SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

22. Juni 2010, 06:22 Uhr

Wandern in den Pyrenäen

Hang zum Drama

Viel Zeit und einen guten Freund: Das nahm "ADAC Reisemagazin"-Autor Sebastian Glubrecht in die Pyrenäen mit. Er sah Bergseen, mondgleiche Landschaften und knorrige Bäume, begegnete Südafrikanerinnen und Barbaren. Und erlebte auf seiner sechstägigen Wanderung ein klassisches Abenteuer.

Nach einem knochenharten Anstieg ruft Enno, der sonst eher zurückhaltend ist, ins Tal: "Was fehlt Herrn Meier?" Im Echo schallt die Antwort über die Bergseen, das grüngelbe Gras und die zerklüfteten Felsen der katalonischen Pyrenäen bis zu uns hinauf auf den 2748 Meter hohen Pass. Ich jauchze vor Freude.

Und mit einem Mal ändert sich die Lage. Die Wolken rotten sich wie Wölfe zusammen, eisiger Wind kommt auf, Regen und Hagel prasseln auf uns herab. Die Wegmarkierungen verschwinden in dichtem Nebel, und wir stecken schneller im Schlamassel, als mir aus dramaturgischen Gründen lieb ist.

Vorweg: Ja, ich wollte ein Abenteuer erleben. Eine mehrtägige Bergwanderung durch fremdes Terrain schien mir dessen ursprünglichste Form zu sein: Man zieht mit einem guten Freund hinaus in die Fremde, stellt sich einer Herausforderung, findet neue Gefährten, besiegt den ärgsten Feind und durchläuft eine Katharsis. So will es die klassische Dramentheorie. Aber wie sieht so etwas in der Praxis aus?

Es gibt einen Weg, das herauszufinden: den Carros de Foc. Er verläuft durch den einzigen Nationalpark Kataloniens, den Aigüestortes i Estany de Sant Maurici in den spanischen Pyrenäen, ist 62,7 Kilometer lang und führt über insgesamt 9700 Höhenmeter rauf und runter. Wer ihn absolviert und sich bei jeder der neun Refugis, Schutzhütten, auf dem Weg einen Stempel holt, bekommt ein braunes T-Shirt, auf dem "Carros de Foc Finisher" steht. So eines hätte ich auch gern.

Ich bin aus Norddeutschland nach Bayern gezogen und war in den vergangenen sieben Jahren bloß zweimal in den Bergen. Aber Hannibal hat schließlich auch nicht geübt, bevor er die Alpen überquerte - und der hatte noch Elefanten dabei. Ich dagegen glaube, dass man für so eine Tour drei Dinge braucht: Zeit, gute Kleidung und einen Freund.

Mein Kumpel Enno ist genau der richtige Begleiter für so eine Reise - nicht etwa, weil er als Fotograf eh der beste Freund des Reporters ist, auch nicht, weil er fast jedes freie Wochenende in den Bergen verbringt, sondern weil ich mit ihm sowohl reden als auch schweigen kann. Jetzt, beim Abstieg im Schneesturm, schweigen wir viel. Wer hätte gedacht, dass es Mitte September in den sonnigen Pyrenäen schneit?

Tag 1 - Dauerregen oder Thermalbad?

Heute Morgen um acht schien noch die Sonne, als wir die erste Hütte, die Refugi dera Restanca, mit dem ersten Stempel im Wanderschein verließen. Das Gras duftete spätsommerlich, die Sonne ließ den Granit funkeln. Für unsere Tour hatte ich extra eine Softshell-Jacke und -Hose besorgt und eine Fleecejacke mit dem Aufdruck "Fuzzy Garhammer Ski-& Boardschool" von meinem Kumpel Maxi. Dazu diverse isotonische Riegel und Getränke sowie einen erstklassigen Rucksack, um das alles zu transportieren. Insgeheim hatte ich gehofft, wir würden im T-Shirt wandern.

