Roadtrip auf Irlands Küstenstraßen Go west!

Steile Klippen und ein Blick in die irische Seele: Die Küstenstraße Wild Atlantic Way erschließt die schroffe Schönheit am Rande Europas. Impressionen vom südlichen Teil der 2600 Kilometer langen Route.

Kenneth O´Halloran

Von Stefan Wagner


"Kaffee oder Tee?", fragt die Kellnerin Willie Daly um neun Uhr morgens. Daly sieht sie erstaunt an: "Lieber einen Whiskey!" Daly, weißer Bart, Flanellhemd, speckige Jeans, ist Heiratsvermittler, einer der Letzten seiner Art in Irland. Die erste Hochzeit stiftete er mit 15 Jahren, etwa 3000 folgten.

"Matchmaker waren früher sehr wichtig", sagt der 77-Jährige, "nur Erstgeborene waren begehrt, sie erbten den Hof. Die anderen sieben oder acht Söhne hatten Schwierigkeiten Bräute zu finden." So begann Daly, im Hauptberuf Pferdehändler, in immer größerem Umkreis nach Frauen für Bauernsöhne zu suchen.

Seit den Achtzigern veranstaltet er im 800-Seelen-Ort Lisdoonvarna am "Wild Atlantic Way", ein Matchmaking-Festival. Bis zu 60.000 kommen seither jeden Herbst zu Konzerten, Partys und Pub-Abenden. "Onlinedating kann da nicht mithalten", sagt er und grinst.

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Wild Atlantic Way: Immer an der Küste entlang

Vor fünf Jahren erfand das irische Tourismusbüro die Autoroute "Wild Atlantic Way": fast 2600 Kilometer teils spektakuläre Straßen entlang der Westküste der Insel. Eine Route, die Strände, Klippen, Dörfer und Landhäuser von Malin Head in Donegal bis Kinsale in Cork miteinander verbindet.

Die Straßen waren schon vorher da, die Landschaft auch. Die Iren haben es aber geschafft, mit der neuen Marke einen Besucherboom zu generieren: Mehr als 31 Millionen Menschen haben die Route unter dem neuen Namen befahren.

Dennoch: voll ist es hier nie. Und wer langsam genug fährt - etwa entlang der südlichen Hälfte des Wild Atlantic Way -, trifft zwischen den Landschaftshighlights Menschen wie Willie Daley. Oder wie Oonagh O'Dwyer in der Nähe des Surfer-Hotspots Lahinch. Die Botanikerin schwärmt von den glibbrigen Pflanzen auf den Felsen wie Daley vom Whiskey: "Hier", sagt sie und zeigt auf die von der Ebbe freigelegte Felsküste, "hier ist das Schlaraffenland". Matschbraune Algenhaufen und labbriges Seegras machen nicht wirklich Lust aufs Probieren.

Doch O'Dwyer hüpft von einem glitschigen Stein zum anderen: "Kommen Sie, hier wächst Lappentang! Schmeckt nach Nuss. Delicious!" Mit interessierten Wanderern streift die 52-Jährige an der Küste entlang und sammelt Seetang. Sie rattert Rezepte runter (Tang-Spaghetti, Algen-Pannacotta) und gibt Hinweise zur Heilanwendungen ("Seetang ist eine Jodbombe!"). "Greifen Sie zu", ruft sie und schiebt sich etwas Sägetang (Fucus serratus) in den Mund.

Fiddle-Musik und ein Schwein im Schaumbad

Das Örtchen Doolin, sieben Kilometer oder gut zwei Wanderstunden nördlich der Cliffs of Moher, gilt als Hauptstadt der traditionellen irischen Musik, trad genannt. Der Marsch von den meist überlaufenen Klippen hierher lohnt sich. Spätestens im Bett, nach drei Guinness in McGann's, O'Connor's oder McDermott's Pub, vermischen sich das Brausen des Winds über den Klippen, das Grollen der Wellen gegen die Küste und die Irish-fiddle- und Dudelsackweisen zu einer Playlist, die im Gedächtnis bleibt.

Nahe Glengarriff im County Cork haben der frühere Kriegsreporter Kurt Lyndorff, 62, und die Künstlerin Sheena Wood, 58, ein Gartenzauberland geschaffen: "The Ewe Experience". An einem bewaldeten Hang fügen sich ein Wasserfall, verschlungene Wege, Lichtungen und Skulpturen zu einem Gesamtkunstwerk. Da sonnt sich ein Nashorn im Bikini, ein Schwein schlummert im Schaumbad. Es gibt eine Schafherde, geformt aus alten Kleiderbügeln, Gesichter aus getragenen Hosen.

"All unsere Skulpturen sind aus recyceltem Material gemacht", sagt Wood. "Wir wollen Menschen zum Nachdenken über Kunst und Natur bringen - und über das Leben an sich." Niemals würden Besucher beim ersten Mal alles sehen, sagt sie, "es gibt so viel zu entdecken. Sogar ich stoße ab und zu noch auf etwas, das ich vor Jahren kreiert habe, jetzt aber völlig überwuchert ist."

