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05. Juli 2007, 09:34 Uhr

3000 Kilometer nach Barcelona

Rakete unter Strom

Es gibt kein Auto, das ihm gefällt? Macht nichts, sagte sich der Abenteurer Louis Palmer - und baute es selber. Heraus kam ein ungewöhnliches Elektromobil mit enormer Reichweite. Zum Test fuhr der Schweizer bis nach Spanien, sein Traum: eine Weltumrundung mit Hilfe der Sonne.

Unser Leser in der Schweiz, Louis Palmer, hatte einen Traum: Er wollte als Erster mit einem solar betriebenen Fahrzeug um die Erde fahren. Denn, so seine Überzeugung, wenn ein Fahrzeug ohne Abgase zu produzieren um die Erde fahren kann, ist es auch tauglich für den Alltag. Sein Motto: Stoppt die globalen Erwärmung. Er rief ein Projekt ins Leben: das "Solartaxi".

Drei Jahre später ist mit Hilfe von Studenten von vier Technischen Hochschulen, zehn Schweizer Unternehmen und 70 Helfern ein Elektromobil entstanden. Noch benötigt es eine Steckdose - doch an der Aufrüstung mit Solarzellen wird hart gearbeitet. Hier berichtet Palmer von seiner Testfahrt von Luzern nach Barcelona und zurück:

Luzern, Anfang Juni 2006. Dieses Ding, das hier beim Straßenverkehrsamt auf Anhieb die Zulassung erhalten hat und hinter dessen Lenkrad ich sitze, sieht äußerlich so gar nicht nach einem Traumauto aus. Es rumpelt und dröhnt, überall Fetzen von Polyester und Kabel, die herumhängen. Die zwei Sitze sind nackte Schaumstoffpolster. Türen und das Dach fehlen noch. Doch es fährt - und wie! Um die Maschine zu testen, lasse ich mich zuerst über alle Schweizer Pässe befördern. Und da sie sich als robuster erweist als angenommen, wie eine Rakete abgeht und ihr selbst die insgesamt 16.000 Höhenmeter nichts anhaben können, wage ich einen Monat später die erste weite Fahrt - ab nach Barcelona!

Dass ich längere Reisen unternehmen kann, wird erst durch die in der Schweiz produzierte Zebra-Batterie ermöglicht, denn sie speichert pro Gewichtseinheit viermal mehr Strom als eine Bleibatterie. Ihr Inhalt: Salz, Nickel und Keramik, alles zu 100 Prozent wiederverwertbar. Damit nichts schief gehen kann, nehme ich Heinz Gubler, einen befreundeten Mechaniker, mit. Zu Beginn ist der Ärger groß: Wir haben beide die Werkzeugkiste vergessen. Doch wer von uns beiden hätte ahnen können, dass wir sie auf dieser 3000 Kilometer langen Tour nicht ein einziges Mal brauchen sollten?

Den Abend feiern wir wie geplant in Lausanne - wir haben mit allem Gepäck 200 Kilometer ohne Nachladen geschafft! Den Strom tanken wir nachts an der Steckdose im Campingplatz. Während unserer Mittagspausen spezialisieren wir uns dann auf Betteltouren bei den Feuerwehren. Denn die, so merken wir schnell, helfen jedem, der in Not ist, und da wir ohne Strom auch in Not geraten würden, darf das Elektromobil in jeder Station der "Pompiers" für ein paar Stunden an die Steckdose, während wir zu Fuß jeweils in die Innenstadt verschwinden und uns mit Baguette und Omelette betanken.

Der erste Zwischenfall

Drei Tage später der erste Zwischenfall. Nicht die Technik. Nein, die Polizei! In der Innenstadt von Narbonne – wir sind kaum losgefahren - tauchen zwei Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene aus dem Nichts im Rückspiegel auf und drängen uns brutal an den Straßenrand. "Sie fahren vorne ohne Nummernschild", tönt es gleich wie ein Haftbefehl, und ihre Blicke verraten Ärger. Knietief. "Nein, nicht abgefallen", so kläre ich sie über das Gesetz auf, "dreirädrige Fahrzeuge in der Schweiz brauchen nur hinten eins!"

Sodann hellen sich ihre Mienen auf, und wir kriegen die freundliche Entschuldigung, sie hätten uns ja nur "pour la curiosité" - aus Neugier, eingeholt. Die nächsten 20 Minuten darf ich einer staunenden und heiteren Truppe von Flics unter lauten "Oh"- und "Ah"-Rufen ein Elektroauto mit modernster Technologie erklären - und mir kommen unweigerlich die Filmszenen von Louis de Funès und seiner liebenswürdigen Gendarmerie-Truppe in den Sinn.

