Zypern Griechen und Türken, doch zuerst Zyprioten

Über dem seit Jahrzehnten geteilten Zypern liegt eine Sanftheit, kaum ein zu lautes Wort, wenig Autogehupe, Zurückhaltung allerorten. Die Menschen sind anders als ihre Verwandten in Athen und Ankara - und vor allem erst einmal Zyprioten.

Von Klaus Hillenbrand


Im nordöstlichen Teil der Halbinsel Karpasia leben einige hundert griechische Zyprioten unter türkischer Besatzung
Murat Türemis

Im nordöstlichen Teil der Halbinsel Karpasia leben einige hundert griechische Zyprioten unter türkischer Besatzung

Wir sind in der Republik Zypern. Das Dorf Tera liegt eingebettet in einem üppig wuchernden grünen Tal mit Olivenbäumen im westlichsten Zipfel der Insel, dem Akamas-Gebirge. Die Häuser stehen, umgeben von Gärten, weit voneinander entfernt. Die kleine Moschee ist erhalten, aber verschlossen. Von dort geht die Sicht weit hinunter bis zur Chrysochous-Bucht.

Doch den alten Bewohnern von Tera ist dieser Blick nur noch Erinnerung. 1960 zählte Tera 525 Einwohner, sämtlich türkische Zyprioten. 1975, nach Putsch und Krieg, mussten sie alle flüchten. Heute leben die meisten in Larnakas tis Lapithou. Hier, am sonnenverbrannten Südhang des Pentadaktylos-Gebirges ist das Meer nicht zu sehen, aber die junge Frau Sevgül erzählt: Schon viermal sei sie in den vergangenen anderthalb Jahren in Tera, der Heimat ihrer Eltern, gewesen, und es sei dort wunderschön.

Im Norden der Insel, in der international nicht anerkannten Türkischen Republik Nordzypern, liegt Bellapais. Der Ort ist berühmt für seine Klosterruine aus dem 13. Jahrhundert, die über der Nordküste thront. Urlauber spazieren unter den gotischen Torbögen, laufen durch das Dorf und kehren in den Restaurants ein.

Die griechisch-orthodoxen früheren Bewohner von Bellapais - 1960 waren es 719 Menschen - dürfen bis heute nicht zurückkehren. 1974, mitten im Krieg, verließen sie ihre Heimat Hals über Kopf. Heute leben sie verstreut im Süden: in den kleinen Reihenhäuschen der Flüchtlingsviertel Nikosias, in der Hafenstadt Limassol oder in Larnaka. Nie werde er sein Ziel, die Rückkehr in die Heimat, aufgeben, sagt Konstantinos Orologas, der Exil-Bürgermeister der Hafenstadt Kyrenia, das von den Türken Girne genannt wird, in der Nähe von Bellapais.

Geprägt von den Ereignissen im Sommer 1974

Doch in Bellapais wie in Kyrenia leben inzwischen türkische Zyprioten. Auch sie sind 1974 vertrieben worden und stammen wie ihr Bürgermeister Ersel Tatlisu aus Mari an der Südküste. "Niemand will dorthin zurück", sagt der. Aber wie fast alle war auch er zu Besuch in Mari und befindet: "Die Häuser sehen schlecht aus."

In Tera wiederum haben sich einige wenige zyperngriechische Flüchtlinge angesiedelt. Und Larnakas tis Lapithou, dort, wo heute die Zyperntürken Teras leben, war ursprünglich ein griechisches Dorf. Auch deren Einwohner mussten im Krieg gehen. Der Ort ist in Kozan umbenannt und am Kirchturm fehlen die Glocken.

Zypern (Satellitenfoto): Ein Bauboom überrollt den Norden - so wie schon seit Jahren den Süden
DPA/ NASA

Zypern (Satellitenfoto): Ein Bauboom überrollt den Norden - so wie schon seit Jahren den Süden

Bis heute ist Zypern von den Ereignissen des Sommers 1974 geprägt. Ein Putsch unter Anleitung der griechischen Militärjunta war der Anlass für die Invasion in Nordzypern durch türkische Truppen. Während im Norden die Zyperngriechen vor den Panzern flohen, wurden im Süden die Zyperntürken von nationalistischen Militärs verfolgt. Tausende Menschen starben. 162.000 Griechen, ein Drittel der Einwohner, wurden zu Flüchtlingen im eigenen Land. Mehr als 40.000 Türken verließen ihrerseits ihre angestammte Heimat im Süden. Seitdem ist die Insel geteilt und, wie es so kalt heißt, "ethnisch gereinigt".

