Wanderung am Eiger Mordwand für Anfänger

Die Eigernordwand ist ein Mythos, auch wenn sie für moderne Extremkletterer viel von ihrem früheren Schrecken verloren hat. Für Normalsterbliche bleibt ihre Besteigung undenkbar - doch immerhin können sie sich der "Mordwand" auf einem der schönsten Wanderwege der Schweiz nähern.


Das Objekt der Begierde versteckt sich bis zuletzt. Während man die vergletscherten Viertausender Jungfrau und Mönch schon von kurz nach Verlassen der Autobahn bei Interlaken erspähen kann, zeigt sich erst 15 Kilometer später, kurz nach der Gemeindegrenze von Grindelwald, der Eiger in seiner düsteren Pracht. Knappe zwei Kilometer türmt sich die berühmte Nordwand des Bergriesen über den grünen Almen und Wäldern des Berner Oberlands auf und lässt die von Skiliften erschlossenen Zweitausender der Umgebung aussehen wie die Hügel im Sauerland. Selbst die steile, schneebedeckte Nordostflanke des Eiger - manche leiten seinen Namen vom Oger ab, einer menschenfressenden Märchengestalt - wirkt im Vergleich zum konkaven Halbrund der Nordwand anheimelnd, gar tröstlich.

Die Faszination der Eigernordwand ist ungebrochen, und auch heute noch wird die "vertikale Arena", wie der Schweizer Publizist Daniel Anker den Abgrund treffend titulierte, für manche Bergsteiger zum Verhängnis. Erst am 2. August stürzten zwei erfahrene Alpinisten aus Ravensburg in den Tod. Insgesamt kamen in der "Mordwand" mehr als 50 Menschen ums Leben. Die Erstbegehung durch die deutsch-österreichische Seilschaft um Anderl Heckmair und Heinrich Harrer 1938 schlachtete Adolf Hitler persönlich als gutes Omen für den Anschluss Österreichs an das Nazi-Reich aus, und Besteiger müssen heute wie früher mit dem medialen Trubel leben, den ein Besteigungsversuch verursacht.

Laut dem französischen Alpinismus-Experten Sylvain Jouty bedeutet die Nordwand des Eigers aber auch denjenigen etwas, die "sie nie machen werden und es wissen, aber davon träumen". Und so trifft man in den Cafés von Grindelwald und auf den umliegenden Almen viele Menschen, die der Berg magisch anzieht. Es sind Briten, die der langen Alpinismustradition ihrer Landsleute auf der Spur sind oder Deutsche, die als Kind zum ersten Mal die "Weiße Spinne" von Heinrich Harrer lasen und sich mit einem Trip zum Fuß der Nordwand einen Traum erfüllen. Für diese Fans des Felsens, denen es an den alpinistischen Fähigkeiten zur Ersteigung mangelt, gibt es einen einfacheren Weg, dem Berg nahe zu kommen: den "Eigertrail", im Jahr 1997 eröffnet und schon kurze Zeit später zu einem der zwölf schönsten Wanderwege der Schweiz gekürt.

Kuhglocken und grunzende Schweine

"2:50 Stunden bis Station Eigergletscher", vermeldet das Schild auf der 1610 Meter hoch gelegenen Alm Alpiglen, dem Startpunkt der Tour. Auf den grünen Wiesen graben Schweine nach Fressbarem und quittieren Erfolge mit einem zufriedenen Grunzen. Vielstimmig läuten die Kuhglocken von den Hängen ringsum, eine Geräuschidylle, die vielen Bergsteigern als Hohn erschien, während sie im vereisten, abwärts geschichteten Fels tausend Meter höher um ihr Leben kämpften. Sechs Kilometer ist der Eigertrail lang, überwindet 700 Höhenmeter und zieht sich unmittelbar am Fuß der gigantischen Wand entlang. Auch im Sommer sollten Bergwanderer warme Bekleidung mitführen: Das Risiko eines Schlechtwettereinbruchs gilt für sie genauso wie für die Kletterer.

Steil zieht der Pfad von Alpiglen weg, die meisten Höhenmeter macht man auf dem ersten Drittel des Trails. Haarige Passagen sind mit Geländern und Stahlseilen gesichert, wacklige Brücken führen über schmale, metertief eingeschnittene Schluchten im Fels, an deren Grund Schmelzwasserfälle zu Tal rauschen. Eine gute Kondition sollte man für den Aufstieg mitbringen. Während der Schweiß langsam die Unterwäsche durchnässt, zollt man den Bergsteigern Respekt, für die dieser Weg lediglich der Zustieg zu ihrer wahren Herausforderung ist.

Nach den Steigungen der ersten Kilometer zieht sich der Eigertrail von Ost nach West am Wandfuß entlang. Je tiefer der Geröllpfad in den Schatten des Berges führt, desto stärker rücken die Tücken der Nordwand ins Blickfeld, von denen man daheim, auf dem warmen Sofa, in den Erlebnisberichten ihrer Bezwinger las. So spuckt die Wand den in höheren Lagen frisch gefallenen Schnee als Lawinen wieder aus. Diese verwandeln sich in Spalten und Engstellen zu reißenden Sturzbächen, führen Steine als potenziell tödliche Geschosse mit sich.

