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06. Oktober 2009, 13:48 Uhr

"Africa! Africa!"-Nachfolger

Indien für die Zirkusmanege

Von Henryk M. Broder

Was kann nach André Hellers erfolgreicher Zirkusshow "Africa! Africa!" kommen? Produzent Hoffmann wurde in Indien fündig - Tänzer und Gaukler sollen die Kultur ihres Landes auf die Bühne bringen. Ein Schirmherr ist bereits gewonnen: der Maharadscha von Jodhpur.

Gute Laune ist die halbe Miete. Matthias Hoffmann steht in der Lobby des Umaid Bhawan Palace am Rande von Jodhpur im indischen Bundesstaat Rajastan, hebt den Kopf und die Atme hoch, als wollte er dem Allmächtigen danken, und ruft: "Ist es nicht schön hier?"

Es ist eine rhetorische Frage. Denn der Palast des Maharadscha von Jodhpur, zwischen 1928 und 1942 von einem britischen Architekten gebaut, ist nicht nur groß, schön und prachtvoll - er verschlägt dem Besucher den Atem, macht ihn eine Weile klein, demütig und stumm. In der Großen Halle, die als Lobby dient, fände eine Kirche samt Turm Platz; vermutlich ist es kein Zufall, dass die Kuppel an die des Petersdoms erinnert.

Der Königliche Garten ist nur wenig kleiner als der Bremer Bürgerpark und wird viel besser gepflegt, alles Übrige hat ebenfalls königliches Format; allein der Restroom für Gentlemen neben der Rezeption ist so groß wie eine Berliner Dreizimmerwohnung und bietet dem Besucher eine Sitzgarnitur im Art-déco-Stil zum Verweilen an.

Verglichen mit dem Palast des Maharadschas von Jodhpur ist das Potsdamer Schloss Sanssouci ein nüchterner Zweckbau und das Berliner Adlon eine Puppenstube. Der Maharadscha selbst bewohnt nur den südlichen Teil der Anlage, den westlichen hat er an eine Hotelkette verpachtet. Seine Königliche Hoheit besitzt noch ein paar Immobilien in und um Jodhpur. Er wurde, wie alle Maharadschas, Anfang der siebziger Jahre von der indischen Regierung degradiert, indem ihm die Apanage gestrichen und das Privileg der Steuerfreiheit entzogen wurde, aber er wurde nicht enteignet.

Und da er seitdem klug gewirtschaftet hat, kann er sich einiges leisten. Unter anderem eine große Sammlung von Oldtimern und die Patronage über das "Rajastan International Folk Festival", das alljährlich Anfang Oktober auf Fort Mehrangarh stattfindet, einer alle Dimensionen sprengenden Burg aus dem 15. Jahrhundert hoch über Jodhpur, die ihm ebenfalls gehört.

Träumer mit Plan

Und nun hat Matthias Hoffmann, "ein Pfälzer Bub", wie er sich selbst nennt, den Maharadscha als Schirmherrn für ein Spektakel gewonnen, mit dem er "Indien nach Europa bringen" möchte: Es soll schlicht und einfach "India" heißen und Mitte Dezember auf Tour gehen.

Hoffmann ist ein sympathischer Verrückter. Er traut sich zu, wovon andere nicht einmal zu träumen wagen. 1951 in Enkenbach bei Kaiserslautern als Sohn eines Realschuldirektors geboren, hat er schon während der Schulzeit angefangen, Events zu organisieren, als Erstes einen Schulball, für den er die damals bekannten Wonderlands in die Stadthalle von Speyer holte. Mit dem Gewinn von 2000 Markwurde die Schülerzeitung "Parabel" auf Farbdruck umgestellt. "Wir wussten nicht, wohin mit dem Geld."

Hoffmann finanzierte sein Studium der Betriebswirtschaft mit allerlei Veranstaltungen, bis er eines Tages merkte, "dass mein Büro größer war als der Hörsaal". Die Diplomarbeit über "Marketing in der Dienstleistung am Beispiel einer Konzertagentur" blieb unvollendet, und so wurde er "das schwarze Schaf" in einer ansonsten aus Akademikern bestehenden Familie - zum Erfolg verdammt.

1972 veranstaltete er ein "Rock-Meeting" in Germersheim, mit Gruppen wie Pink Floyd und den Doors, später machte er José Carreras, Placido Domingo und Luciano Pavarotti ("Die Drei Tenöre") zur Massenware. "Ich hatte eine Nische gefunden, Klassik wie Pop-Musik vermarktet."

Und dann kam "Afrika! Afrika!", Hoffmanns bis jetzt größter Erfolg, zwei Shows, die gleichzeitig durch ganz Europa tourten, 3,5 Millionen Zuschauer, freundliche Kritiken. Noch heute bekommt er jede Woche Angebote von Künstlern aus Nairobi, Daressalam und Ouagadougou, die sich von ihm gerne unter Vertrag nehmen lassen möchten.

Ebenso wie "Afrika! Afrika!" war auch "India" eine Idee, die aus der Zusammenarbeit mir dem Wiener Multi-Talent André Heller entstand. "Wir waren zusammen essen und überlegten, was wir nach 'Afrika! Afrika!' machen könnten." Doch diesmal bleibt Heller daheim, auf seinem Landgut am Gardasee. "Er wollte nicht noch einmal ins Rampenlicht, im Grunde ist der André ein Premierenangstmensch."

Sinnesspektakel statt Bollywood

Und deswegen stemmt Hoffmann das "India"-Projekt jetzt ohne Heller, mit Hilfe einiger Show-Profis, die er angeheuert hat, wie den Choreografen Shiamak Davar, der in Indien als der Guru des modernen Tanzes gilt. "Mit Bollywood", sagt Hoffmann, " hat das nichts zu tun" und verspricht ein "Spektakel für alle Sinne", mit Tänzern, Gauklern, Jongleuren und Feuerschluckern. Bis jetzt sei "noch kein Inder gekommen und hat gesagt: Ich mach eine Show über meine Kultur".

Weil aber die beste Idee nichts taugt, wenn sie nicht angemessen promotet wird, hat Hoffmann mehr als ein Dutzend deutsche Journalisten nach Jodhpur eingeflogen, um ihnen sein "India"-Konzept zu präsentieren. Zwei Tage haben sie das wirkliche Indien erlebt, in der Altstadt von Jodhpur, Auge in Auge mit heiligen Kühen, sie haben gut gegessen und noch besser eingekauft, sich die Haare für 30 Rupien (45 Cent) schneiden lassen und Kaschmir-Schals gekauft, die in Europa das Zehnfache kosten.

Sie sind mit dem Tuktuk durch die Stadt gefahren, haben die Meisterwerke der indischen Kunst und Architektur bewundert und auch die vielen Obdachlosen nicht übersehen, die in den Straßen zwischen Müllbergen leben und schlafen. Und jetzt sitzen sie in einem der Säle des Maharadscha-Palasts von Jodhpur und warten darauf, dass Matthias Hoffmann ihnen erklärt, welches Indien er nach Europa holen will.

Die ganze Sache wäre einfacher, wenn die Präsentation nicht in Jodhpur, sondern in Mainz stattfinden würde. Dort proben in einer ehemaligen Fabrikhalle bereits 45 indische Künstler für "India", weitere 25 sollen noch dazukommen. So beschränkt sich Hoffmann darauf, seine drei wichtigsten Mitarbeiter vorzustellen, die ihrerseits erklären, wie toll sie es finden, bei dem Projekt mitmachen zu können. Man habe das Gefühl, alles miteinander zu teilen, sagt einer, es sei eine Reise mit unbekanntem Ziel, meint ein zweiter, ein einmaliges Erlebnis für alle.

Höhepunkt der Präsentation ist ein kurzer Auftritt des Maharadschas, der die Gelegenheit nutzt, zu sagen, wie sehr er sich freut, die Schirmherrschaft über ein so wichtiges Event übernehmen zu können. Hoffmann strahlt, die Journalisten schauen wie Kinder, die sich vergeblich auf ein Überaschungsei gefreut haben. "Wenigstens den alten Seiltrick hätten sie uns zeigen können", grummelt einer.

Dann geht der Maharadscha wieder, und Matthias Hoffmann holt ein Album mit den Entwürfen der Bühnenbilder hervor. Es ist, als würde ein Koch Bilder der Gerichte zeigen, die er demnächst kreieren möchte.

Derweil geht die Sonne über Jodhpur unter, im Licht des Vollmonds sieht auch die Stadt wie ein Bühnenbild aus. Bis die Sonne wieder aufgeht und alles in ihr gnadenlos grelles Licht taucht.

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