Nun trage ich drei Lagen Goretex, darüber die Softshell-und darüber die Regenjacke. Die klitschnassen Lederhandschuhe haben meine Finger lila gefärbt. Wir wandern seit zehn Stunden, fünf davon über Geröllfelder mit mannshohen Felsbrocken, den Rest durch Schlamm und Pfützen. Meine Beine zittern vor Erschöpfung und Kälte, meine drei Liter Wasser habe ich längst getrunken. Ab und zu bleibe ich stehen und schöpfe Regenwasser aus einem der Rinnsale.

Es dämmert. Ich denke an meine Tochter und daran, dass ich es für sie zurück nach München schaffen muss. Auf meinem Handy habe ich ein Foto von ihr gespeichert. Empfang haben wir hier nicht - keine Chance, Hilfe zu holen. Ich schlage Enno vor, das Abenteuer morgen abzubrechen und in ein Thermalbad zu fahren. "Das entscheiden wir beim Frühstück", entgegnet er. Eine halbe Stunde später erblicken wir die rettende Refugi d'Estany Llong.

Carros de Foc bedeutet "Feuerwagen", weil sogenannte Sky Runners die ganze Strecke an einem Tag rennen, was die Namensgeber wahrscheinlich an Autos mit Flammenstreifen oder Heerscharen aus der Hölle erinnert. Der Baske Txus Romón brauchte vergangenes Jahr neun Stunden und 27 Minuten. Unvorstellbar. In der Kategorie "Open", das heißt ohne Zeitbegrenzung, empfiehlt der Veranstalter fünf bis sieben Tage - vorausgesetzt, der Wanderer ist gesund, trittsicher, bergerfahren und hat gutes Wetter.

Tag 2 - Räucherstäbchen gegen Muskelkater

Am nächsten Morgen leuchtet der Himmel zu blau, als dass wir den Tag mit einer Kapitulation beginnen könnten. Seltsamerweise ist auch die Erkältung, die ich von zu Hause mitgebracht hatte, abgeklungen. Der Geruch von Fichten, feuchter Erde und Blaubeeren steigt mir in die freie Nase und lenkt vom Muskelkater ab. Die Natur scheint freundlich, nur einmal steht ein Bulle mit spitzen Hörnern auf dem Weg und starrt feindselig meine rote Jacke an. Ich entscheide mich gegen den Stierkampf.

Ein paar Stunden später, nach einem erneuten Aufstieg auf 2600 Meter, begegnen wir zwei etwa 40-jährigen Frauen, die mitten auf dem Pass Tee kochen. Die Engländerin Ruth lebt als Köchin auf Ibiza, Lynne ist Designerin und kommt aus Kapstadt. Wenig später treffen wir noch Angelika, eine Berliner Heilpraktikerin, die in Jeans und ausgelatschten Turnschuhen ein erstaunliches Tempo geht. Abends in der Refugi de Colomina behandelt sie meinen Muskelkater mit Räucherstäbchen, Akupunktur und Moxakraut.

Danach gibt es Bratwurst, wie gestern. Nach dem Essen spielen wir Karten und trinken Rotwein. Die Musik kommt von den Dire Straits, wie auf einer Jugendfreizeit für Erwachsene.

Tag 3 - Bratwurst mit Dire Straits

Morgens tobt ein Schneesturm. Aufstehen um sieben, ein Frühstück, karg wie das Leben hinter der Baumgrenze: Zwieback, Kekse und ein Muffin, dazu schwarzer Kaffee. Wir beschließen, mit Ruth und Lynne zusammen weiterzugehen. Angelika müssen wir zurücklassen. Sie würde mit ihren ausgelatschten Schuhen nicht weit kommen. Als Letzter verlasse ich die warme Hütte.

