Urlaub in Nordkorea Hammer, Sichel, Badetuch

Badeurlaub in Nordkorea, geht das überhaupt? Schwimmen, sonnen, sich erholen, sich frei fühlen im unfreiesten Land der Welt? "Mare"-Autor Jan Keith ist dorthin gereist - auf der Suche nach der Strandidylle hinterm Todesstreifen
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Nordkorea: Strandidylle hinter dem Todesstreifen

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Wenn Du nach Nordkorea reist, wird nichts so sein, wie du es von anderen Reisen kennst. Du willst alleine spazieren gehen? Verboten. Du willst in eine Bar? Gibt es nicht. Du willst mit einem Einheimischen sprechen? Keine Chance. Du liegst abends in deinem verwanzten Hotelzimmer und fühlst dich einsam.

Warum also nach Nordkorea fahren? Weil du neugierig bist. Du willst sie sehen, die Menschen dort, wie sie leben, so abgeschottet vom Rest der Welt, ohne Handys, ohne Internet, ohne freie Medien. Unterdrückt von Diktator Kim Jong Il und seinem autoritären Staatsapparat.

Du hörst von Arbeitslagern, von Folter und vom Geheimdienst, der über die Menschen wacht. Und doch bist du dir sicher, dass es sie gibt, die kleinen Refugien, Zufluchtsstätten, wo sich die Bewohner der Kontrolle des Staates entziehen und so etwas wie Glück empfinden.

Ich stelle mir vor, dieses Glück am Meer zu finden. Hier sind die Grenzen verwässert, unsichtbar, hier hört das Müssen auf, und das Wollen beginnt. Ein Ort der Sehnsucht. Ich male mir einen Badeort aus, mit schönem Strand, Menschen, die vergnügt im Meer schwimmen und in der Sonne dösen. In meiner Fantasie gibt es Straßencafés, schlendernde Pärchen, lachende Kinder, Bikinimädchen, Beachvolleyball, Sandburgen, Luftmatratzen. Ich frage mich: Tragen Nordkoreaner Flip-Flops? Benutzen sie Sonnencreme? Lieben sie Softeis?

Ferien in Kims Reich

Badeurlaub in Nordkorea, geht das? Oder geht das nicht? Ich will es wissen. Doch diese Reise soll keine journalistische Reise sein. Ich will nicht als Reporter auftreten und offizielle Interviews mit Kims Marionetten führen. Ich will auch nicht verdeckt recherchieren, um schlimme Machenschaften aufzudecken. Nein, ich führe ein privates Experiment durch. Ich mache Ferien in Kims Reich, eine Woche lang.

Der Zug nach Pjöngjang rattert durch das nächtliche China. In der Dunkelheit meines Abteils erkenne ich zwei schlafende Gestalten. Es stinkt nach Knoblauch und kaltem Zigarettenrauch. Die Klimaanlage ist defekt, und das Fenster lässt sich nicht öffnen. Trotzdem schlafe ich gut, weil ich so erschöpft bin vom langen Flug. Ich wache erst auf, als der Schaffner lautstark ruft: "Dandong, Passport!" Dandong, das ist die letzte Stadt auf chinesischem Boden. Sie wirbt mit dem Slogan "Schönste Grenzstadt Chinas". Die beiden Männer, mit denen ich letzte Nacht die Kabine geteilt habe, sind nicht mehr da. Jetzt bin ich allein.

Von Dandong geht es über den Jalu-Fluss, der die Grenze zwischen China und Nordkorea markiert. Wir passieren ein heruntergekommenes Fabrikgelände und Soldaten mit Maschinengewehren. Es sind nur wenige Minuten bis zum Grenzbahnhof Sinuiju. Der Zug hält. Mein Atem erscheint mir plötzlich trügerisch laut. Meine Handflächen sind feucht. Ich habe Angst.

