Mädchen in Afghanistan: »Ich wollte begreifen, wie Menschen es schaffen, in so einer extremen Umgebung zu leben«
Mädchen in Afghanistan: »Ich wollte begreifen, wie Menschen es schaffen, in so einer extremen Umgebung zu leben«
Foto: Priska Seisenbacher

Als Frau im Pamir unterwegs »Das schroffe Hochgebirge hat etwas unglaublich Erhabenes«

Ob in Tadschikistan, Kirgisistan oder Afghanistan – die Lebenswelten der Frauen klaffen in den Ländern des zentralasiatischen Pamir weit auseinander. Die Fotografin Priska Seisenbacher reiste zu ihnen.
Ein Interview von Antje Blinda

SPIEGEL: Für Ihren Lesebildband »Im Pamir« sind Sie 2019 sieben Wochen durch das zentralasiatische Hochgebirge gereist. Ihre Bilder zeigen karge Täler und schneebedeckte Siebentausender, bunte Basare und prächtig geschmückte Jurten. Wie kamen Sie nach Ihrem Trip wieder?

Seisenbacher: Körperlich war ich am Ende. In den letzten Tagen war ich sieben bis acht Stunden täglich mit dem Pferd unterwegs, weil es in dieser Region, ganz im Norden Afghanistans, keine Straßen gibt. Außerdem hatte ich mit Durchfall zu kämpfen. Die ersten zwei Wochen daheim habe ich gebraucht, mich zu erholen. Gleichzeitig wusste ich: Diese Region will ich wieder bereisen und die Leute wiedersehen.

SPIEGEL: Im Hochgebirge mit dem Pferd unterwegs – das klingt abenteuerlich, ist doch aber nicht gerade ungefährlich?

Seisenbacher: In dem sogenannten Wakhan-Korridor engagiert man einen Führer mit Pferd, bildet eine kleine Karawane und bewegt sich dann von Jurtensiedlung zu Jurtensiedlung – das war wie eine Zeitreise. Und ja, es gab einen Moment, während dem ich ein mulmiges Gefühl hatte: Wir waren auf schmalen Trampelpfaden unterwegs, neben uns der Abgrund. Du siehst hinunter und weißt: Wenn das Pferd jetzt strauchelt, dann liegst du da unten. Mir blieb nichts anderes übrig, ich musste dem Tier vertrauen. Genauso bei den Durchquerungen reißender Gebirgsflüsse.

Priska Seisenbacher ritt zwischenzeitlich bis zu acht Stunden täglich: »Körperlich war ich am Ende«

Priska Seisenbacher ritt zwischenzeitlich bis zu acht Stunden täglich: »Körperlich war ich am Ende«

Foto: Priska Seisenbacher

SPIEGEL: Der Pamir ist 120.000 Quadratkilometer groß, zählt zum »Dach der Welt« und erstreckt sich über vier Länder: Tadschikistan, Afghanistan, Kirgisistan und China. Wie haben Sie die abgelegene Gebirgsregion erlebt?

Seisenbacher: Dieses schroffe Hochgebirge hat in Tadschikistan und eben auch in Afghanistan etwas unglaublich Erhabenes, es ist elegant, aber auch abweisend. Es ist eine sehr lebensfeindliche Region, der man ständig trotzen muss. Körperlich habe ich die Höhenluft stark gespürt, immerhin befand ich mich ständig auf 4000 Meter Höhe. Der chinesische Teil ist landschaftlich ähnlich wie in Tadschikistan, aber völlig anders zu bereisen. Ich musste mich einer Reisegruppe anschließen und war dadurch sehr eingeschränkt. An der Grenze wurde mir eine Spyware aufs Handy installiert, also stand ich ständig unter Beobachtung. In Kirgisistan wiederum ist es viel hügeliger, grüner, aber auch dort ragen Bergkolosse bis über 7000 Meter in die Höhe.

SPIEGEL: Vier Länder, vier Kulturen?

