Auf Gleisen mit dem Interrail-Ticket durch Europa
Auf Gleisen mit dem Interrail-Ticket durch Europa
Foto: Jordan Siemens / Getty Images

Tipps und Tricks Wie Sie mit einem Interrail-Pass verreisen

Viel schöner als im Flieger reist es sich im Zug. Und was wäre da praktischer als ein Zugticket für ganz Europa? Was Sie zum Interrail-Urlaub wissen müssen.
Von Viola Kiel

Stellen Sie sich vor: Sie sitzen in der nachmittäglichen Hitze im Schatten eines Laubenganges in Bologna. Leise klirren die Eiswürfel im Glas, während Sie an Ihrem Aperol Spritz nippen. Und Sie erinnern sich an Ihren Weg hierher:

In Bratislava haben Sie Napoleons Kanonenkugeln inspiziert und herrlich-mürbe Nussbeugel verspeist, in Budapest haben Sie am Donauufer gesessen und in der großen Markthalle kiloweise Kirschen gekauft. Sie sind durch die Straßen von Sofia spaziert, Sie haben die Zehen in den Sandstrand von Thessaloniki gegraben und standen in Athen auf einer Dachterrasse, als die Abendsonne die Tempel der Akropolis in sanftem Orange anleuchtete.

Sie haben das Ionische Meer überquert. Sie haben in Bari dem alten Mann zugesehen, wie er frisch gefangene Tintenfische auf der Kaimauer weich klopfte. Sie haben in Neapel Pizza Margherita gegessen, mit Blick auf den Vesuv.

Für all das genügte Ihnen ein einziges Ticket: ein Interrail-Pass.

Halt! Geht das überhaupt in der Coronakrise, fragen Sie? Planen geht immer. Aber natürlich sollten Sie die aktuelle Lage an Ihren Reisezielen im Blick behalten, Ihre Route gegebenenfalls ändern oder im Zweifel die Fahrt ins nächste Jahr verschieben. Partys, Festivals und Nachtklubs sind zurzeit ohnehin noch tabu (mehr dazu unten).

Was ist Interrail?

Interrail - ist das nicht das, was Abiturienten mit Sonnenbrand, riesigen Rucksäcken und Käsefüßen machen, wenn sie nicht in Australien work-and-traveln? Ein bisschen stimmt das: Entstanden ist das Interrail-Ticket aus der Idee, jungen Menschen einen günstigen Weg zu bieten, Europa zu bereisen.

1972 wurde der Interrail-Pass eingeführt, als Gemeinschaftsprojekt von mehr als 20 europäischen Eisenbahngesellschaften. Und seit 2018 verlost die EU Interrail-Pässe an 18-jährige EU-Bürgerinnen und -Bürger.

Aber man darf auch schon eine Weile volljährig sein, um das Vergnügen von Zugreisen kreuz und quer durch Europa zu entdecken. Eine Altersbegrenzung gibt es nicht.

Was kostet ein Interrail-Pass?

Der Preis eines Tickets hängt von drei Punkten ab. Erstens: dem Alter. Für Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 27 Jahren kostet das Ticket weniger als für etwas ältere Erwachsene ab 28. Kinder bis elf Jahre dürfen in Begleitung eines Erwachsenen kostenlos reisen.

Zweitens kann man festlegen, an wie vielen Tagen eines Monats man reisen möchte. Wer sich beim morgendlichen Cappuccino spontan entscheiden will, wie die Reise weitergeht, der fährt entspannter mit einer unbegrenzten Anzahl an Reisetagen. Wer hingegen Reiseroute und Unterkünfte schon vorab festgelegt hat, dem können weniger Reisetage genügen.

Ein Erwachsenen-Pass mit sieben Reisetagen innerhalb eines Monats kostet für die zweite Klasse zum Beispiel 335 Euro, für ein Ticket mit unbegrenzten Reisen innerhalb eines Monats muss man 670 Euro zahlen.

Die Wahl zwischen erster und zweiter Klasse ist der letzte Preisfaktor: Die erste Klasse bietet etwas mehr Komfort, wobei der oft auch nur etwas breitere Sitze und eine Wasserflasche bedeutet. In anderen Zügen gibt es gar keine Unterscheidung. Subjektive Meinung: In (viel) Eiskaffee am Strand investiert, bringt dieses Geld mehr Freude.

