Wintersport-Archäologie Jäger der verlorenen Pisten

Kristian Hasenjäger

2. Teil: Manchmal werden Pistenarchäologen rabiat


Schwindende Gletscher, rostbraune Schlepplifte über dem Gardasee, der Natur überlassene Talabfahrten in den Seealpen - die Jäger der verlorenen Pisten dokumentieren den Aufstieg und Fall unzähliger Lift- und Seilbahnprojekte genauso wie die Verschandelung der Bergwelt. Innerhalb der Zunft kristallisieren sich Experten heraus. "Trincerone" etwa zeigt auf einer separaten Website Sommerski-LSAPs. Auch mit der Zukunft beschäftigen sich einige Liftfreaks, tragen Informationen über Bauprojekte zusammen.

Und mancher Hobbyhistoriker wird am Rechner rabiat: Scharfe Online-Repliken gehen regelmäßig an Skibegeisterte, die sich im Alpinforum über leistungsstarke Lifte oder breite, makellos gewalzte Pisten freuen - aus Sicht der Nostalgiker Merkmale einer rücksichtslosen Branche, die die Berge für ihre Zwecke formatiert.

Abgesehen von diesen Polemiken basteln die LSAP-Anhänger mit Ehrgeiz und Detailversessenheit ein interaktives Panoptikum des Skitourismus zusammen und porträtieren damit einen Wirtschaftszweig, dessen Schicksal sowohl vom Klimawandel als auch von wirtschaftlichen Zwängen diktiert wird.

Nachforschungen gegen den Willen der Betreiber

Letzteres wird bei Kristian Hasenjägers Tour auf die Seiser Alm in Südtirol deutlich. Eine Seilbahn schaufelt die Skifahrer aus St. Ulrich im Grödner Tal hinauf in das sonnige Höhenskigebiet. Auf gleichem Wege geht es für die Gäste heutzutage ins Tal zurück. Das war nicht immer so: Auf alten Karten ist eine Abfahrt durch den steilen Bergwald eingezeichnet. Der Innsbrucker zapft sein Netzwerk an, führt erste Telefonate. Bald scheint klar, dass der Betreiber die Piste schloss, weil neue Absicherungen in der engen Waldschneise zu teuer gewesen wären. "Ein klassischer Fall, meist sorgen wirtschaftliche Gründe für Stilllegungen", meint Hasenjäger während der Fahrt über den Brenner.

Dass dem Betreiber sein Vorhaben nicht passt, wird später am Start der Abfahrt klar. Zwei Bedienstete der Liftgesellschaft versperren den Weg. Die Italiener wedeln mit den Armen, keifen den Eindringling an. Bevor sie handgreiflich werden können, lenkt Hasenjäger seine Geländeski flink an den zeternden Wächtern vorbei und verschwindet im dichten Bergwald.

In einer wilden Slalomfahrt rast er zwischen dicht stehendem Gehölz hindurch, nach einigen hundert Metern bremst er abrupt. Vor ihm fällt eine Steilrinne ab. 20, vielleicht 30 Meter geht es beinahe lotrecht talwärts, die Sonne hat den Schnee längst aus dem Tobel gebrannt. Hätte man doch auf die Männer hören, vom Vorhaben ablassen sollen? Eine Abfahrt muss unter diesen Umständen im Desaster enden. Doch am Fuß der Steilrinne ist ein zerfahrener Weg zu sehen. Das muss die gesuchte Pistentrasse sein!

Hasenjäger wagt eine Spitzkehre und quert durch den Wald zurück. Bald rückt ein verbogenes Metallgatter ins Sichtfeld - der Einstieg ist erreicht. In Serpentinen geht es nun durch dichten Bergwald abwärts. Die Ski kratzen über vereiste und verbuckelte Steilstücke, gleiten dann wieder über sanfte Ziehwege dahin. Von Zeit zu Zeit hält Kristian Hasenjäger an, lichtet alte Galerien genauso ab wie eingerissene Pistenzäune. Ein zweites, beschildertes Gatter markiert nach knapp tausend Höhenmetern das Ende der "Piste Pilat".

