Weltklasse-Kletterer in Spanien Tollkühner Höhlenritt

Die Höhle von Santa Linya in Katalonien lockt die besten Kletterer der Welt nach Spanien. Nirgendwo sonst gibt es so viele schwere Routen auf kleinstem Raum - nur manchmal stören neugierige Archäologen.

Annika Müller

Von Annika Müller


Im kleinen Dorf Santa Linya in der nordspanischen Provinz Lleida sind sie ein vertrauter Anblick: die braungebrannten, muskulösen Kerle und nicht weniger durchtrainierten Frauen, die aus ganz Europa und den USA hierher kommen und sich mit ihren VW-Bussen und Campern in den engen Gassen verkeilen. Auf einem schmalen Feldweg, der am Ortsende steil nach unten führt, holpern und rutschen sie ihrem Pilgerziel entgegen: der Höhle von Santa Linya.

Bis zuletzt verbirgt sie sich hinter einem großen Felsenturm, doch dann ist der Eindruck umso überwältigender. Fast symmetrisch liegt die Felsenhalle da, gleichmäßig gerundet wie ein geöffnetes Fischmaul. Die lange, gekrümmte Wand ist übersät mit Metallhaken und Schlingen.

Seit mehr als 40.000 Jahren wird die "cova gran", die große Höhle, vom Menschen genutzt. Sie diente Neandertalern als Unterschlupf, den Mauren als Waffenlager, später den Widerstandskämpfern während der Francodiktatur als Versteck. Vor sechs Jahren wurde sie einer weiteren Verwendung zugeführt, die sie schließlich berühmt machen sollte: "In der Höhle von Santa Linya konzentrieren sich fast 30 Kletterrouten im allerhöchsten Schwierigkeitsgrad auf relativ kleiner Fläche. Das macht sie weltweit einzigartig", sagt der spanische Sportkletterpionier Dani Andrada, den man durchaus als Hausherr der Höhle bezeichnen kann. Im Jahr 2004 hat er angefangen, hier erste Bohrhaken in die Wand zu treiben. 26 Routen hat er seither eingerichtet, von denen einige im Ruf stehen, zu den schwierigsten der Welt zu gehören.

"Ich bin fast ausgeflippt, als ich sie das erste Mal sah", sagt Andrada über die Höhle. Ein Freund hatte sie ihm gezeigt - sozusagen als Geburtstagsgeschenk. Gleich am nächsten Tag kam Andrada mit der schweren Steinbohrmaschine wieder, um mit der Erschließung zu beginnen.

Klettern in höchsten Schwierigkeitsgraden

Der 35-Jährige, von seinen Freunden liebevoll "der Affe" genannt, ist einer der besten Felskletterer weltweit. Außer ihm ist es bislang nur dem US-Amerikaner Chris Sharma, dem Franzosen Fred Rouhling und dem Tschechen Adam Ondra gelungen, Routen im schwindelerregenden Schwierigkeitsgrad 9b zu klettern - dies entspricht dem 12. Grad nach einer deutschen Kletterskala und galt noch vor wenigen Jahren als außerhalb des Menschenmöglichen. Inzwischen sind sieben solcher Routen weltweit bewältigt worden, fünf davon in Spanien. Zwei gehen auf Andradas Konto, drei auf das des US-Amerikaners Chris Sharma.

Andradas Erfolgsrezept ist seine nie abebbende Begeisterung. Wenn er einen Routenverlauf erläutert, spricht sie aus jeder seiner energisch ausladenden Gesten, funkelt aus seinen Augen. Er klettert seit mehr als 20 Jahren, seine breiten, sehnigen Hände, die auf der Innenfläche mit dicken Schwielen überzogen sind, zeugen davon. "Ich lerne noch immer täglich dazu", sagt Andrada.

Zu einer Zeit, zu der sich das Klettern gerade erst als Wettkampfsport etablierte, war er einer der großen Protagonisten, wurde mehrfach spanischer und im Jahr 1999 sogar Weltmeister im Speedklettern. Doch Andrada suchte das Abenteuer - und das fand er nicht in einer Wettkampfhalle, sondern in der Wildnis. Alle Kontinente hat der gebürtige Madrider bereist, um dann unweit von zu Hause, in den urtümlichen Felslandschaften Kataloniens, die perfekte Spielwiese und seine neue Heimat zu finden. "Ich entdecke auch nach einem Jahrzehnt in der Provinz Lleida noch immer Neues", schwärmt Andrada. "Die Gegend bietet grenzenlose Möglichkeiten."

Steiler, länger und härter

Davon konnte er auch einen seiner Freunde überzeugen: Chris Sharma, den für viele derzeit besten Felskletterer der Welt. Der 29-jährige US-Amerikaner wurde mit seinem irritierend lässigen, tänzerischen Stil bereits vor über einem Jahrzehnt als Revolutionär seines Sports gefeiert. Als er im Dezember 2009 in Santa Linya eine 9b-Route mit Namen "Neandertal" kletterte, ging das Video davon um die Welt. Spätestens seitdem will sich hier jeder messen, der einen Namen in der Szene hat.

"Hier ist alles steiler, länger und härter als anderswo in Europa", sagt der 21-jährige Magnus Midtboe. Der mehrfache Jugendweltmeister hat den Weg aus seiner norwegischen Heimatstadt Bergen auf sich genommen, um die "extrem schwere, aber wunderschöne Route" Novena Enmienda zu bestehen.

Midtboe hat in der Höhle campiert und ist früh aufgestanden, um die morgendliche Frische zu nutzen. Laut hallt sein Schrei der Enttäuschung, als er auf halber Strecke stürzt. Erst zwei Tage später wird dem Blondschopf, der seine gedrungene Statur durch erstaunliche Beweglichkeit wettmacht, ein Durchstieg gelingen - unter wilden Anfeuerrufen der anderen Kletterer. Neid scheint keine Rolle zu spielen.

Dani Andrada macht sogar einen Luftsprung, als Midtboe sein Ziel erreicht. Er sieht in der Klettergemeinschaft eine große Familie. Über Erfolge, die in seiner Höhle erzielt werden, kann er sich vorbehaltlos freuen. Internationale Freundschaften und der Spaß sind ihm wichtiger als Ruhm; das gemeinsame Grillen und das Bier am Abend gehören unbedingt dazu.



insgesamt 2 Beiträge
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Monark, 18.08.2010
1. #
Wieso? Im Artikel steht doch, dass die Kletterer aufhören müssen, wenn die Archäologen arbeiten. Überhaupt kein Skandal. Klettern ist übrigens ein wunderschöner Sport, sehr zu empfehlen insbesondere für Menschen mit gebückter oder sitzender Arbeitshaltung - wie z.B. Archäologen! ;-)
petrameier64 25.12.2010
2. ohne Kletterseil ist noch tollkühner
Die Brüder Huber als Extremkletterer sind noch tollkühner. Die klettern gleich mal ohne Kletterseil. Man muss sich einmal die psychische Belastung vorstellen, dass man keine Sicherung hat, teilweise nichtmal ein Hüftgurt. Wer selber klettert, weiß, dass ein Kletterseil den enormen Druck stark abmildern kann. Beste Grüße von Petra
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