Wir klettern 800 Meter über vereiste Steine und verschneite Wege ab, um dann wieder 1000 Höhenmeter aufzusteigen. Der Weg ist rutschig, Enno fühlt sich an seine Skitouren erinnert. Eiskalter Wind bläst, aber die Bewegung hält warm. Kurz vor dem Pass blockiert ein Pärchen den Weg; der Junge schleppt auch noch den Rucksack seiner etwas fülligen Freundin. Hinter den beiden hat sich eine Schlange gebildet. Schließlich überholen wir. Oben auf 2667 Metern treffen wir im Schneegestöber eine Gruppe französische Wanderer, die beschließt, umzukehren und dem Pärchen über den Berg zu helfen.

Allein würden die beiden den Weg wahrscheinlich nicht finden, denn Markierungen, wie sie der Deutsche Alpenverein setzt, sind auf dem Carros de Foc die Ausnahme. "Der Weg verläuft durch ein Naturschutzgebiet", hat Veranstalterin Stephanie Soop erklärt. Der Orientierung dienen kleine Steinhäufchen, sogenannte Steinmanderl, die jetzt unter 20 Zentimeter Schnee versteckt liegen. Der Weg ist das Ziel, frei nach Konfuzius.

Abends in der Refugi J. M. Blanc stellen wir die durchnässten Schuhe so nah ans Feuer, dass das Gummi qualmt. Dann nehme ich meine erste Dusche seit drei Tagen. Zum Abendbrot gibt es Bratwurst mit Dire Straits.

Tag 4 - Laie versus Profi

Morgens erwarten uns eine große Espressomaschine, ein Fließband-Toaster und strahlend blauer Himmel. Meine Beine wollen wandern. Hinter jedem Pass liegen Seen, deren Wasser so klar ist, dass wir den Grund erkennen können, Enno sieht Fische, Ruth entdeckt auf einem Felsen ein Murmeltier. Am blauen Himmel kreisen Adler über einer Bergkuppe. Der Weg führt vorbei an malerisch verdorrten Fichten und lässt erahnen, wie traumhaft hier der Sommer sein muss.

Nach einer Stunde Wandern werden die Steinmanderl weniger und verschwinden schließlich. Enno wirkt unsicher, will vorgehen, um zu schauen, ob hinter der nächsten Bergkuppe ein Weg verläuft. Früher hätte ich mich als Laie nie in die Navigation von Profis eingemischt. Jetzt plädiere ich dafür, zur letzten Markierung zurückzukehren, auch wenn uns das wertvolle Zeit kostet. Enno hört auf mich. Wir finden den Weg wieder, und ich werde von allen Seiten für Vernunft am Berg gelobt.

Nach einem dreistündigen Abstieg durchs Geröll fährt ein stechender Schmerz durch mein rechtes Knie. Das Bein lässt sich nicht mehr durchdrücken. In der Refugi Ernest Mallafré fragt Enno, ob wir abbrechen sollen. Ich schüttele den Kopf. Es fehlen nur noch vier Stempel.

Tag 5 - Standpauke vom Hüttenwirt

Ich gehe an Stöcken. Enno und ich haben uns von Lynne und Ruth verabschiedet, sie mussten ihren Flieger kriegen. Nun reißen wir wieder Männerwitze, reden über Sachen, die ich hier nie aufschreiben würde. Bergkameraden sind wir. Ich trage einen Bart, alles, was zählt, ist der nächste Schritt.

Eine kleine Herde Gämsen kreuzt unseren Weg, ein Jungtier posiert für Enno in sicherer Entfernung auf einem Findling. Mit dem einsetzenden Regen kommen wir in der Refugi de Saboredo an: drei Räume auf einer Fläche von 80 Quadratmetern, inklusive Schlafsaal mit drei Etagenbetten übereinander.