Jede Buchseite wird geprüft

Was ist, wenn die Grenzer mir nicht glauben, dass ich einfach nur einen Badeurlaub will? Ich denke an die beiden US-Journalistinnen, die vergangenes Jahr geschnappt wurden. Zwölf Jahre Arbeitslager haben sie bekommen. Und wer weiß, was passiert wäre, wenn Bill Clinton sie nicht rausgeholt hätte?

Etwa zehn nordkoreanische Grenzbeamte steigen ein. Sie tun streng und sehen auch so aus: Sie tragen Uniformen und Waffen, aber die Wörter "Germany" und "Tourist" scheinen eine positive Wirkung auf sie zu haben. Manche lächeln sogar, als sie erfahren, woher ich komme. Ich fülle mehrere Formulare aus und gebe meinen Pass ab. Jemand misst meine Temperatur. Ein anderer tastet mit einem Metalldetektor meinen Körper ab. Ein Dritter durchsucht mein Gepäck, blättert in meinen Büchern, Seite für Seite. Und er schaut sich jedes einzelne Foto an, das sich in meiner Digitalkamera befindet.

Drei Stunden Wartezeit. Drei quälende Stunden, in denen ich fest damit rechne, entlarvt zu werden. Werden sie mich nach Hause schicken? Oder gar festnehmen? Im Visumsformular habe ich zwar als Beruf Musiker angegeben. Aber einmal googeln würde reichen, und sie wüssten, dass ich Journalist bin. Dann, endlich, wird mir kommentarlos mein Pass überreicht, darin der Einreisestempel. Ein Pfiff, ein Ruck, und der Zug setzt sich in Bewegung. Ich bin drin. Ich bin in Nordkorea. Ich fühle mich erleichtert und auch ein bisschen heldenhaft.

Ein schöner Sommertag in Pjöngjang

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Nordkorea: Strandidylle hinter dem Todesstreifen

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Der Zug rollt vorbei an Mais- und Reisfeldern, darum herum erheben sich grün behaarte Hügel. Es ist ein schöner Sommertag. Nach ein paar Stunden verkündet der Schaffner: "Pjöngjang!" Der Zug taumelt in den Bahnhof und bleibt stehen. Ich trete auf den Bahnsteig. Fahrgäste quellen aus den Waggons. Kisten mit Lebensmitteln werden entladen. Plötzlich tauchen zwei Männer auf, die zielstrebig auf mich zusteuern. Ein älterer, hagerer Typ und ein jüngerer mit Bauchansatz. "Tourist aus Deutschland?" Beide sprechen Deutsch. "Ja." "Kommen Sie mit." Das sind sie also, meine zwei Aufpasser. Sie nennen sich "Reiseleiter", sind aber in Wahrheit Leute vom Geheimdienst. Jeder Individualtourist in Nordkorea bekommt zwei Begleiter zugewiesen. Meine heißen beide mit Nachnamen Li, wie praktisch. Noch auf dem Bahnhofsgelände nehmen sie mir meinen Pass und mein Handy ab. "Wir werden Ihre Sachen bis zum Ende der Reise aufbewahren", sagt Li, der Jüngere, und lächelt ein Lächeln, das ich nicht einordnen kann.

Sie bringen mich ins "Janggakdo", ein 47-stöckiges Luxushotel mit Weststandard. Wir nehmen in der bahnhofshallengroßen Lobby Platz, wo sie mir etwas Wichtiges erklären. "Wie Sie wissen, ist unser Land etwas anders als andere Länder. Deshalb gibt es drei Regeln", sagt Li, der Jüngere. "Regel Nummer eins: Wickeln Sie nichts in Zeitungspapier ein. Sie könnten ein Bild von Kim Jong Il verknittern. Das steht unter Strafe. Regel Nummer zwei: Bevor Sie etwas fotografieren, fragen Sie uns. Regel Nummer drei: Gehen Sie nicht alleine spazieren."

Völlig klar, ich werde mich daran halten müssen. Aber was ist mit dem Badeort? Dem Strand? Mich drängt es weg, ans Meer. Das ist für mich Schlendrian und Lässigkeit, Faulenzen und Abschalten, der Inbegriff von Urlaub. Was ist es für die Menschen in diesem Land? Der einzige Ort in Nordkorea, an dem nichts schmerzt, noch nicht einmal die Unfreiheit?

