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28. Mai 2010, 08:18 Uhr

Asatru-Religion in Island

Weisheit der Wikinger

Respekt für die Natur! Ehre den Vorfahren! Die Mitglieder der isländischen Asatru-Gemeinde glauben nicht an einen allmächtigen Gott, dafür an die pragmatischen Lebensweisheiten der Wikinger. Ihr Anführer ist ein bekannter Filmmusiker - Henryk M. Broder hat ihn besucht.

"Hier kommt unser Tempel hin", sagt Hilmar Örn Hilmarsson und zeigt auf ein Wäldchen an der Fossbucht im Süden von Reykjavik, wo es auch ein Strandbad gibt, in dem das kalte Wasser des Atlantiks mit heißem Thermalwasser angewärmt wird. Die Bäumchen sind noch jung, aber sie sollen bald geopfert werden: dem ersten "Heiden-Tempel" in Europa seit der Zerstörung des letzten Polytheisten-Heiligtums von Uppsala im Jahre 1070.

Die 2600 Quadratmeter große Parzelle wurde von der Stadt Reykjavik zur Verfügung gestellt, denn die Island-Heiden, die den Asen-Glauben praktizieren, sind seit 1972 eine anerkannte Religionsgemeinschaft - den Lutheranern, Katholiken, Moslems, Zeugen Jehovas, Buddhisten, Bahai und allen Freikirchen gleichgestellt. "Wir sind die größte nicht-christliche Glaubensgemeinschaft in Island", sagt Hilmarsson, das Oberhaupt der "Asatru"-Gemeinde.

Hilmarsson, 1958 in Reykjavik geboren, hat als Kind mit seinen Eltern ein paar Jahre in Murr an der Murr gelebt ("Schwäbisch ist meine zweite Muttersprache"). Er mag den Begriff "Heiden" nicht, der mit "Blut und Boden" oder "Götzendienst" verknüpft wird. "Wir sind keine völkische Bewegung und keine Esoteriker, wir wollen die literarische und sittliche Tradition der Wikinger wieder beleben." Hilmarssons Vorfahren waren, wie die meisten Isländer seit 1550, Lutheraner.

Filmmusik als Lebensunterhalt

Er war 14, als er zum ersten Mal von den Asatru hörte, und 16, als er der Gemeinde beitrat, indem er auf einem Formular ein Kästchen ankreuzte. Das war alles. Es gab keine Feier, keine Taufe, kein Glaubensbekenntnis. "Ich wurde Mitglied Nummer 36." Hilmarsson machte das Abitur, lernte Geige und Klavier, dazu etwas Althebräisch an der Universität von Reykjavik und wandte sich dann der experimentellen Musik zu. Er tourte durch England mit einer Gruppe namens "Psychic TV", hatte "eine kurze Affäre mit dem Jazz", bevor er Anfang der neunziger Jahre herausfand, was ihn wirklich interessierte: Filmmusik.

Nach fünf Jahren in Dänemark, wo er mit dänischen Regisseuren arbeitete, kehrte er 1999 nach Island zurück. Heute ist er neben Björk und der Gruppe Sigur Rós das musikalische Markenzeichen Islands.

Er schrieb die Musik für "Cold Fever", "Children of Nature", "Angels of the Universe" und andere isländische Produktionen, wobei er sich immer den Luxus erlaubte, nur Filme zu vertonen, die er mochte. Wer einen Soundtrack von Hilmar Örn Hilmarsson haben will, muss sich Jahre im voraus anmelden und darf nicht drängeln.

2003 wurde Hilmarsson durch Akklamation zum Sprecher der isländischen Asatru ernannt. Er legte einen Eid auf die "alten Werte" ab: Ehre den Vorfahren und Respekt für die Natur! "Wir kennen keine Sünde, keine Gnade, keine Vergebung, keine Heiligkeit, kein Fegefeuer und kein Leben nach dem Tode." Die Mitglieder der Gemeinschaft glauben nicht an einen allmächtigen Gott, der einem sagt, was man tun muss, beziehungsweise nicht tun darf: "Jeder Mensch ist für seine Taten selbst verantwortlich." Die Rituale sind sehr überschaubar: Sommersonnenwende im Juni, Wintersonnenwende im Dezember, dazwischen ein paar Feste, bei denen vor allem gut und viel gegessen wird, wie "Thorrablot" Ende Januar zu Ehren aller Götter.

Partys mit alkoholfreiem Met

Jeden Samstag gibt es ein Treffen, an dem jeder teilnehmen kann, in einem Ladenlokal in der Industriezone von Reykjavik, zwischen einer Zahnklinik und einem Computershop. Eine Etage höher residiert der Verband der isländischen Hundezüchter. Auch Johanna Hardardottir, 58, die für eine Lokalzeitung in Akranes Kritiken schreibt und nebenbei Hühner züchtet ("Sie haben Charakter, genau so wie die Menschen"), ist ein geselliger Mensch. Mit Freunden unter freiem Himmel zu feiern ist ihre Art, den Göttern zu dienen.

Nach einer kurzen Ansprache über den Begriff "Aedruleysi" (man soll die Dinge so nehmen, wie sie sind), nimmt sie einen Schluck alkoholfreien Met aus dem Horn und erklärt die Party für eröffnet. Die Brötchen und Würstchen auf dem Holzkohlengrill hat sie bei Bonus, dem Aldi von Island, eingekauft.

Alles in allem ist Asatru eine recht profane Religion, die im Diesseits verankert ist und weder eine Theologie noch eine Hierarchie kennt. Die "Bibel" der Heiden ist das "Lied des Hohen", eine etwa 1000 Jahre Sammlung von Versen aus der Zeit der Wikinger.

Es sind Sinnsprüche über das richtige Verhalten im Alltag, die meisten ziemlich banal ("Wer ständig schwatzt und selten schweigt, erzählt oft Unsinn"), einige von ewiger Gültigkeit: "Die kleinste Hütte ist besser als keine, daheim bist du dein eigener Herr." Hätten sich die Isländer, sagt Hilmarsson, an solche Weisheiten gehalten, wären sie nicht sehenden Auges in die größte Pleite ihrer Geschichte geschlittert.

Heiligtum in der Mitte des Landes

Denn die Wikinger waren zwar abenteuerlustig, aber sie wussten auch, dass man Maß halten muss. Um seinen gebeutelten Landsleuten wieder einen "inneren Halt" zu geben, hat Hilmarsson vor einem Jahr einen Pfeiler in die "geologische Mitte" der Insel einzementiert, irgendwo im vereisten Hochland, das man nur schwer erreichen kann. "Jetzt haben wir auch einen spirituellen Bezugspunkt - wie die Katholiken Rom, die Juden Jerusalem und die Moslems Mekka."

Inzwischen gehören etwa 1500 Isländer der Asatru-Gemeinde an, das ist etwa ein halbes Prozent der Bevölkerung. Tendenz steigend. "Wenn wir so weiter machen", freut sich Hilmarsson, "werden wir in 60 bis 70 Jahren die größte Religionsgemeinschaft auf Island sein".

Erst einmal aber muss er zu einem Filmfestival nach Lublin in Polen, von dort nach Lettland und weiter nach Norwegen, wo die Wikinger herkamen. Die wussten übrigens schon, dass man nicht zu viel trinken soll, wenn man sich auf den Weg macht: "Bier im Bauch im Übermaß ist übel... Der Mensch, der maßlos trinkt, ist nicht mehr Herr seiner Sinne."

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