Weite Gebiete im Norden der Insel sind immer noch "verbotene Zone", wie rote Hinweisschilder unmissverständlich klarmachen. Ländereien, ganze leer stehende griechische Dörfer, sogar ein komplettes Kloster sind von der türkischen Armee okkupiert. Mehr als 30.000 Soldaten hält Ankara auf Zypern stationiert.

Die Zyprioten feiern gemeinsam

29 Jahre lang durften sich Griechen und Türken nicht besuchen. Das Regime im Norden hielt die Demarkationslinie dicht. Dann, im April 2003, öffnen sich die Schlagbäume. Die Menschen sehen erstmals wieder ihre Heimat, treffen alte Freunde und Arbeitskollegen. Zyperntürkische Familien übergeben alt gewordenen griechischen Frauen deren Habe, die sie all die Jahre nicht angerührt haben. "Als die griechischen Besitzer in das Haus meiner Großmutter gekommen sind, hat sie ihnen ihre alten Kaffeetassen mitgegeben. Sie haben sich sehr gefreut", erzählt die 23-jährige zyperntürkische Sekretärin Fakriye Arik. Und was viele befürchteten, tritt nicht ein: Es kommt zu keinem einzigen Zwischenfall. Stattdessen feiern die Zyprioten gemeinsam Feste.

Viele Menschen auf beiden Seiten betonen immer wieder, dass sie eben nicht nur Griechen und Türken, sondern zuallererst Zyprioten sind. Tatsächlich sind die Ähnlichkeiten jenseits religiöser und sprachlicher Barrieren frappierend: Eine in Athen und Istanbul geradezu provozierend wirkende Sanftheit liegt über Zypern, kaum ein zu lautes Wort, wenig Autogehupe auf den Straßen, Zurückhaltung allerorten. Die Inselgriechen und -türken genießen die gleichen opulenten Gerichte, hören ähnliche Musik und sind überdurchschnittlich gebildet. Ist der Streit zwischen Griechen und Türken also nur eine Mär, erträumt von beschäftigungslosen Politikern und Diplomaten?

Die Fakten sprechen dagegen. Zwar ist die von Uno-Soldaten bewachte Grenzlinie durchlässiger geworden, doch immer noch harrt der Konflikt einer Lösung - und das seit mehr als 50 Jahren. Gewaltig thront die sechs Meter hohe Statue von Makarios III. vor dem Erzbischöflichen Palast in Nikosia. Der 1977 gestorbene Erzbischof ist das Idol der griechischen Zyprioten geblieben. Viele pilgern noch heute zu seinem Grab auf einem Gipfel im Troodos-Gebirge. Makarios war freilich nicht nur geistiger, sondern auch weltlicher Führer. Nach der Unabhängigkeit 1960 hatte er auch das Amt des Präsidenten inne und sich schon zuvor nicht nur mit religiösen Fragen aufgehalten.

Internationale Dimensionen der Zypern-Frage

Im Jahr 1950, Zypern war britische Kronkolonie, organisierte der Klerus eine Volksbefragung unter den Gläubigen. Viele Griechen auf der bettelarmen Insel träumten seit Jahrzehnten von der Enosis, dem Anschluss an "Mutter" Griechenland. Im Museum des Nationalen Kampfes, gleich neben dem Sitz des Erzbischofs, stehen die dicken Bücher mit den Unterschriften wie Reliquien hinter Glas. 95,7 Prozent aller Zyperngriechen stimmten 1950 mit Ja. Und an die Spitze der Enosis-Bewegung setzte sich der wenige Monate später gewählte Erzbischof Makarios.