Nostalgie-Objekt Tellerlift

Mit zufriedenem Gesicht schnallt Hasenjäger in St. Ulrich ab, nicht ohne zuvor einen stillgelegten Schlepplift fotografiert zu haben. Der Ingenieur hegt nostalgische Gefühle für die Oldtimer am Hang, ihre Technik. Früher war er selbst einmal für Liftkonstrukteure tätig, doch die Auswüchse des modernen Massentourismus lehnt er ab. Er könne nichts anfangen mit in die Berge planierten Carving-Autobahnen, beheizbaren Sesselliften oder tauwetterresistenten Pistenpanzern aus Kunstschnee.

Bei der letzten Bergfahrt im weichen Abendlicht der Dolomiten schwärmt er von guten, alten Zeiten, als Steilhänge noch Buckelpisten sein durften und ratternde Tellerlifte die Skifahrer bergwärts zogen. Selbst den damals allgegenwärtigen Wartezeiten vor kleinen Liften gewinnt er Gutes ab. "Alle Skifahrer, die früher in den Schlangen warteten, treiben sich heute gleichzeitig auf den Pisten herum", sagt Hasenjäger. Das mache keinen Spaß und sei gefährlich.

Der Jäger der verlorenen Pisten will in der Zukunft Vorlesungen über Seilbahnökonomik halten - kritische Betrachtungen inbegriffen. Mächtig sei die Liftlobby in Österreich, deren Mitglieder legten Wert auf die Undurchsichtigkeit ihrer Geschäfte. So würden viele Skigebiete nur durch massive Subventionen davor bewahrt, als verrostendes Forschungsobjekt zu enden - ein Politikum in einem Land, das zum Großteil vom Wintertourismus lebt.

Als Politikum könnte sich auch eines von Kristian Hasenjägers aktuellen Projekten erweisen. Bei einer Skitour auf der Rückseite des Tuxer Gletschers, nur wenige hundert Meter entfernt vom bunten Treiben der Pistentouristen, stieß er auf ein dunkles Geheimnis. Auf 2800 Metern Seehöhe entdeckte er Fundamente, einen tief in den Berg getriebenen Stollen, dazu die Überreste einer gigantischen Seilbahn.

Seine Archivrecherchen ergaben, dass während des Zweiten Weltkriegs eine Tiroler Bergbaugesellschaft in der Alpeiner Scharte Molybdänerz abbaute - im Auftrag des NS-Regimes. Das Mineral war kriegswichtig, die Rüstungsindustrie benötigte es zur Stahlhärtung. Im Permafrost schufteten Kriegsgefangene unter härtesten Bedingungen, Russen, Franzosen, Italiener. "1944 ereignete sich eine Katastrophe, eine gewaltige Staublawine riss viele der Zwangsarbeiter in den Tod", berichtet Hasenjäger. Deren Schicksal lasse ihn nicht los.

Nazis, moderne Sklaven und ein geheimes Bergwerk im Hochgebirge - es klingt wirklich wie der Stoff, aus dem Indiana-Jones-Filme gemacht sind.



