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Ägypten: Faszination Weiße Wüste

Foto: Markus Symank

Ägyptens Weiße Wüste Sphinx mit Kuhkopf

Bizarre Kalksteinformationen, Landschaften wie im Endzeit-Film: Weit weg von Ägyptens Massentourismus lockt die Märchenwelt der Weißen Wüste Individualtouristen an - und jede Menge Schmuggler, die Haschisch und Kalaschnikows über die libysche Grenze bringen.
Von Markus Symank

Das ägyptische Pendant zum Kaninchenloch aus "Alice im Wunderland" ist etwa fünf Wagenlängen breit, sandig und nur für Vierradantrieb geeignet. "Packt die Kameras aus", empfiehlt Reiseführer Reda, bevor er den Motor seines Toyotas aufheulen lässt und die steile, von turmhohen Felsen eingerahmte Naturrampe hinunterjagt.

Wir, seine Mitfahrer, müssen nicht lange warten, bis der Zauber einsetzt. Schon auf halber Strecke öffnet sich der tunnelartige Durchlass und gibt den Blick frei auf eine spiegelglatte See aus ockerfarbenem, beigem und blassgrauem Sand. Monolithe aus hellem Sandstein ragen wie Inseln aus dem Wüstenmeer empor, zu ihren Füßen weißes Kalkgestein: eine unbewegliche Brandung. Das Klick-klick-klick der Fotoapparate setzt mit reichlich Verzögerung ein. Erst einmal möchte sich das Auge ausgiebig sattsehen.

Agabat nennen die Ägypter diesen unwirklichen Ort rund 400 Kilometer südwestlich von Kairo, auf Deutsch "Wunder". Vor langer Zeit peitschten hier tatsächlich die Wogen gegen Felsen, schwammen Wale zwischen den Canyons hindurch, machten Raubfische Jagd auf Beutetiere. Muscheln und Haifischzähne im Wüstensand zeugen von dem großen Ozean, der einst diesen östlichen Ausläufer der Sahara bedeckte. Heute ist es der Wind, der die Rolle des Landschaftsgestalters übernommen hat, der Kalksteinfelsen poliert, der Sand zu Dünen auftürmt und diese dann wieder glattstreicht.

Kulisse wie im Emmerich-Film

Doch an diesem Tag stört kein Windpfeifen die Stille, dafür die für europäische Ohren etwas eintönige Beduinenmusik aus dem Autoradio. Fahrer Reda, Ende zwanzig, stets eine Zigarette im Mundwinkel, hat sich nicht die Mühe gemacht, auszusteigen. Stattdessen schaut er etwas ungeduldig auf seine Uhr. Die Sonne steht schon hoch, die Liste der noch abzuhakenden Naturwunder ist lang. Im Nirgendwo der Wüste, fernab von Pyramiden, Sphinx und Pharaonentempeln, ist die Dichte an Sehenswertem so groß wie an kaum einem zweiten Ort in Ägypten.

Begonnen hat der Tag mit Frühstücks-Omelett und stark gezuckertem Tee in einer der zahlreichen Billigunterkünfte der Oase Baharia. Die charakterlose Kleinstadt ist wegen ihrer relativen Nähe zum Niltal der beliebteste Ausgangspunkt für eine Wüstensafari. Wir teilten uns den Schatten der Palmen und Orangebäume auf der Gartenveranda jedoch nur mit zwei weiteren Reisenden. Die meisten Hotelzimmer der Stadt stehen leer. Seit einem Jahr gehe das schon so, seufzte der Inhaber. Die Revolution ist schuld.

Vom Hotel aus ging es an Dattelplantagen, dampfend heißen Naturquellen und drollig dreinschauenden Kamelen vorbei ins Herz der Schwarzen Wüste. Einsame Bergkegel ragen hier teils mehrere hundert Meter aus der Ebene empor. Dünen aus grobem Sand wechseln sich mit Erhebungen aus pechschwarzem Vulkangestein ab. Einer der nach oben spitz zulaufenden Berge ist scheinbar in sich zusammengefallen. Er sieht aus wie ein missglücktes Soufflé aus Zartbitterschokolade.

Der Fahrer setzt uns am Fuß einer Düne ab, die sich an einen der besonders imposanten Bergkegel anschmiegt. Oben angekommen, fröstelt es einen trotz sengender Sonne: Der Blick auf die sich bis zum Horizont erstreckende Mondlandschaft voller tiefer Furchen und ohne jedes Lebenszeichen hat etwas Beängstigendes. Roland Emmerich könnte hier seinen nächsten Endzeit-Blockbuster drehen.

Schmuggel ersetzt Tourismus

Über Sanddünen hinweg schaukelt der Geländewagen weiter nach Süden. Wir befinden uns nun etwa auf halber Strecke zwischen Kairo und Libyen, einem Land, zu dem viele Oasenbewohner intensive Beziehungen unterhalten. Der Touristenstrom aus der Nilmetropole mag bis auf weiteres versickert sein, dafür hat eine Schwemme von Schmuggelgütern aus Libyen eingesetzt. Technisches Gerät, Drogen, aber auch Waffen aus den geplünderten Arsenalen des Diktators Muammar al-Gaddafi finden leicht ihren Weg über die mehr als tausend Kilometer lange gemeinsame Grenze, seit kaum mehr Sicherheitskontrollen durchgeführt werden.

