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12. Mai 2019, 07:27 Uhr

Motorradtrip von Brooklyn nach Feuerland

Das Sehnsuchtsexperiment

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Warum lebe ich das Leben, das ich lebe? Der Tod seiner Schwester gab Matias Corea den Anstoß, sich mit seinem Motorrad auf eine lange Reise zu begeben: 30.000 Kilometer von New York bis Ushuaia.

Schotter, Matsch, Geröllfelder. Kopfsteinpflaster, Asphalt, eine überflutete Salzwüste. Es gibt kaum einen Untergrund, den Matias Corea nicht unter seinen zwei Reifen spürte - auf seinem Weg von Brooklyn nach Feuerland. Sieben Monate brauchte er dafür. "Klar, kann man auch schneller schaffen", sagt er, "in zwei Monaten oder drei." Aber das wäre nicht das Gleiche gewesen.

Der Weg war unwegsam - und doch war er der wohl schönste seines Lebens. Matias Corea hatte mehr als 15 Jahre von einer solchen Reise geträumt. Zusammen mit seinem Freund Joel Estopà, der wie er aus Barcelona stammt, war er im Jahr 2001 erstmals mit dem Motorrad unterwegs gewesen - ein Roadtrip von Barcelona nach Südspanien. "Joel und ich sprachen danach immer wieder von einer gemeinsamen Tour", sagt Corea. Doch nie rafften sie sich auf. Estopà lebte weiter in Barcelona. Corea zog 2002 nach New York und arbeitete als Designer.

Die Jahre vergingen. Die Sehnsucht nach dem Abenteuer war groß. Doch der Sog des Alltags war größer.

Bis im Jahr 2015 Coreas Schwester starb. "Soledad war nur zwei Jahre älter als ich", sagt Corea. Die Trauer über ihren Tod habe ihn wie ein Schlag getroffen - und alles verändert. "Plötzlich kamen versteckte Bedürfnisse in mir hoch, der Wunsch, bestimmte Dinge zu erleben, bevor es auch für mich zu spät ist."

Corea rief Estopà an - und die beiden planten ihre lang ersehnte Motorradreise.

Da Coreas Familie aus Argentinien stammt, er das Land aber bis auf ein paar kurze Trips nie richtig erkundet hatte, stand schnell das Ziel fest: Feuerland. "Ich wollte auch einen Teil meiner Identität kennenlernen", sagt Corea. Zentral- und Südamerika empfand er als "blinde Flecken auf meiner inneren Weltkarte". Die Zeit sei reif gewesen für eine Expedition in die eigene Vergangenheit. "Es lag eine riesige Landmasse zwischen Brooklyn, meinem heutigen Wohnort, und dem Ende Südamerikas in Ushuaia."

Die Route, die Corea und Estopà austüftelten, sollte über den Süden der USA und Mexiko nach Zentralamerika führen: nach Guatemala, Honduras, Nicaragua, Costa Rica und Panama. Sechs südamerikanische Länder sollten folgen - Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, Chile und Argentinien.

30.000 Kilometer Strecke werden die beiden Freunde am Ende auf ihren Motorrädern zurückgelegt haben. Nur einmal, in Kolumbien, mussten sie ihre Maschinen per Luftfracht verschicken und selber in ein Flugzeug steigen. Grund dafür war der "Darién Gap". "Diese 90 Kilometer lange Strecke am Übergang zwischen Mittel- und Südamerika führt durch einen dichten, bergigen Regenwald, der schon zu Fuß kaum zu bewältigen ist", sagt Corea. "Sie gilt als eine der am schwersten passierbaren Regionen der Welt." Kaum eine Handvoll Menschen habe den Urwald ohne die Hilfe Einheimischer bislang durchquert.

Die Griffheizung? Hier oben ein Lacher

Was die beiden Freunde bei ihrem Roadtrip erlebten, hat Corea in seinem nun erschienenen Buch "Two Wheels South" (Gestalten Verlag) dokumentiert. Der reich bebilderte Band hat einen hohen Fernwehfaktor - nicht nur für Motorradfahrer. Die Fotos zeigen Hügellandschaften, Dschungel, Lagunen und Schluchten. Marktstände in Guatemala, Kolonialstädtchen in Kolumbien und Bratküchen in namenlosen Andendörfern.

Die Bilder der Offroadpisten, Matschpfade und ausgewaschenen Schotterstraßen geben einen Eindruck davon, wie mühsam das Fahren zeitweise gewesen sein muss. Und die Porträts von Menschen zeugen von Begegnungen - und Hilfsbereitschaft - unterwegs.

Da wäre zum Beispiel Abraham, ein peruanischer Minenbesitzer, der den Männern an Tag 117 ihrer Reise Unterschlupf in seiner Mine anbot. Corea und sein Kumpel hatten sich derart verfahren, dass sie in der Finsternis auf 4500 Höhenmetern erst den Orientierungssinn und dann fast die Nerven verloren.