Türkische und nordzyprische Flaggen: Die Nordzyprioten sprachen sich 2004 für die Wiedervereinigung aus, die Südzyprioten stimmten dagegen
AP

Türkische und nordzyprische Flaggen: Die Nordzyprioten sprachen sich 2004 für die Wiedervereinigung aus, die Südzyprioten stimmten dagegen

Das Plebiszit vor 55 Jahren markiert den Beginn des Konflikts mit der Minderheit der türkischen Zyprioten. Die Türkei lehnt die Vorstellung einer territorialen Vergrößerung ihres Erzfeindes Griechenland strikt ab, und ebenso reagieren viele Zyperntürken. Athen dagegen schlägt sich auf die Seite der fernen Verwandten in Nikosia und befürwortet einen Anschluss. Die Zypern-Frage gewinnt internationale Dimensionen.

1955 beginnen die griechischen Zyprioten einen Guerillakrieg gegen die britischen Kolonialherren. Die "Nationale Organisation des zypriotischen Kampfes" (EOKA) soll die Enosis herbeibomben. Als die Briten eine nur aus Türken zusammengesetzte Antiterror-Einheit aufstellen, kommt es zum ersten Blutvergießen zwischen den Volksgruppen. Nationalistische Zyperntürken bilden ihre eigene Terrortruppe "Türkische Verteidigungs-Organisation" (TMT) und verlangen die Teilung der Insel. Das Ergebnis: der erste Bürgerkrieg.

Als Kompromiss handeln Griechenland, die Türkei und Großbritannien 1959 die Unabhängigkeit Zyperns aus. Athen und Ankara erhalten eigene Truppenkontingente. London sichert sich die Souveränität über zwei Militärstützpunkte, die bis in die Gegenwart bestehen.

Selbständiger Staat gegen die Interessen der Bewohner

So kommt es zum wahrscheinlich einmaligen Fall, dass ein Land gegen die Interessen seiner Bewohner zum selbstständigen Staat wird. Entsprechend gebrochen ist das Verhältnis der Politik zur neuen Republik. Der junge Jurist Tassos Papadopoulos etwa wird zwar Minister unter Präsident Makarios, doch das hindert ihn nicht daran, verdeckt für die Vereinigung mit Griechenland zu werben. Auf der anderen Seite steht Rauf Denktasch, der sich vor allem Gedanken über die Zementierung der Teilung macht. Heute ist Papadopoulos Präsident der Republik. Denktasch bestimmte jahrzehntelang die Politik der türkischen Zyprioten.

Im Museum des Nationalen Kampfes liegt das Neue Testament dort aufgeschlagen, wo die EOKA-Kämpfer ihre Eidesformel leisteten. Büsten und Bilder, Sandalen von Makarios und die Militärkarten von Guerilla-General Georgios Grivas erinnern an die beiden Führer. Am Ende eines Weges gelangt der Besucher zu Fotos der Gefallenen. Bei jedem Bild brennt eine elektrische Kerze. Die muslimischen Nachbarn kommen in diesem Heldenepos allenfalls im Kapitel "Türkischer Vandalismus" vor.

Auf der anderen Seite, im türkischen Teil von Nikosia, gibt es ein Museum mit dem gleichen Namen. Hier dominieren primitive Waffen und furchtbare Aufnahmen von Massakern an Zyperntürken das Bild. Am Ende des Ganges hängen Fotos moderner Häuser, glücklicher Kinder und eines würdevollen Rauf Denktasch. "Bleiben Sie auf dem Teppich", bittet der Museumswärter. Das fällt angesichts der Propagandaschau schwer.

Die griechische Ausstellung widmet sich dem Kampf in britischen Kolonialtagen. Ihr türkisches Pendant hat vor allem das Leiden der Muslime nach der Unabhängigkeit zum Inhalt.

Tatsächlich bricht der neue Staat schon Ende 1963 entlang der ethnischen Linien auseinander. Der zweite Bürgerkrieg entvölkert ganze Dörfer. Viele Zyperntürken fliehen in militärisch gesicherte ländliche Enklaven und städtische Gettos. Erst eine UN-Friedenstruppe kann das Blutvergießen beenden.

  • 1. Teil: Griechen und Türken, doch zuerst Zyprioten
  • 2. Teil


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