Adam's Peak in Sri Lanka 5200 Stufen in den Sonnenaufgang

Tausende Pilger ächzen Tag für Tag den zweithöchsten Berg Sri Lankas hoch: Buddhisten, Hindus, Muslime und Christen. Wer sich als Tourist unter sie mischt, erlebt eine unvergessliche Nachtwanderung.

Angelika Jakob

Von Angelika Jakob


Was mache ich hier eigentlich? Um zwei Uhr morgens in Dalhousie, einem Kaff im zentralen Bergland von Sri Lanka? Klar, echte Bergsteiger stehen ständig so früh auf. Ich aber nicht. Die Straße vor dem 24-Stunden-Imbiss, in dem ich versuche, mit Kaffee wach zu werden, dampft vom letzten tropischen Regenguss. Reisebusse stauen sich und bringen Tausende Pilger in den kleinen Ort. Sie alle wollen auf den Adam's Peak. Der magische Berg zieht auch mich an - und einige wenige andere Touristen.

Der Adam's Peak ist nicht einfach nur der zweithöchste Berg in Sri Lanka. Wie eine mächtige, schroffe Pyramide thront er in der sonst lieblichen Landschaft im zentralen Hochland. Die Anreise ist von überall her unbequem, von Colombo aus brauchen die klapperigen Busse fünf Stunden.

Der steile Kegel ist seit Jahrhunderten ein Pilgerort. An Wochenenden und bei Vollmond sollen es bis zu 30.000 sein, die Tag und Nacht die mehr als 5000 Stufen erklimmen - wie viele genau es sind, hat wohl noch keiner geschafft zu zählen: mal heißt es 5200, mal 5500. Sie streben rund Tausend Höhenmeter nach oben - tagsüber bei Gluthitze, nachts im Schein von Leuchtstofflampen.

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Adam's Peak in Sri Lanka: Bergtour mit Buddha

Wer kann, startet nachts - der Sonnenaufgang auf dem Gipfel gehört mit zum Heiligsten, was ein Buddhist erleben kann. Und dann ist da dieser geheimnisvolle Fußabdruck: Der 140 Zentimeter lange Umriss soll in einen riesigen blauen Saphir im Fels eingeprägt sein. "Sri Pada", so der singhalesische Name für den Berg, bedeutet "Heiliger Fuß".

Zu wem er gehört? Buddha, Shiva, der Prophet Adam oder der heilige Thomas - je nachdem, woran man glaubt. Wenn es nach der Zahl der Pilger geht, war es ganz klar Buddha, der seinen Fuß auf dem Weg nach Indien abgesetzt hat.

Ich bin keine Buddhistin, der Islam ist mir fremd, vom Hinduismus kenne ich kaum mehr als Hari Om und das Christentum ist seit der elften Klasse irgendwo in mir verschüttet. Ich will trotzdem auf den Gipfel, auf dem buddhistische Mönche leben. Die Lichterkette, die im Dunkeln am Berg zu sehen ist, hat meine Neugier geweckt.

Oben, in 2243 Meter Höhe, soll ein kalter Wind wehen. Am Anfang des Wegs ist davon noch nichts zu spüren, aber an einem der vielen Verkaufsstände gibt es Ohrenschützer mit Tigermuster. Nach dem hohen, steinernen Tor zum Berg beginnen die Stufen: erst breit und flach, dann werden sie steiler. Am Walawe, dem Fluss, der am Adam's Peak entspringt, stehen einige Leute im Wasser, denn man soll sich vor dem Aufstieg wenigstens die Füße waschen.

Neben der Brücke zelebriert ein buddhistischer Mönch Segnungen. Räucherstäbchen duften, Kerzen flackern. Nur das Rauschen des Flüsschens, das Patschen der Flipflops und die Stimme des Priesters sind zu hören, obwohl so viele Menschen unterwegs sind. Eine fromm-erwartungsvolle Stimmung breitet sich aus.

Böse Geister und Bienenschwärme

Ich lasse mir vom Mönch weißen Bindfaden um das Handgelenk wickeln, seine gemurmelte Segnung kostet 200 Rupien. Ein gut investierter Euro, finde ich. Auf dem Weg sollen jede Menge böse Geister unterwegs sein, sie lassen einen umknicken, aufgeben oder sie hetzen wilde Bienen auf Menschen. Bis die Fäden sich auflösen und abfallen, so heißt es, stehe ich unter dem Schutz Buddhas.

"Ich war schon 47-mal oben", erzählt Nittaya, die auch so ein Armband trägt. Sportlich sieht die Dame - rundlich, um die 50 - nicht aus. "Meine Eltern hatten ein Häuschen direkt neben dem Startpunkt des Pilgerwegs, also bin ich immer da hoch gelaufen. Jetzt gehe ich nur zum Heiligtum, wenn ich Kummer habe. Im Moment mache ich mir Sorgen, weil die Tochter immer noch nicht verheiratet ist."

Aus Brettern, Plastikplanen und Wellblech zusammengeklopfte Buden säumen den Weg. Für das Seelenheil und zum Geldsammeln stehen Tempel und Schreine bereit. Neben einem liegenden Buddha haust in einer Höhle ein kleiner Ganesh - die hinduistische Götterfigur mit Elefantenkopf. Ein friedliches Nebeneinander der Religionen.

Im trüben Licht der Lampen und im schweigenden Auf und Ab der Pilgergruppen kommt mir mein Zeitgefühl abhanden. Vier Uhr morgens verrät der Blick auf die Uhr. In einer offenen Halle liegen Pilger in bunte Decken gewickelt wie Raupen auf dem Betonboden und schlafen. Weiter oben rastet eine Familie mit Baby und Kleinkind in einer Bude, in der ich mir einen heißen, süßen Tee kaufe. "Wir sind dankbar, dass der Kleine seine Lungenentzündung überstanden hat", übersetzt der englisch sprechende Budenbesitzer, nachdem ich ihn gefragt hatte, warum sich die Familie die Strapazen antue.

