Als Familien-Gast in Südkorea Wettschlürfen mit Mr. Kang

Immer nur Hotel ist doch feige: Wer als Tourist nach Südkorea fährt, kann über Vermittlungsdienste einige Übernachtungen bei einer Gastfamilie buchen, zum Frühstück Trockenfisch kosten - und hören, was der Familienvater abends beim Reisschnaps erzählt. Ein Selbstversuch.

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Er steht gleich hinter dem Absperr-Gate am Bahnhof und wartet auf uns, ein Schild mit meinem Namen in den Händen. Mit seinem Sakko und der Krawatte-plus-Nadel sieht er so förmlich aus, dass wir zwei Westtouristen uns im Vergleich fast wie Hippies vorkommen. Anyong-haseyo, ich bin Kang Sam-choul, glad to meet you, hello - das ist er also, unser Gastgeber für die nächsten 48 Stunden.

Als Geburtsjahr hatte Mr. Kang in seinem Profil im Internet einen verwirrenden Wert eingetragen: 2027. Jetzt beim ersten Händeschütteln merken wir: Er muss 1927 gemeint haben - und ist damit 46 Jahre älter als wir.

Neugierig-nervös rätseln wir, auf was wir uns eingelassen haben, als wir zwei Nächte "Homestay" in einer südkoreanischen Familie buchten. Ein paar Minuten später rollen wir schon im angejahrten Hyundai am Containerhafen des Millionen-Molochs Pusan vorbei, Mr. Kangs Apartment entgegen. Jaja, Hamburg hat auch einen großen Hafen - die ersten Konversationsübungen fallen zäh aus.

Sich als guter Gastgeber auch Wildfremden gegenüber zu beweisen - das scheint in Korea viel verbreiteter zu sein, als man sich es in Deutschland vorstellen könnte. Verschiedene professionelle Vermittlerdienste mühen sich, Reisende aus dem Aus- und Inland, jung wie alt, mit Gastfamilien in Daegu, Jeju-si oder Seoul zusammenzubringen. Allein auf der Website der koreanischen Tourismuszentrale finden sich Links zu sieben solcher Homestay-Kontaktbörsen.

Wir selbst buchen bei einer Organisation namens Labo Stay (Labo wie "Language Laboratory"), deren Büro laut Website im "Institut für die Entwicklung der Frau" in Seoul untergebracht ist. Das klingt irgendwie nach DDR und Planwirtschaft (finden wir). Aber sei's drum, es scheint die wichtigste Site dieser Art in Korea zu sein, und was groß ist, kann nicht ganz schlecht sein (hoffen wir). Pro Nacht und Nase kostet uns das Experiment 35.000 Won, gut 30 Euro also. Nach welchen Kriterien wir an Mr. Kang und seine zehn Jahre jüngere Frau Hong Bun-ne vermittelt wurden, behält Labo für sich.

Ganz ohne Kulturschock geht unsere Kurzvisite nicht ab. Sie gehört, nach mehreren Nächten in Hotels mit West-Schnickschnack, zum Spannendsten, was wir in Südkorea unternommen haben - zum Anstrengendsten aber auch. Mr. Kang, diesem Familienpatriarchen mit den vier längst erwachsenen Kinder und den acht Enkeln, haftet etwas Militärisches an, etwas Vaterstrenges.

Früher stand er als Chef einer Regierungsstelle vor, die Armee-Munition zertifiziert - ich kann ihn mir gut vorstellen in dieser Rolle. Als er uns zu Fuß durch sein Wohnviertel führt, marschiert er im Rekruten-Tempo vorneweg - wir Jüngeren müssen uns mühen, Schritt zu halten. Sightseeing scheint für Koreaner kein Vergnügen zu sein, eher ein Leistungssport. Später erkundigt sich Mr. Kang, wann wir am ersten Morgen frühstücken wollen - er selbst stehe ja um 6.30 Uhr auf, und das klingt wie ein Richtwert. "8 Uhr wäre für uns besser", handele ich ihn hoch, und bin mir unsicher, ob das brüsk war oder doch nur unser Menschenrecht als Touristen.