Auto-Fanatiker Heinz verrät mir heute, als wir nach vier Tagen die Grenze zu Spanien erreichen, dass er diese Reise nie in einem normalen Auto gemacht hätte. Selbst in seinem Triumph-Cabrio wäre das todlangweilig gewesen. Stimmt: Was wir jetzt erleben, könnten wir mit einem Auto niemals erleben. Wir genießen die Landschaft, während uns der Fahrtwind auch bei 40 Grad Celsius abkühlt. Wir erleben Frankreich von seinen schönsten Seiten und mit allen Sinnen. Wir er-fahren die Welt eben ganz anders.

Aber was ist es denn, was so anders ist? Wir hören jedes Vogelgezwitscher und riechen die Welt. Und jede Gegend riecht anders. Wir machen keinen Lärm. Wir hören keine Musik und reden manchmal viel, manchmal kaum. Wir fahren nicht aggressiv. Wir haben auch nichts bei uns, außer Kameras, einen Computer und unsere Kleider und Zelte. Wir können nicht einmal die Türe schließen und unsere Dinge sichern. Die Autofahrer hupen oft und haben ihren Spaß. Sehr viele Daumen nach oben werden ausgesteckt, Daumen nach unten gibt's keinen Einzigen. Wir fallen auf, alles dreht sich um.

Mit unserem offenen Mobil distanzieren wir uns von der Masse, ohne dass wir es eigentlich wollen, und zugleich sind wir interessant für die Menschen. Wir erzählen unsere Geschichten und hören viele neue. Wir winken jedem. Und jeder winkt zurück - oder lässt den Kiefer nach unten klappen (besonders die Polizisten). Oft hupen wir, weil's einfach Freude macht.

Flucht vor Handy-Fotografen

Barcelona erreichen wir auf der Autobahn. Bei der Mautstelle knüpft man uns 29 Cents ab. Wahrscheinlich gehören wir in die Kategorie "Eselskarren". Doch die Barriere geht erst hoch, als der Maut-Mensch seine Handy-Kamera hervorkramt. An diesem Tag in Barcelona denke ich nur noch: Übel, übel. Ganz Barcelona scheint es mit ihren Handy-Kameras auf uns abgesehen zu haben! Handy-Fotografen verfolgen uns zu Fuß, auf Scootern oder in ihren stinknormalen Autos. Wir suchen schnell das Weite und flüchten aus der Stadt. Mal fährt Heinz, mal ich. Für den Wechsel muss keiner aussteigen. Unser Lenkrad ist einfach von links nach rechts verschiebbar.

Auf der Rückfahrt, in Monte Carlo, habe ich mir die Steckdose der Ferrari-Garage ausgesucht. Ich frage höflich und kriege den Strom prompt geschenkt (wie eigentlich überall). Kurze Zeit später hat sich eine ganze Menschentraube um mein Fahrzeug versammelt. Das Interesse gilt doch der Zukunft. Ich wusste gar nicht, dass auch Ferraris ganz schön alt aussehen können. Nach genau 14 Tagen und 2900 Kilometer erreiche ich, auf die Stunde genau wie geplant, den Gotthard-Pass. Schieße mit über 60 km/h die Haarnadelkurven hinauf und hänge den Verkehr hinter mir ab. Nicht möglich mit einem Elektroauto? Von wegen! Mein Vertrauen in mein Mobil ist mittlerweile so unerschütterlich wie das Gotthard-Massiv.

Fazit: Mein Elektroauto hat in seinen ersten drei Monaten 8500 Kilometer pannenfrei zurückgelegt. Der Strom ab Steckdose kostet ein Euro für 100 Kilometer. Der ganze Innenraum kriegt jetzt gerade einen Bezug mit Leder und Alcantara verpasst sowie eine kräftige MP3-Musikanlage. Ich reise also zuverlässig, günstig und luxuriös. Der Anhänger mit den Solarzellen drauf und einer zweiten Batterie drin wird gerade fertigmontiert. Auf der Weltreise, die im Juni 2007 starten soll, wird die Reichweite so 350 bis 400 Kilometer betragen. Was noch zu tun bleibt, ist die Suche nach Sponsoren. Und Mitfahrern für einzelne Etappen. Dann kann's dann losgehen: Mit der Sonne um die Erde.

Gelegentlich nenne ich mein Mobil liebevoll "Spitzmaus". War es nicht die Spitzmaus, die als einziges Landlebewesen die Dinosaurier überlebt hat?

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