Seisenbacher: Tatsächlich teilen die Bewohner und Bewohnerinnen des Pamirs kulturell, sprachlich und historisch vieles miteinander. Während des »Great Game« im 19. Jahrhundert, dem Kampf um die Vorherrschaft in Zentralasien zwischen Großbritannien und Russland, waren die Grenzen willkürlich gezogen worden. Sie durchschnitten Siedlungsgebiete von Bevölkerungsgruppen, die dadurch getrennt wurden. Es gibt zwei große Gruppen, die ismailitische, das sind die Pamiris, die in Tadschikistan und Afghanistan beheimatet sind. Und dann die Kirgisen und Kirgisinnen, die früher als Nomaden auf den Routen durch das Hochgebirge zogen.

SPIEGEL: Was fasziniert Sie an der Region?

Seisenbacher: Seit 2014 reise ich jährlich nach Iran und habe über die Jahre auch Persisch gelernt. Ich wollte daher diesen Kulturraum weiter entdecken. Und das Hochgebirge an sich hat mich immer schon wahnsinnig fasziniert: Ich wollte begreifen, wie Menschen es schaffen, in so einer extremen Umgebung zu leben. Gleichzeitig ist es eine Ecke der Welt, von der man wenig hört.

Fotostrecke

Unterwegs im Pamir-Gebirge: Yaks, Hochzeiten und Siebentausender

Foto: Priska Seisenbacher

SPIEGEL: Im Vorfeld Ihrer Reise hat Sie eins geärgert: »die vorherrschende Meinung, dass ich das als Frau allein doch nicht machen könne«, wie Sie in Ihrem Buch schreiben. Was empörte Sie daran genau?

Seisenbacher: Ich fand schade, dass mir dadurch abgesprochen wurde, Entscheidungen zu treffen und Situationen richtig zu beurteilen. Das habe ich als Eingriff in meine Mündigkeit empfunden. Ich kannte die Region sehr gut, im Übrigen habe ich auf früheren Reisen mit meinem Partner auch ständig Entscheidungen getroffen. Ich weiß natürlich, mit welchen Herausforderungen Reisen als Frau verbunden ist – das weißt du generell, wenn du als Frau aufwächst in unserer Welt. Dieses »Bleib lieber zu Hause, es ist zu gefährlich« suggeriert Fürsorge, aber eigentlich ist es versuchter Freiheitsentzug.

SPIEGEL: Und doch ist es ein Unterschied, ob Sie zu zweit oder allein, als Mann oder als Frau reisen – und in den Ländern des Pamir herrscht das Patriarchat.

Seisenbacher: Ja, auf jeden Fall. Wachsamkeit, egal, in welcher Situation, ist für Frauen sowieso immer ein Thema, auch hier in Wien. Alleinreisen aber hat unglaubliches Potenzial. Wer zu zweit oder in einer Gruppe reist, bleibt auch in einer fremden Welt immer in einer Komfortzone. Allein kann man sich mehr Raum für Begegnung schaffen.

SPIEGEL: Welche Begegnungen haben Sie besonders beeindruckt?

Seisenbacher: Im Basar der afghanischen Grenzstadt Ishkashim kam ich mit einem Schuhverkäufer ins Gespräch. Plötzlich verschwand er und kehrte mit einem Perahan Tunban zurück – einfach so schenkte er mir die traditionelle Bekleidung aus Hose und Hemd. Das fand ich überwältigend. Oder auch bei den kirgisischen Jurtensiedlungen in Afghanistan. Als ich abends total erschöpft und zerzaust ankam, lud mich ein älterer Kirgise in seine Jurte ein. Obwohl ich als Westlerin in Trekkingkleidung wohl etwas total Außergewöhnliches darstellen musste, zeigte er weder Verwunderung noch Skepsis. Auch seine Familie nahm mich ganz selbstverständlich auf.

»Im Zweifel gibt es auch immer Frauen vor Ort.«

SPIEGEL: Gab es auch unangenehme Situationen?

