Salzburger Land Auf der Mussbachalm, da gibt's kein' Stress

Anita Grießner lebt die Hälfte des Jahres auf der Mussbachalm im Salzburger Land. Sie hält Kühe, Hühner, ein paar Schweine - und bewirtet Wanderer mit Quark, Brot und selbstgemachtem Honig. Und der Hochkönig thront über allem. Stress? Hier doch nicht!

imago

Von Helge Sobik


Meistens kommen die Ersten gegen zehn, wuchten die Wanderrücksäcke von den Schultern, nehmen auf den Holzbänken vor der Hütte Platz und lauschen in die Stille. Der Morgennebel ist dann bereits aus dem Tal verschwunden, die Sonne strahlt auf die Terrasse.

Die Bohlen der Terrasse knarzen unter den Schuhen. Ab und zu trägt der Wind das Glockengeläut der Kirche weit unten im Tal herauf, und eine der Kühe auf der saftigen Wiese muht in sieben Schritten Entfernung - um so vieles lauter, als mancher Städter dies bis dato für möglich hielt. Das ist so etwas wie ein Weckruf aus der Träumerei.

Ihr solarbetriebenes Radio hat Anita Grießner fast nur an, wenn keine Gäste da sind. Sie kommt ganz gut ohne aus, kennt es selber von klein auf, dass nur der Wind die Musik macht, nur die sechs Kühe, drei Schweine, ein paar Hühner und zwei Katzen den täglichen Klangteppich ausbreiten - und die Stimmen der Gäste auf der Terrasse.

Die meisten der Almbauern zu Füßen des Hochkönig-Massivs im Salzburger Land verdienen sich inzwischen etwas damit hinzu, Wanderer an zwei, drei Tischen vorm eigenem Sommerquartier am Hang zu verköstigen. Sie servieren selbstgebackenes Brot mit Quark und Kräutern, tischen ebenfalls hausgemachte Kräuterlimonade oder Tee auf und verkaufen Käse, Bonbons, Honig oder selbst gebrannten Schnaps oder Salben nach überlieferten Rezepturen.

Almen rund um den Hochkönig

Anita Grießner macht es auf ihrer Mussbachalm nicht anders. An manchen Tagen kommt keiner, an anderen sind nacheinander drei Dutzend Besucher da. Und am späten Nachmittag, wenn alle längst wieder ihren Wanderhotels im Tal entgegenstreben, hat sie ihre Ruhe zurück - und kümmert sich um die Tiere im Stall, sammelt Kräuter, rührt Salbe gegen Mückenstiche an.

Grießner ist in der Gegend geboren, ihre Kinder sind auf der Mussbachalm aufgewachsen. Sie mag sich auch heute kein anderes Leben vorstellen: "Im Frühjahr freue ich mich, wenn ich unseren Hof unten im Tal verlassen und endlich wieder mit ein paar Tieren herauf auf die Alm umziehen kann - und ebenso im Herbst, wenn es wieder hinunter geht."

Nur die Melkmaschine betreibt sie mit Solarstrom, alles andere muss ohne Elektrizität auskommen. Und auf einen Fernseher verzichtet sie nur zu gern: "Schließlich kann ich aus dem Fenster schauen." Aber eine E-Mail-Adresse hat sie: "Nur sage ich die keinem - weil ich sowieso nur im Winter ins Mail-Postfach schaue."

Über 70 bewirtschaftete Almhütten gibt es in der Region oberhalb der Orte Maria Alm und Hinterthal am Hochkönig, dessen Gipfel fast 2940 Meter hoch aufragt. Die meisten sind inzwischen über Wanderpfade oder Wirtschaftswege miteinander verbunden, viele Tagestouren ausgeschildert. Salzburg ist von hier aus etwas mehr als eine Autostunde, München gut zwei Fahrtstunden entfernt. Gefühlt sind beide Großstädte noch viel weiter weg. Und umgeben sind all die Hütten von einem Ring aus Fast-Dreitausendern.

Werner Schafhuber aus Hinterthal kennt hier jede Alm, fast jede Tanne, duzt sich mit den Murmeltieren. Ein halbes Leben lang hat er in der Region als Wanderführer gearbeitet. Wo es am schönsten ist? "Früher war mein Lieblingsplatz der Gipfel des Hochkönigs. 40-mal war ich oben. Heute finde ich es 2000 Meter tiefer schöner - mit Blick auf diesen Ring aus Bergen, auf diese Kulisse wie gemalt. Ich bin glücklich, die Berge von unten zu sehen."

Schnaps aus wilden Vogelbeeren

Was früher anders war? Damals, als er vor über 45 Jahren hierher zog? "Da war hier die Welt zu Ende." Heute gibt es die Straße durchs Tal, ein paar Hotels und Pensionen, sogar Seilbahnen und all die Wanderwege. Und Schnaps aus Vogelbeeren. Schnapsbrenner Siegfried Herzog aus Saalfelden verarbeitet körbeweise wilde Vogelbeeren, die sein pensionierter Vater zusammen mit Freunden in der Region von Maria Alm, Hinterthal und Saalfelden sammelt. Der Willams-Vogelbeere-Schnaps ist einer der Bestseller der Brennerei.

