Legendäres Skirennen am Arlberg Suzuki im weißen Rausch

Am heutigen Ostersonntag stürzen sich 555 Skifahrer beim Kultrennen "Weisser Rausch" gen Tal. Einer davon ist Hideki Suzuki. Der japanische Skifanatiker ist am Arlberg schon selber eine Legende.

Josef Mallaun/ TVB St. Anton

Von Johanna Stöckl


Nach 19 Minuten und 10 Sekunden torkelt Hideki Suzuki über die Ziellinie. Obwohl der Skifahrer bei der Vergabe um die Podiumsplätze keine Rolle spielt, strahlt der 57-jährige wie ein Weltmeister und erklärt in holprigem Englisch: "Ich bin glücklich, die Tortur verletzungsfrei überstanden zu haben."

Das war am 21. April 2018, und der Japaner hat gerade den "Weissen Rausch" geschafft. Wieder mal. Suzuki kam in seiner Klasse "Ü50" auf Rang 74, in der Gesamtwertung auf Platz 391. Sieger Florian Holzinger, ein Multisportler aus Bayern, absolvierte die Strecke in 9,06 Minuten.

Für Insider ist der Weisse Rausch, der am Ostersonntag zum 22. Mal stattfindet, längst ein fixer Termin im Sportkalender. Das legendäre Rennen ist Höhepunkt und zugleich Abschluss der Saison im Skigebiet Arlberg. 555 Sportler stürzen sich um 17 Uhr zeitgleich vom 2665 Meter hohen Vallugagrat über eine neun Kilometer lange, ausgefahrene Piste. Mitmachen kann jeder - ob auf normalen Ski, Telemark-, Mono-Ski oder Snowboards.

Partymusik und Cheerleader begrüßen die Sportler im Zielraum. Hinter der Finish-Linie sinken sie völlig entkräftet zu Boden. Tausende Zuschauer pilgern nach Liftschluss ins Zielgelände in St. Anton, wo der Lauf auf einer großen Leinwand übertragen und wie ein Weltcup-Rennen moderiert wird. Zigtausende in aller Welt verfolgen das Rennen über den Livestream im Internet.

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Kultrennen am Arlberg: 555 Sportler im Infernorennen

Hideki Suzuki wird auch dieses Jahr wieder einer der Starter sein. Um an dem Inferno-Rennen teilzunehmen, reist der Skifanatiker aus Nikko, 150 Kilometer nördlich von Tokio, extra für ein Wochenende nach Tirol. Suzuki liebt St. Anton seit seinem ersten Besuch im Jahr 1991. Mittlerweile war er schon über 30 Mal zum Skifahren am Arlberg, am Weissen Rausch nimmt er 2019 zum zehnten Mal teil. Einmal stürzte er beim Rennen und brach sich den Fuß. "Das war bitter, aber kein Grund, nicht wieder an den Start zu gehen."

"Dabei sein ist alles!", sagte Suzuki am Vorabend des Rennens 2018. "Ich habe hier viele Freunde." Zum Treffpunkt erscheint er - sportliche Statur, schlank, etwa 1,65 Meter groß - überpünktlich. Ein Stirnband verdeckt sein dichtes schwarzes Haar, unter seiner Jacke trägt er ein Langarmshirt mit der Aufschrift "Der Weisse Rausch". Höflich überreicht Suzuki japanischen Tee und Melonenbrot-Kekse als Geschenk und erzählt mit Händen und Füßen, englischen Sprachbrocken und viel Gelächter von seiner Leidenschaft.

Er arbeitet in seiner Heimat als Belüftungstechniker und wohnt mit seiner Familie, Vater und Schwester, unter einem Dach. Dort hat er ein Zimmer dem Skisport gewidmet - mit einem Sammelsurium an Erinnerungen wie Startnummern-Trikots, Pokalen, ausrangierten Skiern, Kappen, Plakaten. Ungestört plaudern kann man mit ihm nicht. In der Fußgängerzone bleiben ständig Passanten stehen, begrüßen den Stammgast aus der Ferne überschwänglich. 50 Präsente hat Suzuki mitgebracht. Beschenkt werden alle - vom Bürgermeister über Kellnerinnen im Lieblingsrestaurant bis zu befreundeten Freeride-Guides.

