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Homestay in Thailand: Alltag in einem gespaltenen Land

Foto: Mathias Peer

Thailands armer Nordosten Aufbruch zwischen Reisfeldern

Der Isan im Nordosten ist Thailands ärmste Region. Premierministerin Yingluck pumpt Milliarden in den Landstrich. Bewohner wie Manida Sombatpo, die Touristen in ihrem Haus beherbergt, profitieren. Für die protestierende Opposition hat sie wenig übrig.
Von Mathias Peer

Für die Reisbauern in Ban Non Tun liegt Thailands politische Krise in weiter Ferne. Hier im Isan, dem Nordosten Thailands, gibt es ein ganz anderes Problem: Trockenzeit. Manida Sombatpo steht auf ihrem ausgetrockneten Ackerland und zeigt die Misere: Der Boden ist staubig, kaum ein Grashalm will wachsen - von Reis ganz zu schweigen.

Erst im Juni wird wieder genug Regen fallen, um die Felder zu bewirtschaften. "Es ist für uns nicht einfach, so lange über die Runden zu kommen", sagt sie. "Aber die Demonstranten in Bangkok werden uns bestimmt nicht helfen. Denen geht es nur um ihren eigenen Vorteil."

Wenige Tage vor der für Sonntag angesetzten Parlamentswahl ist Thailand so gespalten wie schon lange nicht mehr. Auf der einen Seite stehen die Regierungsgegner aus Bangkoks Mittel- und Oberschicht, die seit Wochen Teile der Hauptstadt besetzen und so einen Machtwechsel erzwingen wollen.

Thailand-Reisenden sind sie mittlerweile vertraut: Ihre bunten Protestcamps haben sich bei vielen Urlaubern zur Attraktion entwickelt. Doch wer etwas über die andere Seite des Konflikts erfahren will, muss die Millionenmetropole hinter sich lassen: Der touristisch kaum erschlossene Nordosten gilt als Hochburg der Regierung - und als Armenhaus des Landes.

Manida ist 40 Jahre alt, ihr Heimatdorf Ban Non Tun liegt rund 400 Kilometer von Bangkok entfernt. Sie ist hier aufgewachsen, seit mehreren Generationen arbeitet ihre Familie auf den Reisfeldern.

Vor ein paar Jahren hat sich Manida, die gerne modische Schuhe und Sonnenbrillen trägt, eine neue Einnahmequelle erschlossen: Sie will Gästen aus dem Ausland einen Einblick in den Dorfalltag geben. In ihrem Ein-Familien-Häuschen vermietet sie zwei gemütlich eingerichtete Gästezimmer - die einzigen in dem knapp tausend Einwohner großen Ort. Trotzdem hat sie in der Regel höchstens einmal im Monat Kundschaft.

Spenden für die Mönche

Manidas Tag und - wenn sie wollen - der ihrer Gäste beginnt um kurz nach 6 Uhr. Rauch von Holzkohle liegt in der Luft, es wird bereits gekocht. Das Thermometer zeigt 13 Grad - ungewöhnlich kalt, selbst für diese Jahreszeit.

Manida zieht vier Schichten übereinander an. Sie muss raus auf die Straße, zur Almosenrunde. Vier Mönche ziehen kurz nach Sonnenaufgang durch die kleine Gemeinde und sammeln Lebensmittel. Manida und ihre Nachbarinnen knien sich auf den Boden und spenden jeweils eine Handvoll Reis in die Opferschalen. "Es ist wichtig, dass wir das machen", sagt Manida. "Die Mönche brauchen schließlich auch etwas zu essen."

Doch die Spender leben selbst nicht gerade im Überfluss: Der Isan - ein Gebiet, ungefähr halb so groß wie Deutschland - ist Thailands mit Abstand ärmste Region. Noch immer lebt ein Großteil der Menschen von der Landwirtschaft: Das Durchschnittseinkommen betrug zuletzt gerade einmal 1300 Euro im Jahr. Wer in Bangkok arbeitet, hat im Schnitt das Neunfache zur Verfügung.

