Bikini Run in Wisconsin Die coole Idee des Angry Dave

Einmal im Jahr ruft ein Nest in Wisconsin zum Snowmobil-Rennen. Hier kann jeder sein Spitzentempo messen lassen. Eigentlich aber interessiert die Zuschauer nur eins: "Angry Dave's Bikini Run", bei dem leicht bekleidete Pilotinnen bei Minustemperaturen auf die Maschinen steigen.

Roland Löwisch

Von Roland Löwisch


Drei Kneipen, eine Tankstelle, ein paar Shops - eigentlich ist St. Germain im US-Staat Wisconsin ein ziemlich totes Kaff. Im Sommer rauschen hier die Holzarbeiter mit ihren Trucks über den Highway 70, im Winter sind es ein paar Snowmobil-Touristen, die über den Trail Nummer 70 knattern. Doch einmal im Jahr ist alles anders.

Ende Januar strömen wahre Menschenmassen zur gefrorenen West Bay des Little St. Germain Lake. Es sind vorwiegend Männer - der Ort lädt zunächst zum alljährlichen Radar Run: Hier kann jeder, der ein paar Dollar Startgeld zahlt, drei Läufe bis zu einer Meile mit seinem eigenen Snowmobil auf dem zugefrorenen See wagen - und messen lassen.

Der schnellste jeder Klasse kassiert 100 Dollar. Die seriennahen Mobile fahren auf Schnee, die Rennmaschinen auf purem Eis. Da kommen getunte Yamahas, gepimpte Arctic Cats, gestärkte Ski-Doos, polierte Polaris. Rund 200 Piloten sind am Start. Meistens Männer.

Das ist aber nur das erste Rennen. Für ein paar aufgemotzte Motorschlitten würden nicht 2000 wilde Farmer geduldig an der Absperrung warten. Die haben nur eines im Sinn: nackte Frauenhaut.

Für die sorgt Angry Dave. Der Mann betreibt ein Bar & Grill an der State Highway 70 East. Und er hatte einen wenig originellen, aber effektiven Einfall: Lass doch mal Frauen im Bikini auf die Strecke. Seitdem ist seine Kneipe voll.

Angry Dave sieht auch aus wie Angry Dave. Die Sonnenbrille ist verspiegelt, der massige Körper in eine Lederjacke gehüllt, das wallende weiße Haar von einer Baseball-Cap gebändigt. Jede der rund 20 teilnehmenden Dorfschönheiten darf vorher einen Plausch mit Dave halten.

Als Erste schnappt Dave sich Jessy aus dem Nachbarort Three Lakes. "Hey you", sagt er, verstärkt über ein Mikrofon, "wie isses? Willste gewinnen?" Ob Jessy gewinnen will, ist nicht ganz zu verstehen. Auf alle Fälle will sie gefallen. Sie öffnet den Pelz, und die Menge johlt.

Fahrradkette zwischen Skiern

Warum dieser seltsame Wettbewerb gerade hier stattfinden kann, mag an der Nähe zu Sayner liegen. Sayner, der Nachbarort, ist nämlich nichts weniger als der Geburtsort des Snowmobils, kurz Snomo genannt.

Die motorisierte Art, sich auf Schnee sicher fortzubewegen, erfand ein Jäger mit Klumpfuß: Carl Eliason, von Geburt an gehbehindert, konnte seinen bewaffneten Kumpels nicht wirklich folgen, als die im Winter zum Jagen durch den hohen Schnee stapften.

So ersann er 1924 ein Brett mit vorne hoch gezogener Kante, baute ein paar lenkbare Skier darunter, zimmerte sich einen Sitz und krönte das Ganze mit einem Zweieinhalb-PS-Johnson-Außenbordermotor. Ein Ford-T-Modell spendete den Kühler. Der Motor trieb über eine Fahrradkette ein breites Endlosband mit Querstreben an, das zwischen den Brettern auf dem Schnee lag. Fertig war Eliasons Motor Toboggan, der insgesamt 39 Jahre lang gefertigt werden sollte.

Noch immer gehört der Holz- und Eisenwarenladen in Saynor der Familie Eliason. Wer nett fragt, den lässt der Enkel des Snomo-Erfinders, John Eliason junior, in einen Nebenraum der Krempelhandlung. Dort kann man das allererste Snowmobil neben jüngeren Exemplaren und anderen Reliquien ehemaliger Wisconsiner Lebensart bewundern.

Die Zeiten? Ziemlich egal

Aber an diesem Tag hat er geschlossen. Jeder will Jessy sehen, die in ihren dicken Winterschuhen, dem Riesenhelm auf dem Kopf und den Fellhandschuhen an den Snomo-Griffen sehr skurril aussieht - was die anwesenden Amis super finden.

Jessy düst los in ihrem kargen, braun-rosa gepunkteten Outfit, eine kleine Frau, tief geduckt auf der großen Ski-Doo XRS RevXP. Die Männer grölen. Manch zartes Persönchen scheint mit den kraftvollen Motorschlitten überfordert. Die tätowierte, schmächtige Frau auf der Arctic Cat 1100 kämpft tapfer mit ihrer Maschine. Kein Wunder, steckt doch ein starker 1,1-Liter-Turbozweitakter unter der Fronthaube.

Dagegen hat das historische Liquifire-Snomo leichte Probleme, mit der Starterin im zu knappen Bikini auf Geschwindigkeit zu kommen. Die nächste Teilnehmerin steht mehr, als dass sie sitzt. Die beste Figur macht eine Fahrerin in Rosa auf ihrer Artic Cat ZRT 800, auch wenn sie dafür nicht mehr Applaus bekommt als die anderen.

