Armenien Wiege des Christentums

Die Gastfreundlichkeit der Menschen ist so legendär wie der Cognac, die Architektur der Kirchen einzigartig - doch auf üppige Einnahmen durch Reisende hofft Armenien bislang vergeblich. Das Problem: Die Preise für Flüge und Hotels mit westlichem Standard sind relativ hoch.

Stephan Orth

Geghard - Wie eine getarnte Festung liegt das Kloster Geghard in der Landschaft: Die Wände des mittelalterlichen Kirchenensembles sind zum Teil aus den schartigen Felswänden gehauen und in den Grau- und Ockertönen der Landschaft gehalten. Geghard ist in der Bergwelt des Südkaukasus ein Zeugnis der Blütezeit armenischer Kirchenbaukunst, seit dem Jahr 2000 gehört die Stätte zum Weltkulturerbe der Unesco.

Eine steile Straße führt hinauf zum Berg- und Höhlenkloster mit seiner kargen Hauptkirche und den Kapellen. Auf dem Parkplatz verkaufen Marktfrauen auf Faden gezogene getrocknete Aprikosen. Auf Lateinisch wird die Frucht prunus armeniaca genannt, armenische Pflaume.

Ein paar Meter bergauf gibt der steinerne Torbogen den Blick frei auf das Kirchenensemble. Aus einem Quell am Ende des Hofes fließt Wasser, das Besucher in Flaschen abfüllen. Es soll jung halten, ist aber in der Glut der Sonne vor allem erfrischend. Im Innern der großen Kreuzkuppelkirche dauert es einen Moment, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen. In den düsteren Raum fällt nur durch ein Loch in der Kuppel in einem dicken Strahl Licht.

Besucher zünden an den grauen Wänden, die teils Fels, teils gemauert sind, Kerzen aus Bienenwachs an. Doch auch die ändern wenig an der düsteren Stimmung. Nichts soll die Gläubigen hier ablenken: keine Heiligenbilder, keine Bänke, keine Reliquien. Nur Reliefs mit geometrischen Mustern und ausgefallenen Sonnensymbolen sowie Risse von vergangenen Erdbeben zeichnen die Gemäuer.

Reliquienschrein für die Heilige Lanze

Die Armenier sind wieder stolz auf ihren Glauben, nachdem sie jahrzehntelang in der Sowjetunion drangsaliert wurden. Es war Armenien, das vor gut 1700 Jahren als erstes Land das Christentum zur Staatsreligion erhob.

Jeder in der Gegend weiß, dass das armenische Wort Geghard an die "Heilige Lanze" erinnert, mit der die Römer den gekreuzigten Jesus in den Leib gestochen haben sollen. Der Legende nach brachte der Apostel Thaddäus den Speer einst nach Armenien, wo er heute im Klostermuseum Etschmiadsin aufbewahrt wird. Die Schätze und Heiligtümer dieser Kirche werden auch am Sitz des Katholikos in Eriwan verehrt, den die christlichen Armenier dem römischen Papst gleichstellen.

Die Fremdenführerin Nelly Pilipossjan lenkt die Aufmerksamkeit der Reisenden auf die in Stein gehauenen Ornamente in der Kirche von Geghard: Löwen, ein Adler mit einem Lamm in den Fängen, Wesen, halb Vogel, halb Mensch, die Seelen in den Himmel tragen und immer wieder orientalische Muster, die armenische Bildhauer einer anderen Religion entliehen: dem Islam.

Armenien ist mit 30.000 Quadratkilometern etwa so groß wie Belgien. Das christliche Land ist umgeben von islamisch geprägten Staaten. Die Kriege der Vergangenheit waren auch religiös bedingt, sie belasten bis heute die Beziehungen zu den Nachbarn Aserbaidschan und Türkei. Die Grenzen sind geschlossen. Nur über Iran und Georgien kann Armenien Handel treiben. Auch die Folgen des schweren Erdbebens von 1988 mit geschätzt 25.000 Toten lasten schwer auf dem armen Land, das nur wenige Rohstoffe hat.

Auswanderer schicken Geld in die Heimat

Rund sieben Millionen Armenier leben heute im Ausland, die Diaspora unterstützt ihre ausgeblutete Heimat in Vorderasien. In Armenien selbst sind nach offiziellen Angaben nur rund drei Millionen Menschen zurückgeblieben. Viele Armenier, besonders in der pulsierenden Hauptstadt Eriwan, fürchten, dass der Geldstrom aus den USA, Russland und Frankreich irgendwann versiegt.

Auch deshalb hoffen sie auf mehr Touristen. "Wir müssen vor allem etwas an unseren Preisen tun - die Flüge sind für viele Reisende aus dem Westen einfach zu teuer", meint der Tourismusexperte Araik Vardanjan von der armenischen Industrie- und Handelskammer (IHK).

Zwar eilt den Armeniern wie ihren kaukasischen Nachbarn in Georgien der Ruf entwaffnender Gastfreundlichkeit voraus. Doch das allein reiche nicht aus, sagt Vardanjan.

So stolz die Armenier auf ihre alte Sprache und Schrift auch sein mögen - vor allem müssten diejenigen, die mit Touristen zu tun haben, mehr Englisch sprechen. Weit verbreitet ist seit Sowjetzeiten nur noch Russisch. Es fehle auch an Drei-Sterne-Hotels und anderen bezahlbaren Unterkünften, kritisiert der IHK-Mann. Ein Doppelzimmer koste oft 70 bis 80 Euro - ohne annähernd den gleichen Service wie im Westen. Viele Armenier reisen deshalb lieber ans Schwarze Meer oder in die Türkei, weil das günstiger ist.

"Wer hierher kommt, muss schon Geld haben", sagt auch Fremdenführerin Pilipossjan. Ihre Gäste loben besonders die armenische Küche, die mit Bergkräutern gewürzt ist. Gehaltvolle Weine, Mineralwasser aus den Bergquellen und der berühmte Weinbrand Ararat - benannt nach dem schneebedeckten armenischen Mutterberg - gehören zu jedem Festmahl.

Bisher reisen vor allem ältere Menschen nach Armenien, die sich für die Geschichte des Christentums interessieren. Sie unternehmen Tages- oder Halbtagestouren von der Hauptstadt Eriwan aus. Von Geghard, das 40 Kilometer von Eriwan entfernt ist, führt ein Wanderweg gut fünf Kilometer durch eine tiefe Schlucht nach Garni.

Auf einem Felsvorsprung liegt ein alter Sonnentempel mit einer römischen Badehausanlage samt Mosaiken. Von hier oben tut sich einer der famosen Ausblicke Armeniens auf: über das vulkanisch steinige Land mit Basaltsäulen, tiefen Schluchten und reißenden Bergflüssen.

Ulf Mauder, dpa



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