Dehnübungen bei Tisch und andere Todsünden

Das Frühstück besteht aus: kleinen Trockenfischen (kalt, eingelegt) in der Schale und einem großen Bratfisch auf dem Teller, warmem Reis, einer Teigtaschen-Suppe und der immerscharfen Nationalbeilage Kimchi (Chinakohl in rotem Pfeffer). Dazu noch Undefinierbares, warm, mit Pfannkuchen-Konsistenz. Alles verdaubar bis lecker - aber wie zerlegt man wohl trockenen Fisch (mitsamt Kopf, Flossen, Gräten und Haut), wenn man nur zwei Metallstäbchen parat hat? Für solche Zweifelsfälle der Korea-Kulinarik brauchen wir Langnasen die Nachhilfe von Mr. Kang.

Skurriles, Erstaunliches, Berührendes, Alltägliches - auf ihren Reisen quer durch die Welt haben SPIEGEL- und SPIEGEL-ONLINE-Autoren viel erlebt. In loser Folge berichten sie in der Reihe Travel Log.
Überhaupt, die Sitten: Nach dem ersten Essen, alle haben längst aufgegessen, streckt mein Begleiter rückendehnend die Arme aus. "In Korea we don't do this. It shows you are lazy man", wird er ermahnt. Zumindest ein paar "Korea für Dummies"-Regeln kennen wir zwar - dass man im Bad aus den Hausschuhen in spezielle Klopuschen schlüpft, mit ihnen aber nie, nie, nie versehentlich in die Wohnstube zurück darf. Aber die Feinheiten? Wer weiß, in wie viele Myriarden von Fettnäppchen wir noch mit Anlauf hineingehechtet sind.

Andererseits wundern wir uns über Mr. Kang. Wenn er am Essenstisch schlürft, merken wir das kaum, zu oft haben wir Ähnliches in Gaststätten gehört - wenn er rülpst, müssen wir uns doch mühen, mit lässiger Ist-doch-alles-ganz-normal-hier-Mimik weiterzukauen. Mit Mr. Kang Auto zu fahren, ist ein Erlebnis - unser 79-jähriger Gast-Chauffeur wechselt zwar nie die Spur, selbst wenn im Stop-and-go alle anderen schneller vorankommen. Dafür heizt er scheinbar ungerührt über eine rote Ampel nach der anderen. Das sei ganz normal, ihr Vater mache das auch, erzählt mir - wieder daheim in Deutschland - eine koreanische Bekannte.

Dolmetsch-Dialog über die Wiedervereinigung

Fehlt nicht noch jemand? Genau: die Gastgeberin, Mrs. Hong. Wie in Korea üblich, trägt sie einen anderen Nachnamen als ihr Gatte. Während Mr. Kang ein sehr vokabelreiches (nicht immer ganz fließendes) Englisch spricht, beherrscht sie nur Koreanisch. Erst am letzten Vormittag unterhalten wir uns 20, 30 Minuten lang, ihr Ehemann dolmetscht. Ob Ostdeutschland immer noch so viel ärmer sei als der Westen, möchte sie wissen. Sie selbst hat vor zwei Jahren per Schiff eine spezielle, abgetrennte Touristenzone in Nordkorea besucht - und man merkt, wie sehr schon dieses kleine bisschen Wiedervereinigung sie bewegt hat.

Ansonsten bleibt Mrs. Hong im Hintergrund, kocht, räumt auf, einmal geht sie mit Freundinnen am Morgen zum Sporttanz. Wenn Mr. Kang uns abends beim Nationalschnaps Soju das landestypische Brettspiel Paduk zu erklären versucht oder seine 50 TV-Kanäle vorführt, bleibt sie unsichtbar, irgendwo im Nebenraum. Wenn wir drei Männer essen, werkelt sie weiter in der Küche, versorgt unseren Tisch mit Nachschub. Erst nachdem wir aufgestanden und ins Wohnzimmer umgezogen sind, isst auch sie, allein.

So sind sie wohl, die Spielregeln im Heim des Patriarchen.



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