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Seite 1
Zylex 09.04.2010
1. .
Wir waren dieses Jahr im Grödnertal (Wolkenstein), und ich muss sagen, das ist ein richtig geiles Skigebiet und verdammt groß (glaube knapp um die 900 Pistenkilometer mit einem Skipass). Verstehe das gelästere nicht. Ich fahre seit ca 25 Jahren Ski, und früher war auch nicht alles besser. !Beschissene! Tellerlifte, die einen als Kind ab und zu über 2m in die Luft gezogen haben, oder wie schon erwähnt viel Ansteherei, schlechte präparierte Pisten, Kälte usw... Was ist gegen einen beheizbaren Sessellift mit "Bubble" einzuwenden (wie zb in Lech)? Bei -20° und Schneesturm freut man sich über eine kleine Aufwärmpause im Lift. Auch haben gut präparierte Pisten durchaus seinen Reiz, es gibt auch Leute die gerne Abfahrt fahren. Auf einer unpräparierten Buckelpiste ist das einzige was man machen kann: Kurzschwung, was aber auf Dauer auch langweilt. Ansonsten ist das Projekt wirklich eine nette Idee.
Christian Hawellek 09.04.2010
2. Skifahren der Neuzeit - Massenkompatiblität vs. Alpinismus
Ich kenne das Skigebiet im Grödnertal mittlerweile seit fast 30 Jahren. Ich kann guten Gewissens sagen, dass die Dolomiten landschaftlich zu den faszinierendsten Gebieten der Alpen gehören und geniale Skimöglichkeiten aufweisen. Diese sind allerdings mit den Skiliften nicht oder nicht ohne weiters erreichbar - und das ist vielleicht auch nicht das schlechteste. Die erschlossenen Pisten wiederum und das Netzwerk aus Liften wussten vielleicht noch bis in die 90er Jahre zu faszinieren, mittlerweile ist dies alles allerdings derart auf hochoptimierten Massenbetrieb ausgerichtet, dass man sich bestenfalls mit einem einzigen Skipass auf 900km Pisten zu Tode langweilgen kann. Der typische Gelegengheitsschifahrer, der im Jahr nicht mehr als zwei oder drei Wochen auf Skiern steht, kommt aber vermutlich dennoch auf seine Kosten, solange er nicht allzu kritisch hinterfragt, was er vorfindet, oder sportlich überdurchschnittliche Anforderungen stellt. Diese Massenkombatiblität ist ohne Zweifel auch das Erfolgsrezept des Skigebiets, und dagegen ist ja auch nichts einzuwenden. Es würde ja auch niemand bezweifeln, dass Modern Talking kommerziell zu den erfolgreichsten deutschen Gruppierungen gehörten - ob sie nun deshalb die beste Musik aller Zeiten komponiert haben, möge jeder selbst beurteilen. Wer nun aber jener schifahrerischen Uniformität überdrüssig wird, findet mit ein bisschen Gespür in den entlegeneren Ecken der Alpen und vor allem in den anderen europäischen Gebirgen höchst faszinierende Schigebiete, die das Individum sportlich wie alpinistisch zu fordern wissen. Wer sich für derlei interessiert, mag einen Blick in das von den im Artikel zitierten "k2k" und "trincerone" administrierte Forum werfen, bei dem - entgegen dem ursprünglichen Namen - nicht nur um sommerschi geht. [ Sofern Verlinkungen hier zulässig sind, wäre http://www.sommerschi.com das in dem Spiegelartikel zitierte Forum / die Site, in dem es um Skigebiete, die abseits des Mainstreams liegen, geht]
theorie 09.04.2010
3. flink an den zeternden Wächtern...
Heisa, was ein Spaß! Das der liebe Hasenjäger dabei nicht nur sich selbst sondern auch andere in Gefahr bringt ist ja auch egal. Hauptsache Spaß gehabt. Siehe auch: http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,669143,00.html
mont_ventoux 09.04.2010
4. Natürliche Auslese
Zitat von ZylexWir waren dieses Jahr im Grödnertal (Wolkenstein), und ich muss sagen, das ist ein richtig geiles Skigebiet und verdammt groß (glaube knapp um die 900 Pistenkilometer mit einem Skipass). Verstehe das gelästere nicht. Ich fahre seit ca 25 Jahren Ski, und früher war auch nicht alles besser. !Beschissene! Tellerlifte, die einen als Kind ab und zu über 2m in die Luft gezogen haben, oder wie schon erwähnt viel Ansteherei, schlechte präparierte Pisten, Kälte usw... Was ist gegen einen beheizbaren Sessellift mit "Bubble" einzuwenden (wie zb in Lech)? Bei -20° und Schneesturm freut man sich über eine kleine Aufwärmpause im Lift. Auch haben gut präparierte Pisten durchaus seinen Reiz, es gibt auch Leute die gerne Abfahrt fahren. Auf einer unpräparierten Buckelpiste ist das einzige was man machen kann: Kurzschwung, was aber auf Dauer auch langweilt. Ansonsten ist das Projekt wirklich eine nette Idee.
