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Wandern auf Kreta: Endstation Taverne

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Wanderung in der Samaria-Schlucht Abstieg ins Erdinnere

Der Grand Canyon Kretas ist ein Genuss für jeden Wanderer: Die spektakuläre Samaria-Schlucht gräbt sich tief in die Küste ein, über 13 Kilometer schlängelt sich der Weg 1200 Höhenmeter hinab. Eine Tour, die lange im Gedächtnis bleibt - und in den Beinen.

Samaria - "Was der Grand Canyon für Amerika ist, ist die Samaria-Schlucht für Europa", sagt Giannis Giannakondaki. Was der Pensionswirt in Rethymnon im Norden von Kreta damit meint: Die Schlucht muss man gesehen haben - auch wenn das kein Spaziergang ist, wie der Reiseführer warnt.

Mit dieser Warnung im Kopf zuckeln die Wanderer mit dem Bus im frühen Morgenlicht durch die Landschaft der Lefka Ori, der Weißen Berge. Die Straße schlängelt sich bis zur Omalos-Hochebene und zum 2009 eröffneten Informationscenter, das über die enorme Artenvielfalt im Nationalpark Samaria Auskunft gibt.

"Bei uns wachsen viele seltene Pflanzen", erklärt Elpida Peroulaki von der Nationalpark-Verwaltung. "Und die kretische Agrimi-Wildziege, eine durch Überjagung äußerst bedrohte Tierart, gibt es nur noch hier." Schon Zeus, der auf Kreta geborene Göttervater, hatte laut Legende eine Agrimi-Ziege als Amme. Heute ist sie ein Symbol Kretas.

Nur wenige Wanderer nehmen sich die Zeit für das Informationscenter, die meisten wollen keine Zeit verlieren. Der Weg führt von der Hochebene über 1200 Höhenmeter durch die 12,8 Kilometer lange Schlucht. Nach weiteren 3,2 Kilometern erreichen Wanderer das Fischerdorf Agia Roumeli, wo die Fähre zur Rückfahrt wartet. Und die möchte keiner verpassen.

Herz des Nationalparks

Das Abenteuer beginnt bei Xyloskalo, dem nördlichen Einstieg in die Schlucht. Der mehr als 2000 Meter hohe, heilige Berg Gigilos begrüßt die Ankömmlinge. Die ersten sieben Kilometer der Tour bedeuten Abstieg. 900 Höhenmeter geht es über viele Stufen hinab ins Innere des Gebirges, das sich vor 13 Millionen Jahren erhob.

Der Wald mit seinen Pinien und uralten Zypressen, der erste Teil des Weges, bildet ein besonderes Ökosystem. Auch deshalb wurde das Gebiet 1962 zum Nationalpark erklärt. Inzwischen umfasst der Park eine Fläche von 4850 Hektar. Die Samaria-Schlucht ist sein Herz.

Kiefernduft liegt in der Luft, nur Vogelgezwitscher ist zu hören. "Im Park haben wir 199 Vogelarten gezählt", berichtet Elpida. Viele Zugvögel machen hier Station. Und mit etwas Glück könne man Steinadler oder Bartgeier sehen.

Bald kreuzt der Weg das trockene Flussbett. Die Steine sind gewaltig. Es wundert nicht, dass sich um diesen Ort Legenden ranken. Von Feen am kleinen Wasserfall und von Freiheitskämpfern, die sich in der Schlucht versteckten.

Bei Kilometer 7,5 ist das verlassene Dorf Samaria erreicht. Heute dient es als Station der Parkranger. Früher lebten in den Steinhäusern Familien. 1965 wurden sie umgesiedelt.

"Meine Mutter ist hier noch aufgewachsen", sagt der Nationalpark-Ranger Eftichis Marakakis. "Sie hätte sich wohl kaum vorstellen können, dass später einmal mehr als 1500 Menschen täglich durch die Schlucht marschieren." Im vergangenen Jahr wurden 130.000 Besucher gezählt.

Besonders die Pflanzen haben es ihm angetan. "Wer genau hinsieht, erkennt die unterschiedlichen Kräuter und Blumen, die zwischen den Felsen gedeihen." Unübersehbar ist die weinrote, sich kess aufreckende Dracunculus.

Endstation in der Taverne

Hinter Samaria beginnt der spektakulärste Teil der Wanderung, die enge und tiefe Schlucht. Bis zu hundert Meter hoch türmen sich die Felswände auf beiden Seiten des Weges. Sie leuchten orange in der Sonne. Manche sind gemustert wie Tiger, mit schwarzen Streifen im Gestein.

Der Weg, soweit überhaupt zu erkennen, führt nun durch das ausgetrocknete Flussbett. Es geht über riesige Steine, von Millionen von Litern Wasser glatt geschliffen, über Sand und Kiesel. Eine ältere Französin kämpft sich vorsichtig stochernd vorwärts und schimpft über den schlechten Weg.

Dann ist sie endlich erreicht, die Eiserne Pforte, der berühmteste Punkt der Schlucht. Schon auf alten Stichen wurde die mit drei Metern engste Stelle verewigt. Es scheint, als würden sich die Felswände in der Höhe berühren.

Auf dem letzten Teil der Wanderung führt das Flussbett stellenweise Wasser. Über einfache Holzleitern kreuzen die Wanderer den Fluss Tarraios mehrere Male. Dann schmiegt sich ihr Pfad wieder eng an den steilen Felsen entlang, deren geologische Zeichnungen manchmal wie moderne Kunstwerke wirken.

Und dann tut sich am Ende der Schlucht der überraschende Blick aufs Libysche Meer auf. Erschöpft und zufrieden schaut man in einer der Tavernen im Dorf Agia Roumeli hinaus aufs tief blaue Mittelmeer. Es hat sich gelohnt.

Daniela David, dpa
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