Wintersport in Wengen Im Fahrradsattel durch den Schnee

Beim Curling die Eisbahn putzen, mit dem Velogemel den Berg hinuntersausen: Außer den Alpen-Standards Skifahren und Schneeschuhwandern liegen in Wengen eher ungewöhnliche Sportarten im Trend. Zum Idol wurde der schnellste Extrem-Kletterer der Schweiz.


Wengen - Für den Lokführer muss es ein erhebendes Gefühl sein: Auf der Strecke von Lauterbrunnen nach Wengen geht es fast immer bergauf. Der Blick ins Tal über verschneite Häuserdächer und über Berghänge voller schneebestäubter Baumwipfel hat schon was für sich. Wie um die Postkartenidylle im Berner Oberland perfekt zu machen, plätschert an der Bergwand neben den Gleisen das Wasser ins Tal. Am Horizont liegen auf der einen Seite die hoch aufragenden Gipfel im Schatten, auf der anderen leuchtet der Schnee in der Sonne.

Etwas merkwürdig ist nur die Mischung der Passagiere in den Waggons der Wengernalpbahn. Ungefähr die Hälfte sind Schüler, die für die Landschaft nicht viel übrig haben - die andere Hälfte ist nur ihretwegen überhaupt gekommen. Viele tragen bereits Skistiefel, klammern sich an ihre Skistöcke und können es kaum erwarten, in Wengen auf die Piste zu kommen. Die erste Hürde, die sie dafür nehmen müssen, ist das unfallfreie Aussteigen am glasüberdachten Bahnhof. Mit voller Ausrüstung ist das nicht einfach angesichts der vielen Besucher, die jeden Tag anreisen.

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Sie kommen alle mit der Wengernalpbahn - die fährt hier schon seit 1893. Der traditionsreiche Wintersportort nicht weit entfernt von Eiger, Mönch und Jungfrau ist autofrei. Gepäck wird in kleinen Elektrokarren in die Hotels gefahren. Gerade 1500 Menschen leben hier permanent. Wengen wäre deshalb still und beschaulich, wenn es keine Touristen gäbe. Die Mehrzahl von ihnen kommt im Winter. Es gibt Gäste, die sind dann zwei Wochen jeden Tag auf den insgesamt 215 Kilometer langen präparierten Pisten. Dabei gibt es genug Alternativen.

Schneeschuhwandern etwa gehört zu den Aktivitäten, die im Berner Oberland immer beliebter werden. Doris Schmied zum Beispiel schwört darauf. Die diplomierte Wanderleiterin stammt eigentlich aus der Gegend um Basel. "Der Liebe wegen" ist sie nach Lauterbrunnen gezogen.

Eine ihrer Lieblingsstrecken führt vom kleinen Dorf Isenfluh zunächst nach Sulwald auf gut 1500 Meter Höhe. Für die Strecke bietet sich die "Luftseilbahn" an, die Platz für "acht Personen oder eine Kuh" bietet, wie in der Kabine zu lesen ist. Oben in Sulwald leben nur zwei Familien. "Die Kinder fahren morgens mit der 'Luftseilbahn' runter und mit dem Postauto zur Schule", erzählt Doris. Wenn sie dann nachmittags zurückkommen, haben sie ein Schneeparadies für sich: "Es ist ein Rückzugsgebiet für viele Wildtiere", sagt die Wanderleiterin.

Rundum-Panorama mit Blick auf die Eiger-Nordwand

Doris stapft voran, zunächst auf klar erkennbaren Wegen mitten durch eine tief verschneite Winterlandschaft unter blauem Himmel. Sie erklärt, wie man Neuschnee von altem unterscheidet und wie man Tierspuren deutet: "Das war ein Schneehase und das vielleicht ein Marder." Auch Gämse leben hier. "Vor drei Jahren hatten wir sogar einen Wolf", erzählt Doris.

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Schneeschuhwandern macht Spaß, gerade bei sonnigem Wetter - aber es ist auch anstrengend. Es kann passieren, dass man mit einem Bein durch die Schneedecke bricht und bis zu den Hüften einsinkt. Doris hat an diesem Tag die Mäder-Alp angepeilt. Sie liegt in 1600 Metern Höhe, der Schnee kann hier im Winter locker 1,50 Meter hoch sein. Dafür strahlt die Sonne. "Es ist eine meiner liebsten Ecken hier", sagt Doris. Der Schnee glitzert, die Landschaft vor dem Hintergrund der Bergriesen ist unglaublich still.

Auf der Alp bietet sich ein 360-Grad-Panorama mit Blick auf die Gipfel inklusive der Eiger-Nordwand. "Genau dort ist der Ueli Steck hochgegangen." Vor dem Speed-Kletterer haben in der Region alle einen Heidenrespekt: "Er hat die Nordwand in zwei Stunden und 47 Minuten geschafft."