Im gut 400 Jahre alten Ballyseede Castle Hotel bei Tralee sollen gleich mehrere Geister ihr Unwesen treiben (ein Geköpfter, mehrere Ermordete). Am harmlosesten ist sicher Hilda, die letzte Nachkommin der Schlossbesitzerfamilie Blennerhassett. Sie sucht seit ihrem Tod 1966 Hotelgäste und Mitarbeiter heim.

Dienstmädchen kündigten nach Sichtungen von Hilda, Gäste berichteten von merkwürdigen Geräuschen. Und auf einem Hochzeitsfoto ist im Hintergrund, an einem Fenster, eine Frauengestalt zu erkennen, obwohl niemand zu diesem Zeitpunkt im Zimmer war. Neben dem Hotelparkplatz weiden heute drei Esel. "US-Amerikanern sagen wir, dass sie namenlos sind", sagt die Kellnerin, "aber sie haben alle denselben Namen." Kunstpause. "Sie heißen Trump!"

Als die Dingle Distillery im Örtchen Dingle 2012 eröffnete, war sie die erste neu gebaute Destillerie in Irland seit 125 Jahren. Die Craft-Branntweinbrennerei treibt das Revival des uisge beathe, des "Lebenswassers", mit innovativen Ideen voran.

Mit 29 Jahren ist Michael Walsh einer der weltweit jüngsten Master Distiller: "Das Irish-Whiskey-Business ist derzeit ein Goldrausch", sagt er, "wir können nicht so schnell produzieren, wie wir verkaufen. Auch die Gin-Verkäufe gehen durch die Decke: bis jetzt 98 Prozent mehr als im Vorjahr." Am liebsten, erzählt Walsh, trinke er seinen Whiskey allein. Dann könne er sich besser auf das konzentrieren, was im Glas sei. "Gespräche stören den Genuss häufig."

Stormtrooper zwischen Mönchszellen

In den Ruinen der einstigen Mönchssiedlung auf Skellig Island zückt Ildar Bacilla seine Plastikwaffe. Der Russe ist aus seiner Heimat auf die kleine Insel zwölf Kilometer vor der Küste von County Kerry gepilgert, hat sich in eine Sturmtruppen-Uniform geworfen und lässt sich gerne fotografieren. Wie er kommen viele "Star Wars"-Fans auf die Unesco-geschützten Felsen, seitdem hier das Finale von "Das Erwachen der Macht" gedreht wurde.

Wer sich nicht von Luke Skywalkers Zufluchtsort ablenken lässt, stellt sich unwillkürlich die Frage: Wie haben einige Dutzend Mönche vor 1300 Jahren den steilen Felsen mit ihren Booten erreichen und erklimmen können? Wie konnten sie 200 Meter über dem Meer in Steinhäusern Winterstürme, Wikingerüberfälle und Krankheiten überdauern? Und wie von Regenwasser, den Produkten eines winzigen Ackers, Fischen und erlegten Papageientauchern überleben?

Spancilhill Fair: Die Tradition der Pferdemärkte stirbt aus
Kenneth O´Halloran

Spancilhill Fair: Die Tradition der Pferdemärkte stirbt aus

Auf dem Pferdemarkt in Spancilhill stehen alte Männer mit Schiebermützen im feinen Regen, auf Stöcke gestützt, und diskutieren über die Zähne eines Ponys. Sie tragen feuchte Sonntagsanzüge, an deren Hosenbeinen sich Staub langsam in Schmutz verwandelt. Es riecht nach Pommes und Pferdeäpfeln und verschüttetem Bier. Hunderte Tiere wechseln hier den Besitzer, dazu gibt es Backwettbewerbe, die Wahl zur Miss Horse Fair, Seilziehen und ein Feuerwerk.

Spätestens um 15 Uhr sind die meisten Männer betrunken. So irisch-nostalgisch es auch ist, die Tradition des horse fair stirbt. Gab es in den Fünfzigern noch etwa 300, so sind es heute nur noch 50 Pferdemärkte landesweit. Neben zwei Schimmeln steht Heiratsvermittler Willie Daly im Regen, im Gespräch mit einem baumlangen Kerl. "Ich weiß nicht, was der eigentlich wirklich von mir wollte", sagt Daly später kopfschüttelnd, "ein Pferd oder eine Frau."

Stefan Wagner ist freier Autor bei SPIEGEL ONLINE. Die Reise wurde unterstützt vom Tourism Ireland.



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kamisk 06.06.2019
1. Wild Atlantic Way im Supersommer 2018
Ein Mega-Erlebnis einen Teil des Wild Atlantic Way´s zu fahren. Im SuperSommer 2018 - Ring of Kerry nach Süden bis unterhalb von Cork !! Den Ring 2 x gefahren. Gern wieder dann aber vom Norden nach Süden. Auch wenn es teilweise enge Straßen sind und man hofft, dass kein Auto entgegen kommt ... und es dann ein Bus werden wird. Aber sehr schön !!
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