Wissenschaftler laden zur Weitwanderung What's up, Alpen?

Seit Anfang Juni wandert eine Gruppe von Aktivisten quer durch die Alpen. Sie wollen wissen: Was hat sich hier in den vergangenen 25 Jahren verändert? Viele junge Leute schließen sich an - und verbreiten die Botschaft per soziale Medien.

Hilmar Schmundt

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Dominik Siegrist brüllt: "Der Verkehr ist der reinste..." Bitte was? Ein Lkw donnert vorbei auf der Landstraße gen Meran, ein Motorrad knattert hinterher. "Der reinste Albtraum! Er hat sich verdoppelt in den letzten zwei Jahrzehnten!"

Dieser Text ist ein erweiterter Auszug aus der Titelgeschichte "Heidi ade" des aktuellen SPIEGEL-Heftes Nr. 33.

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Heft 33/2017
Wie sich das bedrohte Paradies wandelt

Siegrist, 60, ein bäriger Mann mit gemütlichem Lächeln, könnte es sich leicht machen und mit seinem Mountainbike einfach oben auf den Forstweg ausweichen. Stattdessen steht er hier an dieser Landstraße. Er will sehen, wo es wehtut.

Der Geografieprofessor von der Hochschule für Technik in Rapperswil war zehn Jahre lang so etwas wie der Mister Alpiversum, als Präsident der internationalen Naturschutzorganisation Cipra. Diesen Sommer hat Siegrist eine neue Mission: "Whatsalp" heißt das Projekt, mit dem er die Berge inspiziert, ein Wortspiel mit dem Namen des Chatprogramms und der Frage: What's up, Alpen - wie läuft's denn so?

Vier Monate lang ist Siegrist mit Freunden, Kollegen und Aktivisten in wechselnder Besetzung quer durch die Alpen unterwegs, auf Klettersteigen, Radwegen und Diskussionspodien: von Wien bis Nizza, wo die Tour am 29. September mit einer Strandparty endet.

Sie sehen die Alpen als Modelllandschaft und Freiluftlabor, in dem viele Prozesse besonders rasch und heftig ablaufen: Die Klimaerwärmung ist doppelt so schnell wie im globalen Mittel; die Städte wachsen rasanter als im Rest Europas; der Verkehr schwillt schneller an.

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Mitmachwanderung Whatsalp: Der gestiefelter Flashmob

Die wandernden Geografen erheben unterwegs keine eigenen Datensätze, sondern wollen eher das Wissen, das oft verstreut in Fachzeitschriften und Talschaften brachliegt, hinaustragen zu den Betroffenen, um gemeinsam über die Zukunft zu diskutieren. Die Berge sind für sie gleichzeitig begehbares Lehrbuch und politische Bühne. Wenn man so will: ein analoges Face-to-Facebook.

Raus aus dem Fachidiotentum

Vor 25 Jahren war Siegrist schon einmal diese Strecke gewandert, mit einer Aktivistentruppe. Damals brodelte es überall, Demonstranten blockierten Schnellstraßen, Bürgerproteste legten Staumauern und Fernstraßen lahm.

Siegrist bastelte damals in Berlin an seiner Dissertation. Er wollte mit der TransALPedes gegen den "Mobilitätswahn" kämpfen und für die "verwundeten Berge". Aber gleichzeitig auch seinem Studienfach, der Geografie, zu politischer Relevanz verhelfen, jenseits von bürokratischem Fachidiotentum, biederer Landeskunde und muffigem Regionalismus.

Wie also steht es heute um die Alpen, ein Vierteljahrhundert später? Werden die Berge überrollt, ist der Patient dem Verkehrsinfarkt erlegen?

"Nein, aber leider trifft die Diagnose immer noch zu", sagt Siegrist. Viele Anwohner leiden unter Lärm und Luftverschmutzung. Die Europäische Union baut an einer neuen Verkehrsachse von Skandinavien zum Mittelmeer, Scan-Med genannt. Unter dem Brennerpass wühlen Bohrmaschinen einen 55 Kilometer langen Bahntunnel durch Schiefer, Gneis und Granit, um die Fahrzeit von Innsbruck nach Südtirol auf 25 Minuten zu senken.