Erst Hauptstadt, dann Meer

Kann sein, dass ich nie eine Antwort bekommen werde. Denn Li, der Jüngere, verweigert mir meinen Wunsch, sofort dorthin aufzubrechen. "Erst einmal Pjöngjang", sagt er in einem Ton, der keine Diskussion zulässt. Es ist eine Mischung aus Wut und Enttäuschung, die von mir Besitz ergreift. Wer ans Meer will, muss erst das Hauptstadtprogramm über sich ergehen lassen. Graue Betonklötze statt Meeresrauschen, keine schöne Aussicht.

Pjöngjang also. Drei Tage, immer derselbe Ablauf. Punkt neun erwarten mich Li und Li in der Lobby. Start der Tagestour. Wir quetschen uns zu viert in einen alten Opel Kadett, unser neues Zuhause, das ich nur unter Aufsicht verlassen darf. Hinten sitzen Li, der Jüngere, und ich, vorne Li, der Ältere, und der Fahrer. Ich fühle mich wie in einer Wohngemeinschaft, in der sich drei gegen einen verbündet haben.

Und so fahren wir kreuz und quer durch die Millionenstadt. Pjöngjang sieht aus, als hätten verrückte Stadtplaner in den sechziger Jahren ihre Modelle hier aufgestellt und vergessen, sie wieder abzubauen. Ich sehe protzige Versammlungshallen und Kulturpaläste, eine quer durch die Stadt führende Hauptachse, große Ehrenplätze und mehrere Brücken über den Taedong-Fluss. Unzählige grauweiße Plattenbauten ragen um die Wette, als gehe es darum, als Erster den Himmel zu erreichen.

Aber die kommunistische Musterstadt verrottet. Schimmel kriecht die Wände entlang, weil Heizungs- und Wasserrohre leck sind. Fensterrahmen sind aus rissigem Holz, in denen zersprungene Scheiben klemmen. Ich stelle mir vor, wie schrecklich kalt es im Winter in den Häusern sein muss.

Züchtige Röcke, rotes Halstuch

Auf den vier-, sechs- und achtspurigen Straßen sehe ich kaum Autos, nur all die Menschen, die über die breiten Gehsteige hasten. Die Männer tragen oft olivgrüne Jacken und Mützen, eine Art Soldatenkluft, die Frauen züchtige Röcke und brave Blusen, die Kinder Pionierkleidung mit rotem Halstuch. Alle haben sie eine rote Anstecknadel mit einem Führerbild am Revers. Es ist eine uniformierte Gesellschaft, unheimlich und unnahbar.

Niemand würdigt mich eines Blickes, niemand bleibt stehen. Wozu auch? Es gibt keine Einkaufsstraßen, keine Cafés, Restaurants oder Bars. Vereinzelt ducken sich kleine Lebensmittelgeschäfte in den Erdgeschossen der Plattenbauten, von außen kaum erkennbar.

Dort kaufen die Menschen das Nötigste ein, strömen dann zurück zu den Bus- und Straßenbahnstationen. Ich wundere mich über die langen Schlangen, in die sich die Wartenden geduldig einreihen. Irgendwann zwängen sie sich dann in verrostete Straßenbahnen und klapprige Oberleitungsbusse, die über Pjöngjangs Straßen schleichen, als seien sie herzkrank.

"Nein, wir haben keine Zeit"

Das alles beobachte ich nur aus der Ferne, durchs Seitenfenster unseres Kadetts. Jeglicher Versuch, näher heranzukommen oder gar mit den Menschen zu sprechen, wird von Li und Li vereitelt. Als ich bei unserem einzigen Spaziergang in etwa 100 Meter Entfernung eine Art Kiosk entdecke, will ich wissen, wie weit ich gehen kann.

