Warth - Lech Als der Pfarrer nachts das Skifahren übte

Ein Pfarrer ging vor 120 Jahren als Erster auf Skiern von Warth nach Lech - und brachte so den Wintersport nach Arlberg. Mit einem Bergführer kann man heute seiner Route folgen. Mit wesentlich weniger Kraftaufwand.

Frederik Jötten

Wir steigen nur ein paar Minuten mit den Skiern auf, oberhalb des Dorfs Warth in Vorarlberg - und das ist anstrengend. Aber wie beschwerlich muss dieser Weg gewesen sein ohne die beiden Sessellifte, die den Skilehrer Matthias Fritz und mich hier hochgebracht haben?

Die gab es natürlich noch nicht, als Pfarrer Johann Müller 1894 in Warth aufbrach, um zur Pfarrei im benachbarten Lech zu gelangen. Und zwar mit schweren Holzskiern. Es gab keinen anderen Weg zwischen den Orten. Unser Sportgerät ist halb so schwer wie seins einst - und wir steigen statt 500 Höhenmetern eben nur 50 auf.

Vor uns ragt das Warther Horn wie ein mächtiges Gebiss, das sich von unten durch die Schneedecke gebissen hat, in den blauen Himmel. Ob Pfarrer Müller diese Aussicht genossen hat? Jedenfalls querte auch er hier entlang unterhalb der schroffen Felsen in Richtung Lech - auch heute liegt die Route noch abseits der Piste, eine Tour, die nur mit Führer empfohlen ist.

Mit Matthias Fritz, dem 31-jährigen Chef der örtlichen Skischule, bin ich direkt per Du. Verspiegelte Sonnenbrille, Dreitagebart, gebräuntes Gesicht. Er ist der Prototyp eines jungen Skilehrers. Ganz anders wirkt Johann Müller auf den Fotos, die von ihm existieren. Ein Mann mit ernstem Blick im strengen, hochgeschlossenen Kollarhemd, der von 1891 bis 1896 Provisor, also Stellvertreter des Pfarrers, in Warth war. In jenen Jahren waren die Winter schneereich und die Fortbewegung beschwerlich.

Schnee wie warme Butter

1894 las Müller in der Zeitung, dass sich Menschen in Skandinavien auch bei großen Schneemengen mit Skiern fortbewegten. Er bestellte sich ein Paar. "Ich wartete bis Abend, um nicht gesehen und ausgelacht zu werden, und versuchte im großen Neuschnee des Pfarrwidums mein Glück. Doch - da lag ich schon im Schnee und so immer wieder bis gegen Mitternacht", erinnerte sich Johann Müller 1948 in der Zeitung "Vorarlberger Nachrichten". Nach einigen Tagen sei er aber so sicher gewesen, dass er sich auf den Weg nach Lech gemacht habe.

Ich bin mir gerade nicht so sicher, ob ich sicher genug auf den Skiern stehe. Am Vortag war der Schnee von der Sonne angetaut worden, jetzt ist seine Oberfläche vereist. Meine Ski rattern, das rechte Bein schmerzt von der einseitigen Belastung. Dann endlich haben wir den Hang gequert. Unter uns im Tal liegt Stubenbach, Ortsteil von Lech, vor uns eine weitere baumfreie Fläche. Hier hat die Sonne den Harsch schon geschmolzen, wie durch warme Butter schneiden die Kanten der Skier den Schnee. Und wie auf Watte schweben wir hinunter.

Die Pfarrer-Müller-Tour verbindet zwei sehr belebte Skigebiete und ist doch eine Abfahrt durch einsame Winterlandschaft. Kein Skifahrer ist zu sehen, nur Spuren im Schnee. Hoch über uns kreist ein Adler. An einem Bach müssen wir die Ski abschnallen und über Steine im Wasser balancieren. Noch ein Aufstieg mit den Brettern auf der Schulter, noch zwei weitere Hänge, und wir sind im Tal. Pfarrer Müller musste sich ab hier mit den Stöcken vorwärtsschieben, um nach Lech zu kommen. Wir brauchen zehn Minuten. Mit dem Bus.

Das Ende: eine Wurstbude

In Lech dann: Edelboutiquen und Gewusel auf der Straße, 1600 Einwohner, 8200 Gästebetten. Mit seinem mondänen Charme bildet der weltbekannte Ort den Gegenpart zu dem noch heute dörflichen Warth mit seinen 160 Einwohnern, 1200 Gästebetten, das noch eher ein Insidertipp ist. Daher erzählen die Einwohner besonders gern, dass der erste Skifahrer in der Region einer der ihren war - und deshalb bieten sie auch seit Kurzem die unter dem Namen "Pfarrer Müller Freeride Tour" aufgepeppte Runde in ihren Skischulen an.

Von Lech aus führt Fritz mich weiter über drei Sesselliftfahrten bis zum Zuger Hochlicht. Auf einen gefrorenen Wasserfall folgt "die Klemm", ein schmales Steilstück, über das wir seitlich abrutschen müssen. Dann läuft die Strecke flach aus bis ins Tal. Sie endet an einer Wurstbude in dem Dorf Schröcken. Davor sitzen 20 Pfarrer-Müller-Nachfolger auf Bänken und auf Liegestühlen.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Pfarrer mit seinen Holzlatten freiwillig die Klemm runtergefahren ist", sage ich. "Das war ein ganz wilder Hund", sagt Matthias und zuckt die Achseln. "Ich weiß nicht, ob er wirklich die Klemm gefahren ist", sagt er. "Aber die sind früher überall runter, die waren härter drauf als wir heute - denk mal dran, wie hoch oben sie den Ötzi gefunden haben."

Ich bin nicht so ganz überzeugt - mir kommt es einfacher vor, den Weg, den wir von Warth nach Lech gegangen und gefahren sind, in entgegengesetzter Richtung zu beschreiten. Aber andererseits war diese Tour so eine perfekte Runde mit perfekter Aussicht. Und wir können die 200 Höhenmeter, die wir von Schröcken nach Warth wieder hinauf müssen, auch bequem hinter uns bringen. Wir nehmen einfach den Bus.

insgesamt 2 Beiträge
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Gottloser 09.12.2014
1. Wo liegt Arlberg?
"brachte nach Arlberg". Schon seit Jahrtausenden ist der Arlberg ein Paß vom Inntal ins Rheintal (heute: von Tirol nach Vorarlberg) und kein Ort.
basiliusvonstreithofen 09.12.2014
2. Warth...
...erinnert mich an eine Fahrradtour als Jugendlicher. Wir stiegen vollbepackt mit dem Fahrrad und Zelten auf der Strecke von Steeg nach Warth. Es war ein brutaler Anstieg über Serpentinen, es gab Weltuntergangsstimmung mit Blitz und Donner. Wir fanden zeitweise Unterschlupf in einer Straßenwärterhütte am Straßenrand. Die Arbeiter gaben uns Enzian. Mit Warth war dann die Passhöhe erreicht. Damals war die Strecke Warth - Lech im Winter meistens gesperrt. Heute scheint das nicht mehr der Fall zu sein. Diese Gegend in der Grenzregion Tirol/Vorarlberg ist eine sehr unwirtliche.
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