Äthiopien Geheimnis der verschollenen Bundeslade

Äthiopien ist ein Land der Legenden: Hier soll die Bundeslade mit den Zehn Geboten versteckt sein, hier rätseln bis heute Besucher, wie vor Jahrhunderten aus massivem Fels Kirchengebäude entstehen konnten. Eine weitere Legende hält sich hartnäckig – dass Äthiopien nichts für Touristen sei.


Addis Abeba - Als Francisco Alvarez einst die Wunder Äthiopiens in leuchtenden Farben beschrieb, fürchtete er bereits, "dass man mir nicht glauben wird". Fast 500 Jahre danach geht es Touristen auf den Spuren des portugiesischen Entdeckers durchaus ähnlich. Schon die Ankündigung eines Urlaubs in Äthiopien kann bei Bekannten Stirnrunzeln auslösen. Und die Berichte danach - über eine uralte Kultur, stolze und gastfreundliche Menschen, wildromantische Landschaften und eine 2600 Meter hoch gelegene Metropole, in der das Nachtleben pulsiert - stoßen nicht selten auf ungläubiges Staunen.

Schreckensbilder von Dürrekatastrophen in Teilen des Landes und nicht zuletzt die Live-Konzerte, mit denen Pop- und Rockstars Geld für Notleidende sammelten, haben Äthiopiens Image als "Hungerland" geprägt. Und zwar so sehr, wie der britische Reisejournalist und Landeskenner Philip Briggs beklagte, dass bei Ethiopian Airlines immer noch "dezente Anfragen eingehen, ob und wenn ja, was für Speisen auf ihren Flügen serviert werden".

Heimat der Bundeslade?

Trotz solcher Vorurteile entdecken immer mehr westliche Besucher Äthiopien als Reiseland. Studienreisegruppen sind genauso unterwegs wie Rucksacktouristen. Sie erleben ein Land, das die Heimat einer der ältesten jüdisch-christlichen Kulturen ist. Die äthiopisch-orthodoxe Kirche ist sogar überzeugt, im Besitz der Heiligen Bundeslade mit den Zehn Geboten zu sein. Die Tierwelt ist zwar weniger reich als in klassischen Safari-Ländern, weil es kaum Elefanten oder Löwen gibt.

Für Ornithologen ist Äthiopien jedoch ein Paradies. Und auch zu einer Reise zu den eigenen Wurzeln kann die Tour werden: Die Menschwerdung des Affen soll sich einst im Afrikanischen Grabenbruch und damit zum Teil auf dem Gebiet des heutigen Äthiopien vollzogen haben.

"Äthiopien ist nun mal ganz anders als der Rest Afrikas", sagt der 28-jährige Betriebswirt Martin Hauptmann nach einer zweiwöchigen Rundreise. "Mich hat es seit langem gereizt, das einzige afrikanische Land kennen zu lernen, das schon seit dem 4. Jahrhundert vom Christentum und davor lange Zeit vom Judentum geprägt wurde", fügt der 52-jährige Arzt Alexander Gräwe hinzu. Im "Zebra Grill", einem der neuen Restaurants, die in Addis Abeba wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, feiern die Berliner gerade mit zwei weiteren Freunden bei Fassbier und Grillrippchen den Abschluss ihrer Reise.

Die Tour führte zu den Felsenkirchen von Lalibela und den Stelen von Aksum im Norden. Von dort ging es im Geländewagen, den sie samt Fahrer in der Hauptstadt gemietet hatten, zur Quelle des Blauen Nils sowie weiter gen Süden zum vulkanischen Langano-See im Großen Afrikanischen Grabenbruch - einem Ort, wo sich Körper und Seele von den beschwerlichen Schotterpistenfahrten im Hochland erholen können.

Wer alle Sehenswürdigkeiten Äthiopiens in Ruhe genießen will, aber keine drei bis vier Wochen Zeit hat, sollte für Teilstrecken das dichte Inlandsnetz der Ethiopian Airlines nutzen. Aber auch Auto- oder Bustouren gehören zu jeder Äthiopien-Reise. Sie führen über Schwindel erregende Serpentinen, mehr als 3000 Meter hohe Pässe und vorbei an bizarren Berggipfeln. Besonders sehenswert sind sie im Simien-Nationalpark zwischen den Kaiserstädten Aksum und Gondar im Norden Äthiopiens.

Elf Kirchen aus massivem Gestein

Selbst wer wenig Zeit hat, kann auf das absolute "Muss" einer Äthiopien-Reise kaum verzichten: Lalibela. Dieser heiligste Ort des äthiopischen Christentums war es, bei dessen Beschreibung sich Francisco Alvarez ernsthaft fragte, ob die Welt ihn nicht für einen Lügner halten wird. Bis heute ist schwer vorstellbar, wie es Menschen im

Seit vielen Jahrhunderten durch das Christentum geprägt: Äthiopien unterscheidet sich noch heute in vielem von den umliegenden Ländern
GMS

Seit vielen Jahrhunderten durch das Christentum geprägt: Äthiopien unterscheidet sich noch heute in vielem von den umliegenden Ländern

12. Jahrhundert gelang, elf Kirchen in jeweils einem Stück aus dem massiven Felsgestein herauszumeißeln und von innen auszuhöhlen. Diese Bauwerke stehen Kultbauten im pharaonischen Ägypten und im antiken Jordanien kaum nach. Sie gelten vielen als das "achte Weltwunder".

Legenden und einige abenteuerliche Thesen ranken sich um die Kirchen, die keine Museen sind, sondern täglich von Gläubigen genutzt werden. Touristen sind hier geduldete Gäste, solange sie die Betenden nicht stören. Gern erteilen Priester in farbenprächtigen Gewändern auch den "Ferendschis", wie Ausländer in Äthiopien genannt werden, mit den reich verzierten Kreuzen ihrer Kirche den Segen. Und gern erzählen sie, wie einst König Lalibela von Gott den Auftrag bekam, in seiner Königsstadt, die damals noch Roha hieß, ein "afrikanisches Jerusalem" zu errichten. So sind die Sakralbauten Kirchen und Orten im Zentrum des Heiligen Landes nachempfunden, darunter auch Golgotha, dem Hügel, auf dem Jesus den Evangelien zufolge gekreuzigt wurde.

Ebenso fest wie an die göttliche Entstehungsgeschichte Lalibelas glauben Äthiopiens Christen daran, dass der jüdische König Salomo, der im 10. Jahrhundert vor Christus Israel zu einer kulturellen Blüte führte, ihr Stammvater ist. Der Legende nach brachte die einst im nordäthiopischen Aksum regierenden Königin Makeda einen Sohn namens Menelik zur Welt, der von Salomo gezeugt worden sei. Als sein Vater ihn zum Herrscher Äthiopiens machte, soll Menelik aus Jerusalem nicht nur Hunderte jüdische Priester mit in seine Heimat gebracht haben, sondern auch die Heilige Bundeslade mit den Tafeln der Zehn Gebote.



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