"Können wir kurz dorthin?", frage ich. "Warum?" Es ist Li, der Jüngere. Er ist der Strengere von beiden. "Einfach so", antworte ich. "Ich will mir nur den Verkaufsstand anschauen." "Da gibt es nichts zu sehen. Dort werden nur Getränke verkauft." "Bitte, nur ganz kurz." "Nein, wir haben keine Zeit."

Stattdessen schleppen sie mich zu den staatlich abgesegneten Sehenswürdigkeiten. Höhepunkt ist die 20 Meter hohe Kim-Il-Sung-Bronzestatue, die auf dem Mansu-Hügel thront. "Wollen Sie Blumen niederlegen?", fragt mich Li, der Ältere. Natürlich nicht. Ich sage trotzdem Ja, was bleibt mir anderes übrig? Ich bezahle zehn Euro für einen Blumenstrauß, trete vor die Figur, verneige mich wie die anderen. Ich lege die Blumen ab und fühle mich mies, weil ich einem Despoten die Ehre erweise. Doch der Besuch der Führerstatue ist Pflichttermin für alle, für Nordkoreaner und Touristen.

Privatkonzert für die Aufpasser

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Nordkorea: Strandidylle hinter dem Todesstreifen

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Spätestens am zweiten Tag ist klar, wer in unserer Vierergruppe das Sagen hat. Es ist nicht der Fahrer, der ohnehin nur Koreanisch spricht. Auch nicht Li, der Ältere, der die meiste Zeit still auf seinem Beifahrersitz hockt. Es ist Li, der Jüngere. Er ist der Mann mit der kräftigsten Stimme, dem besten Deutsch und den schärfsten Fragen.

"Waren Sie schon einmal in Südkorea?" "Nein." Ich lüge. "Wie wird in deutschen Medien über Nordkorea berichtet?" "Ich weiß es nicht. Politik interessiert mich nicht." Ich lüge schon wieder. "Und Sie sind Musiker von Beruf?" "Ja, ich bin Schlagzeuger." Noch eine Lüge. Das heißt, eine halbe Lüge. Ich spiele ja Schlagzeug in meiner Freizeit. Natürlich habe ich damit gerechnet, dass Li mich auf meinen angeblichen Beruf anspricht. Aber nicht mit Folgendem. "Dann können Sie uns ja sicher etwas vorspielen." Ein Scherz, denke ich. Ist es aber nicht.

Schon am nächsten Tag schafft er es, eine Trommel zu besorgen. Sie liegt in einem Touristenrestaurant bereit, wo wir zu Mittag essen. Jemand bringt mir einen Stuhl und drückt mir das Schlaginstrument in die Hand. Um mich herum stehen vier Zuschauer: Li, Li und zwei kichernde Kellnerinnen. Auch die beiden Lis grinsen breit. Ist das ein Test?

Durchbruch mit Samba-Rhythmen

Mein Puls schießt in die Höhe. "Spielen Sie, spielen Sie schon!", feuert mich Li, der Jüngere, an. Ich könnte längst am Strand liegen, denke ich. Stattdessen bin ich hier, mit einer Bongo in den Händen.

Ich spiele. Irgendeinen Rhythmus, eine wilde Mischung aus Samba, Rumba und Bossa nova. Rufe ab, was ich früher im Schlagzeugunterricht gelernt habe. Ich dresche aufs Fell ein, bewege meinen Kopf im Takt vor und zurück und bemerke, dass meine Zuschauer das auch tun. Ja! Es klappt! Mein Spiel ist offenbar gut genug, um meine Aufpasser zu überzeugen. Letzter Takt, Schlussbreak, dann Applaus. "Sehr gut", sagt der jüngere Li. Ich zittere und hoffe, dass es keiner bemerkt.

