Bucht Fomm ir-Riħ auf Maltas Westseite: Wandern mit Meerblick
Bucht Fomm ir-Riħ auf Maltas Westseite: Wandern mit Meerblick
Foto: Christoph Jorda

Wandern auf Malta Touristen ausdrücklich erwünscht

Malta öffnet sich bald wieder für Urlauberinnen und Urlauber. Wer hier die meiste Zeit beim Wandern verbringt, kann das Corona-Risiko minimieren – und bekommt noch einen Rabatt.
Von Stephan Orth und Christoph Jorda (Fotos)

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Es gibt schönere Arten, mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert zu werden, als fast in ein 5600 Jahre altes Grab zu plumpsen. Aber Geländer an Gefahrenstellen sind für Weicheier, und die Malteser sind vieles, aber keine Weicheier. Zumindest, wenn man die Zahl raumgreifender Tattoos auf den Körpern der Einheimischen als Maßstab nimmt. Gerade spaziert eine Hundebesitzerin vorbei, die sich ein wadengroßes Bildnis von Maria mit Jesuskind aufs Bein stechen ließ.

Ich blicke mich um und sehe die Landespuren eines Ufos und dahinter eine sandfarbene Neubausiedlung. Am Wegesrand wächst Haschisch, so weit das Auge reicht. Wenn ich mich um 90 Grad drehe, kommen ein Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg und eine Trutzburg aus dem Mittelalter ins Blickfeld. Am Horizont rauscht gleichgültig und ewig das Meer.

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Malta: Steile Küsten, azurfarbenes Wasser

Foto: Christoph Jorda

Okay, Ufo und Haschisch muss man erklären. Ersteres ist nur eine von mehreren Theorien, wie vor Jahrtausenden die mysteriösen »Cart Ruts« ihren Weg in den maltesischen Steinboden fanden. Zwei tiefe Furchen, exakt 1,42 Meter voneinander entfernt, je 30 bis 60 Zentimeter tief. Als wäre ein Kleinwagen mit schmalen Reifen durch nassen Lehm gefahren.

An vielen Stellen auf der Insel sieht man diese Linien, bis heute sind sie Archäologen ein Rätsel. Die seriöseren unter ihnen vermuten, dass hier in der Bronzezeit schwere Dinge über den damals weichen Boden gezogen wurden. Oder dass es sich um eine Art von Bewässerungssystem handelt. Aber so genau weiß es niemand.

»Haxix« dagegen – das maltesische »x« wird wie »sch« gesprochen – ist hier die Bezeichnung für alles Gemüse und Grünzeug. Und interessantes Grünzeug gibt es reichlich auf der Sonneninsel im Mittelmeer, irgendwo im blauen Nichts zwischen Sizilien, Tunesien und Libyen.

Lock-Rabatte für Urlauber

Ab Anfang Juni wollen Malta, Gozo und Comino wieder für Touristen öffnen. Wer geimpft ist oder ein aktuelles negatives Testergebnis vorlegen kann, darf einreisen. Die Regierung investiert 20 Millionen Euro in Direkthilfen für lokale Unternehmen und Infrastruktur.

Mehr als drei Millionen gehen allein in Rabatte für Hotelübernachtungen, mit denen die Urlauber zurück gelockt werden sollen. Je nach Hotelklasse kann der Betrag zwischen 100 und 200 Euro liegen. »Malta bezahlt Touristen für ihren Besuch«, so klangen dazu die Überschriften in britischen Boulevardblättern.

Die Bemühungen sind nachvollziehbar, denn Tourismus ist der wichtigste Wirtschaftsfaktor der Inselgruppe. Und zuletzt lief es glänzend, zumindest zahlenmäßig. Jahr für Jahr kamen mehr, 2019 wurde mit 2,75 Millionen Besucherinnen und Besuchern ein Rekord erreicht. Dann kam die Pandemie, und 2020 waren es nur noch 670.000.

Die Voraussetzungen für den Neustart sind nicht ganz schlecht: eine abgeschottete Inselwelt mit hoher Impfquote, einer Sieben-Tage-Inzidenz von aktuell unter 50 – und viele schöne Wanderwege, um anderen Menschen aus dem Weg zu gehen. Einige davon habe ich mir auf dieser Reise – im Sommer 2019 – vorgenommen.

Auf keiner Tour kann man auf wenigen Kilometern so viele Spuren aus verschiedenen Epochen entdecken wie auf dem »Xemxija Heritage Trail«. Schon nach wenigen Metern auf einem steinigen Pfad zwischen Zirbelkiefern und Opunzien erreicht man den ältesten Johannisbrotbaum der Insel, rund tausend Jahre soll er alt sein. In alle Himmelsrichtungen breiten sich seine knorrigen Äste aus, in seinem Schatten herrscht wunderbare Ruhe.

Die Autos der Landstraße sind nur noch gedämpft zu hören. Hinter dem Baum befindet sich ein antikes Bienenhaus, dessen Eingang nahelegt, dass die alten Römer eher die Statur von Asterix als die von Obelix gehabt haben müssen. An einer Feuerstelle davor steht ein Warnschild, bloß keine Glut zurückzulassen, die Waldbrandgefahr ist im Sommer immens. Ein paar leere Dosen Strongbow liegen im Gras.

Bienen summen, das Haxix verbreitet Thymianduft, und die Aussicht auf die Hafenbucht mit ihren unzähligen weißen Booten wäre perfekt, hätte man hier vor einigen Jahren nicht den falschen Architekten mit dem falschen Budget ausgestattet, sodass nun weiße Plattenbauten die Riviera-Idylle stören.

Verlaufen kann man sich auf Malta nie

Malta ist eng besiedelt, fast 500.000 Menschen leben auf einer Fläche, die nur dreimal so groß ist wie Sylt. Der Platz ist begrenzt, ein großes Reizthema für viele Bürger sind deshalb wuchtige Neubauprojekte, die die Landschaft verschandeln. Auch die Staatsfirma Infrastructure Malta ist, um es einmal vorsichtig auszudrücken, nicht gerade für ihren Hang zu einem achtsamen Umgang mit der Natur bekannt.

Über Schotterwege zwischen Kapernbüschen und meterhohem Riesenfenchel erreiche ich die bereits genannten Steinzeitgräber, die als falltürgroße Löcher im Stein erhalten sind. Am Fels kleben ganze Trauben kleiner Schnecken, Salamander huschen über den Boden aus Globigerinenkalk.

Ich halte mich in Richtung Küste, so richtig verlaufen kann man sich auf Malta nie, weil fast immer Wasser zu sehen ist. Problematischer sind manche Privatgelände von Bauern oder die Posten der Vogeljäger, die Touristen und Touristinnen schon mal per Steinwurf vertreiben sollen, wenn die ihnen zu nah vor die Flinte spazieren.

»Viele Malteser verstehen nicht, was am Wandern reizvoll sein soll, sie bewegen sich lieber zwischen klimatisierter Wohnung und klimatisiertem Auto oder machen nur mal ein Picknick draußen«, sagt Jutta Leitz. »Wenn man nach dem Weg fragt, sind sie manchmal ziemlich irritiert, dass man 10 oder 15 Kilometer zu Fuß gehen will.«

Vor 26 Jahren kam sie her, der Liebe wegen, heute arbeitet sie als Führerin für Wandergruppen. Leitz liebt die Vielfalt an Wildblumen, am meisten Blüte erlebt man im März oder April. Auch Oktober und November sind gute Wandermonate, in denen die Wassertemperatur noch badetauglich ist. Im Sommer dagegen sind 35 oder gar 40 Grad nicht ungewöhnlich, schattige Stellen sind derartig rar, dass Leitz einen matt silbernen Regenschirm als Sonnenschutz dabei hat.

»Azure Window« kollabierte ins Meer

Am nächsten Tag nehmen wir morgens die Fähre zur Nachbarinsel Gozo und erreichen vom Ankunftsort Imgarr bald einen Küstenpfad zwischen Fischerbootlagern und den Geländewagen der Tauchsport-Anbieter. Die Wracks, Höhlen und Canyons an Spots wie »Blue Hole« oder »Cathedral Cave« zählen dank großer Sichtweiten für Unterwasser-Fans zum Besten, was Europa zu bieten hat.

Auf Berggipfel müssen Gozo-Wanderer verzichten, auf steile Abgründe dagegen nicht: Etwa 140 Meter tief stürzt die senkrechte Steilküste zum Meer. Nach einem Sicherungsgeländer kann man lange suchen, bei manchen Überhängen sollte man dem Untergrund nicht zu sehr vertrauen. Vor vier Jahren stürzte während eines Sturms das Wahrzeichen der Insel, das 20 Meter hohe Felsentor »Azure Window« im Westen.

Outdoor-Tipps für Malta: Wandern und Paddeln

Sensationell, wie viele Spuren aus verschiedenen Epochen man hier in kurzer Zeit besuchen kann. Vom Steinzeitgrab bis zum Weltkriegsbunker. Kann man als Kurzausflug in weniger als zwei Stunden machen, noch schöner wird es aber, wenn man anschließend noch eine Runde entlang der Küste dreht und schließlich am Selmun Palace aus der Zeit der Malteser-Orden ankommt.

Strecke: 8 Kilometer, 4,15 Stunden, 250 Höhenmeter, leicht

Noch erhalten ist dagegen eine weitere Kuriosität direkt nebenan, der »Fungus Rock«. Auf diesem Kalkbrockeneiland wächst der Malteserschwamm, Cynomorium coccineum, eine phallusförmige, nicht gerade wohlriechende Pflanze, der sowohl wundheilende als auch Viagra-verwandte Kräfte nachgesagt werden. »Das machte sie einst so wertvoll, dass sie einen eigenen Wachturm zugewiesen bekam, um das Handelsmonopol zu sichern«, sagt Leitz. Per Seilbahn schwangen sich die Pilzpflücker über das Meer, ihre Ware erfreute sich an europäischen Fürstenhäusern großer Beliebtheit.

Ein vergleichbar begehrtes Exportprodukt fehlt nun, deshalb ist der Fremdenverkehr so wichtig. Auf 2,2 Milliarden Euro bezifferte die Regierung die ausgebliebenen Einnahmen im Krisenjahr 2020.

Ein paar Webcams  zeigen Maltas Strände und Buchten. Ungewohnt ruhig geht es dort derzeit zu. Schon findet man online Kommentare von Einheimischen, die sich erfreut darüber äußern, mal von den »kotzenden Betrunkenen aus Großbritannien« verschont zu sein.

Vielleicht wäre dies tatsächlich ein guter Moment, manches anders zu machen als vorher. »Das alte Geschäftsmodell, das auf Massentourismus basiert, ist nicht länger nachhaltig für eine kleine, überbevölkerte Inseldestination«, schrieb ein Kommentator der »Times of Malta«  Anfang April.

Stephan Orth ist freier Autor des SPIEGEL; Christoph Jorda ist freier Fotograf. Ihre Reise wurde von Visit Malta unterstützt.

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