Jeder Aufstieg schenkt ein zusätzliches Lebensjahr

"Jeder Buddhist soll wenigstens einmal im Leben auf dem Sri Pada gewesen sein", sagt er. Eine Gruppe weiß gekleideter, ältere Pilger geht singend vorbei. Weiß ist die Farbe der Reinheit - man sollte wenigstens ein Stück weißen Stoff dabei haben, wenn man den Berg betritt. Meine Fäden um das Handgelenk gelten auch. "Vielleicht hatten sie bisher keine Gelegenheit und versuchen es nun kurz vor Schluss", sagt der Teeverkäufer. "Oder sie wollen lange leben. Jeder Aufstieg schenkt ein Lebensjahr."

Ganze Dörfer brechen gemeinsam auf, erklärt mir der Mann. Sie werden von einem erfahrenen Mitglied geführt, von einem, der schon mindestens einmal oben war. "Wochenlang plant das Dorf diese Reise." Ich bedanke mich und gehe weiter. Wenn ich den Sonnenaufgang oben erleben will, muss ich mich beeilen.

Das Erstaunlichste am Aufstieg ist die Stille trotz der vielen Tausend Menschen, die in dieser Nacht unterwegs sind. Auch Gruppen junger Männer, die den Gang auf den Berg eher sportlich als spirituell sehen, halten sich an die Regeln: kein Plaudern, kein Radio, kein Handyklingeln. Ich vergesse meine schlechte Kondition, das Herzklopfen und das Brennen in den Muskeln. Die Treppe führt inzwischen ziemlich steil nach oben, aber es fehlt nicht mehr viel.

In der Ferne wird eine Linie am Horizont sichtbar. Zart und rötlich kündigt sie den Sonnenaufgang an. Es ist fünf Uhr. Es ist zu noch schaffen: Wenn der Tag anbricht, werde ich oben sein.

Wahrend der letzten Anstrengung sehe ich, wie der Himmel ganz langsam heller wird. Dann erscheinen schwache Umrisse der Berge und eines Stausees in der Tiefe. Als sich der Himmel gelb, rot, blau und violett färbt, bleiben alle Leute stehen oder setzen sich auf die Stufen. Vielen rinnen Tränen über die Wangen - und nicht der eisige Wind ist dafür verantwortlich. Die Menschen sind gerührt.

Ich bin es auch. Zumindest für einen kurzen Augenblick. Dann schieben die Massen mich in Richtung Heiligtum: zum Fußabdruck. Er ist mit bestickten, golden glitzernden Tüchern bedeckt. Die Pilger werfen Geld auf einen Teller, berühren den Boden mit der Stirn - und verschwinden dann in Richtung Treppe.

Wer vom Berg hinabsteigt, kommt - durch ein Geländer getrennt - an den noch Aufsteigenden vorbei. Denen von unten ist die Strapaze ins Gesicht geschrieben, die von oben Kommenden sind wie erleuchtet. Der Ausdruck in den Gesichtern der Menschen könnte nicht unterschiedlicher sein.

Anm.d.Red: In der Umrechnung von Sri-Lanka-Rupie in Euro haben wir einen Fehler gemacht, dieser ist jetzt korrigiert.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
women_1900 27.01.2019
1. Nachtwandern in Sri Lanka
wie vereinbart sich das damit, dass wir das Klima retten müssen?
patsemilia 27.01.2019
2. Wechselkurs
200 Sri Lanka-Rupien = 2,50€? Dann haben Sie sich beim Geldwechseln aber ganz schön abzocken lassen, denn 200 Rupien sind circa 1€.
TaramTaram 27.01.2019
3. @2
Zitat von patsemilia200 Sri Lanka-Rupien = 2,50€? Dann haben Sie sich beim Geldwechseln aber ganz schön abzocken lassen, denn 200 Rupien sind circa 1€.
oder einfach nur falsch umgerechnet. Denn für die indische Rupie würde es passen.
bettania 27.01.2019
4. Zwiespältiges Erlebnis
Ganz so idyllisch habe ich unseren Aufstieg zum Adam's Peak vor zwei Wochen nicht in Erinnerung. Von Stille und Andächtigkeit keine Spur, dafür waren die Musik in den Verkaufsständen und die Gespräche der zahlreichen Touristen zu laut. Ganz klar ein einmaliges Erlebnis und schönes Gefühl, zum Sonnenuntergang den Gipfel erreicht zu haben. Allerdings wurde die Heiligkeit der Pilgerstätte durch die unglaublich hohe Zahl an Touristen und das dadurch entstehende Gedränge auf dem Gipfel meiner Meinung nach in großem Maß gestört. Wir haben uns fehl am Platz gefühlt und fanden, den teilweise unglaublich alten Pilgern einen Teil ihrer heiligen Stätte wegzunehmen. Außerdem habe ich fast niemanden getroffen, der mit einem erfüllten Gesicht den Abstieg in Angriff genommen hat, da dieser um einiges Kräfte zehrender und schmerzhafter ist als der Aufstieg ;)
napoleonwilson 27.01.2019
5. Sri Lanka
Der Marsch auf den Berg war eher ernüchternd. Horden unverschämter Chineschischer Urlauber pilgern dort. Hatte ich so nicht in der Nebensaison erwartet. Sollte der Verfasser dazuschreiben. Und oben ist es ganz nett. Mehr nicht. Ohne die Massen wäre es bestimmt ein Erlebnis. Analog Halong Bucht.
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