Dieses Livekonzert ist mein Durchbruch. Li, der Jüngere, ist von nun an ausgesprochen freundlich zu mir, als sei er von einer Last befreit. Vermutlich kann er jetzt endlich ans Ministerium melden: Der Gast aus Deutschland ist unverdächtig. Li, der Ältere, wird sogar richtig zutraulich. In einem ruhigen Moment, als wir für ein paar Minuten alleine sind, erzählt er mir von seinen täglichen Magenschmerzen und von den Ärzten, die nichts tun können, weil es an Medikamenten fehlt. "Wir haben Probleme in Nordkorea", sagt er. In vielen Regionen gebe es keinen Strom und nicht genug zu essen. "Schlimm war es in den Neunzigern. Ich musste meinen Kindern Reiswurzeln zum Essen geben, wir hatten nichts anderes. Es war eine harte Zeit." So viel Offenheit habe ich nicht erwartet.

Abendessen in "Nummer 2"

Abends, wenn Pjöngjang wegen Strommangels in Finsternis versinkt und die Menschen stumm durch die Dunkelheit trippeln, ziehen sich die Lis zurück in ihre Hotelzimmer. Das ist Vorschrift, damit sich Gast und Aufpasser nicht beim abendlichen Bier anfreunden. Also gehe ich alleine zum Abendessen.

Im Hotel "Janggakdo" gibt es drei Restaurants. Sie heißen "Nummer 1", "Nummer 2" und "Nummer 3". Ich darf nur im "Nummer 2" essen. Es ist das Restaurant für Ausländer. Kontakt zu Einheimischen ist auch beim Abendessen nicht möglich.

Einzige Ausnahme sind die beiden nordkoreanischen Kellnerinnen, deren einziger Gast ich heute Abend bin. Sie bringen Hühnersuppe, Kimchi, Brot, Reis und eingelegtes Gemüse. Im Hintergrund läuft der Fernseher, ein südkoreanisches Samsung-Modell. Gezeigt werden Bilder von Kim Jong Il auf Betriebsbesuch.

"Wo kommen Sie her?", fragt die eine. Sie spricht gebrochenes Englisch. "Aus Deutschland." "Oh. Wie alt sind Sie?" "38." "Sind Sie verheiratet?" "Nein." Gekicher, Getuschel mit der Kollegin. "Warum sind Sie nicht verheiratet?" "Ich habe eine Freundin." Freundin? Sie ist verdutzt. Anscheinend gibt es in ihrem Kosmos als Mann-Frau-Beziehung nur Mutter, Tochter und Ehefrau. Jetzt frage ich. "Wie alt sind Sie denn?" "25." "Und, sind Sie verheiratet?" Sie lacht und schüttelt den Kopf. "Nein, nein, ich bin noch zu jung." Wie gut es tut, einmal nicht über den Führer zu sprechen.

Straßensperren und Soldaten

Der nächste Morgen. Es ist der vierte Tag meiner Reise: Wir fahren Richtung Meer, endlich. Einmal quer durch Nordkorea mit dem Auto, von West nach Ost. Bald werde ich am Ziel meiner Reise sein, am Strand. Ich freue mich darauf. Den Beton der Stadt kann ich nicht mehr sehen.

Pjöngjang endet abrupt, dahinter erstrecken sich Felder. Wir fahren immer geradeaus auf einer leeren Autobahn, die im Grunde nur eine Aneinanderreihung von Betonplatten ist. Markierungen fehlen, ebenso Leitplanken und Seitenstreifen. Immer wieder passieren wir Straßensperren, an denen grimmig blickende Waffenträger die Papiere kontrollieren.

Ab und an kommen uns Lastwagen entgegen, die aussehen, als seien sie schon im Koreakrieg im Einsatz gewesen. Auf den Ladeflächen hocken junge Soldaten, mit Schaufeln in der Hand, auf dem Weg zum nächsten Einsatzort: Beschädigte Brücken müssen repariert, Schlaglöcher gestopft werden. Nordkoreas Infrastruktur bröckelt wie ein kariöser Zahn.

Dem Flachland folgen die Berge, es wird kurviger. Wir schlängeln uns entlang einer Schlucht, in die sich ein mächtiger Wasserfall ergießt, überwinden bewaldete Hügel und erreichen schließlich Wonsan, eine Hafenstadt am Japanischen Meer, 200 Kilometer von Pjöngjang entfernt. Von hier aus gingen früher Schiffe nach Japan. Es gibt Trockendocks fürs Militär, Industriebetriebe und Universitäten. Vor allem aber gilt Wonsan als beliebter Badeort für Einheimische.