Herzog weiß aber auch genau, was auf welcher der Almen am besten gedeiht - und seinem Kräuterlikör das richtige Aroma verpasst. Von überall aus der Umgebung bekommt er die Ingredienzen seiner Schnäpse. Von Juli bis Dezember kommt er kaum zur Ruhe: Dann ist Brennbetrieb von 4 bis 22 Uhr, weil so viel Obst zur selben Zeit frisch hereinkommt. Und so viele Kräuter von den über 70 Almen - alles in allem ein paar Tausend Kilo im Jahr. Schmeckt der Schnaps nach dieser Region, nach Bergen und Weite? Der Brennmeister grinst: "Vor allem schmeckt er gut."

Neben den Wanderern schätzen unterdessen auch Murmeltiere die Region wieder. "Früher waren sie überall hier", erinnert sich Wanderführer Schafhuber. "Dann wurden sie über die Jahre immer weniger, waren plötzlich so gut wie verschwunden." Aber jetzt sind sie zurück - vor allem auf der Enzenalm: "Dort sind die meisten, hocken auf der Wiese und beobachten aufmerksam den Wanderweg."

Anita Grießner hat auch bereits wieder welche gesehen - auf ihrer Mussbachalm. Wer ganz früh loswandern mag, noch bei Dunkelheit, der kann sogar herausfinden, wie ein Tag auf ihrer Alm beginnt: mit Vogelgezwitscher in der Dämmerung, mit einem Konzert, dessen Klang mit den ersten Sonnenstrahlen durch den Wald und über die Hänge wandert. Mit einem Hahnenschrei keine zehn Minuten später. Und mit dem Läuten der Kuhglocken weitere 20 Minuten später.

Nur im Herbst kommt noch ein Geräusch hinzu - eines, an das man sich gewöhnen muss und über das man sich beim ersten Mal erschrickt: das Röhren der Hirsche in der Brunft. Die Herren sind Frühaufsteher. Nachts gegen drei melden sie sich das erste Mal. Was für ein Krach. Und wie herrlich anders als zu Hause.



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
DidiViefie 20.05.2015
1. Leute das ist
doch nichts neues. Geniesse diese Welt jedes Jahr . Aber fuer die meisten sind Huetten ohne Seilbahn Anschluss zu viel Aufwand. 2/3 Stunden bergauf? Und dann auch noch runter. Nein Danke!
ulli7 20.05.2015
2. Fast alle Almen rund um den Hochkönig öffnen erst im Juni
Die schönen Fotos zu diesem Artikel wurden offenbar im Hochsommer aufgenommen. Falls einige SPIEGEL ONLINE Leser jetzt über Pfingsten diese Gegend im Salzburger Land erwandern wollen, dann dürften sie bei den Almen vor verschlossenen Türen stehen. Momentan beträgt die Temperatur dort am Morgen nur 2 Grad. Generell gelten die drei Monate Juli, August und September als gute Reisezeiten. Mit viel Glück kann das Wetter auch in der zweiten Junihälfte und in der ersten Oktoberhälfte dort sehr angenehm sein und die hungrigen Wanderer stehen trotzdem vor verschlossenen Almtüren - also ideal zum Abnehmen! Ich habe in einer solchen Situation mit einer anstrengenden Bergwanderung und geschlossenen Almen an einem einzigen Tag drei Kilo Gewicht abgespeckt, obgleich wir genügend Trinkwasser mitführten.
Greggi 20.05.2015
3. Geschlossene Alm?
Man meint manchmal, es gäbe kein Internet, keine Wanderführer, keine Einheimischen im Tal und kein Telefon (jawohl, manchen Almen haben Telefon). Einfach drauflos laufen und sich überraschen lassen ... Oder sich vorher informieren, wie z.B. hier: http://www.nationalparkregion.com/wandern/almen-und-huetten/almen-und-huetten-bewirtschaftet.html
lies.das 20.05.2015
4.
"Auf der Mussbach-Alm - da gibt's kein Stress" steht hier in der Überschrift dieses Artikels . Kürzlich lasen wir in SPON das glatte Gegenteil: "Die Alpen sind eine völlig durchrationalisierte Partyzone" http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/niedergang-der-alpen-eine-durchrationalisierte-party-industrie-a-1030638.html. Jo mei- welchem Artikel darf man jetzt glauben?
fraumarek 20.05.2015
5. Die neuen
....werden Orte sein, die sich vor allem durch RUHE, Gelassenheit, fehlenden Kommerz und intakte Natur auszeichnen. Wir brauchen mehr davon. Klamauk und verlärmter Kommerz wird leider fast überall in den sogenannten Urlaubsregionen in den Alpen angeboten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.