Weihnachtsbräuche in Spanien Feliz Navidad, kleines Scheißerle!

Andere Länder, andere Krippen: In Spanien gehört ein Gipsmännchen mit heruntergelassener Hose in jede gute Weihnachtspuppenstube. Auch andere Festtagsbräuche verblüffen - allen voran die Lotterie, die in diesem Jahr einem Dorf unglaubliche 720 Millionen Euro bescherte.

REUTERS

Von Andreas Drouve


Kataloniens Weihnachtskrippen können auf traditionsbewusste Christen ein wenig befremdlich wirken. Denn neben Maria, Josef und allerlei Getier treibt unter den Figürchen häufig ein seltsamer Gips-Exhibitionist sein Unwesen: der Caganer, übersetzbar als "Scheißerle".

Ein wenig an den Rand platziert, ist das Figürchen mit entblößtem Hinterteil und in eindeutiger Hockposition dabei, sich in größerem Umfang zu erleichtern. In Gegenwart der Heiligen Familie scheint es keine Spur von Scham zu empfinden; einfach raus damit.

Der Caganer ist kein plötzlich an Darmdruck erkranktes Geschöpf und gar nicht despektierlich gemeint, sondern bringt seit dem 18. Jahrhundert humorige Noten in die Krippe - und fungiert als Glücksbringer: Plastisch und symbolisch zugleich düngt er den Boden, sorgt für Fruchtbarkeit und führt auf eigenwillige Art den Einklang des Menschen mit der Natur vor Augen.

Das etwa zehn Zentimeter kleine Standardmodell eines Hirten bieten Schnäppchenläden im Land für einen Euro an, größer ist das Geschäft in Katalonien beim Betrieb von caganer.com, wo aus Torroella de Montgrí die Nachfrage mit handbemalten Figürchen aus gebranntem Ton bedient wird.

Im Sortiment gab es in diesem Jahr einige Neuerungen: eine Braut im Hochzeitskleid und eine beleibte Flamencotänzerin für je zwölf, Prinz William und Shakira für je 15, das gemeinschaftlich defäkierende Fußballteam vom FC Barcelona für 165 Euro.

Hauptfeier am 25. Dezember

Ihren wichtigsten Auftritt in privaten Wohnungen und Häusern haben die Figürchen in Spaniens Festtagsskalender am ersten Weihnachtstag, dem Tag der Familie und des gemeinsamen Mittagsmahls. Es ist ein Tag menschlicher Mast unter Zuhilfenahme von Garnelen, gefüllten Kapaunen und Nougatplatten (turrones). Bis Samstagabend um acht hielten dieses Jahr Geschäfte ihre Pforten für Last-minute-Käufer offen, in vielen Familien stand gegen Mitternacht die Erstbescherung an. Der Montag ist schon wieder ein normaler Arbeitstag.

Das wertvollste Weihnachtsgeschenk erhielten einige glückliche Spanier allerdings schon vor drei Tagen: Beim "Dicken", El Gordo, der alljährlichen Weihnachtslotterie, die am 22. Dezember die Weihnachtszeit in Spanien einläutet. Dieses Jahr gab es den fettesten Gordo aller Zeiten, den Werbung und Medien bis zum Platzen aufblähten.

Nichts stimmte auch diesmal wieder besser ein auf das Fest als die live im Fernsehen übertragene Ziehung, ein hochheiliges Zeremoniell, ein Quotenrenner, der das Land lähmte.

Vier Stunden Audiofolter

Die Weihnachtslotterie ist Spaniens ganz große Nummer und dehnt sich über vier Stunden, für den Unbeteiligten verbunden mit Audiofolter: Kinder singen die Zahlen und Prämien von Haupt- und Nebengewinnen in monotoner, schier endloser Folge.

Gegen derlei Singsang der frohen Botschaften wünschte man sich fast Marianne & Michael im Doppelduett mit Cindy & Bert zur Linderung herbei. Nun, das Spektakel um den Dicken ist glücklicherweise vorbei, die meisten Spanier haben die 56,82 Euro verloren, die sie im Schnitt für die Hoffnung auf ein besseres Leben in Krisenzeiten gesetzt hatten.

Die Gewinnchance lag knapp über der Fünf-Prozent-Hürde, die Mittagsnachrichten zeigten wie üblich die strahlenden Sieger; die Gewinnerlos-Serie war diesmal im aragonesischen Dorf Grañén verkauft worden. Das Örtchen hat 2000 Einwohner, 1800 von ihnen hatten die richtige Zahlenfolge auf ihrem Zettelchen - sagenhafte 720 Millionen Euro werden an sie insgesamt ausgeschüttet.

Zweitbescherung am Dreikönigstag

Der Dicke steht in einer Reihe von Weihnachtsbräuchen in Spanien, das keine kollektiven Vorspiele wie Plätzchenbacken und Glühwein auf Weihnachtsmärkten kennt. Dafür gibt es an Heiligabend mancherorts Umzüge mit Tänzern, Schafen und Ochsen, außerdem dauert die Weihnachtszeit mit Abstand länger als andernorts.

Denn wenn die Geschenkeberge in Deutschland längst von Staubmilben belagert und Präsente in Form von Haustieren bereits ausgesetzt oder abgegeben worden sind, laufen Spanier zur Hochform auf: am Dreikönigstag, dem Feiertag am 6. Januar, für viele nach wie vor der Tag der Haupt- oder Zweitbescherung (nach Heiligabend).