"Die Straße fordert uns bis aufs Letzte", beschreibt Corea die Szene, "mit scharfkantigen Steinen, so groß wie Tennisbälle, und Pfützen, die wieder und wieder das halbe Motorrad verschlingen." Die Griffheizung? "Hier oben ein Lacher. Meine Finger klammern sich steif um den Lenker, so hoch in den Bergen ist es nachts eisig kalt. Es gibt hier keine Jahreszeiten, nur den ewigen Winter."

Die Tanks der Maschinen sind fast leer, die Wasserflaschen und die Mägen ihrer Fahrer auch. Abraham gibt den Männern Planen und Decken für ein Zeltlager und macht ihnen mit seinen spärlichen Mitteln und einer Tasse Coca-Tee wieder Mut.

Viertakt-Boxermotor mit zwei Ventilen und Baumwollslipper

Doch Coreas Buch ist nicht nur ein Erlebnisbericht mit opulenten Fotos. Er erzählt darin auch, wie er sich auf die Reise vorbereitete, was er an Ausrüstung mitnahm und welche Maschinen er und sein Freund für den langen Trip flott machten. Er gibt detailreich Auskunft zur Campingausstattung (Titanteller, Wasserfilter, Beil), zur Technik (Helme mit GoPro, Vario-Tessar-Teleobjektiv von Sony, GPS-Tracker) und zu den Bikes: Corea fährt eine 1985er BMW R 80 G/S Paris Dakar, eine luftgekühlte Zweiventilboxer mit Kardanwelle, rotem Sattel und 205 Kilogramm Leergewicht.

Nur die Packliste lässt darauf schließen, dass ein Typ mit Wohnsitz in Brooklyn hier ein Abenteuer plant ("Die dunklen leichten Baumwollschuhe sind super für einen entspannten Look. Wiegen fast nichts und trocknen schnell, wenn sie mal feucht werden.")

Doch diese dürfte Corea nicht oft gebraucht haben. "Ein Motorrad setzt dich komplett der Natur und dem Wetter aus", sagt er - und das mache das Erlebnis umso intensiver. "Du fährst durch einen Wald und atmest den Dunst der Bäume. Du fährst durch die Wüste und spürst den Sand in deinem Helm."

Machu Picchu und der Sinn des Lebens

Wenn die Freunde an manchen Tagen lange Strecken zurücklegten, manchmal elf Stunden am Stück, manchmal mehrere Tage hintereinander, ermüdete sie das sehr. Dann machten sie auch mal "eine Pause vom Abenteuer", wie Corea sagt. In Utopia, Guatemala, badeten sie spontan in einem Fluss ("der verschwitzten Motorradkleidung entledigt - einfach glücklich"), in Costa Rica hielten sie an der Playa Hermosa "Bälle hoch" (der Strand war bei Ebbe ein "perfektes Fußballfeld"), und in Peru berührten sie die Steine von Machu Picchu ("Es verschlägt einem den Atem").

Es sei, so Corea, bei dieser Reise nicht um Ushuaia gegangen, die Hauptstadt Feuerlands und das Ziel der Reise. Sondern darum, 13 Länder zu durchqueren. Zeit zu haben. "Sich lebendig zu fühlen."

Der Tod seiner Schwester war für ihn eine Aufforderung gewesen. "Wir haben in unserem Alltag keine Zeit, uns bestimmten Fragen zu widmen. Wieso bin ich am Leben? Warum lebe ich das Leben, das ich lebe?" Irgendwas blockiere immer das Gehirn - und sei es das Leben selbst: morgens aufstehen, schnell einen Kaffee trinken, die Arbeit, das Mittagessen, zurück zur Arbeit, abends einen Drink mit Freunden nehmen, schlafen - und dann alles von vorne.

Aber was kann daran eine Reise verändern? Sie bietet Raum, Automatismen anzuzweifeln, neue Dynamik entstehen zu lassen. "Ich wollte wieder Entscheidungen treffen", sagt Corea. Und auf dem Weg nach Feuerland gab es wahrlich viele So-oder-so-Momente, über die er entscheiden musste. Welchem Teil der Weggabelung folgen? Das Leck am Neutralschalter jetzt oder beim nächsten Stopp beheben? Hält diese morsche Brücke die Motorräder aus oder ist ein Umweg nötig?

Und dann immer wieder: Warum lebe ich das Leben, das ich lebe? "Ich suche immer noch nach Antworten", sagt Corea. "Aber die Reise war ein Anfang."

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Strecke sei 17.500 Kilometer lang gewesen. Sie war allerdings 30.000 Kilometer lang. Wir haben die Angabe korrigiert.

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