Antarktis-Tour mit der "Fram" Pinguine haben immer Vorfahrt

Eisberge, Eselspinguine, Einsamkeit: Für viele ist eine Antarktis-Kreuzfahrt eine Traumreise, die sie einmal im Leben verwirklichen wollen. Die Bedingungen unterwegs sind jedoch unvorhersehbar - mit plötzlichen Planänderungen muss man immer rechnen.

Christian Nowak

Beim Ablegen der MS "Fram" lässt Kapitän Andreassen die sonore Schiffssirene erklingen. Schon bald werden die bunten Häuser von Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt, kleiner. Auf dem spiegelglatten Wasser des Beagle-Kanals nimmt das Schiff Kurs in Richtung Süden. Nur mit spärlichem Grün sind die Berge der Cordillera Darwin überzogen, doch es sind die letzten Spuren von Vegetation, die die Gäste an Bord in den nächsten Tagen zu sehen bekommen: Es geht in die Antarktis, genauer gesagt zur Antarktischen Halbinsel.

Dazwischen liegt noch die Drake-Passage, ein für seine Stürme berüchtigtes Seegebiet zwischen der Südspitze Südamerikas und der Nordspitze der Antarktischen Halbinsel. Doch die Passagiere haben Glück: In den Gewässern vor Kap Hoorn weht nur eine leichte Brise. So steht statt Seekrankheit Sonnenbaden an Deck auf dem Programm.

Leider lässt sich kein Albatros blicken; normalerweise folgen sie dem Schiff, doch sie benötigen viel Wind, um ohne Anstrengung segeln zu können. Rund 1000 Kilometer südlich von Ushuaia kündigen dann kleine Eisberge, Landfetzen und Seevögel, die von nun an das Schiff begleiten, die Antarktische Halbinsel an.

Die Antarktis war jüngst sehr präsent in den Medien, weil das Expeditionsschiff MV "Akademik Shokalskiy" tagelang im Eis feststeckte und es bei der Rettung immer wieder zu Verzögerungen kam. Die meisten Reisen in den eisigen Süden verlaufen jedoch weit weniger dramatisch.

Mit Planänderungen und Überraschungen müssen Kreuzfahrt-Touristen allerdings immer rechnen. Bevor die "Fram" Half Moon Island erreicht, erläutert Expeditionsleiterin Anja Erdmann die Spielregeln: "Fragt nicht, wann der nächste Landgang ist, fragt nicht, wie lange ihr an Land bleiben dürft. Wir können nicht einmal garantieren, ob der nächste Landausflug überhaupt stattfinden kann."

Mit ihrem Team geht Erdmann vor den Passagieren an Land. Diese Vorhut erkundet, ob eine Anlandung problemlos möglich ist, und deponiert eine Sicherheitsausrüstung, damit die Gäste - falls eine planmäßige Rückkehr zum Schiff nicht möglich sein sollte - auch einen Wettersturz heil überstehen. Wege werden markiert, nur auf diesen sollen die Kreuzfahrer an Land umherstreifen, zu ihrer Sicherheit und um die Tiere nicht unnötig zu stören.

Landgang in der Pinguinkolonie

Die ganze Prozedur ist extrem aufwendig, deshalb dauert ein Landgang für die rund 200 Passagiere des Schiffes vier bis fünf Stunden, auch weil immer nur hundert Menschen gleichzeitig an Land dürfen. "Pinguine haben immer Vorfahrt!", gibt sie den Gästen noch als wichtigste Regel mit auf den Weg.

Wegen der halbmondförmigen Bucht, in der die MS "Fram" ankert, könnte der Inselname Half Moon Island nicht passender sein. Bizarre Felstürme und das nahe Livingston Island mit seinen Gletschern und den roten Häusern der argentinischen Sommerstation Teniente Camara bilden eine spektakuläre Kulisse.

Die kleinen Boote landen mitten in einer Pinguinkolonie an. Dutzende Zügelpinguine stehen wie ein Begrüßungskomitee am Strand. Hin und wieder springen einige aus dem Wasser und watscheln über den Kiesstrand zwischen den faul herumliegenden Pelzrobben hindurch. Von den Menschen, die in ihr Revier eindringen, nehmen weder Pinguine noch Robben Notiz, bis auf wenige Meter können die Besucher sich ihnen nähern.

Neptuns Blasebalg

Zwischen der Antarktischen Halbinsel und den vorgelagerten Inseln verläuft der Antarctic Sound, der auch als Straße der Eisberge bekannt ist. Die Antarktis-Fahrer müssen nicht lange warten, bis zu beiden Seiten des Schiffes immer mehr Eisgiganten auftauchen. Haushoch und viele hundert Meter lang sind die Tafeleisberge, an denen das Schiff so langsam und nah vorbeigleitet, dass jede noch so feine Struktur im Eis zu erkennen ist.