Wie in der Antike stehen die ägyptischen Oasenstädte plötzlich wieder im Mittelpunkt eines florierenden Handels. Damals brachten Kamelkarawanen Gold, Elfenbein und Sklaven aus der Region südlich der Sahara. Heute laden mit GPS ausgestattete Geländewagen Haschisch und Kalaschnikows ab. Doch das illegale Treiben führt auch zu Spannungen unter den Wüstenbewohnern. Ende Februar gingen in der Oase Siwa 1700 Hektar Ackerland in Flammen auf, lokalen Zeitungsberichten zufolge sollen Schmuggler das Feuer aus Rache gelegt haben. Zuvor hatten ansässige Bauern eine stärkere Polizeipräsenz gefordert.

Fremdenführer Reda ist über all diese Vorgänge bis ins Detail informiert. Er entstammt einer Berberfamilie aus der ostlybischen Stadt Bengasi, ein Teil seiner Familie lebt noch immer dort. Das Grenzgebiet zwischen den beiden Ländern kennt er wie seine Westentasche. Ideale Voraussetzungen, um im Schmuggelgeschäft mitzumischen? Reda lächelt nur vielsagend. Drei Hotels, eine Wohnung in einem der exklusivsten Quartiere Kairos sowie eine Flotte teurer Geländewagen nennt er sein eigen. Es sind keine großen Rechenkünste nötig, um anzunehmen, dass er neben dem eher schleppend laufenden Tourismus noch über weitere Einnahmequellen verfügt.

Skulpturenpark aus Kalk

Ein Farbwechsel in der Landschaft lenkt das Gespräch wieder in andere Bahnen. Statt Vulkangeröll dominieren nun Kalk und Quarz das Landschaftsbild, aus Schwarz wird Silbern. Am sogenannten Kristallberg vertreten wir uns erneut die Füße. Der Name braucht keine Erklärung. Wie ein Diamant funkelt und glitzert die markante Erhebung in der Mittagssonne.

Durch eine Höhle, komplett mit Stalaktiten und Stalagmiten, kraxeln wir bis zur Spitze und blinzeln in das unwirkliche Panorama, das sich vor unseren Füßen erstreckt: Die Sandebene ist stellenweise von einer feinen Kalkschicht überzogen. Wie Schnee in der Sahara.

Am südlichen Horizont sind nur noch helle Farben auszumachen. Dort liegt die Weiße Wüste, das Juwel unter Ägyptens Naturwundern, der letzte Stopp der Reise. Das sogenannte Pilztal markiert den Beginn dieser Region. Aus Kalksteinfelsen hat der Wind hier durch Erosion bizarre Formationen geschaffen, die an übergroße Speisepilze oder gewaltige Sonnenschirme erinnern.

Je tiefer wir vordringen, desto größer wird die Vielfalt dieses natürlichen Skulpturenparks. Mit ein wenig Phantasie und zugekniffenen Augen verwandeln sich die Steinblöcke in Tiere, Menschen, Fabelwesen. Wir rufen uns unsere Entdeckungen zu: eine Sphinx mit Kuhkopf. Ein Hase mit zu kurzen Ohren. Ein dreihöckriges Kamel. In einem Märchen müssten wir nun den Zauberspruch aufsagen, und die versteinerten Figuren würden wieder zum Leben erwachen. Stattdessen holen wir die Kameras heraus und versuchen, ein wenig von der schwer zu fassenden Magie dieses Ortes auf die digitalen Speicherkarten zu bannen.

Hühnchen und Haschisch

Ein kurzer, kräftiger Sonnenuntergang taucht den Skulpturenpark für einige Minuten in zartes Rosa. Dann ist das Farbenspiel vorüber. Während wir unser Nachtlager unweit vom Kurz-Ohr-Hasen aufschlagen, wird eine der Kalkfiguren plötzlich tatsächlich lebendig und bewegt sich auf uns zu. Vier dünne Beine, zwei lange Ohren, ein buschiger Schwanz. Es ist ein schneeweißer Wüstenfuchs, der mit seinen skurrilen Proportionen perfekt in diese Umgebung passt. Angelockt hat ihn der Geruch des Hühnchens, das über dem Lagerfeuer grillt. Wir sind zu hungrig zum Teilen. Als Ersatz-Mahlzeit stibitzt unser kleiner Gast einen Apfel und verschwindet hinter dem Kurz-Ohr-Hasen. Am nächsten Morgen wird er wiederkommen und sich am Frühstücksei und Schokoladenkuchen gütlich tun.

Mit zunehmender Dunkelheit wenden sich unsere Blicke ab von den Kalkformationen Richtung Himmel, wo bald schon die Milchstraße ausgebreitet vor uns liegt. Ein funkelnder Kristallberg über unseren Köpfen. Reda ist nun in bester Erzähllaune, nach dem Hühnchen hat er sich noch einen Joint genehmigt. "Seit der Revolution sind Drogen so schön billig geworden", sagt er. "Waffen auch?", haken wir nach. Doch auch im leicht benebelten Zustand lässt sich unser Reiseführer nichts entlocken. Stattdessen setzt er zu einer Lobrede auf Muammar al-Gaddafi an. Der Oberst habe die Gesetze der Wüste verstanden, habe Feinde bestraft und Freunde belohnt. "Gaddafi war großzügig und gerecht. Die Revolutionäre wollen nur stehlen", sagt Reda. Überhaupt, der Arabische Frühling: alles aus dem Ausland gesteuert, eine einzige Augenwischerei.

Gaddafi ein Edelmann, Mubarak das unschuldige Opfer einer grossen Verschwörung? Für einen Moment scheint in dieser Märchenwelt, in der die Wüste weiß wie die Arktis strahlt und versteinerte Füchse laufen lernen, selbst das nicht ausgeschlossen.