Weiter unten krallt sich gefrierender Regen in der Wandmitte als feine Eisschicht auf dem Fels fest oder zieht in Schlieren über das Gestein und färbt es schwarz ein. Wie in der ersten Reihe eines Großkinos verfällt der Wanderer beim Betrachten dieser Details in eine leichte Nackenstarre, nur um beim Weitergehen von plötzlichem Schwindel übermannt zu werden. An einigen Stellen wachen Armeen von Steinmännchen am Wegesrand, jene Gerölltürme, die den Weg weisen und gute Geister beschwören sollen.

Schauplätze von Tragödien am Berg

"Die Geschichte des Eigers hallt wider von den Kämpfen solch übermenschlicher Figuren wie Buhl, Bonatti, Messner, Rébuffat, Terray, Haston und Harlin", schreibt der US-Autor Jon Krakauer über den Berg. Für die Wanderer auf dem Eigertrail vermischen sich nirgendwo sonst Mythologie, Historie und eigenes Erleben der Wand so eindrücklich wie am Scheitelpunkt des konkaven Halbrunds, jener Stelle, die so gut wie nie von den Strahlen der Sonne erreicht wird. Direkt über dem Pfad türmt sich der "Erste Pfeiler" auf, ein mehr als hundert Meter hoher Felsturm. Daneben ist der Einstieg zu jener Route erkennbar, die schon zwei Jahre vor den Erstbegehern eine vierköpfige Seilschaft um die Berchtesgadener Toni Kurz und Andreas Hinterstoisser wählte.

Im Juli 1936, nach fünf Tagen in der Wand, kamen die Männer auf tragische Weise ums Leben. Unterhalb der Roten Fluh, einer senkrechten Felsbastion, hatte Hinterstoisser einen extrem schwierigen Quergang gemeistert und damit sich und seinen Kameraden den Weg in die Wandmitte geöffnet. Das am Fels angebrachte Fixseil zogen die vier Männer im Gefühl des Sieges ab - mit grausigen Folgen. Nachdem Verletzungen und eine Schlechtwetterfront sie weit oben in der Wand zur Umkehr gezwungen hatten, war den geschwächten Bergsteigern an dieser Stelle der Rückweg versperrt - drei von ihnen wurden von Lawinen aus der Wand gerissen, Kurz erfor im Seil, nur wenige Meter von den in die Wand geeilten Rettern. Der Wandteil heißt seitdem "Hinterstoisser-Quergang", die Geschichte der Seilschaft inspirierte zahllose Schriftsteller und Filmemacher, wie zuletzt 2008 den deutschen Regisseur Philip Stölzl zu seinem Epos "Nordwand".

Ebenfalls Jon Krakauer konstatierte, dass die Schlüsselstellen der Wand "aktiven und Lehnstuhl-Alpinisten zwischen Tokio und Madrid" geläufig sind. Vom Eigertrail sind die meisten jener Abschnitte zu erkennen: Zerschrundener Pfeiler, Schwieriger Riss, weiter oben die berüchtigten Eisfelder und schließlich die Weiße Spinne, jene Engstelle, in der sich die tödliche Felsfracht aus der Gipfelregion des Eiger wie in einem Kanonenrohr sammelt. Für weniger beschlagene Wanderleute erläutert eine Karte am Wegesrand die wichtigsten Routen in der Wand - mittlerweile gibt es Dutzende.

Der letzte Abschnitt des Eigertrails führt am Westteil der Wand entlang, wo senkrechte Felspassagen in den vergangenen Jahren von Sportkletterern und Freeclimbern erschlossen wurden. Selbst vor Basejumpern mit ihren Fallschirmen ist der Eiger nicht mehr sicher: Sie stürzen sich von einer "Mushroom" genannten Felsnase in die Tiefe. Nach einigem Auf und Ab treten Wanderer bei der Station "Eigergletscher" endlich wieder in die wärmenden Strahlen der Sonne. Wer nun noch Interesse an einem Blick in die Wand von oben hat, der kann per Zahnradbahn auf das Jungfraujoch fahren. Bei der Zwischenstation "Eigerwand" auf 2864 Meter Seehöhe wurden mehrere Panoramafenster in den Fels gehauen, die Touristen den Blick in die Tiefe ermöglichen.

Für diejenigen, die sich nach dem Bewältigen des Trails als Fortgeschrittene am Eiger fühlen, wartet am 2663 Meter hohen Rotstock im Westen der Nordwand die nächste Herausforderung. Dort existiert seit dem Jahre 2000 wieder ein Klettersteig, der bereits vor mehr als hundert Jahren von britischen Touristen begangen wurde. Nicht nur in Bezug auf Steilheit und Höhenmeter kommt man bei diesem Vergnügen der Wand noch einen Tick näher, sondern auch bei der Ausrüstung: Für das Erklimmen des mit Leitern und Fixseilen gesicherten Steigs ist ein Klettergurt unabdingbare Voraussetzung.



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