Weihnachten in Belgrad Feierorgie im Postkommunismus

Die Serben feiern Heiligabend am 6. Januar und Neujahr am 14. Januar - doch eigentlich entzückt alljährlich ein ganzer Festmonat das vom Atheismus befreite Land. Mit einem Aufwand vergleichbar einer Hochzeitsfeier wird außer dem Christkind auch der Familienheilige, der Slava, verehrt.

Von Renate Flottau, Belgrad


Keine Feiertage, nein – ein ganzer Feiermonat entzückt jährlich von Mitte Dezember bis Mitte Januar das serbische Volk. Wehe dem, der in dieser christlich-orthodoxen Besinnungsperiode eine ernsthafte Behandlung seiner Behördenanliegen erwartet oder gar einen schnellen Termin beim Zahnarzt.

Orthodoxe Priester: Ein sehr langes Fest
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Orthodoxe Priester: Ein sehr langes Fest

Es wird mit Gottes Segen gejubelt, geschossen und gefeiert - wenn auch zunächst noch mit Fisch auf dem Tisch und, wenn es einer ganz streng nimmt, auch mit einer restlichen Speisekarte, die jede populäre Diät zum Festschmaus macht: Pasul (weiße Bohnen) nur in Wasser gekocht, kein Fett, keine Milch, kein Käse. Schließlich hat der Schöpfer eine mehrwöchige Fastenzeit vor den Spanferkelbraten gesetzt. Auf den Heiligen Abend warten die Gläubigen indes bis zum 6. Januar, an welchen sich dann aber nicht nur zwei, sondern ganze drei Fress- und Feiertage anschließen.

Christbaummäßig sind dagegen keine strengen Regeln gesetzt – hier herrscht europäischer Brauch: Wem der Baum, der oft nach Metern berechnet wird, zu teuer ist, der greift zur Axt und organisiert sich selber einen. Auch das Datum der Benadelung des Wohnzimmers ist frei wählbar. Das mit Kugeln, Lametta und Engelshaar umhüllte Prachtstück ist ab Mitte Dezember durchaus im Einsatz.

Freuden und Leid des Slava-Festes

Allerdings – noch stehen den wahren Weihnachtsfreuden anstrengende Tage bevor: Am 19. Dezember ist der "Slava des Heiligen Nikolaus", ein nur in wenigen Balkanländern bekanntes Fest, bei welchem jede Familie ihren eigenen Heiligen, den Slava, feiert. Und dies mit Zeremoniell und Gästeliste, die allenfalls mit der Hochzeitsfeier eines mittleren Fürstenhauses vergleichbar sind. Dabei gelten strenge Regeln. Der Sohn verehrt den Slava des Vaters, die Gattin den ihres Mannes.

Wer zum Slava eingeladen ist, muss sich bei seinem eigenen Slava-Fest mit einer Gegeneinladung revanchieren. Wer von der Gästeliste gestrichen wird, ist auch aus dem Leben des Gastgebers geschieden. Der 19. Dezember ist also ein Tag, an welchem man entweder selbst feiert oder zum Feiern geladen ist. Die Erholungspause – schließlich nimmt so manch einer freiwillig die Sünde des Fastenbrechers auf sich - dauert gerade mal zwölf Tage.

Am 31.12., wenn in Deutschland die Raketen steigen, feiert das "moderne Serbien" loyalerweise mit. Für die Kinder ist an diesem Tag paradoxerweise eine Art "Nikolaustag". Am nächsten Morgen sind Schuhe und Strümpfe mit Nüssen, Schokolade oder sonstigen Gaben gefüllt. Manchmal erscheint dazu der Santa Claus persönlich in Tracht und Bart, meist überlässt er den Job unsichtbaren Gesellen. Natürlich folgen auch dem neuzeitlichen Neujahrsfest mindestens zwei Feiertage. Deren Zahl variiert von Jahr zu Jahr und wird nicht allzu streng ausgelegt – Gläubige genießen dabei einen Bonus, die arbeitende Bevölkerung feiert im Betrieb weiter.

Denn schon steht das Christkind am 6. Januar vor der Tür, und dies mit einem Glaubensritual, das Zeitreisen von der frostigen deutschen Christmette entfernt ist. Umgeben von einem Meer leuchtender Kerzen und weihrauchträchtiger Luft beginnt die Feier zu Christi Geburt im Kircheninneren, um sich später in den angeschlossenen Kirchenhof zu verlagern. Rund um ein angefachtes Feuer beten die Gläubigen bis in die späten Nachtstunden. Jeder erhält zum Abschied einige trockenen Eichenzweige, den traditionellen Weihnachtsschmuck, der entweder über dem Hauseingang oder im Haus die Festtage symbolisiert.

Zu Neujahr ist der Teufel los

Am Morgen des 7. Januar wird von den Eltern ein Feuer entzündet – sei's im Ofen, im Kamin oder wo auch immer. Während Kinder und Erwachsene um den Feuerherd sitzen und mit ihren Eichenhölzern in der Glut stochern, werden Wünsche laut an die Adresse des Allmächtigen geäußert: von gesundem Viehbestand bis zum eigenen finanziellen Wohlergehen. Ein großer, runder Maiskuchen mit einer darin versteckten Münze oder einem Schmuckstück wird mit den Händen gebrochen. Auf wessen Teller später der Geldkuchen liegt, der kann auf ein finanziell erfolgreiches neues Jahr hoffen.

Nur nicht zu früh mit der Alkoholabstinenz beginnen: Das neue Jahr steht noch vor der Tür. Seitdem die Kommunisten und damit Atheisten Serbien nicht mehr regieren, gibt es in Serbien nur noch orthodoxe Patrioten. Deren Silvester ist der 13. Januar. Dabei mag es in Belgrader Lokalen mit leichtbetuchten landestypischen Turbo-Folksängerinnen, Knallfröschen und Feuerwerken um Mitternacht und sporadischen Schüssen aus den Wohnblöcken noch zivilisiert zugehen, in manchen Gegenden im Landesinnern ist dagegen der Teufel los.

Dorfbewohner, gekleidet in Tschetnik-Uniformen, auf dem Kopf die obligatorische Tschetnik-Kappe "Sajkaca", weihen hier das Jahresende der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, als die Tschetniks, wie die serbischen Widerstandskämpfer unter ihrem Führer Draza Mihailovic genannt wurden, gleichermaßen gegen die Deutschen und Titos Partisanen kämpften. Ein Ochse dreht sich am Rost, in einem riesigen Kessel wird Sliwowitz (Pflaumenschnaps) erhitzt, und jeder Bauer hat sein Jagd-Messer im Gurt - jedes Exemplar blitzender und mit feudalerem Griff als das andere.

Mit dem eigenen Messer schneidet sich jeder "sein Stück Fleisch" vom verführerisch riechenden Braten, mit der auf der anderen Seite des Gurts steckenden Pistole oder dem umgehängten Gewehr wird um Mitternacht geballert, dass auch die Götter um den Fortbestand ihres himmlischen Reichs bangen.

Der 14. Januar läutet das neue Jahr dann endgültig ein. Eine Erholungspause ist angesagt, natürlich mit mehrtägiger Rehabilitierungsphase. Es sei denn, jemand feiert den Heiligen Jovan als Slava. Der ist am 20. Januar.



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