Schwerstbehinderter auf Reisen Im Rollstuhl durch den wilden Kaukasus

Jens Müller ist spastisch gelähmt - und er liebt Extremreisen. Mit dem Krankenpfleger Theo Döhler und einem alten Mercedes reist er zurzeit in eine Region, in die sich selbst Gesunde kaum trauen: in den Nordkaukasus. Die Freunde aus Sachsen haben eine Botschaft im Gepäck.

Theo Döhler

Von Maxim Kireev, Moskau


Die Hände von Jens Müller gehorchen den Befehlen seines Gehirns nicht, statt Worte kommen meist nur dumpfe Laute aus dem Mund des 43-Jährigen mit den graumelierten Haaren. Sein Körper krümmt sich im Rollstuhl, als winde er sich vor Schmerzen. Jens Müller ist seit seiner Geburt spastisch gelähmt, ein Schwerstbehinderter, der weder selbst essen noch auf Toilette kann. Seine größte Leidenschaft aber sind Extremreisen.



Seit Anfang September ist er mit seinem Freund Theo Döhler, einem 43-jährigen Krankenpfleger, auf dem Weg von Sankt Petersburg in den wilden Kaukasus. In eine Region, in die sich selbst viele gesunde Weltreisende nicht trauen: Denn dort, in der Gebirgskette mit eisbedeckten Pässen im Süden Russlands, kämpft eine Guerilla für einen islamistischen Gottesstaat.



Am frühen Nachmittag halten Jens und Theo vor dem "Haus der Kultur" in Twer, einer Provinzstadt 200 Kilometer nördlich von Moskau. Ihr schwarzer Mercedes-Kombi, Baujahr 1992, hat die beiden schon durch die halbe Welt getragen: durch Frankreich, Spanien, die Türkei und Aserbaidschan. Mehr als ein Dutzend Reisen, aktueller Tachostand: 450.000 Kilometer. Einiges davon haben sie auf ihrer Web-Seite sozialsignal.de dokumentiert.



Im Kulturhaus, einem Betonbau aus Sowjetzeiten, versuchen zwei Dutzend Besucher, es sich auf den roten, abgenutzten Kinositzen bequemzumachen. Theo zeigt seine Diashow von der letzten großen Reise, einer Tour durch Marokko: von Märkten mit bunten Gewürzkörben und Datteln, von schmutzigen Kleinstadtgassen, in die sich kein normaler Tourist verirrt, vom fröhlichen Baden im Atlantik, als Theo Jens auf den Arm nimmt und ins Wasser trägt.



Da schiebt plötzlich Jurij, der seit Geburt gelähmt ist, seinen Rollstuhl zwischen den Reihen durch und greift sanft nach dem Arm von Jens. "Danke für alles, was Sie machen. Sie haben mir heute Hoffnung gegeben", sagt der junge Mann. Jens stößt ein lautes Stöhnen aus und kneift seine Augen zusammen. Das ist seine Art zu lachen.



Seit 13 Jahren bei den Döhlers



Niemand weiß das besser als Theo. Vor 13 Jahren hat er den Schwerstbehinderten in seine Familie aufgenommen. Die beiden kannten sich über die Kirchengemeinde, Jens' Großmutter, die ihn sein Leben lang gepflegt hatte, war gestorben. Seitdem wohnt Jens mit Theo, seiner Frau Karin und den vier Kindern auf einem Bauernhof im sächsischen Nerchau.



Finanziell war Jens' Einzug ein Einschnitt für die Familie: Theo gab seinen Job auf und bekommt nun für die Pflege 600 Euro vom Staat. Ein Heimplatz würde den Staat 4000 Euro kosten, aber was ist schon ein Heim. "Dort erleben die doch nichts", sagt Theo, "dort würde mein Freund in der hintersten Ecke vor sich hinvegetieren."



Mit abrasierten Haaren und Ziegenbärtchen wirkt der 43-jährige eher wie ein Rockmusiker denn wie ein Krankenpfleger. Seinen linken Arm schmücken Armreife aus Metall. Seitdem Jens bei den Döhlers lebt, sparen sie, wo sie können. Karin Döhler arbeitet als Gästeführerin und zeigt Touristen Sehenswürdigkeiten im sächsischen Grimma. "Zum Glück haben wir unseren Bauernhof, die Miete fällt schon mal weg. Große Bedürfnisse haben wir sowieso nicht", sagt Theo. Das Geld für ihre Reisen verdienen die beiden Freunde sich mit Vorträgen in ganz Deutschland.



Den Zuschauern in Twer ruft Theo jetzt zu: "Jens kann zwar kaum sprechen, aber geistig ist er schlauer als wir alle hier, er kriegt alles mit." In holprigem Russisch, das noch aus der Schulzeit in der DDR hängengeblieben ist, erklärt Theo, wie sehr "mir der Jens oft hilft": "Ich würde die Hälfte meiner Termine verpassen ohne den Jens." Vor der Abfahrt nach Marokko hatte der Rollstullfahrer tagelang Reiseführer und Landkarten studiert. "Dort haben wir dann fast keine Karte mehr gebraucht, Jens hatte sich einfach alles gemerkt: Städte, Sehenswürdigkeiten, sogar Abzweigungen."



