Wandern in Graubünden Umzingelt von Dreitausendern

In Graubünden geht es schnell hoch hinauf: Fast 1000 Gipfel gibt es im größten Kanton der Schweiz, darunter 450, die es auf mehr als 3000 Meter bringen - und fast unbegrenzte Möglichkeiten, die Landschaft dazwischen zu Fuß zu erkunden.


Splügen - "Das Wanderwegenetz der Schweiz reicht anderthalbmal um die Erde", sagt Gieri Spescha von Graubünden Ferien. "Allein in unserem Kanton kommen wir auf mehr als 10.000 Kilometer." Großstädte gibt es in Graubünden nicht, selbst die Kantonshauptstadt Chur ist überschaubar, und auch Orte mit klingenden Namen wie Arosa oder St. Moritz sind nicht viel größer als ein Dorf. Dafür ist der nächste Bergriese nie weit weg - St. Moritz ist von Dreitausendern umzingelt.

Im Oberengadin: Der nächste Bergriese ist nie weit
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Im Oberengadin: Der nächste Bergriese ist nie weit

Silvio Lareida kennt sich mit aus mit den Bergriesen und den Wanderwegen. Mit blau kariertem Hemd, Cargo-Pants und rotem Rucksack wartet der 77-jährige Bergführer auf die Bergbahn. Sie wird ihn und seine Gruppe hochbringen auf die Corvatsch-Mittelstation in rund 2700 Meter Höhe, unmittelbar unter dem Corvatschgletscher südlich von St. Moritz. Von dort aus sind die umliegenden Berge mit ihren schneebedeckten Gipfeln gut zu erkennen: Der Piz Corvatsch ragt in 3450 Meter Höhe, der nicht weit entfernte Piz Bernina, Graubündens höchster Berg, schafft sogar deutlich über 4000 Meter.

Dennoch blühen hier oben im Frühsommer erstaunlich viele Blumen, sogar Edelweiß und blauer Enzian, auf dessen Blüten es sich Bienen gemütlich machen. "Was da so gelb blüht, das sind Schwefelanemonen", erklärt Lareida und führt seine Wanderer einem kleinen, rauschenden Bergbach entgegen. "Und die Löcher da drüben führen zu den Behausungen von Murmeltieren." Auf dem Fels weiter hinten zeigt sich tatsächlich eins und lässt einen Pfeifton hören. Silvio pfeift auf zwei Fingern zurück - das Murmeltier scheint seinen Dialekt aber nicht zu verstehen und verschwindet. Vielleicht hat es auch nur vor den Steinadlern Angst, die in diesem Teil Graubündens noch heimisch sind.

Kuhglocken und schneebedeckte Gipfel

Silvio lässt seine Gruppe auf ein paar größeren Steinen einen Bach überqueren. Längst ist der Weg deutlich steiler geworden. "Das sind Quarzbänder im Gestein", zeigt er, "und hier, das sind Spuren, dass da jemand dran rumgehauen hat." Silvio Lareida ist begeisterter Strahler, wie Mineraliensammler in der Schweiz genannt werden. Auch Schmucksteine oder Katzengold seien in diesem Teil der Alpen zu finden. Und wer leer ausgeht, war immerhin in einer ziemlich spektakulären Landschaft unterwegs.

Wegweiser: Schweizer Wanderwegenetz führt anderthalb mal um die Erde
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Wegweiser: Schweizer Wanderwegenetz führt anderthalb mal um die Erde

Das ist im Südwesten des Kantons nicht viel anders. Splügen ist ein Stück Graubünden wie aus dem Bilderbuch: Hinter den Häusern ragen die schneebedeckten Gipfel in den Himmel, Kuhglocken läuten, als die Tiere am Abend zum Melken in den Stall gebracht werden. Der Hinterrhein ist hier noch sehr beschaulich, rauscht aber schon kräftig auf seinem Weg ins Tal. Nach Italien ist es nicht mehr weit - der San Bernardino und der Splügenpass, beide mehr als 2000 Meter hoch, liegen quasi vor der Haustür.

Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts profitierte das Dorf von den Fernhändlern, die durch Splügen kommen mussten - bis die Eisenbahn für Alternativen sorgte. Die Zahl der Übernachtungen ging rapide zurück - bis die Touristen kamen. Seitdem ist in Graubündens Südwesten wieder so viel los wie in den alten Tagen. "Viele Besucher wandern sogar auf den Jahrhunderte alten Routen", sagt Denise Dillier, die Tourismusdirektorin der Region, "etwa auf der ViaSpluga, einem Wanderweg vom italienischen Chiavenna bis ins Graubünder Thusis."

