Ägypten Putzaktion in der Weißen Wüste

Wenn die Safaris abebben und die Saison beendet ist, dann zieht ein Trupp Müllsammler in die Weiße Wüste. Die idealistischen Ökotouristen zahlen für ihren Einsatz, kümmern sich um Plastik und Papier - und schwärmen von der Faszination der ägyptischen Wüste und ihren Bewohnern.

Von Amira El Ahl, Kairo


Es ist früher Vormittag in der Weißen Wüste, die Sonne brennt schon jetzt unerbittlich vom Himmel. Die Region im Westen Ägyptens trägt ihren Namen, weil riesige Kalkformationen die Landschaft beherrschen. In den bizarrsten Formen recken sie sich in den Himmel, so weit das Auge reicht. Weiße Monolithe, die Wind und Sand, vielleicht auch einmal Wasser, in Millionen von Jahren in ihre jetzigen, einzigartigen Formen gemeißelt haben.

Fast unwirklich wirkt dieser Ort, als ob man allein auf einem fremden Planeten unterwegs wäre. Doch dann erscheinen hinter einem Monolithen plötzlich Personen, die einen daran erinnern, dass dies hier ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen und Einheimische gleichermaßen ist. Statt der typischen Safaribekleidung der Touristen tragen sie allerdings schwarze Müllsäcke und gelben Gummihandschuhe. Mit Hüten, Tüchern und Sonnenbrillen gegen die Sonne geschützt, stapfen sie durch den Sand, ihre Blicke kleben am Boden: Sie sammeln Müll, der im Laufe der vergangenen Saison hier liegengelassen wurde.

Und davon gibt es nicht wenig. 45.000 Menschen haben im vergangenen Jahr die Weiße Wüste besucht - und ihre Spuren hinterlassen: Plastik- und Glasflaschen, Zigarettenfilter, Dosen, Essensreste, Papiertaschentücher. Für jeden Toilettengang ein Papiertüchlein. Dabei ist die Wüste seit 2002 Nationalpark und somit Schutzgebiet.

Umweltreise durch die Weiße Wüste

Saad Ali, Beduine und Reiseveranstalter aus der Oase Farafra, konnte den Dreck und den Verfall seiner Heimat nicht mehr mit ansehen. Deshalb entschlossen er und seine Brüder Hamdi und Atef sich vor acht Jahren, mit ihrer Reiseagentur Badawiya Expedition Travel etwas gegen die wachsenden Müllberge zu unternehmen. Seitdem organisieren sie jährlich eine Umweltreise durch die Weiße Wüste.

Immer zum Ende der Saison, Anfang Mai also, kommen Öko-Touristen aus der ganzen Welt, um fünf Tage lang die Weiße Wüste vom Müll zu befreien. Zu den Teilnehmern gehören Einheimische aus den umliegenden Oasen und Ausländer aus Kairo und Europa. "In diesem Jahr waren insgesamt 110 Personen an der Aktion beteiligt", sagt Saad Ali. Darunter Deutsche, Schweizer, Briten, Amerikaner, Italiener und Spanier.

Schon 2004 hat Saad Ali hat die nichtstaatliche al-Hayet-Organisation gegründet. Unterstützt wird die Aktion von mehreren Reiseveranstaltern, dem Ministerium für Umwelt und den Rangern der Weißen Wüste.

Beduinenmusik im Wüstencamp

Die Umweltaktivisten wohnen in einem Wüstencamp. Dort wird in Zelten oder direkt unter dem atemberaubenden Sternenhimmel der ägyptischen Wüste geschlafen, dort wird gemeinsam gegessen und abends am Lagerfeuer der Musik der Beduinen gelauscht. Am ersten Tag teilt Ali die Teilnehmer in Gruppen auf, die an den folgenden Tagen mit ihren Fahrern ausströmen werden, um vor allem die bei Touristen beliebtesten Orte aufzusuchen und zu säubern.

Hamdi Ali zieht mit zwei Jeeps los. In seiner Gruppe treffen sich Ägypter, Deutsche, Österreicher und Italiener. Elisa Rosa ist schon zum zweiten Mal dabei. Die 32-jährige Italienerin lebt seit acht Jahren in Hurghada am Roten Meer, wo sie sich in einer Umweltorganisation engagiert. So erfuhr sie auch von der Aufräumaktion in Farafra, Ägyptens kleinster Oase. Sie war so begeistert, dass sie nach dem ersten Besuch nicht nur unbedingt wiederkommen wollte, sondern auch gleich ihre Mutter für die Aktion gewann. "Sie ist zwar schon 62 Jahre alt, aber sie ist fitter als ich", sagt Rosa, während sie Papier in ihren Sack schmeißt.

Am ersten Tag durchforsten Rosa und ihre Kollegen die sogenannte Neue Weiße Wüste, in der die surreal anmutenden weißen Monolithen das Bild prägen. Schon nach ein paar Stunden haben sie mehrere große, schwarze Müllsäcke gefüllt – mit Dosen, Papier, Unmengen von Plastikflaschen sowie einer Decke und einem Messer.

Am nächsten Tag macht sich die Gruppe von Hamdi Ali auf den Weg nach Ain al-Sirru, eine etwa 65 Kilometer von Farafra entfernte Mini-Oase. Mitten in der kargen Wüstenlandschaft entspringt hier, auf einer kleinen Anhöhe, eine Quelle, deren Wasser die Anhöhe in ein kleines grünes Paradies verwandelt. Hier, mitten in der Wüste, wachsen ein paar Palmen, Gras und Sträucher geben Insekten, Schlangen, Skorpionen und Vögeln eine Heimat.

