DER SPIEGEL

Wissenschaftler laden zur Weitwanderung What's up, Alpen?

Seit Anfang Juni wandert eine Gruppe von Aktivisten quer durch die Alpen. Sie wollen wissen: Was hat sich hier in den vergangenen 25 Jahren verändert? Viele junge Leute schließen sich an - und verbreiten die Botschaft per soziale Medien.

Dominik Siegrist brüllt: "Der Verkehr ist der reinste..." Bitte was? Ein Lkw donnert vorbei auf der Landstraße gen Meran, ein Motorrad knattert hinterher. "Der reinste Albtraum! Er hat sich verdoppelt in den letzten zwei Jahrzehnten!"

Dieser Text ist ein erweiterter Auszug aus der Titelgeschichte "Heidi ade" des aktuellen SPIEGEL-Heftes Nr. 33.

Siegrist, 60, ein bäriger Mann mit gemütlichem Lächeln, könnte es sich leicht machen und mit seinem Mountainbike einfach oben auf den Forstweg ausweichen. Stattdessen steht er hier an dieser Landstraße. Er will sehen, wo es wehtut.

Der Geografieprofessor von der Hochschule für Technik in Rapperswil war zehn Jahre lang so etwas wie der Mister Alpiversum, als Präsident der internationalen Naturschutzorganisation Cipra . Diesen Sommer hat Siegrist eine neue Mission: "Whatsalp" heißt das Projekt , mit dem er die Berge inspiziert, ein Wortspiel mit dem Namen des Chatprogramms und der Frage: What's up, Alpen - wie läuft's denn so?

Vier Monate lang ist Siegrist mit Freunden, Kollegen und Aktivisten in wechselnder Besetzung quer durch die Alpen unterwegs, auf Klettersteigen, Radwegen und Diskussionspodien: von Wien bis Nizza, wo die Tour am 29. September mit einer Strandparty endet.

Sie sehen die Alpen als Modelllandschaft und Freiluftlabor, in dem viele Prozesse besonders rasch und heftig ablaufen: Die Klimaerwärmung ist doppelt so schnell wie im globalen Mittel; die Städte wachsen rasanter als im Rest Europas; der Verkehr schwillt schneller an.

Fotostrecke

Mitmachwanderung Whatsalp: Der gestiefelter Flashmob

Foto: Hilmar Schmundt

Die wandernden Geografen erheben unterwegs keine eigenen Datensätze, sondern wollen eher das Wissen, das oft verstreut in Fachzeitschriften und Talschaften brachliegt, hinaustragen zu den Betroffenen, um gemeinsam über die Zukunft zu diskutieren. Die Berge sind für sie gleichzeitig begehbares Lehrbuch und politische Bühne. Wenn man so will: ein analoges Face-to-Facebook.

Raus aus dem Fachidiotentum

Vor 25 Jahren war Siegrist schon einmal diese Strecke gewandert, mit einer Aktivistentruppe. Damals brodelte es überall, Demonstranten blockierten Schnellstraßen, Bürgerproteste legten Staumauern und Fernstraßen lahm.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Siegrist bastelte damals in Berlin an seiner Dissertation. Er wollte mit der TransALPedes gegen den "Mobilitätswahn" kämpfen und für die "verwundeten Berge". Aber gleichzeitig auch seinem Studienfach, der Geografie, zu politischer Relevanz verhelfen, jenseits von bürokratischem Fachidiotentum, biederer Landeskunde und muffigem Regionalismus.

Wie also steht es heute um die Alpen, ein Vierteljahrhundert später? Werden die Berge überrollt, ist der Patient dem Verkehrsinfarkt erlegen?

"Nein, aber leider trifft die Diagnose immer noch zu", sagt Siegrist. Viele Anwohner leiden unter Lärm und Luftverschmutzung. Die Europäische Union baut an einer neuen Verkehrsachse von Skandinavien zum Mittelmeer, Scan-Med genannt. Unter dem Brennerpass wühlen Bohrmaschinen einen 55 Kilometer langen Bahntunnel durch Schiefer, Gneis und Granit, um die Fahrzeit von Innsbruck nach Südtirol auf 25 Minuten zu senken.

Die Whatsalp-Gruppe ist uneins. Sie stapfen durch Wald und Wiesen und diskutieren kilometerweit das Für und Wider des Brennerbasistunnels, in granithartem Euro-Englisch, dass einem die Ohren schmerzen: "Da graust's der Sau", konstatiert ein Teilnehmer trocken. Kann der Tunnel die Alpen entlasten - oder saugt er noch mehr Transitverkehr an?

