Winter auf Helgoland Robbenjagd mit Stativ

Helgoland hat eine neue Attraktion: Kegelrobben-Watching. Im Winter bekommen Deutschlands größte Raubtiere ihren Nachwuchs. Nach einem Besuch der pelzigen Babys können sich die Naturfreunde im Whirlpool mit Blick auf die Nordsee aufwärmen.


Helgoland - Das Kegelrobbenbaby ist erst wenige Tage alt und wehrt sich gewaltig gegen Rolf Blädels Versuch, eine Markierung an der Schwanzflosse zu befestigen. Das kleine Raubtier im weißen Pelz faucht, schreit und macht sich am Ende doch mit der grünen Nummer davon. Blädel, Polizist im Ruhestand, kümmert sich um die Seehunde und Kegelrobben, die auf Helgolands Düne ruhen.

Jetzt im Winter ist das kleine Eiland in Sichtweite des hoch aufragenden Helgoländer Buntsandsteinfelsens die Kinderstube für Deutschlands größte Raubtiere. Kegelrobbenbullen werden mehr als 300 Kilogramm schwer und präsentieren ein respekteinflößendes Gebiss. Weil die Tiere Menschen aber nicht als Gefahr erfahren habe, lassen sie Neugierige dicht an sich heran.

"Das wird wieder ein Rekordjahr", sagt Blädel. Bis kurz vor Weihnachten waren es bereits fast 60 Jungtiere, im Jahr davor zählte Blädel 55 Geburten. Beinahe täglich führt der Nordfriese in diesen Wochen Besuchergruppen zu den besten Plätzen für das "Kegelrobben-Watching" auf der Hochseeinsel weit draußen in der Nordsee. Auf die Aktion setzt Tourismusdirektor Klaus Furtmeier große Hoffnungen. Der Winter soll ein starkes Standbein für den Tourismus auf Helgoland werden, weil es mit den Gästezahlen momentan sogar im Sommer bergab geht.

"Funny Girl" in rauer See

Von weit her reisen inzwischen Naturfreunde an, die mit Kamera, Stativ und dicken Teleobjektiven bewaffnet auf Robbenjagd gehen. Viele nutzen ein Pauschalangebot. "Das läuft wirklich gut", sagt Furtmeier. Die sechs Kegelrobben-Termine waren schnell ausgebucht.

Die Reise nach Helgoland, mehr als 50 Kilometer vor der Küste, ist denkbar einfach - doch die raue Schifffahrt nicht jedermanns Sache. Um 10.30 Uhr geht es in Cuxhaven los. Das robuste Schiff "Funny Girl" macht seinem Namen schon bei mäßigem Wind alle Ehre, rollt, stampft, schaukelt und trennt seine Fahrgäste in zwei Gruppen: Die einen mögen es, den anderen wird schlecht.

AP
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"Brauchen Sie?", fragt fürsorglich ein junger Mann der Besatzung und bietet Papiertüten an. Heute braucht keiner, die Wellen sind nicht hoch genug, um Mägen umzudrehen. Nach zweieinhalb Stunden ist der Ritt über die Nordsee vorbei, und die "Funny Girl" nimmt sich hinter einer Betonmauer im Helgoländer Hafen vertäut eine Auszeit bis zur Abfahrt am Nachmittag.

Der fast 70 Jahre alte Camill Marca aus Luxemburg reist seit mehr als 20 Jahren nach Helgoland: "Ich komme immer im Winter, nie im Sommer. Wenn man jetzt kommt, ist es phantastisch." Die Luft ist es, die Marca jedes Jahr wieder für mindestens vier Tage anzieht. "Ich habe hier schon viele richtige Stürme erlebt, man weht fast weg."

Im Hotel "Panorama" an der Felskante im Oberland und mit bestem Blick über Meer und Düne geht es gemächlich zu, für Besitzerin Michaela Schürmann schon zu gemächlich. Nach ihrem Eindruck geht es dem Tourismus in den vergangenen Jahren immer schlechter, auch im Winter. Von den Anstrengungen der Kurverwaltung, mehr Gäste anzulocken, hat sie gehört. "Aber ich merke davon nichts." Sie halte ihr Haus das ganze Jahr offen. "Wer kommen möchte, kann kommen." Nur das Restaurant bleibt im Winter geschlossen: "Das lohnt sich absolut nicht mehr."

Weg vom Butterfahrt-Image

Einen ganz anderen Weg geht Detlev Rickmers, der an der Kurpromenade das Hotel "Insulaner" betreibt. Gerade hat er sein Vier-Sterne-Haus mit Millionenaufwand erweitert und einen Wellness-Bereich mit Sauna und Spa geschaffen. Jetzt denkt er bereits über die nächsten Investitionen nach. "Ich musste mich entscheiden", erzählt der Hotelier: Entweder nur auf den Sommer setzen, verkaufen oder richtig investieren.

Rickmers glaubt an den Wandel - weg vom schwindenden Tagestourismus, weg von günstigen Zigaretten und Alkohol, hin zu Erholung und Naturerlebnissen. "Wer nach Helgoland fährt, biegt nicht eben von der Autobahn ab", sagt Rickmers. "Er kommt sehr bewusst und interessiert sich für Geschichte und Geschichten." Der Gesundheitstrend eröffnet Helgoland neue Zukunftsperspektiven, ist der Hotelier sicher.

Hochfliegende Pläne werden in der Gemeinde diskutiert, ob Land zwischen Düne und Felseninsel aufgespült oder ob die am Ende des Zweiten Weltkriegs weggesprengte Südspitze mit Hotel, Krankenhaus und Geschäften wieder aufgebaut werden soll. "Eines von beidem muss kommen", sagt Rickmers. Dass nicht alle Helgoländer so beherzt nach Chancen greifen, stört ihn nicht. "Das Alte muss wohl erst kaputt gehen, damit Neues kommen kann."

Mehr Gäste am Wochenende

Nach einer Umrundung des Oberlandes mit Ausblicken auf den Lummenfelsen und das Wahrzeichen Lange Anna kommt manch durchgefrorenem Winterurlauber das neue Freizeitbad gerade recht. Aus einem alten Meerwasserbad wurde das "Mare Frisicum Spa Helgoland". Jeder Gast hat viel Platz, sich im warmen Meerwasser im Freien oder in der Halle zu tummeln, sich auf dem Oberdeck im Whirlpool mit Blick auf die Nordsee zu entspannen oder in der Sauna zu schwitzen.

Tourismusdirektor Furtmeier hat beim Blick auf die Zahlen weniger Freude. Bei den Betriebskosten steht ein dickes Minus. "Am Anfang habe ich mir wirklich Sorgen gemacht", sagt Furtmeier. "Jetzt läuft es Gott sei Dank besser." Bürgermeister Frank Botter hält den jetzt eingeschlagenen Weg für richtig. "Wir hätten diese Schritte sehr viel eher gehen müssen. Jetzt sind wir unter Druck geraten." Immerhin kann er erste Erfolge verbuchen: "Man merkt es an den Wochenenden, es sind mehr Gäste als im Vorjahr da."

Von Sönke Möhl, dpa



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