Die Whatsalp-Gruppe ist uneins. Sie stapfen durch Wald und Wiesen und diskutieren kilometerweit das Für und Wider des Brennerbasistunnels, in granithartem Euro-Englisch, dass einem die Ohren schmerzen: "Da graust's der Sau", konstatiert ein Teilnehmer trocken. Kann der Tunnel die Alpen entlasten - oder saugt er noch mehr Transitverkehr an?

"Zumindest reden wir heute miteinander", freut sich Dominik Siegrist über den Streit. Er selbst sei nicht für den Tunnel gewesen. Aber jetzt werde er nun mal gebaut. "Und statt zu protestieren, sollten wir jetzt fordern, dass die Lastwagen per Zug durch den Tunnel transportiert werden." Das klingt plausibel, zumal die Schweiz ihre Passstraßen mit der Bahn bereits recht erfolgreich entlastet.

Zwar gab es nie so viel Autoverkehr wie heute, zu je einem Drittel verursachen ihn Touristen, Transit- und inneralpine Fahrer. Zugleich können Wanderer besser als je zuvor dem Gestank und Gehupe entgehen: mit Smartphones und schlauen Karten - Datentrampelpfade bieten Auswege.

Ein Kilometer weniger Gletscher in 20 Jahren

Wo geht es jetzt lang? Siegrist zückt sein Handy und öffnet die App "Mapout". Ist eine Bergspitze unbekannt, reicht ein Blick auf "Peak Finder", schon erscheint der Gipfelname. Morgens ist eine Gruppe von Schülern und Studenten aus fünf Alpenstaaten zur Whatsalp-Wanderung gestoßen. Sie wollen ein paar Tage lang ihre bergige Heimat erkunden. Als sie sich zunächst verpassten, orteten sie Siegrist einfach online: auf der Wanderwebsite ist er metergenau verzeichnet.

Die Mitwanderer kommen aus Slowenien, Italien, Frankreich, sie alle haben persönliche Anliegen. "Letztes Jahr war ich in Grindelwald. Ich bin zum Gletscher gewandert und hatte eine Karte von meinen Eltern dabei. Die Karte ist in etwa so alt wie ich, und plötzlich merkte ich: Alleine während meiner kurzen Lebenszeit ist dieser Gletscher ungefähr einen Kilometer geschrumpft."

Das erzählt Luisa Deubzer, 21, eine Münchnerin, die Philosophie studiert hat, am liebsten barfuß wandert und schon einmal deutsche Meisterin im Sportklettern war: "Dazu kommt dann diese Absurdität, dass viele Menschen mit dem Auto anreisen, um die letzten Gletscher zu sehen, was wiederum durch die Abgase das Schmelzen beschleunigt."

Eine junge Südtirolerin erzählt von einem typischen Teufelskreis: Ihr Heimatdorf verödet, die Bäckerei, die Metzgerei, der Käseladen mussten dichtmachen. Ihre Familie muss daher heute zum Einkaufen zum Supermarkt in den Nachbarort fahren. Weil mit den Läden auch Jobs abwandern, beschleunigt sich wiederum die Landflucht und mit ihr der Autoverkehr.

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Tourismus in den Alpen: Zwischen Adrenalin und Nachhaltigkeit

"Früher machte jede Talschaft ihr Ding, eifersüchtig hütete jeder sein Spezialwissen, aber die Zeit der Kirchturmpolitik ist vorbei, auch dank der Digitalisierung", sagt Siegrist: "Früher hatten wir ja nicht einmal Handys, keine E-Mail, kein Facebook." Das Internet helfe nun, ein neues Bild der Alpen zu zeichnen. Forscher wie er haben schon damals mit Fakten und Forderungen dazu beigetragen, dass sich acht Bergstaaten in der "Alpenkonvention" zu Naturschutz und Kooperation verpflichteten. Sie trat 1995 in Kraft.

Ein gestiefelter Flashmob

Siegrists neue Aktion ist populär, fast jeden Tag stoßen junge Leute dazu, neue Gruppen, andere springen ab, ein gestiefelter Flashmob. Wann immer den Wanderern ein Bauer vor die Linse kommt, machen die jungen Whatsalpinisten ein Interview mit ihrer Gopro-Kamera, um es auf YouTube und zur Diskussion zu stellen.