Das Leben in Ban Non Tun ist einfach. Es gibt keinen Markt, dafür kommt am Vormittag der Metzger aus dem Nachbardorf mit seinem Pick-up-Truck vorbei. Das Fleisch liegt auf der Ladefläche. Heute ist Schwein im Angebot. In den Häusern nebenan schnüren Frauen Frühlingszwiebeln zusammen.

Andere weben draußen bunte Strohmatten. Einen Vormittag brauchen sie pro Stück. 100 Baht, rund zwei Euro, bringt das für die Haushaltskasse. Auch wer in der Stadt einen Fabrikjob ergattert, bekommt nicht viel mehr: sechs bis sieben Euro, pro Tag.

In der Hoffnung auf bessere Lebensverhältnisse haben die Nordthailänder seit über einem Jahrzehnt bei jeder Gelegenheit die Parteien von Premierministerin Yingluck Shinawatra und ihrem Bruder Thaksin gewählt. Soziale Wohltaten für die Landbevölkerung zählten stets zu deren wichtigsten Wahlkampfthemen. Daraus speist sich nun der Widerstand der urbanen Mittelschicht in Bangkok: Sie sei getrieben von der Angst, an Macht zu verlieren, erklärt Marc Saxer, Direktor der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bangkok.

Milliarden für Bewässerungssysteme und Highspeed-Züge

Von Machtkampf ist in Ban Non Tun jedoch nichts zu sehen. Gegenüber eines kleinen Ladens, der Gemüse, Eier, Schnaps und Zigaretten verkauft, hängt das einzige Wahlplakat: Die Premierministerin wünscht darauf ein frohes neues Jahr.

Viel Werbung braucht die Regierungspartei nicht. Das Dorf steht hinter ihr. Denn vieles hat sich hier in den vergangenen Jahren verbessert. In ihrer Jugend lebte Manida wie die meisten noch in einer kleinen Holzhütte - unten der Stall der Wasserbüffel, darüber der Schlafraum der Familie. Mit ihren zwei Kindern und drei Hunden bewohnt sie heute ein geräumiges Haus mit Klimaanlage. Die Büffel sind fast im ganzen Dorf arbeitslos geworden: Die meisten Bauern können sich zum Pflügen einen - meist geliehenen - Traktor leisten.

Um eine der deutlichsten Veränderungen zu zeigen, führt Manida zu einem Reisfeld. Über einen Kanal ist das Feld an ein staatliches Bewässerungssystem angeschlossen. Der Reisanbau ist deshalb das ganze Jahr über möglich. "Dass hier überhaupt in die Infrastruktur investiert wird, verdanken wir Thaksin", sagt Manida.

Der Ex-Premier, der selbst aus Thailands Norden stammt und nach einem Militärputsch ins Exil flüchtete, ist für viele Dorfbewohner nach wie vor ein Held: Während seine Vorgängerregierungen den Norden meist ignorierten, pumpte er Milliarden in die Region, ließ Straßen und Staudämme bauen und senkte die Kosten von Arztbesuchen. Seine Schwester Yingluck geht den gleichen Weg: Sie will Milliardenbeträge in ein verbessertes Wassermanagement investieren und den Tourismus im Nordosten mithilfe von Hochgeschwindigkeitszügen in Fahrt bringen.

Die Opposition brandmarkt fast jedes dieser Programme als verschwenderisch und populistisch. Manida sieht das anders. Es ist Abend geworden, das Dorf ist still, nur ein paar bellende Hunde sind noch zu hören. In ihrer kleinen Gartenlaube serviert Manida das Abendessen. Es gibt Tom-Yam-Suppe und Papaya-Salat. Dazu schöpft die Gastgeberin Reis aus eigenem Anbau auf die Teller.

Sie sagt: "Für mich zählt, dass es uns heute deutlich besser geht als früher." Ihre Kinder besuchen weiterführende Schulen, in ihrer eigenen Jugend wäre das undenkbar gewesen, sagt sie. "Vielleicht werden sie Lehrer oder sogar Ärzte", sagt Manida. "Auf dem Reisfeld werden sie wohl nicht mehr arbeiten müssen."