Strand in Italien: Versprechungen von Leere
Strand in Italien: Versprechungen von Leere
Foto: Bernhard Lang/ Getty Images

Reise-Kritiker über die Utopie von Freiheit "Urlaub ist ein mobiler Käfig"

Was, wenn alle zu Hause blieben? Vor einem Jahr begann es als Gedankenexperiment, nun wurde es Realität: Der Historiker Valentin Groebner erklärt, warum Ferien ihn nicht froh machen.
Ein Interview von Anne Haeming

SPIEGEL: Herr Groebner, vor einem Jahr haben Sie begonnen, eine Utopie aufzuschreiben: Was wäre, wenn alle mal zu Hause blieben im Urlaub? Nun ist es tatsächlich fast so gekommen - was aber ist anders?

Valentin Groebner: Wir erleben gerade, dass das Verreisen zum Vergnügen viel weniger selbstverständlich ist, als wir und unsere Eltern uns je gedacht haben. Es ist eben gar nicht selbstverständlich, sondern eine fragile Angelegenheit, die von einer ansteckenden Krankheit sofort aus der Welt geschafft werden kann. Und ich lag in vielem falsch. Ich dachte, die Schwimmbäder und Museen würden aus allen Nähten platzen - nun waren die Parks überfüllt, die Museen dicht.

SPIEGEL: Ihr neues Essaybuch heißt "Ferienmüde" - Sie meinen damit das Verreisen. Allerdings ist davon nichts zu spüren: Die Urlauberzahlen waren bis 2019 gestiegen. Und nach Ende der Corona-Beschränkungen wollen viele unbedingt endlich weg. Wie kommen Sie zu der These?

Groebner: Selbstverständlich sehnen sich die Leute nach Ferien, Auszeit, Erholung. Nur ist der übliche Sommerurlaub absurd: Viele Millionen Leute fahren zur selben Zeit los und suchen alle dasselbe: die große Stille und Leere am Meer. Das Ergebnis ist vorhersehbar. Tourismus hat mit Freiheit nichts zu tun. Er ist ein ökonomisches Privileg gut verdienender Europäer, das sich in eine soziale Pflicht und ein großes kollektives Ritual verwandelt hat.

SPIEGEL: Nun kommt noch die Pflicht dazu, zu verreisen, um Hotels und Gastronomie zu retten.

Groebner: Ja, selbstverständlich, das ist in der Schweiz auch so. Dabei ist der Tourismus schon lange stark subventioniert, denken Sie nur ans Flugbenzin. In der Schweiz gab es solche Kampagnen zuletzt in den Vierzigerjahren: "Macht Urlaub, schafft Arbeit!". Aber das ist nur ein Symptom einer grundsätzlichen Tendenz: Reisen und Freiheit haben immer weniger miteinander zu tun.

Der Urlaub als Allzweckwaffe für Wohlergehen funktioniert bei mir immer weniger.

SPIEGEL: Beim Lesen dachte ich: Vielleicht stellen Sie das mit dem Reisen nur falsch an?

Groebner: Ich stelle ganz viel falsch an. Ich mache Urlaub wie alle anderen um mich herum auch. Für mich ist es die romantisch aufgeladene Auszeit, der Traum vom anderen Leben, von Veränderung. Aber auf meinen vielen Reisen hat sich der Urlaub von einer Belohnung in einen mobilen Käfig verwandelt. Alles wiederholt sich. Der Urlaub als Allzweckwaffe für Wohlergehen funktioniert bei mir immer weniger. Deswegen muss ja die Dienstleistungsindustrie Tourismus ihren Kunden dauernd versprechen, sie vor ihrem rasanten Wachstum in Schutz zu nehmen. Im Reisebüro wie im Outdoorladen bekomme ich Leere versprochen -  nicht die anderen Touristen, denen ich am Ziel meiner Wünsche logischerweise wieder begegne.  

SPIEGEL: Das klingt ja alles ganz furchtbar.

Groebner: Ach, es ist eher eine kollektive Illusion. Die Vorstellung vom guten Leben, das man sich übers Wochenende in Südtirol oder in Barcelona holt, ist total anstrengend. Urlaub ist ein sehr altes Wort und heißt: Entlassung aus der Pflicht. Nun ist er zur Pflicht geworden. Mir geht es darum, einen persönlichen Freiraum zurückzuerobern. Nicht mehr dauernd etwas Neues machen zu müssen. Sondern mit etwas aufzuhören.