Kaum Hilfen für russische Behinderte



Dann teilen die Zuschauer ihre Erfahrungen mit den beiden Deutschen. Araksja Manukjan, eine junge Frau mit grauem Hosenanzug und Gehstock, ist eine echte Macherin. Sie spricht fließend Englisch, gibt Business-Seminare für Online-Firmen und organisiert Treffen und Feste für andere Behinderte. "Einmal wollten wir ein einwöchiges Zeltlager für jugendliche Behinderte organisieren, doch sogar die eigenen Eltern waren dagegen", klagt sie. "Nur fünf Kinder durften mit, und das auch nur für eine Nacht."



Russland mit seinen 142 Millionen Einwohnern hat 15 Millionen Behinderte - doch in der Öffentlichkeit sind sie kaum sichtbar. Schon zu Sowjetzeiten schob die staatliche Fürsorge geistig und körperlich Behinderte aus den Städten in Heime in der Provinz ab. Noch immer gibt es selbst in Moskau kaum Rampen oder Fahrstühle, rollstuhlgerechte Busse und Straßenbahnen sind selten.



Jens und Theo reisen auf Einladung von Bezgraniz, übersetzt "Ohne Grenzen". Das Internetportal, 2008 von dem deutschen Manager Tobias Reisner in Moskau gegründet, will Behinderte weltweit vernetzten und ihnen Lebenshilfe bieten. In knapp zwei Dutzend Ländern hat das erfolgreiche Start-up inzwischen eine aktive Gemeinde, von Deutschland bis Bangladesch, Schwerpunkt ist Russland.



Dort werden die Sachsen begeistert aufgenommen und oft spontan in Schulen, Kindergärten und Behindertenheime eingeladen. Bei manchen Veranstaltungen drängen sich Dutzende Journalisten. Sogar ins Staatsfernsehen haben es die beiden geschafft. In Twer gibt Theo Döhler dem Lokalfernsehen ein Interview: "Wir wollen den Gesunden sagen, dass Behinderte Freude empfinden und im Inneren so normal sind wie alle", sagt der Sachse. "Und den Behinderten möchten wir zeigen, was alles möglich ist, wenn man nur will."



Mitleidsshow bei Polizeikontrollen



Immer wieder wird Theo gefragt, warum er denn sein Leben so an Jens gebunden habe. "Es gibt mir einfach ein gutes Gefühl, wenn ich sehe, dass der Jens lacht", antwortet er dann, "ich mache das nicht aus Mitleid." Wichtig sei, dass er Jens nicht bemuttert - sie sind schließlich Freunde. Und als solche streiten sie sich auch, meist wegen Kleinigkeiten wie Weckzeit und Fahrtmusik. In wichtigen Dingen sind sie aber Kumpels. "Mit dem Jens hab ich auch eine Menge Spaß", sagt Döhler. Zum Beispiel, wenn Jens bei Polizeikontrollen eine Mitleidsshow mit Ächzen und Stöhnen abziehe, damit es schneller und ohne weitere Fragen weitergeht.



Das Leben mit Jens gibt ihm auch Freiheit: von Chefs, vom Alltag. Theo sucht das Besondere, das Abenteuer und die Herausforderung. Mit dem Mercedes steuert er eine Tankstelle an, wie es sie im europäischen Russland kaum noch gibt. Rostige Zapfsäulen aus längst vergangener Zeit und ein verlassen wirkender Betonbau mit einer Kassiererin. Die moderne Tankstelle des Ölkonzerns Lukoil, ganz nach westlichen Standards, haben die beiden links liegen lassen.



Der Kombi dient den beiden auch als Hotel. Nachts schläft Jens hinten auf einer Matratze, Theo im Schlafsack auf einem selbstgezimmerten Dachaufbau aus Brettern. Auf der Mittelkonsole klebt eine weiße Steckdosenleiste, verbunden mit dem Generator. Daran schließt Theo Ladegeräte, Kühlschrank oder Mixer an. Das Essen für Jens, egal ob Schaschlik vom Straßenrand in Georgien oder Jens' Lieblingsessen - Spaghetti mit Tomatensauce -, püriert Theo, weil auch Kauen und Schlucken nur mühevoll funktioniert.



Noch 70 Kilometer bis Moskau. Aus den Boxen dröhnt Bob Marley, die Lieblingsmusik der beiden, Jens hält nun seinen Arm aus dem offenen Seitenfenster in den Fahrtwind. An der holprigen Straße, Russlands wichtigster Magistrale, reihen sich alte Holzhäuser, deren Farbe abbröckelt. Birken recken sich in den goldenen Abendhimmel. Dann plötzlich wird die Landstraße zu einer dreispurigen Autobahn, riesige Einkaufscenter und moderne Wohnblöcke tauchen auf. Alte Ladas weichen japanischen Geländewagen und deutschen Luxuslimousinen.



Am Horizont schimmern die Wolkenkratzer von Moscow-City, dem neuen Finanzdistrikt der russischen Hauptstadt. Theo hat die Kamera auf seinem Schoß bereitgelegt. Er sagt: "Ich kann Jens zwar nicht heilen, aber ich kann ihm wenigstens die Welt zeigen."

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