Bis dahin bleiben Straßen und Geschäfte dekoriert, Weihnachtsbäume in ihren Verankerungen und die Krippen samt Caganer aufgebaut. Am Vortag ziehen die Weisen aus dem Morgenland in Dörfer und Städte ein, begleitet von Gefolgen, leibhaftigen Kamelen, Paukenschlägern und Trompeten.

In Küstengemeinden kommen sie per Boot an, am selben Abend stehen Straßenumzüge mit Bombardements aus Bonbons an. Bleibt zu hoffen, dass ein Umzug nicht wieder, wie im andalusischen Huelva schon geschehen, die Gerichte beschäftigt. Eine Frau war durch einen Bonbonwurf am Auge verletzt worden und hatte "König Balthasar" wegen Körperverletzung verklagt.

Wer den Umzug unbeschadet übersteht, stellt vor dem Bettgang einen Schuh unter den Weihnachtsbaum und darf in der Nacht auf den 6. Januar auf frische Geschenkebefüllung durch die Morgenlandweisen hoffen. Zumindest als Kind. "Früher haben wir zu Hause immer vorsorglich Wasser für die Kamele hingestellt", erinnert sich Daniel Campanero, Journalist und Kochbuchautor aus Pamplona.

Heute glauben seine kleinen Söhne weder an den Weihnachtsmann noch an die Royals aus dem Orient. Dafür glauben Daniel und viele andere Spanier an eine zweite Chance: die traditionelle Jesuskind-Lotterie am Dreikönigstag.



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Jo.S 25.12.2011
1. evacuación del vientre
Zitat von sysopAndere Länder, andere Krippen: In Spanien gehört ein Gips-Männchen mit heruntergelassener Hose in jede gute Weihnachts-Puppenstube. Auch andere Festtagsbräuche*verblüffen - allen voran die Lotterie, die in diesem Jahr einem Dorf unglaubliche*720 Millionen Euro bescherte. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,805420,00.html
Sylvester futtere ich gerne mal die 12 Weinbeeren, die uns der Spanier empfielt. Das ist ein unkomplizierter und ein lustiger Brauch. Ob ich kommendes Weihnachten an euren Artikel denken werde, SP-ON? Es ist wohltuend, sich zu erleichtern. Vielleicht ist es ja auch ein spiritueller Akt! ¡Feliz navidad!
muschkilusch 25.12.2011
2.
Zitat von sysopAndere Länder, andere Krippen: In Spanien gehört ein Gips-Männchen mit heruntergelassener Hose in jede gute Weihnachts-Puppenstube. Auch andere Festtagsbräuche*verblüffen - allen voran die Lotterie, die in diesem Jahr einem Dorf unglaubliche*720 Millionen Euro bescherte. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,805420,00.html
Der sogenannte "Caganer" ist keine spanische, sondern eine katalanische Tradition. Deshalb sucht man die kleine Gipsfigur außerhalb Kataloniens auch oft vergeblich (vielleicht noch auf den Balearen und mit etwas Glück in Valencia). In diesem Sinne also: Bon Nadal an den gut informierten Spiegel-Redakteur.
titeroy 25.12.2011
3. Nicht nur ...
Zitat von muschkiluschDer sogenannte "Caganer" ist keine spanische, sondern eine katalanische Tradition. Deshalb sucht man die kleine Gipsfigur außerhalb Kataloniens auch oft vergeblich (vielleicht noch auf den Balearen und mit etwas Glück in Valencia). In diesem Sinne also: Bon Nadal an den gut informierten Spiegel-Redakteur.
Hier auf den Kanaren findet man den Caganer ebenfalls in jeder gut sortierten Krippe. Doch er wird gut versteckt und es ist eine Art Raetselspass fuer alle (vor allem in den oeffentlichen Krippen), den Caganer zu finden.
juanth 25.12.2011
4. Ich weiss nicht,
Zitat von titeroyHier auf den Kanaren findet man den Caganer ebenfalls in jeder gut sortierten Krippe. Doch er wird gut versteckt und es ist eine Art Raetselspass fuer alle (vor allem in den oeffentlichen Krippen), den Caganer zu finden.
ich lebe seit ueber 30 Jahren auf den Kanaren und habe die Caganer bis auf eine Ausnahme (Katalanische Krippe) noch nie gesehen. Es wuerde auch nicht zur Mentalitaet der Kanaren passen. Vielleicht in Krippen in touristischen Hochburgen (da gibts katalanische Arbeitskraefte), aber dort wo die echte Bevoelkerung lebt, nein.
jorgemarca 25.12.2011
5.
Zitat von muschkiluschDer sogenannte "Caganer" ist keine spanische, sondern eine katalanische Tradition. Deshalb sucht man die kleine Gipsfigur außerhalb Kataloniens auch oft vergeblich (vielleicht noch auf den Balearen und mit etwas Glück in Valencia). In diesem Sinne also: Bon Nadal an den gut informierten Spiegel-Redakteur.
Da aber Katalonien schon ein Teil Spaniens ist kann mas es ruhig auch bei spanischer Tradition belassen. Feliz navidad.
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