Ein riesiger weißer Hirtenhund rennt uns bellend entgegen, schnuppert und nimmt uns in seine Herde auf. Die bestand bis eben nur aus Guard Xavi, der jung, bärtig und baskisch in der Tür steht. Er hat drei Hühner gerupft und eine Suppe gekocht, in der alle gängigen Sorten Fleisch sowie die Hälfte aller Gemüsesorten schwimmen. Endlich mal keine Bratwurst.

José und Laura, ein junges Paar aus Mallorca, kommen an und ziehen im Regen weiter. Drei Stunden genießen wir die Ruhe, dann fällt eine siebenköpfige Gruppe Männer in bestem Alter wie eine nasse Barbarenhorde im Saboredo ein. Sie halten Höhenmesser hoch, reden viel zu laut und rufen alle zehn Minuten "Cojones!", das spanische Wort für "Eier" oder "Mut". Gäbe es im Saboredo Fenster, würden sie vor Testosteron beschlagen.

Gegen Abend kommen José und Laura wieder, sie haben sich verlaufen, fragen nach dem Weg und ziehen erneut in die Dämmerung. Enno versucht, sie zurückzuhalten, aber José bleibt stur. "Die gehen in den Tod", meint Enno. Xavi zuckt die Schultern. In den Bergen herrscht absolute Freiheit. Auch im Hinblick auf Leben und Tod. Das Essen ist köstlich und will uns trotzdem nicht schmecken.

Um halb zehn bellt draußen der Hirtenhund. José und Laura kommen zurück. Laura ist stinksauer, José hat verheulte Augen. Erst hält Xavi den beiden eine Standpauke, dann die Barbaren. Enno und ich schütteln in Ermangelung von Spanischkenntnissen nur verständnislos den Kopf. Doch insgeheim sind wir alle froh, dass die beiden wieder da sind.

Tag 6 - Sieg über den inneren Schweinehund

Trotz Regen und Schnee brechen wir vor den Barbaren auf. Meinem Knie geht es wieder besser, und wir müssen Strecke machen. Nach einer Stunde sind die Schuhe durchnässt, nach zwei Stunden ist die Kleidung nass. Na und? Die Verfolger sind uns auf den Fersen, schaffen es aber nicht zu überholen.

Zeitgleich kommen wir in der Refugi de Colomèrs an. Xavi hat uns Brote mit Tortilla mitgegeben. Noch einmal hoch auf 2600 Meter. Hier liegen 20 Zentimeter Neuschnee, aber Enno lotst uns sicher über den Pass. Die Barbaren folgen unseren Fußstapfen. Nach sechs Stunden Kraftmarsch müssen wir dann doch das Tempo drosseln, sie überholen uns. Im Vorbeigehen rufen sie anerkennend "Cojones!", und verschämt nehmen wir die Respektsbekundung entgegen. Ich muss an Herrn Meier aus dem Echo denken. Vielleicht sind Männer in den Bergen doch nicht so verschieden.

Nach neun Stunden kommen wir im Regen in der Restanca an, der ersten und letzten Hütte. Ich fühle mich wie ein neuer Mensch: gesünder, kräftiger, widerstandsfähiger. Termine, Jobs und Fernsehen liegen so weit hinter mir, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann. Einen Feind habe ich bei diesem Abenteuer definitiv besiegt: meinen inneren Schweinehund. Und die Trophäe?

"Leider haben wir die Finisher-T-Shirts nur noch in Größe XXL", sagt die Hüttenwirtin. Viel zu groß. Nach sechs Tagen Wanderung muss ich meinen Gürtel eh schon zwei Löcher enger schnallen. Wir sollen uns die Shirts aus dem Büro in Vielha holen. Eines hat mich der Carros de Foc gelehrt: Hier kann jeden Moment alles passieren.

Epilog: Im Büro in Vielha erkundigt sich ein Tourist aus Israel nach dem Wetter oben in den Bergen. "Schön", sagt die Dame hinter dem Computer. "Vielleicht ein bisschen Regen. Aber kein Problem."

Aus dem ADAC-Reisemagazin "Katalonien"

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung