen eine hohe Verkehrsdichte", warnt der seit zwölf Jahren auf der Insel lebende deutsche Wanderführer Frank Mittelbach.

Hauptwandergebiete sind der Westen und der Nordwesten, wo sich die mächtige Serra de Tramuntana erhebt. Eine komplette Inselumrundung ist nicht möglich: "Viele Gebiete entlang der Ostküste sind unzugänglich oder in Privatbesitz", sagt Mittelbach.

Abseits von überfüllten Stränden und Ballermann 6: Die Schlucht Torrent de Pareis nahe Sa Calobra an der Westküste
GMS

Abseits von überfüllten Stränden und Ballermann 6: Die Schlucht Torrent de Pareis nahe Sa Calobra an der Westküste

Dennoch sind zahlreiche Touren möglich . Die Gipfel der Tramuntana, etwa der Puig des Teix, sind mehr als 1000 Meter hoch; der höchste, der Puig Major, erreicht sogar 1445 Meter. Gutes Schuhwerk, Trittfestigkeit, Sonnencreme, Regenschutz und ausreichend Wasser sind auch auf Mallorca Voraussetzungen, wenn es in die Berge geht. Denn was malerisch im Tal beginnt, kann sich zu einer steilen Klettertour auf schmalen Pfaden entwickeln, bei der auch schon einmal ein Geröllfeld zu überwinden ist.

Der Kletterer wird für seine Mühen nach fast jeder Wegbiegung mit einem neuen grandiosen Blick aufs Meer belohnt. Die Wellen glitzern in der Ferne, und das Wasser spielt mit dem ganzen Repertoire des Tuschkastens - von karibischem Türkis bis zu dunkelstem Marin. Ein Vorteil der Insel: Man kann sich nicht wirklich verlaufen. Doch auch das sollte Anfänger nicht zu Übermut reizen. Viele Wege sind nur sporadisch oder gar nicht ausgeschildert, verlieren sich im Unterholz oder auf privatem Grund. Die seit 2002 erhobene und demnächst vermutlich wieder abgeschaffte so genannte Ökosteuer, die dem Schutz der Natur und einem "sanfteren" Tourismus dienen soll, hat zur Renaturierung einiger Küstenstriche und dem Ausbau des Radwegenetzes geführt.

Auf die Wanderinfrastruktur in der Tramuntana hat sie sich aber noch nicht spürbar ausgewirkt. Wer sich nicht zutraut, mit Karte und gutem Orientierungssinn seinen Weg allein zurückzufinden, sollte sich einem ortskundigen Führer anschließen.

Neben den alten Briefträgerpfaden gibt es auch den Weg eines Edelmanns aus Wien. Ludwig Salvator, Erzherzog von Habsburg und Lothringen, hatte sich im 19. Jahrhundert auf Mallorca niedergelassen. Sein Reitweg rund um Valldemossa gilt als einer der schönsten Wanderwege des Eilands. Von Salvator, auf Mallorca Salvador genannt, stammt auch das Landschlösschen Son Marroig an der Küste zwischen Valldemossa und Deià. Das Schlösschen kann besichtigt werden.

Nicht nur für den Briefträger eine Belohnung: Am Ende des alten Postpfades, der in Deiá startet, haben Wanderer einen schönen Blick auf Port de Sóller
GMS

Nicht nur für den Briefträger eine Belohnung: Am Ende des alten Postpfades, der in Deiá startet, haben Wanderer einen schönen Blick auf Port de Sóller

Ein anderes Wandererziel ist der Galatzó: 1025 Meter hoch, einsam und verwunschen. Abergläubische Mallorquiner meiden den Berg aus Angst, dort Geistern zu begegnen. Er ist gut von Galilea aus erreichbar, mit 560 Metern das höchste Dorf der Insel. Nach einem Frühstück in der Bar Galilea geht es zunächst durchs Unterholz in die Höhe bis auf etwa 900 Meter. Wer dann auch noch auf den Gipfel will, sollte eine weitere Stunde veranschlagen.

Ansonsten führt der Weg weiter nach Estellencs, das nach insgesamt viereinhalb Stunden erreicht ist. Luftlinie beträgt die Distanz zwischen Galilea und Estellencs nur fünf Kilometer. Dass fünf Kilometer auf Mallorca manchmal ganz schön weit sein können, weiß der faulenzende Strandurlauber genauso wie der Bergwanderer.

Von Frank Rumpf, gms



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.