Urlaub auf nordkoreanisch

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Nordkorea: Strandidylle hinter dem Todesstreifen

Foto: Jan Keith

Tatsächlich. Es gibt sie, die nordkoreanischen Urlauber. Ich sehe sie, als es bereits dunkel ist und ich mit den beiden Lis am Hafen entlangschlendere - junge Frauen in Flip-Flops und bunten T-Shirts, Männer in Shorts und Polohemd, Paare, die sich an den Händen halten und still aufs Meer schauen. Erinnerungsfotos werden geschossen, manche haben sogar Videokameras. Wer sind diese Leute, die hier Urlaub machen? Ich frage Li, den Älteren. "Ganz normale Leute", antwortet er. Er spricht leise. "Darf denn jeder Nordkoreaner Badeurlaub machen?" "Ja, natürlich." "Haben Sie denn schon einmal hier Urlaub gemacht?" "Ja, ich war im Sommer hier mit meiner Frau und meinen Kindern." "Und wie hat es Ihnen gefallen?" "Gut."

Er sagt es genau so. Mehr kriege ich nicht aus ihm heraus. Also frage ich Li, den Jüngeren. "Benutzen Nordkoreaner Sonnencreme?" "Ja, klar." "Und Badekappen?" "Manchmal, manchmal nicht." "Tragen Frauen Bikinis?" "Nein, nein, Anzüge." "Lieben Nordkoreaner das Meer?" "Mal so, mal so. Wir haben schönes Meer und schöne Berge." "Warum ist Wonsan so besonders?" "Viele Schulkinder kommen im Sommer hierher. Sie treffen sich am Strand und lernen dann im Meer schwimmen." Li mustert mich jetzt skeptisch. "Sie sind aber neugierig!" Es wird Zeit, mit der Fragerei aufzuhören. Ich muss mir selbst ein Bild vom Strand machen.

Wir besuchen ihn am nächsten Morgen. Aber was ich sehe, ist kein Strand, sondern eine Müllhalde. Algen, Abfall, Treibholz, vom Sturm an Land gespült. "Wir hatten vor ein paar Tagen einen Taifun", erklärt Li, der Jüngere. Niemand badet im Meer, niemand sonnt sich, keine Schulkinder weit und breit. Ich sehe nur ein paar ältere Frauen mit zerfurchten, braun gebrannten Gesichtern, die den Dreck aufzusammeln.

Sehnsucht nach Hollywood-Filmen

Auch die Straße, die am Strand entlangführt, ist verwaist. Es gibt keine Eisdielen, keinen Sonnenschirmverleih. Nichts. Nur ein übergroßes Kim-Gemälde am Straßenrand. Auf einmal übermannt mich Heimweh.

Wie gerne würde ich wieder einmal ein gutes Gespräch führen. Oder mit einer Zeitung im Café sitzen. Ich vermisse die dummen Witze meiner Kollegen und das Lachen meiner Freundin. Meine Augen sehnen sich nach Werbeplakaten und Hollywoodfilmen. Tag für Tag diese Tristesse, diese Ernsthaftigkeit. Ich frage mich, wie die Menschen dieses Leben aushalten.

"Wir müssen weiter." Li, der Jüngere, schiebt mich zurück ins Auto. "Ich zeige Ihnen nachher einen anderen Strand." Wir fahren die Küste entlang in Richtung Süden. Zwischendurch halten wir in einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, wo 300 Haushalte zusammen Ackerbau und Viehzucht betreiben. Eine Vorzeigekooperative mit eigenem Hospital, Badehaus und prall gefülltem Kiosk. Ich muss mir einen stundenlangen Vortrag anhören, in dem es darum geht, wie viele Traktoren und Mähdrescher der großzügige Kim den Bauern gespendet hat.