Bald erreicht das Schiff Deception Island, eine hufeisenförmige Vulkaninsel mit gut zehn Kilometer Durchmesser. Die Fahrt in die mit Wasser gefüllte Caldera ist spektakulär, denn Kapitän Andreassen muss das Schiff durch eine nur 200 Meter breite Öffnung manövrieren. Dieser schmale Durchlass ist der einzige Weg in den Vulkankrater und wird Neptuns Blasebalg genannt.

Auch wenn um das Schiff herum nur Eis ist - Deception Island ist ein aktiver Vulkan, der im 20. Jahrhundert mehrere Male ausgebrochen ist. Hier treffen Vulkanismus und Eis unmittelbar aufeinander. Als Erstes geht es an der Telefon Bay im Norden des Kraters an Land. Bedeckter Himmel und leichter Schneefall machen die Landschaft zu einem Schwarz-Weiß-Gemälde.

Reste einer Trankocherei

Am Nachmittag, beim Landgang in Whalers Bay, scheint dann wieder die Sonne, und die Landschaft hat ihre Farbe zurück. In der Bucht befinden sich die Reste einer Walfang- und Forschungsstation, von 1912 bis 1931 arbeitete hier die südlichste Trankocherei der Welt. Das harte antarktische Klima setzt den Resten der Station mächtig zu. Die Holzgebäude sind mittlerweile verfallen, die Maschinen, Öfen und riesigen Tanks, in denen Walöl und Treibstoff gelagert wurden, rosten still vor sich hin. Auf dem Strand liegen noch einige Boote, deren Holz von Wind und Wetter ausgeblichen ist. Eselspinguine und Pelzrobben am Strand stört das ebenso wenig wie die großen, braunen Skua-Raubmöwen.

Nach einigen weiteren Landgängen und Hunderten Pinguinfotos erreicht die MS "Fram" im Lemaire Channel mit 65° 04' ihre südlichste Position. Bis zum antarktischen Polarkreis wäre es zwar nicht mehr weit, aber Eis macht die Weiterfahrt unmöglich. Die Wasserstraße ist nur rund eineinhalb Kilometer breit und von Gletschern und Felswänden umgeben. Ab jetzt hält das Schiff Kurs in Richtung Norden.

Nach genau 1826 nautischen Meilen legt die "Fram" wieder in Ushuaia an. Zum letzten Mal bekommen die Passagiere das sonore Horn zu hören, dann sind sie zurück auf dem Festland.

Christian Nowak/SRT/sto



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
frommunichwithlove 11.01.2014
1. Schööön!
Ich war auch gerade da, hier ein paar Eindrücke von einer solchen Tour in Bewegtbildern... http://vimeo.com/82948973
norman.schnalzger 11.01.2014
2. traum
Tränen Drüsen belastend schöne Tour, nur leider okologisch fragwürdig.
frommunichwithlove 11.01.2014
3. Das mit der Ökologie
@traum Ich stimme Ihnen zu, der Natur geht's besser, wenn sie ganz ohne Menchen ihr Ding machen kann. Andererseits gäbe es einige Ökosysteme ohne Tourismus vielleicht gar nicht mehr. Ich denke da an die Tierreservate Afrikas. Vielleicht hilft ein behutsamer Tourismus auch in der Antarktis, ein Bewusstsein zu schärfen, denn wie heißt es doch treffend in einer aktuellen Greenpeace-Kampagne: "Shell würde hier bohren!"
gerami 11.01.2014
4. @norman
Das widerliche Touristengesox wird vermutlich auch in Bälde den Mars heimsuchen, und berichten. :-(
marypastor 12.01.2014
5. Ja, ja, ist ja alles ganz toll,
Zitat von sysopChristian NowakEisberge, Eselspinguine, Einsamkeit: Für viele ist eine Antarktis-Kreuzfahrt eine Traumreise, die sie einmal im Leben verwirklichen wollen. Die Bedingungen unterwegs sind jedoch unvorhersehbar - mit plötzlichen Planänderungen muss man immer rechnen. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/antarktis-expeditionskreuzfahrt-zu-pelzrobben-und-trankochern-a-941635.html
aber was kostet der Spass so fuer einen, der in Wanne-Eikel lebt ?. Erstmal muss er ja wohl nach Buenos Aires fliegen ( euro 2000 ), dann nach Ushuaia ( euro 1000 ), dann das Schiff ( ca. ??? ), dann die Spezialkleidung ( ist ja wohl kalt da unten ). Fuer all das ca. euro 500 xPerson. Ausserdem muss man die Zeit fuer solche Trips haben. Aber deutsche Arbeitnehmer haben ja 6 Wochen Urlaub und verdienen dicke.
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