Wohin kann man reisen?

Es gibt den "One Country Pass", damit kann man ein ausgewähltes Land bereisen. Die große Freiheit bietet aber der "Global Pass", der Reisen in 33 Länder erlaubt und damit - so steht es zumindest auf der Website – zu mehr als 40.000 Orten. Neben den EU-Staaten, Norwegen und der Schweiz kann man zum Beispiel auch Serbien oder die Türkei entdecken.

Und: Mit einem Interrail-Ticket können Sie, für einen Aufpreis, verschiedene Fährverbindungen nutzen, etwa von Patras in Griechenland nach Bari am Hacken des italienischen Stiefels. Auf der eingangs beschriebenen Tour über die Slowakei, Ungarn, Bulgarien, Griechenland und Italien legen Sie von Berlin aus zum Beispiel mehr als 4000 Kilometer zurück.

Routen durch Frankreich nach Spanien und Portugal, aber auch durch Skandinavien und das Baltikum sind beliebt. Oder: der berühmte Orient-Express, von London oder Paris bis nach Istanbul.

Noch eine subjektive Empfehlung: Wenn Sie bereit sind, eher viel Weißbrot und Grillfleisch zu essen, fahren Sie nach Osten. In vielen mittel- und südosteuropäischen Ländern ist das Bahnnetz gut ausgebaut. Hier können Sie verschiedene Orte besuchen, die Sie für einen Städtetrip vielleicht noch gar nicht auf dem Schirm hatten. Fahren Sie nach Timişoara, wo die Revolution 1989 ihren Anfang nahm! Bestaunen Sie den Goldschatz von Košice! Statten Sie der einstigen Kulturhauptstadt Pécs einen Besuch ab.

Wie viel Zeit braucht man?

Schon Goethe soll gesagt haben: Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen. Ja: Mit dem Flugzeug wären Sie schneller. Aber: Wer mit dem Zug fährt, erlebt das Vorankommen. Und Fliegen war ja auch schon vor der Corona-Pandemie nicht mehr so cool.

Nur für ein langes Wochenende müssen Sie keinen "Global Pass" kaufen. Für die Beispiel-Rundreise über den Balkan, Griechenland und Italien sind drei Wochen eine gute Zeit, mehr geht natürlich immer. Grundsätzlich ist es nicht verkehrt, ein, zwei Tage als Puffer einzuplanen. Falls es mit einer Verbindung einmal nicht klappen sollte. Falls Sie doch mal länger Pause machen wollen.

Wenn Sie weniger Zeit haben, schadet es nicht, die Reiseroute von zu Hause aus vorzuplanen. Dann konzentrieren Sie sich auf Ziele, die Sie gut erreichen, von denen Sie aber auch gut wieder wegkommen: Große Städte sind in der Regel besser an den Fernverkehr angebunden als kleine Örtchen. Obwohl natürlich auch eine Fahrt mit der Bummelbahn charmant sein kann.

Was sollte man einpacken?

Falls Sie nicht die Gabe besitzen, in jeder Position und bei jedem Geräuschpegel innerhalb von 30 Sekunden einzuschlafen, kann es nicht schaden, ein aufblasbares Nackenkissen und Ohrstöpsel mitzunehmen - vor allem für Nachtfahrten. Ein Schal ist praktisch, wenn es kühl wird. Und die Maske sollte zurzeit immer dabei sein.

An Desinfektionsmittel und -tücher sollte man unbedingt denken, denn nicht in jedem Zug sind die Sanitäranlagen nur einladend. Angenehm sind auch (kompostierbare) Erfrischungstücher und eine kleine Reisezahnbürste. Außerdem: Trinkwasser, Kartenspiele, Bücher und eine Powerbank zum Handy-Laden.