Ich fahre selber seit über 30 Jahren Ski und sehe die modernen Liftanlagen durchaus auch kritisch: Durch die gesteigerten Förderkapazitäten sind die Pisten deutlich voller geworden. Kabinenbahnen oder beheizbare Sessellifte mit Haube befördern Leute in hochalpine Regionen, die keinerlei Respekt vor der Natur zeigen und die höhenlagenbedingten Gefahren oftmals unterschätzen bzw. gar nicht kennen. Um selbst die ungelenkigsten Weicheier in Gletscherregionen zu hieven, werden wie am Söldener Rettenbachferner riesige Löcher in den Gletscher gescharrt, um Seilbahnstützen in den Fels zu betonieren, die dann noch mit Wärmestrahlern gegen den fließenden Gletscher geschützt werden müssen. Klapprige Sessellifte und lange Schleppliftanlagen hatten in der Vergangenheit wenigstens noch für eine natürliche Auslese gesorgt.
Zylex 09.04.2010
5. .
Zitat von Christian HawellekIch kenne das Skigebiet im Grödnertal mittlerweile seit fast 30 Jahren. Ich kann guten Gewissens sagen, dass die Dolomiten landschaftlich zu den faszinierendsten Gebieten der Alpen gehören und geniale Skimöglichkeiten aufweisen. Diese sind allerdings mit den Skiliften nicht oder nicht ohne weiters erreichbar - und das ist vielleicht auch nicht das schlechteste. Die erschlossenen Pisten wiederum und das Netzwerk aus Liften wussten vielleicht noch bis in die 90er Jahre zu faszinieren, mittlerweile ist dies alles allerdings derart auf hochoptimierten Massenbetrieb ausgerichtet, dass man sich bestenfalls mit einem einzigen Skipass auf 900km Pisten zu Tode langweilgen kann. Der typische Gelegengheitsschifahrer, der im Jahr nicht mehr als zwei oder drei Wochen auf Skiern steht, kommt aber vermutlich dennoch auf seine Kosten, solange er nicht allzu kritisch hinterfragt, was er vorfindet, oder sportlich überdurchschnittliche Anforderungen stellt. Diese Massenkombatiblität ist ohne Zweifel auch das Erfolgsrezept des Skigebiets, und dagegen ist ja auch nichts einzuwenden. Es würde ja auch niemand bezweifeln, dass Modern Talking kommerziell zu den erfolgreichsten deutschen Gruppierungen gehörten - ob sie nun deshalb die beste Musik aller Zeiten komponiert haben, möge jeder selbst beurteilen. Wer nun aber jener schifahrerischen Uniformität überdrüssig wird, findet mit ein bisschen Gespür in den entlegeneren Ecken der Alpen und vor allem in den anderen europäischen Gebirgen höchst faszinierende Schigebiete, die das Individum sportlich wie alpinistisch zu fordern wissen. Wer sich für derlei interessiert, mag einen Blick in das von den im Artikel zitierten "k2k" und "trincerone" administrierte Forum werfen, bei dem - entgegen dem ursprünglichen Namen - nicht nur um sommerschi geht. [ Sofern Verlinkungen hier zulässig sind, wäre http://www.sommerschi.com das in dem Spiegelartikel zitierte Forum / die Site, in dem es um Skigebiete, die abseits des Mainstreams liegen, geht]
Gut, also zb mit Lech kann das Grödnertal von der Schwierigkeit der Pisten nicht mithalten (zb Schindlergrad in Stanton), aber dennoch ist es eine gute Lösung wenn man mit der ganzen Familie zum Skifahren geht. Es sind nunmal nicht alles Profis, und für "normale" Skifahrer ist das Gebiet genau richtig. Als Modern Talking der Skigebiete würde ich es nicht bezeichnen, das wäre unfair. Modern Talking steht für mich für die unterste Schiene der Unterhaltungsindustrie. Ich würde das vlt eher mit Madonna vergleichen. Zwar Mainstream, aber nicht grad Musikantenstadel tauglich.
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