Endlich Strand

Genug Propaganda. Ich brauche dringend eine Pause. Die Mittagssonne nimmt der Landschaft ihre Farben und mir die Kraft. Wir rumpeln noch 40 Kilometer weiter und halten vor einem flachen Betonbau, über dessen Eingang in Englisch geschrieben steht: "Resting Place of Sijung Lake".

"Jetzt gehen wir baden", sagt Li, der Jüngere.

Wir betreten das Gebäude, in dem sich ein Café und Umkleideräume befinden, arbeiten uns zur Terrasse vor, und auf einmal liegt er vor mir, der Strand. Der Sehnsuchtsort meiner Reise.

Er erstreckt sich kilometerweit. Ich gehe ein paar Schritte und lasse meine nackten Füße im Boden verschwinden. Der Sand ist fein und warm, nur durch einen Grasstreifen und ein Wäldchen von der Küstenstraße getrennt. Das Meer liegt ruhig und einladend vor mir. In der Ferne sehe ich eine kleine, unbewohnte Insel, zu der ich am liebsten schwimmen würde.

Das Einzige, was stört, ist ein Schild mit der Aufschrift "Stop!". Das heißt für mich: bis dahin und nicht weiter. Hinter dem Schild beginnt der Abschnitt für die Einheimischen. Ich erkenne Kinder in bunten Badeanzügen, die Ball spielen und toben. Mütter und Väter dösen auf ihren Handtüchern oder erfrischen sich im Meer. Ihrer uniformen Kleidung entledigt, sehen die Menschen plötzlich wieder so menschlich aus. Ich darf mich ihnen nicht nähern, aber ich meine ihre Ausgelassenheit zu spüren. Ist dies der Ort, nach dem ich suche? Das Refugium?

Auf meiner Seite ist der Strand leer. Nur drei Soldaten und die Lis sind da. Sie starren von der Terrasse zu mir herüber. Ich gehe ins Meer. Das Wasser kühlt meinen erhitzten Körper. Ich schwimme ein paar Meter, lasse mich treiben und schließe die Augen. Drei lange Tage wurde ich aufgehalten, jetzt bin ich glücklich. Das Meeresrauschen, der Wind und eine Stimme: "Ist das nicht herrlich?"

Plantschen mit Herr Li

Es ist Li, der Jüngere. Nicht einmal im Meer lässt er mich alleine. Ich schaue ihn an. Und stutze. Was ich sehe, ist nicht mehr das Gesicht eines nordkoreanischen Staatssicherheitsbeamten. Seine Lippen haben sich zu einem strahlenden Lächeln geformt. Er schmeißt sich juchzend in eine Welle. Dann in die nächste. Und in die nächste.

Wir baden im Meer, wir plantschen, Li, der Jüngere, und ich, den ganzen Nachmittag lang.

Kim ist so fern wie noch nie auf dieser Reise. Fast vergessen. Und weil sich alles so gut anfühlt, wird Li am Abend übermütig. Im Speiseraum des "Sijung"-Gästehauses, nur Minuten vom Strand entfernt, schaltet er die Karaoke-Anlage ein. "Wir machen eine Party!", ruft er in die Runde. Jemand bringt Bier und Schnaps und dreht die Lautstärke auf. Der junge Li und der Fahrer singen ein nord- koreanisches Kriegslied, der andere Li eine Volksweise. Selbst die Kellnerin macht mit, sie trällert ein Liebeslied.

Und wie wir so dasitzen in diesem Raum, trinken, singen, essen und lachen, fällt mir ein, dass die Lis gerade eine Regel brechen. Gast und Aufpassern ist es doch verboten, sich beim abendlichen Bier anzufreunden! Ich muss lachen. Wenn selbst Li, der Jüngere, sich nicht mehr an die Vorschriften hält, dann scheine ich ihn tatsächlich gefunden zu haben: den freiesten Ort im unfreiesten Land der Welt. Zumindest für diese Nacht.

Aus dem "Mare"-Heft Februar/März 2010