Während sich die Beduinen daran machen, die Quelle vom wuchernden Gras und angesammeltem Schlamm zu befreien, schwärmen die Müllsammler aus, um nach Unrat zu suchen. Gabi aus Österreich gräbt eine mit Essensresten gefüllte Plastiktüte aus dem Boden. "Ich bin wirklich überrascht, dass selbst die Touristen nicht kapieren, dass es nicht ausreicht, den Abfall im Sand zu verbuddeln", sagt die Wüstenkennerin. Das meiste zersetze sich in der Hitze einfach nicht, "schon gar nicht die Massen an Öl- und Feuchttüchern, die wir hier einsammeln".

Acht Tage Müllsammeln für 640 Euro

Ein paar hundert Meter weiter durchkämmen Aal Khouzam und Ulrike Telesch das Gebiet. Die beiden Frauen tragen Gummihandschuhe, mit denen sie gebrauchtes Toilettenpapier aus dem Sand ziehen, Glasscherben einsammeln und verrostete Dosen in ihren schwarzen Müllsack werfen. Die 58-jährige Amal Khouzam ist aus Kairo angereist und schon zum zweiten Mal bei der Aktion dabei, Ulrike Telesch ist zum ersten Mal in Ägypten. Ein Wüsten-Reiseveranstalter hatte die Umweltaktion annonciert: acht Tage Müllsammeln in Ägypten für 640 Euro.

Wie alle hier liebt sie die Wüste, "weil sie so still, weit und schön ist". Von der Aufräumaktion ist sie begeistert, "weil es eine tolle Art ist, Touristen und Einheimische für einen guten Zweck zusammenzubringen". Im nächsten Jahr will sie unbedingt wiederkommen. Amal Khouzam sagt, dass die meisten, die einmal dabei waren, wiederkommen. Viele Bekannte aus dem vergangenen Jahr sind auch jetzt wieder dabei. "Mich macht diese Arbeit unheimlich ruhig", sagt die Ägypterin. "Du gehst zurück in die Natur, du lebst in der Natur, und du gibst ihr etwas dafür wieder."

Doch kann eine fünftägige Putzaktion wirklich einen Unterschied machen? Saad Ali ist sich sicher, dass seine Aktion das Bewusstsein der Gäste des Schutzgebietes schärft. "Eine Person kann die Einstellung von zehn anderen auf der Stelle ändern", sagt der 45-jährige Unternehmer.

Um ein größeres Bewusstsein für das Problem zu schaffen und der wachsenden Zahl der Touristen und damit auch des zunehmenden Abfallproblems zu begegnen, hat Saad Ali gemeinsam mit al-Hayat in den vergangenen zwei Jahren Trainingskurse für Wüstenfahrer und -führer organisiert. Dabei lernen die Teilnehmer, wie sie die Umwelt schützen können und ihren mitgebrachten Zivilisationsmüll wieder umweltfreundlich entsorgen können. Die Wirkung sei beachtlich, sagt Saad Ali. Sammelten er und seine Schützlinge im vergangenen Jahr noch zwölf Tonnen Müll, kamen in diesem Mai gerade mal 8,5 Tonnen zusammen. Immer noch zu viel für das sensible Ökosystem der Wüste. "Aber Jahr für Jahr wird es besser", sagt Saad Ali. Der nächste Trainingskurs ist schon geplant, nur die Finanzierung muss noch organisiert werden.

Hinterlasse nur deinen Fußabdruck

Am letzten Tag türmen sich unterhalb des Camps die voll gepackten Mülltüten. Ihre schwarze Farbe sich eindrucksvoll von den weißen Kalkstrukturen der Wüste ab. Die Müllsammler haben ganze Arbeit geleistet, meterlange Drähte eingesammelt, mit denen Bauern in Oasennähe Wassermelonen im weichen Sand festbinden und sie später einfach liegenlassen, wo sie für Kamele zu einer tödlichen Falle werden. Sie haben Karton, Glas, Plastik und Stoff gefunden, massenweise Papier und sogar einen Lkw-Reifen.

All das wird jetzt nach Farafra gebracht, wo es die Nichtregierungsorganisation "Zabaleen" entgegennimmt und zum Recycling nach Kairo bringt. "Ich hoffe, dass wir in zwei Jahren unser eigenes Recyclingwerk in Farafra haben", sagt Saad Ali. Im September beginnt er dieses Langzeitprojekt. Dann wird er für 30 Frauen aus Farafra einen dreitägigen Trainingskurs in Recycling veranstalten. Mülltrennung ist in Ägypten so gut wie unbekannt, "aber wir müssen das Bewusstsein dafür steigern, um etwas zu erreichen", sagt Ali. "Wir müssen bei den Frauen ansetzen, denn die erziehen die Generation von morgen."

Nach fünf anstrengenden, aber erfüllten Tagen, einigen Sonnenstichen und vielen neuen Freunden durchquert Saad Alis Tross noch einmal die Weiße Wüste, vorbei an den Kalkskulpturen und vorbei an Touristen, die sich vor den bizarren Formationen fotografieren lassen. Es bleibt nur zu hoffen, dass sie und alle folgenden Besucher den Leitspruch von al-Hayat befolgen werden: "Hinterlasse nur deinen Fußabdruck und nimm alleine deine Erinnerung mit."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.