Seisenbacher: Ja, eine einzige am Anfang der Reise: Ich bin in einer Marshrutka, einem Sammeltaxi, zur Grenze zwischen Kirgisistan und China gefahren. Mit dabei waren Wodka trinkende Lkw-Fahrer. Irgendwann haben sie mich auch auf Russisch und Englisch zunächst nett, dann immer fordernder angesprochen, ich sollte mit ihnen nach China kommen und bei ihnen übernachten. Ich habe dann mit einer kirgisischen Frau mit Kleinkind Kontakt aufgenommen, und sie hat mich sofort unter ihre Fittiche genommen. Für sie war klar: Du schläfst heute bei mir. So blieb ich über Nacht bei ihr in einem alten Sowjet-Wohnwagen in Grenznähe.

SPIEGEL: Frauensolidarität am Ende der Welt...

Seisenbacher: Ja, man darf nie vergessen: Auch wenn dieses Bild von einer bedrohlichen Männerwelt vorherrscht, es gibt im Zweifel auch immer Frauen vor Ort – und an dieser Frauenwelt auch in intimen Augenblicken teilzuhaben, habe ich sehr genossen. Zum Beispiel während einer kirgisischen Hochzeit in einem Dorf in Afghanistan.

SPIEGEL: Erzählen Sie!

Seisenbacher: Ich durfte all die Frauen und Familien in den Tagen zuvor kennenlernen. Deswegen war ich einfach ein Gast, so wie sie auch, und es war einfach schön, so willkommen geheißen zu werden. Ich durfte sogar Frauen in der Jurte fotografieren, die ihre Kinder stillten. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Geschenk. Als Hochzeitsgaben an die Gäste ausgeteilt wurden, hätte ich mir nicht das Recht genommen, mir auch eins zu nehmen. Dann haben die Frauen für mich einen Ring ausgesucht: Nimm den, der passt doch gut. Unglaublich schöne Gesten.

SPIEGEL: Die Welt der Jurte scheint eine ganz eigene zu sein – wie haben Sie das empfunden?

Seisenbacher: Das erbarmungslose Hochgebirge, das man eben noch vor der Tür erlebt hat und in dem man Wind und Wetter ausgeliefert war, verliert das Bedrohliche, sobald man in diese Jurten einkehrt. Es ist ein unglaublich angenehmer Raum mit vielen Decken, viel Wärme und den vielen Rottönen. Ich fühlte mich geschützt und sicher.

»Die jungen Frauen in Tadschikistan hielten im Park Händchen mit ihren Freunden.«

SPIEGEL: Ihre Fotos zeigen ein breites Spektrum von westlich gekleideten jungen Frauen in Tadschikistan und traditionell gekleideten oder sogar Burka tragenden Frauen in Afghanistan mit Handy in der Hand. Die Lebenswelten der Frauen scheinen sehr unterschiedlich.

Seisenbacher: Ja, die Handlungsspielräume der Frauen unterscheiden sich je nach Land sehr. Die jungen Frauen in Tadschikistan, die ich getroffen habe, träumten vom Studium und hielten im Park Händchen mit ihren Freunden. Das Gleiche ist im kirgisischen Afghanistan, in diesen abgelegenen Jurtensiedlungen, nicht möglich. Das Leben wird über ihre Köpfe hinweg bestimmt – die Eltern arrangieren die Ehe, es gibt eine hohe Kindersterblichkeit, der Arbeitsalltag ist hart. Die Frauen in Burka aber habe ich auf meiner Reise nur in der Grenzstadt Ishkashim fotografiert. In Afghanistan ist die gesamtpolitische Situation aufgrund der sunnitischen Taliban-Herrschaft so angespannt, dass jetzt auch die schiitischen Frauen in der Stadt beginnen, Burka zu tragen.

SPIEGEL: Ihre Reise in diese schwer zugängliche Region scheint jetzt in der Coronakrise noch weiter weg und außergewöhnlicher als zuvor. Wie sind Sie zurzeit unterwegs?

Seisenbacher: Mich hat es vor Corona immer in die weite Ferne gezogen. Ich war immer in den Bergen unterwegs, aber nicht unbedingt in meiner Heimat Österreich. Das habe ich jetzt nachgeholt. Im Juli und August habe ich mir Tirol angeschaut und fand es auch wunderschön. Jetzt, in der Pandemie, arbeite ich wieder in meinem früheren Beruf als Gymnasiallehrerin.