Am wenigsten herumkramen müssen Sie, wenn Sie Ihren Personalausweis, den Interrail-Pass und die notwendigen Kleinigkeiten in eine kleine Extra-Tasche packen. Dann können Sie größere Gepäckstücke bedenkenlos verstauen. Manch besonders gewiefte Interrail-Reisende sichert den Reißverschluss an ihrem Rucksack übrigens mit einem kleinen Vorhängeschloss. Denn: Die Vorsicht stellt der List sich klug entgegen. Genau: Goethe.

Was passiert, wenn ich das Interrail-Ticket verliere?

Für den Fall, dass Ihnen der Pass allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz gestohlen wird, oder einfach unauffindbar ist, gibt es von Interrail die Option eines Passschutzes. 16 Euro kostet diese Art Versicherung, erstattet werden die Kosten für Ersatzfahrkarten oder für ein Interrail-Ticket mit dem "Restwert" des verschollenen Tickets. Für den Passschutz kann man sich nur beim Kauf entscheiden, nicht rückwirkend.

Sollten Sie beklaut werden, müssen Sie das der örtlichen Polizei melden. Die Bestätigung brauchen Sie sowohl für den Passschutz, aber auch, um neue Papiere zu beantragen, falls das Portemonnaie weg ist. In so einem Fall sollten Sie Ihre Kredit- und EC-Karten sperren lassen, zum Beispiel über den zentralen Sperrnotruf +49 116 116.

Machen Sie, für alle Fälle, außerdem schon vor der Reise Kopien von Ihrem Ausweis und verwahren Sie sie in unterschiedlichen Gepäckstücken - und am besten auch digital, als Datei in Ihrer Cloud oder in Ihrem Mail-Postfach. Es gibt zudem Reisegepäckversicherungen gegen Diebstahl. Dabei sollte man allerdings das Kleingedruckte sehr gründlich lesen.

Was muss man sonst noch beachten?

Einige Züge sind, anders als in Deutschland, reservierungspflichtig. In manchen Ländern ist diese Reservierung kostenlos, in anderen können noch einmal Gebühren zwischen 10 und 30 Euro anfallen. Falls Sie am Tag Ihrer Ankunft schon wissen, wann Sie wohin weiterreisen wollen, können Sie sich direkt am Bahnhof um die Platzreservierung für die nächste Etappe kümmern. Andernfalls kann es auch passieren, dass eine bestimmte Verbindung ausgebucht ist.

Die zuverlässigsten Informationen zu Abfahrtszeiten und Fahrplanänderungen bieten die jeweiligen nationalen Bahngesellschaften - die allermeisten haben auch eine englische Übersetzung.

Ist eine Interrail-Reise in der Coronakrise denn möglich?

Das Auswärtige Amt hat die Corona-bedingten Reisewarnungen für EU-Staaten mittlerweile wieder aufgehoben. Für Länder außerhalb der EU-Grenzen gilt weiterhin eine Reisewarnung bis zum 31. August. Grundsätzlich also: Ja, Zugfahren innerhalb von Europa ist möglich. In den meisten Zügen gilt dabei eine Maskenpflicht.

Aber: Natürlich erhöht Reisen das Risiko einer Ansteckung mit dem Coronavirus - und auch dessen Weiterverbreitung. Falls Sie schon in diesem Sommer eine Zugreise unternehmen wollen, erkundigen Sie sich unbedingt vor Reiseantritt über die Situation im jeweiligen Reisezielland, das geht zum Beispiel über die Internetseiten des Auswärtigen Amts  und der jeweiligen Deutschen Botschaft. Auch auf der Interrail-Seite  gibt es eine Übersicht zur Situation in einzelnen Ländern: Rund um Deutschland herum ist Reisen demnach bereits wieder möglich.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Der Interrail-Verbund empfiehlt, den Pass frühestens drei Wochen vor der Fahrt zu kaufen, um auf aktuelle Veränderungen reagieren zu können. Die Fristen für Rückgabe oder Umtausch  von Fahrkarten, die vor dem 1. April gekauft wurden, wurde verlängert.

Und wenn Sie sich noch gedulden wollen: Basteln Sie ein Fotoalbum mit Bildern aus dem vergangenen Urlaub und planen Sie fürs nächste Jahr. Auch der Aufschub hat seine Freuden. Goethe hat ja zu allem was gesagt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.