Ätna auf Sizilien Das letzte Wort hat immer der Berg

Der Ätna ist ein Sonderling, aufbrausend und unberechenbar. Er verändert sich ständig, wandert gen Osten – und nicht einmal Geologen verstehen, was er treibt. Genau das liebt die ganze Welt.

Von Martin Rasper


Das also war das Hotel "Le Betulle". Ein deformierter Giebel ragt aus dem Boden, eine grotesk verbogene Stahlbetonwand scheint jetzt noch unter der Wucht des Lavastroms zu ächzen. Der Rest ist Ödnis. Das schwarze Gestein knirscht unter den Füßen. Piano Provenzana, die Touristenstation am Nordosthang des Ätna: Früher konnte man hier essen, übernachten, im Winter Skifahren. Bis sich im Oktober 2002 der Berg auftat und aus einer Reihe von elf neu entstandenen Kratern Unmengen von Lava ausstieß. In kühner Kurve schwingt sich der Lavastrom den Hang hinunter, gleichgültig alles niederwalzend, eindrucksvoll noch in seiner Erstarrung.

Doch nichts ist am Ätna endgültig, auch die Zerstörung nicht. Der Parkplatz und die Zufahrtsstraße sind neu asphaltiert, für den Verkauf von Souvenirs und Ätnakitsch sind nagelneue Holzhütten aufgestellt worden – und Ignazio Russo, der Besitzer des 2002 gleichfalls zerstörten Gasthofs "La Provenzana”, hat schon damit begonnen, direkt auf der Lava einen neuen zu bauen. Die Touristen kommen schon wieder. Der Berg nimmt, der Berg gibt.

Ausbrüche mit Suchtfaktor

Einen "großen Bauer und Zerstörer" nannte der Schriftsteller Johann Gottfried Seume den Ätna, als er 1802 bei seinem legendären "Spaziergang nach Syrakus" den Vulkan bestieg, und schwärmte: "Es ist vielleicht in ganz Europa keine Gegend mit so vielfältigen Schönheiten, als die Umgebung dieses Berges." Schon von Catania aus beherrscht der flache Kegel den Horizont; an seinen unteren Hängen bildet er eine Kulturlandschaft, in der sich im Frühjahr wahre Farb- und Duftorgien abspielen. Die Rote Spornblume, ein Baldriangewächs, garniert mit ihren rosafarbenen Kerzen die älteren Lavafelder; Königskerzen und Rainfarn ragen gelb leuchtend hüfthoch empor; am eindrucksvollsten aber ist der Ginster, der in sattgelben Wellen die Hänge hinabrollt, in dichten Sträuchern die engen Straßen bedrängt, so dass man wie in einem Tunnel fährt, die Luft erfüllt von betörendem Honigduft. An die 300 endemische Pflanzenarten gibt es am Ätna, darunter die Birkenart betula aetnensis, die an manchen Stellen ganze Wälder bildet, oder das Veilchen Viola aetnensis, das zuweilen aus den schwarzen Aschefeldern strahlend violett herausleuchtet.

Aber keine Frage: Was den Ätna zur Sensation macht, ist seine vulkanische Aktivität. Die Eruptionen. Die Lava. Seine Ausbrüche machen süchtig. Wer einen gesehen hat, will noch einen erleben. Die schiere Wucht der Naturgewalten: Wenn der Berg wummert und bollert, wenn es ohrenbetäubend kracht und die Aschewolke kilometerhoch zum Himmel steigt, wenn Lavabomben pfeifend durch die Luft fliegen oder ein dichter Regen aus Steinchen niederprasselt, wenn die Lavaströme an ihrer Oberfläche riesige glühende Brocken herumwirbeln oder eine Lavafontäne Dutzende Meter in die Luft steigt – dann halten selbst hartgesottene Zeitgenossen den Atem an.

Die Touristenstationen zeigen ständig solche Aufnahmen, auf DVD und Video kann man sie kaufen, wenn man schon nicht das Original sehen konnte. "Vulkanporno" nennen Wissenschaftler die Bilderorgien, und die Metapher ist so falsch nicht: Schließlich geht es stets nur um das eine, in ständig neuen Variationen, und irgendwie muss man doch immer wieder hinsehen.

Und so zieht der Berg neben Wissenschaftlern und Fotografen, Vulkanfreaks und Sensationstouristen auch Verrückte aller Couleur an – Esoteriker, Zivilisationsmüde, Sinnsucher, denen die Urgewalten die Sinne vernebeln. Jeder am Ätna kennt die Geschichten: von dem dicken Franzosen, der sich mit einem alten Stahlhelm in den Lavahagel stürzte; von der spanischen Touristin, die mitten in der Bocca Nuova, einem der vier Gipfelkrater, ihr Zelt aufschlug und spurlos verschwand; oder von dem Italiener, der tagelang am Gipfel ausharrte und hinterher berichtete, der Ätna sei eine Erdmutter, in deren Schoß er sich geborgen fühle. Ihrer aller Vater im Geiste ist der antike Arzt und Dichter Empedokles, der sich einst in den Gipfelkrater des Ätna stürzte, um mit der Natur eins zu werden, so jedenfalls wollen es die Legende und Hölderlin.

"Der Ätna überrascht uns immer wieder"

Einer von denen, die den Ätna trotz aller Faszination ganz nüchtern zu verstehen versuchen, ist Boris Behncke, deutscher Vulkanologe am Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie in Catania. Vor dem Institut führt die Via Etnea, eine der Prachtstraßen Catanias, direkt auf den Berg zu, der mächtig am Horizont thront; drinnen sitzt Behncke am Computer und erklärt den Ätna.

Der 45-Jährige ist seit seiner Kindheit von Vulkanen fasziniert, studierte beim deutschen Vulkanologie-Papst Hans-Ulrich Schmincke, machte seine Diplom- wie Doktorarbeit in den Ibleischen Bergen, einem Vulkangebiet südlich von Catania. Aber sein wahres Interesse galt all die Zeit dem gewaltigen Kegel weiter nördlich. "Der Ätna ist nicht nur einer der aktivsten Vulkane der Welt", meint Behncke, "sondern auch einer der vielseitigsten. Er zeigt die verschiedensten Formen von Ausbrüchen, und er überrascht uns immer wieder."

Der Ätna passt nicht ins Schema. Die meisten Vulkane (abgesehen von den häufig untermeerischen Vulkanen an den Riftzonen) gehören zu einem von zwei Typen. Entweder stehen sie über einer Subduktionszone, an der eine Erdplatte unter eine andere abtaucht und dabei aufgeschmolzen wird. Das sind die zerstörerischen Vulkane wie der Mount St. Helens in den USA oder der Pinatubo auf den Philippinen, deren gasreiches Magma mit ungeheurer Gewalt ausbricht und die gefürchteten Glutwolken ausstößt, die mit Höchstgeschwindigkeit den Hang hinabrasen und alles Leben auslöschen. Anders dagegen die Intraplattenvulkane, die nicht an den Plattenrändern sitzen, sondern eben mitten auf den Platten, meist über einem sogenannten Hot Spot, an dem aus den Tiefen des Erdmantels Magma aufsteigt. Hier ist Hawaii das Paradebeispiel, wo die Lava dünnflüssig ausfließt, ohne großen Schaden anzurichten.



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