Splügen: Die ViaSpluga führt vorbei an vielen alten Häusern mit ihren Holzfensterläden, Blumenkästen und bemoosten Steinschindeln auf den Dächern
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Splügen: Die ViaSpluga führt vorbei an vielen alten Häusern mit ihren Holzfensterläden, Blumenkästen und bemoosten Steinschindeln auf den Dächern

Die 64 Kilometer lange Strecke, die sich je nach Kondition in drei bis fünf Tagen bewältigen lässt, führt über den Splügenpass und auch durch Splügen selbst, vorbei an den vielen alten Häusern des Dorfes mit ihren Holzfensterläden, Blumenkästen und bemoosten Steinschindeln auf den Dächern. Splügen gilt heute als einer der schönsten Bündner Orte, den schon so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Queen Victoria, Napoleon III., Hans Christian Andersen, Friedrich Nietzsche und Albert Einstein besucht haben.

Wellness im Mittelalter

Nur ein paar Kilometer weiter nördlich liegt Andeer, der nächste Ort mit großer Vergangenheit. Andeer ist ein Mineralheilbad, das wie Splügen durch den Handel über die Alpen zu Wohlstand kam. Schon im späten Mittelalter kamen die ersten Wellness-Gäste der Mineralquellen wegen. Ein "Badehaus" gab es bereits im 14. Jahrhundert, und im 21. ist das Plantschen im warmen Wasser immer noch einer der Hauptgründe für Besucher, länger in dem verschlafenen Ort mit seinen Gassen aus Kopfsteinpflaster zu bleiben.

Kirche St. Martin in Zillis: "Die Bilderdecke ist wie eine Weltkarte"
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Kirche St. Martin in Zillis: "Die Bilderdecke ist wie eine Weltkarte"

Mit dem Postauto ist es nur ein Katzensprung bis Zillis, einem kleinen Ort im Schamstal, der nicht nur wegen seiner ansehnlichen Häuschen einen Abstecher lohnt, sondern vor allem wegen einer kunsthistorischen Besonderheit: Die romanische Kirche St. Martin ist berühmt für ihre einzigartige Deckenbemalung. "Die Bilderdecke ist wie eine Weltkarte", sagt Altpfarrer Theodor Fliedner. In dem "Weltmeer", das die Erde umgibt, leben mythische Figuren von der Seeschlange bis zum Meer-Einhorn. "Es gibt insgesamt 153 Felder mit jeweils etwa 90 mal 90 Zentimeter, Tafeln aus Tannenholz, die um 1130 bemalt wurden." Wer die Künstler waren, ist unbekannt. "Dargestellt sind die Geschichte Christi und die Legende vom heiligen Martin", erklärt Fliedner.

Zillis liegt auf ungefähr 900 Meter Höhe und bietet sich ebenfalls für Wanderungen auf der ViaSpluga an, zu Graubündens berühmtester Schlucht, der Viamala, zum Beispiel. Wanderführer Toni Thaller führt seine Gruppe aus Zillis hinaus, vorbei an Bauernhöfen und Pferdeweiden. Noch geht es auf der kurzen Strecke bis ins Nachbardorf Reischen eher gemütlich zu. Aber nur wenig später auf schmalen Pfaden durch den Wald sind die Waden schon zu spüren. Rechts sprudelt eben noch ein Wasserfall vom grauen Fels, vorne ist kurz danach schon der Rhein zu sehen. "Hier beginnt die Viamala", sagt Toni.

Goethe auf der Viamala

Viamala heißt so viel wie schlechter Weg. Für Wanderer heute ist das kaum nachzuvollziehen. Aber für die Menschen, die in früheren Jahrhunderten hier durch die Berge ziehen mussten, war die Strecke der Horror. Immer wieder stürzten Karren oder Reiter ab - oft mit tödlichen Folgen. Der Rhein steckt hier zwar noch in den Kinderschuhen, aber es geht kräftig bergab - auf einer Strecke von sechs Kilometern mit einem Gefälle von 33 Prozent. Der Fluss hat sich in Zehntausenden von Jahren zum Teil 300 Meter tief in den Schiefer gegraben.

Kanton Graubünden: Im äußersten Südosten liegen unter anderem so mondäne Urlaubsorte wie St. Moritz, Klosters und Davos
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Die an einigen Stellen nur wenige Meter breite Schlucht wird von drei Brücken überspannt. Die "Wildener Brücke" stammt noch aus dem 18. Jahrhundert. "Goethe war von ihr schwer beeindruckt", erzählt Toni Thaller. "Er war 1788 hier und hat sie gemalt." Viamala-Besucher heute haben es deutlich einfacher als der Schweiz-begeisterte Schriftsteller.

Treppen und Galerien ermöglichen inzwischen gefahrlose Blicke auf die Felswand und den Fluss, der tief unten rauscht und gurgelt - und auf die "Strudeltöpfe", merkwürdige, zum Teil meterbreite Löcher und Durchgänge. "Das Wasser wirbelt Sand und Steine ständig in der gleichen Richtung und höhlt den Felsen aus", erklärt Thaller. Zugucken kann man dabei nicht. "Das dauert schon ein paar tausend Jahre."

Von Andreas Heimann, gms



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