Auf den Fahrradwegen ist aber immer noch mehr Platz für Eigensinn als auf deutschen Autobahnen in der Hochsaison.  

SPIEGEL: Wann kam denn diese Müdigkeit über Sie?

Groebner: An einem südspanischen Strand, ich war da mit meinen Kindern, mit Freunden. Wir hatten ein Haus gemietet, es ist wahnsinnig schön dort, in einem Naturschutzgebiet. Aber am Strand war es total voll. Wir standen auf dem Weg dorthin im Stau. Und auf dem Rückweg wieder. Da habe ich mich gefragt: Was mache ich hier eigentlich? Es war, als fiele ich aus dem eigenen Wunsch - das Haus im Süden - heraus: Man hat ihn so lange gehabt, dass er aufgequollen ist wie ein Gummibärchen, das über Nacht im Wasser liegt. Dabei wird er formlos, geschmacklos, hört auf, begehrenswert zu sein.    

SPIEGEL: Was haben Sie geändert?

Groebner: Ich wohne in der Schweiz. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich 2000 Meter hohe Berge, da kann ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln in 20 Minuten sein. Und ich fahre mit meiner Tochter auf dem Tandem von der Schweiz aus an den Atlantik, quer durch Frankreich - in Etappen. Nach einer Woche auf dem Fahrrad tut einem der Hintern weh, aber man war ganz woanders, gefühlt richtig weit weg. Aber ich will keine Moral predigen - jeder soll tun, was ihr und ihm gefällt.

SPIEGEL: Also Radtouren als Lösung für Ihre Ferienmüdigkeit. Aber Fahrradurlaub machen andere doch auch - und ist damit auch wieder Urlaubsideal vieler, oder?

Groebner: Selbstverständlich. Das Entkommen aus der üblichen Ferienmaschine wird selbst eine neue Ferienmaschine - das ist mit dem Wandern ja auch passiert. Auf den Fahrradwegen ist aber immer noch mehr Platz für Eigensinn als auf deutschen Autobahnen in der Hochsaison.  

Anzeige

Ferienmüde. Als das Reisen nicht mehr geholfen hat

Herausgeber: Konstanz University Press
Autor: Valentin Groebner
Für 18,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

01.12.2022 04.49 Uhr

Keine Gewähr

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

SPIEGEL: Sie schreiben, Ferien seien die letzte Utopie von Freiheit, die wir noch leben können. Aber Freiheit ist doch sehr subjektiv, oder?

Groebner: Für manche besteht sie sicher darin, sich in einem Klub die Nacht um die Ohren zu schlagen - auch okay. Ich finde diese Betriebsförmigkeit und die strikte Organisation der großen Freiheit etwas bizarr. Auf denkwürdige Weise sind viele Traumdestinationen der Europäer - die Karibik, die kanarischen Inseln, aber auch Venedig - historisch geprägt durch das genaue Gegenteil von Freiheit: nämlich durch Sklavenhandel. Das Recht auf Mobilität ist aber auch heute ziemlich ungleich verteilt. Für drei Viertel der Weltbevölkerung war das auch vor Corona keine Selbstverständlichkeit: weil sie keinen deutschen oder Schweizer Pass haben.

SPIEGEL: Das Schönste an Berlin, heißt es oft, sind die Sommerferien - weil alle weg sind.

Groebner: Das sagen die Griechen auch über Athen. Stille und Freiraum, ohne wegfahren zu müssen - das wissen wir nun zu schätzen. Wenn alle anderen endlich mal nicht da sind. Kürzlich radelte ich über einen sonst stark befahrenen und nun fast leeren Alpenpass - es war wahnsinnig schön und zugleich unheimlich.

SPIEGEL: Noch vor ein paar Wochen sagte die Hälfte der Bevölkerung, sie habe ihre Urlaubsreise abgesagt.  

Groebner: Wenn einem die Politik über Monate vom Reisen abrät, hinterlässt das Spuren. Aber ich bin sicher, dass sich das schnell normalisiert.

SPIEGEL: Zu welcher Reisegruppe gehören Sie? Bleiben oder Gehen?

Groebner: Meine Reisemüdigkeit war ja schon vorher da. Ich vertrödele die Ferien erst einmal und sitze auf dem Balkon. Es geht ja um die Wiedergewinnung der eigenen Zeit: Je weniger ich plane, desto länger wird der Sommer. Aber wie gesagt, ich wohne an einem Ort, an dem sonst viele Touristen sind. Und in der Nähe der Berge. Wohnte ich in Gelsenkirchen, würde ich es mir auch noch mal überlegen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.