Sie haben jede Menge Ideen: "Ich wünsche mir ein günstiges Bahnticket, eine Art Alpen-Interrail", sagt zum Beispiel Luisa Deubzer. Oder wie wäre eine Spiele-App fürs Handy, schlägt Matthias Oertel vor, ein Südtiroler, der in Mailand Jura studiert: Die Spieler treten gegeneinander an, indem sie gegenseitig ihren eigenen Energieverbrauch unterbieten, zum Beispiel durch den Verzicht auf Autofahrten.

Alle paar Tage sitzen die Wanderer auf Marktplätzen und in Rathäusern und Berghütten, um zu diskutieren. Ständig stoßen neue dazu, andere fahren wieder heim. Beim Abschied ruft Siegrist: "Wir sehen uns in spätestens 25 Jahren!"

Dieser Text ist ein erweiterter Auszug aus der Titelgeschichte "Heidi ade" des aktuellen SPIEGEL-Hefts Nr. 33. Hier erhalten Sie ein SPIEGEL-Probeabo.

insgesamt 3 Beiträge
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gelbesvomei 18.08.2017
1. Tja ...
Tja - die EU liebt den großen Wurf. Und man findet breite Unterstützung in den Nationalstaaten, die gerne EU-Mittel in ihre Kassen schaufeln. Man folgt hier wie dort nach wie vor der Betonökonomie der 1960er Jahre. Das Credo lautet: Wohlstand entsteht durch - Industrialisierung aller Lebensbereiche, Infrastruktur und noch mehr Infrastruktur (nach wie vor in erster Linie Straßen und Schienen und Flughäfen) und letztlich möglichst billiger Transport von Arbeitskraft und Waren - letztere gerne auch bis über alle Weltmeere. Ob es Schnellzug"magistralen" von Budapest nach Paris (über Stuttgart) sind, Europatransit Autobahn- und Eisenbahn-Hauptstrecken (Genua-Rotterdam, Scan-Med), nutzlose Autobahnungetüme auf Stelzen z.B. in Portugal und auf Sizilien, "Nachverdichtung" des (bereits jetzt weltweit dichtesten) deutschen Autobahnnetzes (A1/Hochmoselbrücke), Flughafentotgeburten (Hahn und andere). Mir scheint es so zu sein, dass der EU ZU VIEL Geld zur Verfügung steht. Geldmangel hätte viele schlechte Entwicklungen gehemmt oder verhindert ...
Überfünfzig, 19.08.2017
2. @gelbesvomei
Aber um so eine Entwicklung zu stoppen müssten sie vielen Leuten klar erklären, dass in ihrer Region/Land keine Entwicklung zugunsten von Natur und Romantikträumerei mehr statt zu finden hat und ihre Kinder dann wegziehen müssen, was über kurz oder lang die familären Verbindungen kappen würden oder nur in der Region Jobs irgendetwas mit Natur, niedere Servicejobs für nervigen Ökos, die sanften Tourismus suchen oder Abeitslosigkeit. Aus der Sicht des Stadtindianer, der ab und zu mal aufs Land kommt und gerne intakte und stille Rückzugsräume, notfalls vollgestellt mit Windgeneratoren, sucht, sind diese Wünsche aus Sicht der hiesigen Landbevölkerung oft nur ein Entwicklungshemmnis und man fragt sich, warum man gegenüber der Stadtentwicklung zurückstecken soll? Entweder finden wir uns damit ab, dass wir in einem der dicht besiedelsten Regionen der Welt, mit der Verwirklichung eines gehobenen Lebensstandard für alle Europäer, auch die naturnahen Lebensräume kleiner werden oder wir entsagen für die Menschen in bestimmten Regionen ein Weiterentwicklung. Schwieriges Thema ich weiß und so manchen träumt davon, sowas mit Planwirtschaft lösen zu wollen.
112211 20.08.2017
3.
Hoffentlich wird neben populären Themen wie dem Transitverkehr auch die Zerstörung des Naturraums durch Einwohner betrachtet, wie z:B. die komplette Zersiedlung.
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