Da geht es beim Schneeschuhwandern gemächlicher zu, und die vermeintlichen Höchstleistungen der Gruppe schrumpfen angesichts solcher Dimensionen gewaltig. Wer in den Bergen unterwegs ist, entwickelt erstaunlichen Appetit. Da trifft es sich gut, dass auf dem Weg bergab das "Sulwaldstübli" strategisch günstig am Weg liegt.

Mit dem Velogemel ins Tal

Nun gäbe es die Möglichkeit, mit der "Luftseilbahn" wieder talwärts zu fahren. Doch deutlich mehr Unterhaltungswert hat die Abfahrt mit dem Velogemel. Das Gefährt aus Eschenholz mit Sitz und Lenkstange erinnert an ein Fahrrad, hat aber statt Rädern zwei schmale bewegliche Kufen. Der Schreiner Christian Bühlmann aus Grindelwald hat sich diesen "einspurigen Lenksportschlitten" 1911 patentieren lassen.

Die Kreuzung aus einem Rad - in der Schweiz "Velo" genannt - und einem "Gemel", wie Schlitten in Grindelwald heißen, wurde schon bald populär. Vom Briefträger und Metzger bis zum Arzt wurde das Velogemel als die schnelle Alternative auf dem Weg nach unten genutzt. Heute ist es mehr eine Gaudi als ein Fortbewegungsmittel für den Alltag. Auf der Strecke runter nach Isenfluh lässt es sich ideal ausprobieren: Das Steuern ist kein Problem, und das Tempo ruft Erinnerungen an den infantilen Geschwindigkeitsrausch beim Schlittenfahren hervor.

Wintersport im Berner Oberland hat aber auch eine britische Note - Curling ist der beste Beweis. Die etwas kuriose Sportart ist vor allem bei den britischen Gästen angesagt: "Engländer und Schotten spielen manchmal stundenlang", sagt Vasco Duarte da Costa. Er selbst ist 15, spielt im Verein und zeigt Touristen in Wengen, worauf es ankommt: Üblicherweise treten zwei Mannschaften mit vier Spielern gegeneinander an, die flache, ziemlich schwere Steine über den eisglatten Untergrund schlittern lassen müssen.

Das sieht einfach aus, ist aber kein Kinderspiel. Schon die Stoßtechnik ist nichts für Grobmotoriker. Spaß macht es trotzdem. Das ist der Grund, warum auf dem Kunsteisfeld vor und in der Halle mitten in Wengen im Winter jeden Tag Teams mit großer Begeisterung beim Curling zu sehen sind. Die Steine bewegen sich zwar schnell übers Eis - aber sie stoppen selten da, wo man sie haben möchte. Und nur wenn sie genau im Kreis am Ende der Bahn landen, bringen sie einen Punkt.

Vogelbeerkrapfen und Alpkäse beim Curling

Damit sie besser flutschen, sollten ein, zwei Teammitglieder das Eis direkt vor dem Stein schnell noch mit dem Besen bearbeiten. Das macht die Bahn glatter und den Stein schneller. "Hey, hey, hey, ha!", feuert ein englisches Team lautstark ihren Stein an. Das bringt zwar nichts, trägt aber zur Stimmung bei - Curling ist zwar olympisch, aber auch ein Wettkampf, bei dem es nicht zu ernst zugehen sollte. Und es passt durchaus, wenn zwischendurch kulinarische Spezialitäten des Berner Oberlands gereicht werden: Neben Vogelbeerkrapfen und Alpkäse ist dabei auch Alpenkräuterlikör erlaubt.

Wem anschließend der Sinn nach einem weiteren Likör steht, hat es in Wengen nicht weit. Das kleine Dorf macht zwar einen sehr beschaulichen Eindruck. Aber das Unterhaltungsangebot ist auf ein internationales Publikum abgestimmt: "English speaking" steht an den Kneipentüren. "DJ Poldi" legt in Sina's Pub auf. Englisch ist in Wengen Zweitsprache. Im Winter stellen die Briten die meisten Gäste, noch vor den Schweizern auf Platz zwei. Entsprechend wirbt die Tanne Bar auch damit, "open every day" zu sein und "Homemade Glühwein" im Angebot zu haben.

Die "English Church" von Wengen, ein Kirchlein am Rand des Dorfes, wurde bereits 1928 eröffnet. Gottesdienste in Englisch gibt es regelmäßig. Ein gewisser Bedarf an kontemplativer Erholung scheint durchaus da zu sein: Auch in dem anderen Gotteshaus, dem der Reformierten Kirche, gibt es nicht nur ein umfangreiches Programm an Winterkonzerten, sondern freitags die Möglichkeit zum Abschalten bei Kerzenschein im Altarraum. "Homemade Glühwein" wird dazu nicht gereicht. Stattdessen gibt es "Gesänge aus Taizé". Zwischendurch erinnert die Stille an die Mäder-Alp gegenüber der Eiger-Nordwand.

Von Andreas Heimann, dpa



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