Zum Schluss darf sich noch Paul blamieren, ein "local hero" im knappen Zweiteiler. Er dürfte die 50 auch schon überschritten haben, scheint sich als Clown aber wohl zu fühlen. Der Humor der Amis ist eben ganz speziell.

Und wer gewinnt an diesem Tag? Wenn's ums Tempo beim Radar Run geht, rast der Sieger mit mehr als 272 km/h durch den Radarstrahl. Bei den Kids hat ein neunjähriger Bube auf einem Kitty-Kat-Snowmobil mit 170 km/h die Nase vorn. Und bei den Ladys des Angry Dave Run? Da sind die Zeiten völlig egal - sie werden nicht mal bekanntgegeben.

Aber zu den Siegern zählt sicherlich die Krebsforschung, die sämtliche Startgelder erhält. Natürlich auch die Frauen mit ihren neuen Fans. Und selbstverständlich die Männer am Pistenrand. Die erblicken hier mehr Haut als ihre Geschlechtsgenossen in den verruchten Kneipen oben am Lake Michigan, wo sich einheimische Tänzerinnen um Stangen winden und sich ständig mit ihren Klamotten daran verfangen.

Der Spaß am Little St. Germain Lake dauert nur einen Tag, abgesehen von den Trainingsläufen der Rennfahrer am Vortag. Die Pilotinnen tun wieder, was sie sonst auch tun, die Männer sind wieder nüchtern, und bald schmilzt auch das Eis. Ein paar Wochen später angeln höchstens oberkörperfreie, urlaubende Illinoiser im See. Als wäre es das ganze Jahr so gesittet.

Es ist eben kaum was los in St. Germain, Wisconsin.



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
juttakristina 31.12.2013
1. Das zeigt doch
wieder mal, wie schizophren das Land ist, Nipplegate, in manchen Staaten trauen sich Männer nicht mehr, mit Frauen im Aufzug zu fahren oder Komplimente zu machen, egal, wieviel Blut in einem Film fließt, aber wehe es ist zu viel Haut zu sehen - aber sich da an dem Anblick der Mädels im Bikini auf den Maschinen aufzugeilen, das ist okay... Und wann setzen sich ansehnliche Kerle in knappen Badehosen auf die Snowmobile? Vielleicht möchten die Mädels in dem Kaff ja auch mal 'nen netten Anblick genießen...
sternfalke77, 31.12.2013
2. Zu Kalt. :o)
Zitat von juttakristinawieder mal, wie schizophren das Land ist, Nipplegate, in manchen Staaten trauen sich Männer nicht mehr, mit Frauen im Aufzug zu fahren oder Komplimente zu machen, egal, wieviel Blut in einem Film fließt, aber wehe es ist zu viel Haut zu sehen - aber sich da an dem Anblick der Mädels im Bikini auf den Maschinen aufzugeilen, das ist okay... Und wann setzen sich ansehnliche Kerle in knappen Badehosen auf die Snowmobile? Vielleicht möchten die Mädels in dem Kaff ja auch mal 'nen netten Anblick genießen...
...für einen netten Anblick auf die Männer in Badehose, ist es wohl etwas zu Kalt dort. Die Frauenwelt wäre eher enttäuscht.- Oder würde etwas handwerkliche Unterstützungsarbeit leisten? ! :o)
ariane2008 31.12.2013
3. doppelte Moral
....nicht nur "das" Land da drüben ist schizophren. Auch hier sind die Aufschrei- und Brüderledebatten noch nicht so lange her. Vor wenigen Monaten hätte diese Meldung aus dem Kuriositätenkabinett noch deutlich lauteres Echo ausgelöst. Dass dies abgeklungen ist, beruhigt aber auch. So dass man ganz fies-entspannt bemerken darf: wenn die Typen da alle so aussehen wie Dave, möchte ich die nicht in Badehose sehen!
Tod_den_Wäldern 31.12.2013
4.
Zitat von juttakristinawieder mal, wie schizophren das Land ist, Nipplegate, in manchen Staaten trauen sich Männer nicht mehr, mit Frauen im Aufzug zu fahren oder Komplimente zu machen, egal, wieviel Blut in einem Film fließt, aber wehe es ist zu viel Haut zu sehen - aber sich da an dem Anblick der Mädels im Bikini auf den Maschinen aufzugeilen, das ist okay... Und wann setzen sich ansehnliche Kerle in knappen Badehosen auf die Snowmobile? Vielleicht möchten die Mädels in dem Kaff ja auch mal 'nen netten Anblick genießen...
Ich weiß, wir Kerle sind eher einfach gestrickt, aber ehrlich gesagt halte ich Ihre Vorstellung, es ginge darum, sich am Anblick von Mädels im Bikini aufzugeilen, für ziemlich weltfremd. Wer nicht gerade zum ersten mal Saudi Arabien verlassen und dort kein Internet hatte, dürfte eine deutlich höhere Erregungsschwelle haben. Und wenn die Mädels in dem Kaff Interesse an Jung auf Snowmobilen haben, sollten sie so ein Event eben auf die Beine stellen, wer hindert sie daran?
juttakristina 31.12.2013
5. sternfalke77,
wieso? Schrumpft ein knackiger Hintern da auch? Wer damit ein Ego-Problem hat, kann ja ausstopfen, soll Beckham bei der einen Werbung ja auch gemacht haben. ;-)) Okay, die Reaktion des weiblichen Körpers, also der oberen Teile, dürfte auf Männeraugen anregend wirken. Aber ein breites Kreuz, schmale Hüften usw. sehen bei Männern auch bei Kälte nicht übel aus. ;-)
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