"Zumindest reden wir heute miteinander", freut sich Dominik Siegrist über den Streit. Er selbst sei nicht für den Tunnel gewesen. Aber jetzt werde er nun mal gebaut. "Und statt zu protestieren, sollten wir jetzt fordern, dass die Lastwagen per Zug durch den Tunnel transportiert werden." Das klingt plausibel, zumal die Schweiz ihre Passstraßen mit der Bahn bereits recht erfolgreich entlastet.

Zwar gab es nie so viel Autoverkehr wie heute, zu je einem Drittel verursachen ihn Touristen, Transit- und inneralpine Fahrer. Zugleich können Wanderer besser als je zuvor dem Gestank und Gehupe entgehen: mit Smartphones und schlauen Karten - Datentrampelpfade bieten Auswege.

Ein Kilometer weniger Gletscher in 20 Jahren

Wo geht es jetzt lang? Siegrist zückt sein Handy und öffnet die App "Mapout". Ist eine Bergspitze unbekannt, reicht ein Blick auf "Peak Finder", schon erscheint der Gipfelname. Morgens ist eine Gruppe von Schülern und Studenten aus fünf Alpenstaaten zur Whatsalp-Wanderung gestoßen. Sie wollen ein paar Tage lang ihre bergige Heimat erkunden. Als sie sich zunächst verpassten, orteten sie Siegrist einfach online: auf der Wanderwebsite ist er metergenau verzeichnet .

Die Mitwanderer kommen aus Slowenien, Italien, Frankreich, sie alle haben persönliche Anliegen. "Letztes Jahr war ich in Grindelwald. Ich bin zum Gletscher gewandert und hatte eine Karte von meinen Eltern dabei. Die Karte ist in etwa so alt wie ich, und plötzlich merkte ich: Alleine während meiner kurzen Lebenszeit ist dieser Gletscher ungefähr einen Kilometer geschrumpft."

Das erzählt Luisa Deubzer, 21, eine Münchnerin, die Philosophie studiert hat, am liebsten barfuß wandert und schon einmal deutsche Meisterin im Sportklettern war: "Dazu kommt dann diese Absurdität, dass viele Menschen mit dem Auto anreisen, um die letzten Gletscher zu sehen, was wiederum durch die Abgase das Schmelzen beschleunigt."

Eine junge Südtirolerin erzählt von einem typischen Teufelskreis: Ihr Heimatdorf verödet, die Bäckerei, die Metzgerei, der Käseladen mussten dichtmachen. Ihre Familie muss daher heute zum Einkaufen zum Supermarkt in den Nachbarort fahren. Weil mit den Läden auch Jobs abwandern, beschleunigt sich wiederum die Landflucht und mit ihr der Autoverkehr.

Fotostrecke

Tourismus in den Alpen: Zwischen Adrenalin und Nachhaltigkeit

Foto: robertharding / imago

"Früher machte jede Talschaft ihr Ding, eifersüchtig hütete jeder sein Spezialwissen, aber die Zeit der Kirchturmpolitik ist vorbei, auch dank der Digitalisierung", sagt Siegrist: "Früher hatten wir ja nicht einmal Handys, keine E-Mail, kein Facebook." Das Internet helfe nun, ein neues Bild der Alpen zu zeichnen. Forscher wie er haben schon damals mit Fakten und Forderungen dazu beigetragen, dass sich acht Bergstaaten in der "Alpenkonvention" zu Naturschutz und Kooperation verpflichteten. Sie trat 1995 in Kraft.

Ein gestiefelter Flashmob

Siegrists neue Aktion ist populär, fast jeden Tag stoßen junge Leute dazu, neue Gruppen, andere springen ab, ein gestiefelter Flashmob. Wann immer den Wanderern ein Bauer vor die Linse kommt, machen die jungen Whatsalpinisten ein Interview mit ihrer Gopro-Kamera, um es auf YouTube und zur Diskussion zu stellen.

Sie haben jede Menge Ideen: "Ich wünsche mir ein günstiges Bahnticket, eine Art Alpen-Interrail", sagt zum Beispiel Luisa Deubzer. Oder wie wäre eine Spiele-App fürs Handy, schlägt Matthias Oertel vor, ein Südtiroler, der in Mailand Jura studiert: Die Spieler treten gegeneinander an, indem sie gegenseitig ihren eigenen Energieverbrauch unterbieten, zum Beispiel durch den Verzicht auf Autofahrten.

Alle paar Tage sitzen die Wanderer auf Marktplätzen und in Rathäusern und Berghütten, um zu diskutieren. Ständig stoßen neue dazu, andere fahren wieder heim. Beim Abschied ruft Siegrist: "Wir sehen uns in spätestens 25 Jahren!"

Dieser Text ist ein erweiterter Auszug aus der Titelgeschichte "Heidi ade" des aktuellen SPIEGEL-Hefts Nr. 33. Hier erhalten Sie ein SPIEGEL-Probeabo.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.