Eine Probeabfahrt, ein Kraftakt

"Stehenbleiben ist keine Option", rät Suzuki noch für die Probeabfahrt unter Rennbedingungen, die zwei Stunden vor dem Start stattfindet. Nach einer etwa 20-sekündigen Schussfahrt von der Bergstation der Vallugabahn 1 aus mündet der halbrunde Startkessel trichterförmig in ein schmales Gleitstück. Wenn hier 555 Athleten gleichzeitig starten, ist Körperkontakt nicht ausgeschlossen. Alleine auf der Strecke meistert man als gute Skifahrerin die erste Passage problemlos in tiefer Hocke.

Am Valfagehrjoch allerdings wartet gleich zu Beginn ein kräftezehrender, 150 Meter langer Gegenanstieg. Insider nennen ihn den "Schmerzensberg". "Der Aufstieg trennt Hobbyathleten von Experten. Wer aufs Podium will, muss Vollgas nach oben skaten", hatte Stefan Häusl bei der Streckenbesichtigung tags zuvor erklärt. "Alle anderen plagen sich mit abgeschnallten Skiern aussichtslos zu Fuß bergauf."

Der 42-jährige Freeski-Profi lebt mit seiner Familie in St. Anton und kann die Herausforderungen gut beurteilen. 2006 siegte Häusl beim furiosen Rennen. Ist er darauf stolz? "Klar", sagt Häusler, "beim Weissen Rausch genügt es nicht, ein exzellenter Skifahrer zu sein. Die körperliche Komponente ist der Wahnsinn." Die spiegelglatte, gefürchtete Streif in Kitzbühel zum Beispiel ist 3,5 Kilometer lang. Will man die Valluga-Abfahrt im späten Frühjahr meistern, muss die Kondition für neun Kilometer und 1300 Höhenmeter reichen.

Nach dem Anstieg hilft nur ein kurzes Verschnaufen - ehe man völlig übersäuert in der Abfahrtshocke bis zur Ulmer Hütte rast. Längst bevor einen nach der Fahrt durch das Steißbachtal auf dem letzten Drittel kniehohe Sulzschneebuckel erwarten, brennen die Oberschenkel wie verrückt. Um die ausgefahrene Frühjahrsschneepiste möglichst kraftsparend zu meistern, kommt am Ende alles an Skitechnik zum Einsatz, was bei guten Skifahrern an sich tabu ist: Pflug- und Stemmbögen, aufrechte Querfahrten. Das ersehnte Ziel ist nach 20 Minuten erreicht.

Ein Kraftakt. Daher landen auch auf dem Siegerpodest ausschließlich durchtrainierte Ausdauersportler, darunter ehemalige Skistars, gut skifahrende Triathleten und ambitionierte Skibergsteiger. Der Rest? Macht mit, um stolz behaupten zu können, den Weissen Rausch ein- oder mehrfach gemeistert zu haben.

Arlberger Skipionier kam in den Dreißigern bis Japan

Benannt ist das Abschlussrennen nach einem Filmklassiker von Regisseur Arnold Fanck aus dem Jahr 1931. Drehort: St. Anton. Hauptdarsteller: Leni Riefenstahl und Hannes Schneider. In Stuben geboren, verbrachte der Skipionier seine gesamte Freizeit auf zwei Brettern. Mit ihm wurde der Telemarkstil verabschiedet, das Naturtalent glitt - ohne den Ausfallschritt - über bloße Gewichtsverlagerung um die Kurve. Schneider führte auch das Schussfahren in der Hocke ein.

Schon als 17-Jähriger unterrichtete Schneider in St. Anton erstmals Wintergäste. 1921 gründete Schneider vor Ort die erste Skischule Österreichs. In "Der Weisse Rausch" übernahm der Skiheld und Frauenschwarm schließlich eine Filmhauptrolle. Die Bilder vom "Arlberg Way of Skiing" gingen um die Welt und machten diesen schlagartig berühmt.

Schneiders Ruf drang offenkundig bis nach Japan vor. "Jeder, der sich bei uns für Skisport interessiert", sagt Hideki Suzuki, "kennt Schneider." In den Dreißigerjahren wurde er von Prinz Chichibu Yasuhito eingeladen, nach Japan zu reisen. Drei Monate lang tourte der Skilehrer aus St. Anton durch Japan, hielt Vorträge und gab zahlreiche Skikurse vor Ort.

Der Pionier vom Arlberg leistete also streng genommen Entwicklungshilfe und initiierte den Skitourismus in Japan. "Letztendlich erklärt das meine Liebe zu St. Anton. Ohne Hannes Schneider wäre aus mir wohl kein Skifahrer geworden. Ihm zu Ehren bin ich hier."

Johanna Stöckl ist freie Autorin bei SPIEGEL ONLINE. Diese Reise wurde vom Tourismusverband St. Anton unterstützt.



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